Ev. Kirchentag 2005 in Hannover - Veranstaltungsberichte und Hintergrundtexte
Afrika
Zentrum: Thementag: „Zusammen leben – Christen und Muslime in den Umbrüchen
Afrikas“
Religion
in Afrika spielte als Thema eine recht bescheidene Rolle im Verlaufe des
diesjährigen Kirchentages. Eine Durchsicht des Programmangebots fördert
zu Tage, dass allein das Afrika Zentrum sich in konzentrierter Form mit
Fragen von Religion in Afrika befasste. Das Afrika Zentrum gestaltete
einen Thementag, um die facettenreichen Gesichter von zwei maßgeblichen
Religionen in Afrika, dem Christentum und dem Islam, zu beschreiben. Die
Veranstaltung befragte die gegenwärtigen Gestaltungsräume beider
Religionen im politischen Leben, setzte sich mit unterschiedlichen
Erscheinungsformen des afrikanischen Christentums wie Islams auseinander,
und beabsichtigte, unsere Wahrnehmung dieser religiösen Vielgestalt
differenzierter voran zu treiben. Das Afrika Zentrum stellte den Tag unter
das Motto: „ Zusammen leben – Christen und Muslime in den Umbrüchen
Afrikas“. Der Vormittag gewichtete die Tradition des Christentums stärker,
der Nachmittag fokussierte auf Erscheinungsformen und die Geschichte des
afrikanischen Islams.
Zunächst
einige Gedanken zum Tagesthema selbst, bevor wir einen intensiveren Blick
werfen auf den ersten größeren Themenblock des Tages, der sich den
verschiedenen Formen des afrikanischen Christentums zumindest annäherte.
Die Tagesüberschrift „Zusammen leben“ muss vielen als Provokation
erscheinen, denn zu sehr ist unser Bild von „Afrika“ vom Gegenteil
geprägt: Im Blick auf die politische Kultur etwa stehen uns manch
Schreckensgemälde vor Augen; wir sprechen von
Staatszerfall, von rechtsfreien Räumen, die von „war lords“
beherrscht werden, und von Genoziden, bei denen ethnisch motivierte Gewalt
zum Tragen kommt. Und in vielen dieser Verfallsmomente drängt sich
Religion auf als ein Element, das Konflikte eher schürt denn hemmt. Die
Auflösung nationalstaatlicher Gebilde wird vielfach gar verknüpft mit
der Darstellung von aggressiven Religionsformen in Afrika: man spricht von
einem Wiederaufleben des „Okkultismus“, von „spiritueller
Mobilmachung“ oder beobachtet eine Instrumentalisierung von Religion
etwa im Blick auf einen vermeintlichen „christlichen Süden“ und einen
vermeintlichen „muslimischen Norden“, wie etwa jüngst in der durch
einen Bürgerkrieg geteilten Elfenbeinküste. Der Gebrauch von Religion
dient zur politischen Territorialiserung, verhilft zu neuen
Grenzziehungen, verlangt nach sozial-räumlicher Abgrenzung. In
ungeschminkter Lesart könnte man sagen, dass Religion und Konfliktverschärfung
als untrennbares Paar erscheinen, dass religiöse Motive sogar die
sogenannten „ethnischen Säuberungen“ im wahrsten Sinne des Wortes
befeuern. Auslöschung also erscheint als ordre du jour, keineswegs aber die in unserem Thema angesprochene
Konvivenz, also das Ertragen und Begehen von religiöser Andersheit, um
ein Zusammen leben auf tragfähiger Grundlage zu ermöglichen.
Zudem
zählen unter ökonomischer Perspektive recht viele Länder des
afrikanischen Kontinents zu den Armutsregionen der Welt. Angesichts der
Armutsproblematik wäre es wohl angemessener und vielleicht sogar drängender
von Techniken des Überlebens zu
sprechen als von einem „Zusammen
leben“. Dies sind einige der Bilder, die immer wieder in den Medien
auftauchen. Sie verdichten sich in der Floskel vom „geschundenen
Afrika“, die große Teile der bei uns gängigen Berichterstattung zu
Afrika bestimmen.
