Ev. Kirchentag 2005 in Hannover - Veranstaltungsberichte und Hintergrundtexte
Bibelarbeit
Mk 10, 13-16
Freitag,
27.05.05
*
Es gilt das gesprochene Wort! *
Bei
kaum einem Gut sind sich die Menschen heute so einig, wie bei dem der
Kinder: vom Politiker bis hin zum Strafhäftling, vom Großvater bis zum
Yuppie sind sich alle einig: Kinder muss man schützen, Kinder dürfen
nicht geschädigt, verletzt, gedemütigt werden.
Und
gleichzeitig hat man wohl selten so viel über den Missbrauch von Kindern
gelesen – ob dies an dem gestiegenen Medieninteresse an dieser Thematik
liegt oder an einer steigenden Zahl von Fällen, sei einmal dahingestellt
- : von pädophilen Lehrern oder Pfarrern lesen wir, von Michael Jackson
und dem Bischof von Boston, von unglaublich vielen und brutalen Fällen
von Kinderpornographie, von Hundert-Tausenden von Kindersoldaten, von den
Millionen von Kindern, die an AIDS erkrankt sind und daran sterben und den
Abermillionen, die gar nicht das Licht der Welt erblicken, weil sie vorher
getötet wurden.
In
diese unsere heutige Situation hören wir den Evangeliumstext aus dem
Markusevangelium Kapitel 10, der als Bibelarbeitstext für heute
vorgesehen ist. Sie finden ihn in Ihrem Kirchentagsprogramm auf Seite 28
und 29. Es ist das sogenannte Kinderevangelium:
13
Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber
fuhren sie an. 14 Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu
ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen
gehört das Reich Gottes. 15 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes
nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. 16 Und er
herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.
Viele
von Ihnen, liebe Freunde, kennen den Text aus dem Markusevangelium gut. In
den lutherischen Kirchen etwa wird er bei jeder Taufe gesprochen als
Hinweis darauf, dass die Taufe von kleinen Kindern zu der Haltung passt,
die Jesus Kindern gegenüber hatte.
Ja,
manche verstehen ihn so, als ob es mit diesem Text zu rechtfertigen sei,
dass wir Kinder taufen, ja, dass Jesus schon für die Kindertaufe gewesen
sei.
Das
lässt sich aus diesem Text ganz sicher nicht herauslesen und die
Kindertaufe lässt sich nicht mit diesem Text begründen. Genauso wenig
kann ich allerdings die Kritik verstehen, die Exegeten heute daran üben,
diesen Text in der Taufliturgie zu verwenden.
Ulrich
Luz etwa schreibt: „Dass … Pfarrer… wider besseres exegetisches
Wissen unseren Text bei Säuglingstaufen kommentarlos verwenden und so zur
biblischen Zementierung einer vermutlichen unbiblischen Kindertaufe
fortlaufend beitragen und dass Kirchenleitungen dies sogar sehr oft von
ihnen verlangen, ist Missbrauch der Bibel.“[1]
Luz
führt dann überzeugend aus, dass im Neuen Testament sich wohl kein Beleg
für eine Kindertaufe findet und vermutet, dass in der Gemeinde des
Evangelisten vielleicht eine Kindersegnung üblich war.
Mir
scheint, dass der von mir sehr geschätzte Neutestamentler Luz aber von
heutiger Liturgie nicht so viel Ahnung hat. Sonst hätte er gemerkt,
welche Funktion das Kinderevangelium in der Taufagende hat. Ich führe bei
der Taufe eines Kindes – gemäß der lutherischen Agende - dieses
Evangelium so ein: „Wir hören,
wie Jesus die Kinder zu sich ruft und sie segnet. So lesen wir im
Markusevangelium im 10. Kapitel:“ Um dann nach der Lesung so
fortzufahren: „Weil Jesus Christus auch dieses Kind annimmt, segnen wir
es mit dem Zeichen des Kreuzes: Nimm hin das Zeichen des Kreuzes. Jesus
Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene nimmt dich an und hat dich
lieb.“
Das
Kinderevangelium ist also im Eingangsteil des Taufgottesdienstes ein Ritus
des Willkommens gegenüber dem kleinen Kind und ein Segnungsakt, der nicht
die Kindertaufe rechtfertigen soll. Ich habe auch in keinem meiner
liturgischen Handbücher gefunden, dass dort die Kindertaufe mit dem
Hinweis auf Mk 10 begründet würde.
Auch
wenn sich also im Neuen Testament keine Beweise für die Praxis der
Kindertaufe finden, ist es darum nicht – wie Luz meint - unbiblisch (was
ja doch wohl meint: gegen die Bibel), wenn wir heute aus guten Gründen
Kinder taufen. Die Verwendung des Kinderevangeliums bei einer
Kindersegnung in einem Taufgottesdienst als Missbrauch der Bibel zu
nennen, ist für mich darum unverständlich. Ich denke im Gegenteil: das
Kinderevangelium passt sogar sehr gut in einen Kinder-Taufgottesdienst.
Dazu möchte ich am Ende nochmals Stellung nehmen.
In
einem ersten Haupt-Teil dieser Bibelarbeit will ich mich mit der Rolle von
Kindern zur Zeit Jesu beschäftigen, bevor wir im zweiten Teil uns dem
Text selbst zuwenden, im dritten Teil uns mit einigen Auslegungsvarianten
beschäftigen, um dann im vierten Teil wieder auf die heutige Zeit zurückkommen.
I.
Kinder damals
„Kinder
gelten auf den untersten Stufen der wirtschaftlichen Entwicklung - bei
wandernden Jäger- und Sammlerstämmen - eher als eine Last denn als ein
Segen. Infolge der harten Daseinsbedingungen erfahren sie wenig Pflege. Da
die Mutter bis ins dritte, vierte Lebensjahr hinein zu stillen pflegt, ist
eine zu rasche Folge der Geburten unerwünscht. Zweit- und Drittgeborene
werden daher nicht selten mit Rücksicht auf das ältere Kind getötet,
oder aber ihre Ernährung und Pflege bleiben so schlecht, dass sie alsbald
zugrunde gehen. Die Säuglingssterblichkeit ist bei diesen Wildbeutern 60%
und höher, und nur
kräftige
K. überleben überhaupt. Wirklich willkommen ist erst das
heranwachsende Kind, das sich selbst schon helfen kann und beim
Sammeln und anderen kleineren Arbeiten, später bei der Jagd mittut. K.
bei zivilisatorisch schwach bewaffneten Stämmen muten den europäischen
Beobachter oft »altklug« und »unkindlich« an, es fehlt ihnen die
kindliche Unbeschwertheit, die wir für natürlich halten, die aber ein
Ergebnis bes. günstiger und gesicherter Lebensumstände ist. - Erst bei
sesshaften Stämmen mit gesicherterer Nahrungsversorgung und geringerer
Lebensgefährdung durch Krankheiten, Naturkatastrophen und äußere Feinde
kommt die Freude am Nachwuchs zur Entfaltung“[2]
Ganz
anders war die Stellung von Kindern beim Volk Israel, wie wir dies dem AT
entnehmen können: 1. Mose
1,28 (Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret
euch…) zeigt uns, dass Kinder als ein Segen Gottes angesehen werden, an
vielen weiteren Stellen der Tora wird deutlich, dass Kinder und
Kinderreichtum als ein besonderer Segen Gottes gelten z.B. 1. Mose 12,2
Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir
einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.[3]
Das
wird aus der damaligen Situation heraus schnell verständlich: konnten in
einer Zeit, die keine Rente, Pension oder Altersvorsorge kannte, doch nur
die eigenen Kinder das Überleben der Eltern im hohen Alter sichern.
Deshalb kann Psalm 127 formulieren: „Siehe, Kinder sind eine Gabe
des HERRN, und Leibesfrucht ist ein Geschenk.“ (127,3)[4]
Israel
hat sich in dieser Hinsicht stark unterschieden von den es umgebenden Völkern
der antiken Mittelmeerwelt. Dies führte dazu, dass das Bevölkerungswachstum
in Israel wesentlich größer war als in den Nachbarstaaten, es führte
aber natürlich auch zu einer größeren Zahl von Menschen, die versorgt
werden mussten.
In
den Nachbarländern war es Praxis, Mädchen auszusetzen und zu töten,
besonders wenn sie schwach, behindert oder krank waren, denn diese waren
eine große finanzielle Belastung. Ein Beispiel ist der ägyptische
Lohnarbeiter Hilarion, der „in einem Brief an seine schwangere Frau Alis
im Fall der Geburt eines Mädchens ihr dessen Aussetzung nahe (legt):
‚wenn es männlich war, lass es (leben), wenn es weiblich war, setze es
aus’.“[5]
In
der Kritik durch jüdische und christliche Schriftsteller wird die Praxis
der Kindesaussetzung in der Umwelt Israels besonders krass deutlich. Das
Schicksal ausgesetzter Kinder ist Anlass für furchtbare
Wiederbegegnungsgeschichten, so etwa wenn Clemens von Alexandrien
schildert, wie ein päderastischer Vater seinen Sohn, den er ausgesetzt
hatte, im Bordell wiedertrifft.[6]
„Ausgesetzte
Kinder – sofern sie nicht umkamen – wurden häufig zu Objekten
brutaler Ausbeutung – etwa als Sklaven oder zur gewerbsmäßigen
Prostitution aufgezogen.“[7]
Die
ethische Diskussion dieser Praxis geschah allerdings nicht erst unter
Christen. Auch damalige Schriftsteller suchen diese – offensichtlich
auch in ihren Augen schwer zu akzeptierende - Praxis zu rechtfertigen,
Seneca etwa verteidigt das Töten von Kindern aus Gründen der Euthanasie,
Aristoteles aus Gründen des zu schnellen Bevölkerungszuwachses.[8]
Eine
solche Praxis ist im jüdischen Bereich nicht denkbar. Weder Tötung noch
Aussetzung von Kindern sind erlaubt. Auch der römische Historiker Tacitus
bestätigt dies: „Doch ist den Juden sehr an Bevölkerungszuwachs
gelegen; selbst von den nachgeborenen Kindern eines zu töten, ist in
ihren Augen Sünde.“[9
Zwar
war die jüdische Gesellschaft durchwegs eine patriarchale Gesellschaft,
was wir an vielen Stellen des AT spüren. Auch durften Juden ihre Kinder
verpfänden. Denn die soziale
Not war oft riesengroß. Viele Eltern konnten die Ernährung ihrer Kinder
nicht sicherstellen. Selbst das Neue Testament bietet einen Beleg dazu,
wenn wir in Mt 18,25 lesen:
Da er's nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und
seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen.
Es
zeigt: Kinder hatten sozial gesehen eine außerordentlich schwache Rolle
im gesamten römischen Weltreich. Es gab auf den Sklavenmärkten
regelrechte Abteilungen für den Verkauf von Kindern. Sie mussten –
jenseits aller elterlichen Gefühle – ggfs auch für die schlechte
finanzielle Lage ihrer Eltern einstehen.[10]
Dennoch
muss man sagen: die Tora hat „dem Zugriff von Eltern auf das Leben ihrer
Kinder … enge Grenzen gesetzt“[11]:
Der
Vater hat – anders als etwa in Rom - z.B. nicht die Macht, den
widerspenstigen Sohn zu töten. Vgl. 5. Mose 21,18ff
Der
Vater hat auch – anders als in der Umwelt - nicht das Recht, seinen Sohn
zu opfern. Vgl. 3. Mose
18,21.
Fazit:
„Das Leben der Kinder steht nicht zur Disposition der Eltern!“[12]
Diese Aussage des Alten wie des Neuen Testaments ist völlig klar.
II.
Jesus und die Kinder
Wenn
wir uns unseren Text einmal unvoreingenommen ansehen, müsste uns
eigentlich etwas auffallen: nämlich die unglaublich unwirsche Reaktion
der Jünger, über die hier berichtet wird. „Es ist das einzige Mal im
gesamten Evangelium, dass (die) … Jünger hilfesuchende Menschen
abweisen wollen und dies geschieht ausgerechnet bei den Kleinsten.“[13]
In
der Übersetzung: „Die Jünger fuhren sie an“ wird das gar nicht so
deutlich, wie im Griechischen. Das Verb EPITIMAO, das hier verwendet wird,
meint nicht nur einfach Tadel und Ablehnung, sondern „steht auch für
die Ausübung anherrschender Gewalt, mit der Jesus (sonst) feindliche Mächte
in die Schranken weist“[14]:
Bei der Sturmstillung etwa „bedroht“ Jesus den Sturm oder in Kapernaum
den unreinen Geist – dasselbe Wort im Griechischen!
Die
Jünger wollen also mit verbaler Gewalt erreichen, dass die Kinder
vertrieben werden. Jesus wird emotional unwillig, voller Zorn und Empörung.
Auch dies kommt im Deutschen gar nicht so heraus: AGANEKTEIN, was bei
Luther mit „unwillig werden“ übersetzt ist, das ist das Wort, mit dem
z.B. die Reaktion der Hohenpriester und Schriftgelehrten auf die
Tempelreinigung Jesu beschrieben wird: „sie wurden zornig“. Jesus
wurde zornig ob der Behandlung der Kinder durch seine Jünger.
Gibt
es eine Erklärung für dieses einmalige Verhalten der Jünger?
Der
Kontext bei Markus hilft uns weiter. Kurz vor unserem Text wird über den
sogenannten Rangstreit der Jünger berichtet. Es heißt dort in Mk
9,33-37:
Und
sie kamen nach Kapernaum. Und als er daheim war, fragte er sie: Was habt
ihr auf dem Weg verhandelt? 34 Sie aber schwiegen; denn sie hatten auf dem
Weg miteinander verhandelt, wer der Größte sei. 35 Und er setzte sich
und rief die Zwölf und sprach zu ihnen: Wenn jemand will der Erste sein,
der soll der Letzte sein von allen und aller Diener. 36 Und er nahm ein
Kind, stellte es mitten unter sie und herzte es und sprach zu ihnen: 37
Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer
mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt
hat.
Den
Jüngern musste also bekannt sein, wie hoch Jesus Kinder einschätzt,
welchen Stellenwert er dem Verhalten der Menschen Kindern gegenüber einräumt.
Da sollen die Jünger kurz danach Kinder vertreiben wollen?
„Über
die intensive Nähe Jesu zu Kindern und darüber hinaus ihre Gottesnähe müssten
… die … Anhänger Jesu längst Bescheid wissen. Sie erscheinen vor
diesem Hintergrund äußerst begriffsstutzig und stur in ihrer
Anstrengung, Kinder zu vertreiben. Es ist als hätten sie eine wichtige
Lektion nicht gelernt.“[15]
Wir
finden solches Jüngerunverständnis bei Markus immer wieder. Es gehört
zum Kompositionsprinzip des Markus, der bei seinen Lesern Lerneffekte
hervorrufen möchte. Aus diesem Grund wiederholt er verschiedene Erzählungen,
wie etwa die Sturmstillung in Mk 4,35ff und Mk 6,45ff oder das
Speisungswunder in Mk 6,30ff und 8,1ff. Bei all diesen Beispielen ist
festzustellen, dass jeweils beim zweiten Mal die Jünger ausgesprochen
unverständig sind. Markus kommentiert dies nach der zweiten Sturmstillung
sogar so: „Und sie waren über alle Maßen bestürzt und außer sich,
denn sie hatten aus dem Brotwunder nichts gelernt, sondern ihr Herz war
verstockt.“ (Mk 6,52).
Dieses
Jüngerunverständnis „hat nicht seinen Sinn in sich selbst, sondern schärft
jeweils ein bestimmtes Thema ein, das auf aktuelle Probleme der
markinischen Christen eingeht. Darin dient es in besonderer Weise – wie
auch die anderen Jüngerinstruktionen – zur Belehrung der markinischen
Gemeinde.“[16]
Das
„hindert sie nicht“ hat also direkt etwas mit diesem Jüngerunverständnis
zu tun – und ist kein Hinweis auf die Taufe.
Exkurs:
Kindertaufe in Mk 10
Dieses
Wort „hindern“ (KOOLYEIN) war
es nämlich, das in der Kirchengeschichte und bei einigen Reformatoren den
Irrtum nahe legte, unser Abschnitt habe etwas mit dem Thema Kindertaufe zu
tun. Die Verwendung dieses Wortes in Apg 8,36 (Und als sie auf der Straße
dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da
ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse?)(vgl. auch Apg
10,47; 11,17) führte dazu, dass in der mittelalterlichen Kirche die
Taufbewerber daraufhin überprüft wurden, ob etwaige Taufhindernisse bei
ihnen vorlägen. Unser Text wurde dann dazu benutzt, deutlich zu machen,
dass das Kindsein kein solches Hindernis bedeute.
Es
ist aber heute nahezu unbestrittene exegetische Auffassung, dass das Neue
Testament die Kindertaufe nicht kennt. Allenfalls in den Äußerungen der
Apg und der Briefe, dass das „ganze Haus“ sich taufen ließ (zB Apg
16,31-33; 1. Kor 1,16) , führen zu Spekulationen, ob hier Kinder auch mit
getauft wurden oder nicht. Die eigentliche
Problematik der Kindertaufe wurde aber erst ab dem
3. Jahrhundert wirklich diskutiert.
Kinder
berühren und segnen
Warum
wollen die Kinder zu Jesus, was wollen sie bei ihm?
„Und
sie brachten Kinder zu ihm, dass er sie berühren sollte“ heißt es im
Text. Das Wort für Berühren
(HAPTO) steht bei Markus immer dann, wenn ein Mensch zu Jesus kommt, um
geheilt zu werden und ihn dabei anfasst, so
z.B.
Mk 5,27ff die blutflüssige Frau, die ohne Erfolg bei vielen Ärzten
gewesen war. 27 Als die von Jesus hörte, kam sie in der Menge von hinten
heran und berührte sein Gewand. 28 Denn sie sagte sich: Wenn ich nur
seine Kleider berühren könnte, so würde ich gesund. 29 Und sogleich
versiegte die Quelle ihres Blutes, und sie spürte es am Leibe, dass sie
von ihrer Plage geheilt war.
Umgekehrt
wird auch erzählt, dass Jesus einen Kranken berührt, worauf dieser
gesund wird, wie z.B. der Aussätzige in Mk 1,41 Und es jammerte ihn und
er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's
tun; sei rein! (vgl. auch
7,33 und 8.22)
Durch
die bloße Berührung also wird die Kraft Gottes übertragen, „die
heilvolle und unmittelbare Energie, die durch Jesus wirksam ist und die
mit ihn in Berührung Kommende aufleben lässt“[17].
So haben wohl auch die, die die Kinder zu Jesus brachten (wer diese sind,
wird nicht gesagt, wahrscheinlich ihre Eltern) den Wunsch, dass solch eine
Übertragung göttlicher Kraft gewünscht wird, die die Kinder in ihrem
Leben schützen soll.
Diese
Kinder werden also von den Jüngern zurückgehalten. Dadurch, dass
geschildert wird, wie die Jünger die Kinder zurückhalten, wird also in
besonderer Weise deutlich gemacht, wie wichtig für Jesus die Kinder sind.
„Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört
das Reich Gottes.“
Niemand
im ganzen Markusevangelium wird in dieser besonderen Weise ausgezeichnet,
nur die Kinder: ihnen gehört das Gottes Reich, ohne dass sie etwas dazu
tun müssen, etwas leisten, etwas tun müssen.
Es ist Gnade pur, dass ihnen das Gottesreich zugesagt wird.
Was
aber bedeutet das: Zusage des Reiches Gottes?
Exkurs:
BASILEIA TOU THEOU
Ich
habe bisher im Deutschen verschiedene Worte für dasselbe griechische
Wortpaar verwendet: Himmelreich, Reich Gottes, Herrschaft Gottes. Im
Griechischen steht hier „BASILEIA THOU THEOU“. Alle drei Übersetzungen
sind richtig und geben verschiedene Bedeutungsaspekte dieses Wortes
wieder.
Durch
die verschiedenen deutschen Übersetzungen soll insbesondere eine doppelte
Bedeutung von BASILEIA THOU THEOU deutlich werden: dass damit bei Jesus nämlich
sowohl etwas bezeichnet wird, was gegenwärtig schon wirksam und sichtbar
werden kann und etwas, was sich erst in der Zukunft der Ewigkeit
vollkommen verwirklichen wird.
Wir
nennen dies gerne die präsentische und die futurische Bedeutung. Im Wort
„Gottesherrschaft“ soll die gegenwärtige Wirkungsweise Gottes benannt
sein, die sich schon in Jesu Kommen auf die Erde, in seinem Reden,
Handeln, seinen Wundern und Dämonenaustreibungen
(Lk 11,20 Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister
austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.) sowie in seinem
Tod und seiner Auferstehung zeigen. Er ruft uns, die wir ihm nachfolgen
wollen auf, uns für eine direkte Wirkung der Herrschaft Gottes in unserer
Zeit einzusetzen. Zugleich wissen wir: die Fülle der Herrschaft Gottes,
das Gottesreich oder auch das Himmelreich werden wir erst erlangen, wenn
wir nach unserem Tod in der Liebe Gottes bei ihm und mit ihm leben werden.
Für
die Ausbreitung der Gottesherrschaft auf Erden können und dürfen wir
etwas tun. Für die Erlangung
des Reiches Gottes können wir nichts tun. Es ist Geschenk und reine
Gnade, dass wir es erhalten.
Insoweit
hat die futurische Bedeutung der Rede von der BASILEIA THOU THEOU, wie wir
sie von Jesus kennen, einiges zu tun mit dem Begriff der „Gerechtigkeit
Gottes“, unter der Paulus seine Theologie formuliert[18]:
sie ist ganz von dem zukünftigen, eschatologischen Gericht Gottes über
uns Menschen her gedacht, stimmt aber mit Jesus überein in dem
Grundgedanken, dass auch diese Gerechtigkeit vor Gott nur aus Gnade uns
geschenkt wird, der Grundgedanke der Rechtfertigungslehre. Aber unser
Leben ist dann natürlich von diesem Wissen um dieses Geschenk geprägt.
Darauf komme ich nochmal zurück.
Den
Kindern, die es sich nicht verdienen konnten, also gehört das Reich
Gottes, sagt Jesus.
An
vielen anderen Stellen bei Markus ist das ganz anders: da sollen Menschen
ihr Leben fundamental ändern und umkehren von einem falschen Lebensweg (Mk
1,15: 14 Nachdem aber Johannes gefangen gesetzt war, kam Jesus nach Galiläa
und predigte das Evangelium Gottes 15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt
und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das
Evangelium!); andere sollen alles verkaufen, was sie besitzen, so dass es
leichter (ist) dass ein Kamel
durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. (Mk
10,25ff).
Aber
Kinder müssen nichts leisten um das Reich Gottes zu erhalten.
Das
wäre soweit ja alles ganz klar und verständlich, wenn da nicht noch
dieser Vers 15 in unserem Text stünde. Hören Sie selbst den Text ohne
Vers 15, er klingt vollkommen: 13 Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er
sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an. 14 Als es aber Jesus sah,
wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und
wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes. … 16 Und er
herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.
Aber
er steht noch im Text, Vers 15: 15 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich
Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.
Ich
habe diesen Vers immer so verstanden: wir sollen kindlich, voller
Erwartung auf das Reich Gottes warten und werden es erhalten, ohne etwas
dafür zu tun, als Geschenk, wie ein Kind ein Geschenk annimmt. Und das
ist ja eine wunderbare Vorstellung, die mir gerade auch deshalb so gut gefällt,
weil ich in der Rechtfertigung allein aus Gnade den Mittelpunkt meines
Glaubens sehe.
Nun
habe ich aber gelernt, dass dieser Satz auch ganz anders verstanden werden
kann. Das „wie ein Kind“ kann im Griechischen – wie im Deutschen
auch – so als Nominativ verstanden werden („die Gottesherrschaft
empfangen wie ein Kind die Gottesherrschaft empfängt“) aber auch als
Akkusativ („wer die Gottesherrschaft so aufnimmt, wie man ein Kind
aufnimmt“). Daraus ergeben sich ganz unterschiedliche Aussagen.
Mit
dieser Frage möchte ich mich im 3. Kapitel beschäftigen:
Drei
Auslegungsvarianten
In
der Auslegungsgeschichte gibt es diese unterschiedlichen
Auslegungsversuche, die sich genau genommen sogar in drei Varianten
aufgliedern lassen:
Soll
der Jünger wie ein Kind, also sozusagen zum Kind werden, um das
Himmelreich zu erlangen? (So
sieht es Matthäus in seiner Parallele, wo er die Markusvorlage
entsprechend umformuliert hat. Dort heißt es jetzt: Wenn ihr nicht
umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich
kommen.
Oder
meint unser Vers, dass die Jünger das Reich Gottes so annehmen sollen,
wie ein Kind das Reich Gottes annimmt?
Sie
merken: diese beiden Auslegungen Nr. 1 und Nr. 2 unterscheiden sich nicht
stark, aber doch ein klein wenig, insoweit bei Nr. 1 die
gesamte Lebensführung mit im Blick ist.
Davon
unterscheidet sich die 3. Auslegung fundamental: hier geht es nicht darum,
wie ein Kind das Gottesreich anzunehmen, sondern die Aufnahme, die
Betreuung eines Kindes wird zur Aufnahmevoraussetzung in das Reich Gottes.
Lassen
Sie mich zu allen drei Versuchen einiges sagen:
Zum
Kind werden, umkehren, um das Himmelreich zu erlangen
Es
ist nicht unwahrscheinlich, dass dies eine Interpretation des Satzes ist,
die erst in der frühen urchristlichen Gemeinde Geltung erlangte. Die
Forderung nach der Umkehr ist hier also nicht weit entfernt.
Bei
Matthäus wird dieser Satz im Kontext des Rangstreites der Jünger
formuliert. Er will den niedrigen sozialen Rang der Kinder den Jüngern
zum Vorbild hinstellen, die sich nicht übereinander erheben sollen. Es
hat also eine antihierarchische Komponente.
Das
Gottesreich empfangen, wie Kinder sie empfangen: Der Kern der Rechtfertigungslehre in einem Wort Jesu
Diese
Auslegung war die bislang übliche Auslegung: die Gottes Herrschaft so
annehmen, wie ein Kind sie annehmen würde, d.h. „sie als reines
Geschenk annehmen, sich ganz auf sie einstellen und, ihr gehorsam, sich
auf sie einlassen“[19]
– so der katholische Kommentator Pesch. „Das Reich Gottes ist Gnade,
ist ein Geschenk, das Gott den Menschen machen will.“[20]
Nach
dem Urteil der jüdischen rabbinischen Gelehrten hat ein
gesetzesunkundiges Kind keine Verdienste um das Gesetz, um die Tora, also
keine Verdienste vor Gott[21].
Das Wort wendet sich also gegen eine in der damaligen Gesellschaft
genauso wie heute bei uns vorhandene Mentalität, nach der man sich alles,
auch die Gnade und Liebe Gottes erkaufen, verdienen müsse.
Für
lutherische Ohren klingt dies wunderbar: es zeigt die
Rechtfertigungs-lehre war schon in der Verkündigung Jesu implizit
vorhanden: wir können uns Gottes Liebe nicht verdienen, wir erhalten sie
nur als Geschenk, allein aus Gnade.
Ich
habe in den letzten Jahren deutlich gemerkt, wie wichtig die
Rechtfertigungslehre auch und gerade heute ist – und dies nicht erst
seit der Unterzeichnung der „Gemeinsamen Erklärung zur
Rechtfertigungslehre“ in Augsburg im Jahre 1999.
Je
älter ich werde, umso mehr verstehe ich, dass Luther diesem Artikel so
viel Bedeutung beimaß. In meinem Amt als Bischof wird mir bei ganz vielen
Entscheidungen klar, dass ich sie nur fällen kann, weil ich in der
Gewissheit stehe, dass ich als Gerechtfertigter leben darf. Weil ich weiß,
dass mein Ansehen vor Gott nicht davon abhängt, wie ich jetzt entscheide.
Weil ich Gott recht bin ich allein aus Gnade. Weil ich dessen gewiss bin,
habe ich die Freiheit, meine Entscheidungen nach bestem Wissen und
Gewissen zu treffen. Aber ich weiß, dass die Kirche nicht mit dieser oder
jener Einzelentscheidung steht und fällt, wohl aber mit diesem
Fundamentalartikel unseres Glaubens, der, wie Martin Luther sagte, mit dem
unser Glaube tatsächlich steht und fällt.
Der
Grund der Reformation war ja die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und
Gott, die Frage „Wie bin ich Gott recht?“ beziehungsweise, wie Luther
damals formulierte: „Wie krieg ich einen gnädigen Gott?“ Wir könnten
– mit Jesus - auch sagen: wie kann ich das Gottesreich erlangen?
Man
sagt, die Rechtfertigungslehre würde in der heutigen Zeit niemand mehr
verstehen. Ist das wahr? Vielleicht fragt der moderne Mensch nicht in
erster Linie „Bin ich Gott recht?“, sondern: „Bin ich recht? Wie bin
ich recht, wie werde ich angenommen, akzeptiert – von den Menschen“,
aber vielleicht fragen sich immer mehr auch: „wie werde ich von Gott
akzeptiert?“ Das wollen wir ja durchaus wissen. Wir wollen bestehen –
vor uns selbst, vor unseren Mitmenschen und letztlich auch vor Gott.
Nun
lehrt menschliche Selbsterfahrung: Leistung garantiert mir weder
Anerkennung noch Erfolg. Glück, Geliebt werden und Angenommen sein kann
ich mir durch Leistung nicht verschaffen. Glücklich bin ich, wenn ein
anderer zu mir sagt: Du bist mir recht. Erfolg habe ich, wenn ich bei
einem anderen Menschen anerkannt bin. Beides aber ist für mich durch
eigene Leistung unverfügbar.
Mir
sagt das Evangelium: Gott liebt dich. Für dich ist Christus ans Kreuz
gegangen. Alles, was wir sind, sind wir um Christi willen. Alles ist
Geschenk. Und wenn ich noch so viel Gutes tue, es bleibt zurück hinter
dem, was ich unterlasse und aus Egoismus an Bösem anrichte. Ich lebe aus
Gnade allein.
Diese
Interpretation von Vers 15 tut mir gut. Sie passt in die Verkündigung
Jesu. Und gerade auch wegen dieser Auslegungsmöglichkeit ist die
Kindertaufe gerechtfertigt – nicht weil sie in Mk 10 gemeint gewesen wäre,
aber weil Gottes Liebe ein unverdientes Geschenk ist: in der Taufe von
Kindern wird dies deutlich.
Aufnehmen
wie man Kinder aufnimmt
Das
meint: Die Gottesherrschaft so anzunehmen, „wie man ein Kind annimmt“,
das Kind ist also ein Objekt, das von Erwachsenen anzunehmen, fürsorglich
zu behandeln ist.
Es
spricht nicht wenig dafür, dass der Vers vom Redaktor des
Markusevangeliums so verstanden wurde. Denn mit dem Wort „(das
Gottesreich) empfangen“ (griechisch DECHOMAI) wird in Mk 9,33-37, in der
Erzählung vom Rangstreit der Jünger, die Larissa vorhin vorlas, die
Aufnahme eines Kindes bezeichnet. Jesus machte dort ganz deutlich: er
will, dass Kinder aufgenommen werden. Und das ist dort ganz wörtlich
gemeint. Markus kann also hier meinen: „Wer die Gottesherrschaft nicht
so annimmt, wie man ein Kind annehmen soll…“
Was
aber meint dann „annehmen“?
Die
die angesprochen sind, sollen wissen: das bedeutet nicht nur die Arme öffnen,
damit ein Kind sich einmal wohlfühlt, sondern die tägliche Pflege und Fürsorge
für das Wohl des Kindes. Und in gleichem Maße dann auch für die
Herrschaft Gottes, damit sie unter uns aufwachsen kann wie ein Kind. Die
Gottesherrschaft ist hier gemeint, für deren Ausbreitung wir Sorge zu
tragen haben. In Bezug auf das Gottesreich würde das bedeuten: ihr müsst
etwas tun für das Gottesreich.
Die
drei Interpretationen sind keine sich ausschließenden Alternativen
Ich
denke: beide oder genauer gesagt alle drei Bedeutungen zusammen-genommen
machen Sinn: Wir dürfen das Gottesreich wie ein Geschenk annehmen, darauf
hoffen, darum beten und wissen, dass es nicht von unserem Tun und Lassen
abhängt. Wir dürfen in diesem Punkt wieder werden wie die Kinder, die
sich viel leichter tun als wir, ein Geschenk anzunehmen, ohne an Vor- oder
Gegenleistung zu denken.
Aber
wenn wir das Reich Gottes,
seine Herrschaft, seine Liebe zu uns Menschen ernst nehmen, dann können
wir doch nicht einfach die Hände in den Schoß legen. Dann werden wir
alles dafür tun, was wir tun können, damit es kommt, damit es größer
wird, damit es wächst.
Dann
werden wir uns auch um die Kinder kümmern, an die ich zu Begin erinnerte,
die in unserer heutigen Welt so dringend Hilfe benötigen, ich komme
gleich darauf zurück.
Ich
halte es für wahrscheinlich, dass unser Wort Mk 10,15 bzw. Mt 18,3 drei
verschiedene Interpretationsstadien durchlaufen hat: Im Munde Jesu könnte
es sich um eine Interpretation seiner Rede von der BASILEIA THOU THEOU,
dem Reich Gottes handeln, das man sich nicht verdienen, sondern nur von
Gott schenken lassen kann. In der frühen Gemeinde (Matthäus!) wurde der
Satz schnell uminterpretiert als Bedingung: nur wer sich selbst
erniedrigt, wer demütig wird, wer umkehrt, hat eine Chance im
Himmelreich. Zugleich gab es in der frühen Gemeinde aber auch eine andere
Interpretation, die sich auch von anderen Aussagen Jesu gedeckt fühlen
konnte: zur Aufnahme in das Gottesreich ist es notwendig, sich der sozial
niedrig gestellten Kinder anzunehmen, sie aufzunehmen und sich um sie zu kümmern.
Wenn man Mt 25,31ff, das Gleichnis vom Weltgericht ansieht, ist dies genau
die Aussage Jesu in diesem Gleichnis: am Beispiel der Hungernden,
Frierenden, Gefangenen wird eingeschärft: was ihr getan einem dieser
meinen geringsten Brüder und Schwestern, das habt ihr mir getan. Darum
geht hin und ererbt das Reich (Gottes). So auch in Mk 9,33ff: Jesus sagt:
wenn ihr Kinder aufnehmt, dann würden er und Gott mit ihnen aufgenommen
werden. Und so auch in Mk 10,15. Auch diese Interpretation ist also eine,
die nicht gegen die Intention Jesu ihr Recht hat.
Wir
dürfen deshalb für die heutige Situation alle drei möglichen
Interpretationen heranziehen. Und: von allen drei Interpretationen
herkommend macht es Sinn, unseren Text bei der Taufe von Kindern zu lesen
– ohne ihr damit die Rolle zuzuweisen, die Kindertaufe zu legitimieren.
Zugleich werden wir als erwachsene Teilnehmende an dieser Kindertaufe
wieder an unsere Fürsorgefunktion für die Kinder dieser Welt erinnert.
Wann wäre eine bessere Gelegenheit für solch eine Erinnerung als der
Gottesdienst, in dem ein kleines, schutzloses Kind im Mittelpunkt der Verkündigung
der Liebe Gottes steht?
IV.
Folgerungen für heute
Ich
kann mich da kurz fassen, weil ja viele Veranstaltungen dieses
Kirchentages eine Auslegung unseres Textes in Bezug auf das ist: was von
uns heute gefordert ist:
1.
Schutz und Fürsorge für Kinder ist die Verpflichtung, die Jesus uns
auflegt
1.1
Kinder werden Kindersoldaten:
Eine
Entwicklung der heutigen Zeit, ganz besonders in Afrika, ist das
Kindersoldatentum. Von 300.000 Kindersoldaten ist die Rede.
Ich freue mich, dass die Aktion „Volltreffer“ sehr aktiv ist und gute
Ideen hat, wie man dagegen etwas tun kann
(Hinweis auf Materialien).
Bei der Visitation des Dekanats Lohr war ich sehr angetan davon, mit
welcher Sorgfalt, Sensibilität
und feinem Gespür in dem dortigen Trainingszentrum der Bundeswehr für
Auslandseinsätze mit diesem Thema umgegangen wird. („Wir können
unseren Soldaten doch nicht beibringen, auf Kinder zu schießen!“
1.2.
AIDS
Kinder
sind von AIDS besonders betroffen.
Während es in West- und Mitteleuropa „nur“ 6200, in Nordafrika und
dem Nahen Osten „nur“ 24.000 sind, sind es, wie wir im Anschluss an
diese Bibelarbeit hier im Afrikazentrum hören werden, im südlichen
Afrika fast 2 Millionen Kinder unter 15 Jahren. Insgesamt bräuchten 5
Millionen HIV-Positiver in Afrika Behandlung, nur 50.000 werden behandelt.
Dabei wäre heute durch richtige medikamentöse Behandlung eine Verlängerung
der Lebenszeit um Jahrzehnte möglich – wenn die Medikamente
bezahlbar wären. Was dagegen zu tun ist, wie wir der Aufforderung
Jesu, die Kinder anzunehmen, sich um sie zu kümmern, nachkommen können,
das wird uns in der Anschluss-Veranstaltung Frau Dr. Fischer sagen, das
will und kann ich nicht vorwegnehmen. Dass es spannend werden wird, kann
ich Ihnen aber verraten.
Der
Lutherische Weltbund hat schon im Jahr 2002 einen sehr genauen Aktionsplan
zur Bekämpfung von AIDS vorgelegt. Es ist gut, wenn wir in unseren
Kirchen alles tun, um diesen zu unterstützen.
1.3.
Kinderpornographie
Ich
brauche es wohl gar nicht eigens zu erwähnen, dass hier für uns ein großes
Betätigungsfeld vorliegt, gegen die entsetzlichen Auswüchse der
Missachtung von Kindern in diesem Bereich vorzugehen. In München gibt es
eine Aktion dagegen, sicherlich auch an vielen anderen Orten.
1.4.
Abtreibung
Schließlich
gehört meines Erachtens auch das große Thema Abtreibungen und
insbesondere auch Spätabtreibungen hierher. Als Christen sind wir
gerufen, hier noch viel deutlicher als bisher Stellung zu nehmen. Nicht
gegen die gute evangelische Praxis, werdenden Eltern in unseren Beratungen
zur Seite zu stehen. Aber gegen das sich immer mehr ausbreitende
Bewusstsein in unserer Gesellschaft und auch unter Christen, Abtreibung
sei bei uns erlaubt, und es gäbe Situationen, in denen wir bei einer
Abtreibung schuldlos bleiben könnten.
Bei jeder Abtreibung wird ein kleines Kind getötet, das aufzunehmen Jesus
uns auferlegt hat.
2.
Es ist gut für uns Christen, wenn wir uns immer wieder von Kindern
befragen zu lassen, von ihnen zu lernen oder auch sich kindliche
Verhaltensweisen anzueignen
2.1.
Im Alltag
Kinder
können uns lehren, alte Wege zu verlassen, neues zu beginnen:
Larissa über die Versöhnungsarbeit zwischen Russen und Deutschen:
was haben russische Kinder von ihren Eltern und Großeltern gehört
– was kann sie als Tochter und Enkelin ihren Eltern und Großeltern
aufgrund der Erfahrungen in Dachau sagen?
Im
Bereich des Glaubens
Durch
meine Töchter, durch ihre Fragen und durch meine Versuche, ihnen zu
antworten, bin ich in Glaubensfragen ebenso weitergekommen, wie besonders
auch durch meine Lehrversuche im Konfirmanden- wie im Religionsunterricht.
3.
Wir dürfen Gottes Liebe annehmen, wie Kinder die Liebe annehmen, ohne
sofort zu fragen: habe ich das verdient oder: was muss ich tun, damit ich
mir das verdiene?
Das
ist Rechtfertigungslehre heute. In einer Zeit, in der überaus stark von
Leistung und von Lohn die Rede ist, wo viele Menschen in dem Bewusstsein
aufgewachsen sind, dass sie sich auch die Liebe anderer Menschen verdienen
und erkaufen müssten, ist dies ein Gegenbild, das wir Christen weiter
geben können: weil Gott uns liebt ohne Vorleistung, wollen auch wir
unsere Liebe anderen Menschen gegenüber nicht von Vorleistungen abhängig
machen.
Deshalb
hat das Kinderevangelium im Taufgottesdienst von Kindern seinen Platz,
nicht um direkt die Kindertaufe zu rechtfertigen, aber um: uns zu
sensibilisieren was die Rolle der Kinder in unserer Gesellschaft betrifft,
um uns als Glaubende demütig werden zu lassen, um einen Aspekt der
Kindertaufe deutlich werden zu lassen
[1] Ulrich Luz, Das Evangelium
nach Matthäus (Mt 18-25) EKK I/3, 117
[2] RGG Bd. 3, S. 1273 ff.
[3] Vgl. Auch Gen
15,5: Und er hieß ihn hinausgehen und sprach: Sieh gen Himmel und zähle
die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich
sollen deine Nachkommen sein! Gen 17,15f: Und Gott sprach
abermals zu Abraham: Du sollst Sarai, deine Frau, nicht mehr Sarai
nennen, sondern Sara soll ihr Name sein. Denn ich will sie segnen, und
auch von ihr will ich dir einen Sohn geben; ich will sie segnen, und Völker
sollen aus ihr werden und Könige über viele Völker.
[4] Vgl. auch: Ps
128,3f: Deine Frau wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock drinnen in
deinem Hause, deine Kinder wie junge Ölbäume um deinen Tisch her. 4
Siehe, so wird gesegnet der Mann, der den HERRN fürchtet.
[5] Marlene Crüsemann, Junge Kirche 66, 2005, 34
[6] Wolfgang Stegemann, Lasset die Kinder zu mir kommen.
Sozialgeschichtliche Aspekte des Kinderevangeliums, in: Willy
Schottroff, Wolfgang Stegemann (Hg.) Traditionen der Befreiung.
Sozialgeschichtliche Bibelauslegungen Bd.1, 1980, 114-144, 122.
[7] aaO
[8] aaO
[9] Tacitus, Hist V,5, nach Stegemann aaO 123
[10] aaO 120
[11] Crüsemann, a.a.O.
[12] Frank Crüsemann, Gott als Anwalt der Kinder? Zur
Frage von Kinderrechten in der Bibel, in: Gottes Kinder, Jahrbuch für
Biblische Theologie 17, 2002, 183-197; 197.
[13] Marlene Crüsemann, aaO 34
[14] aaO 34f
[15] Crüsemann, 35
[16] Wolfgang Stegemann, aaO 132.
[17] Marlene Crüsemann aaO 33
[18] Vgl. Peter Stuhlmacher, Gerechtigkeit Gottes bei
Paulus 246: „Jesus fasst mit m für sein Werk entscheidenden Begriff
der BASILEIA ein mit der paulinischen These von der DIKAIOSYNH THOU
THEOU vergleichbares, wenn nicht gar identisches Phänomen und
Ereignis ins Auge…“
[19] Pesch, Mk 133
[20] Gnilka Mk 81
[21] Billerbeck I 786