Aber
es werden auch andere, ungewohnte Stimmen laut. Und hier kommt wiederum
Religion ins Spiel: seit einigen Jahren lässt sich beobachten, dass
Religion dabei ist, Ideologie als Hauptbeweggrund für menschliches
Handeln abzulösen. Derzeit gewinnt hinsichtlich des uns interessierenden
Verhältnisses von Christentum und Islam in Afrika eine These des in
Philadelphia lehrenden Philip Jenkins publizistisches Terrain. Für
Jenkins spricht einiges dafür, dass das Christentum die Religion des 21.
Jahrhunderts sein wird – weniger der Islam.
In
diesem religiösen Panorama hat Afrika einen besonderen Status. Afrika
wird innerhalb weniger Jahrzehnte das spirituelle Zentrum der
Weltchristenheit sein – und die Formen, die dieses afrikanische
Christentum annimmt, werden nicht mehr vom Norden diktiert.
Ein
kursorischer Blick auf Zahlen bestätigt, dass sich gegenwärtig ein
enormer religionsdemographischer Wandel vollzieht: Derzeit sind 48% der
afrikanischen Bevölkerung, d.h. mehr als 390 Millionen Menschen,
Christen. Im Jahr 2025 werden 50% aller Christen in Afrika und
Lateinamerika leben. Die
„südliche Christenheit“, so Jenkins, werde sich auszeichnen als eine
“Dritte Kirche”: “Southern Christianity, the third Church, is not
just a transplanted version of the familiar religion of the older
Christian states; the New Christendom is no mirror image of the old. It is
a truly and developing entity. Just how different from its predecessor
remains to be seen.” (Jenkins: The Next Christendom: The Coming of
Global Christianity, New York 2002, S. 75, 214, vgl. auch S. 216.)
Um
zu beschreiben, was sich in der religiösen Landschaft Afrikas derzeit
entfaltet, verweist Jenkins also auf eine sog. Dritte Kirche. Er nimmt
damit eine Kategorie auf, die auf den katholischen Missionswissenschaftler
Walbert Bühlmann zurückgeht. Er bezeichnete als „Dritte Kirche“ eine
Kirche, die sich weder in unserer okzidentalen noch in der orthodoxen
Ausprägung des Christentums spiegelt.
Der
große Vormittagsblock widmete sich diesen sich abzeichnenden neuen
Ausformungen eines afrikanischen Christentums. Als „main
speaker“ war der Generalsekretär der Allafrikanischen
Kirchenkonferenz (All African
Conference of Churches), Rev. Dr. Mvume Dandala, eingeladen. Die All
African Conference of Churches hat ihren Sitz in Nairobi und vertritt
als ökumenischer Zusammenschluss von afrikanischen Kirchen mehr als 120
Millionen Christen aus 39 Ländern. Dandala, der selbst aus Südafrika
stammt und der Methodistischen Kirche angehört, behandelte in seinem
Vortrag zu den „Gesichtern des Christentums in Afrika“ mehrere
Themenbereiche. Er formulierte erstens die These, dass christliche
Ausdrucksformen relevant seien, um Nationen/Gesellschaften (nations) zu
heilen und zu versöhnen. Er verschwieg nicht die Brisanz dieser These und
belegte einige „shortcomings“ der Kirche in Afrika, also ihre
historische und politische Verwobenheit mit Ethnizität, mit
Kolonialismus. Aber das Christentum in Afrika, so postulierte er, habe
immer wieder seine „Kapazitäten der Selbstkorrektur“ bewiesen.
Zweitens sehne sich auch das Christentum in Afrika nach Einheit und leide
unter Zersplitterung. Es gehe theologisch darum, eine gemeinsame
christliche Identität zu formulieren. Wenn die heutige junge Generation
in Afrika zwischen vielen verschiedenen Traditionen des Christentums wählen
könne, sei dies nicht als Traditionsbruch zu verstehen, sondern als
Zugewinn christlicher Freiheit. Die afrikanische Kirche könne nicht mehr
von traditionellen Kirchenvermächtnissen ausgehen, von historischen,
durch die Missionsgeschichte geprägten Kirchenregionen, sondern stehe vor
der Aufgabe einer theologischen Alphabetisierung, um zwischen den
unterschiedlichen christlichen Denominationen unterscheiden zu lernen bzw.
Gemeinsames zu entdecken. Dennoch: in erster Linie gehe es darum, sich als
Christen zu verstehen und eben nicht als „champions
of denominationalism“. Drittens hob Dandala die große
Herausforderung der afrikanischen Kirche hervor, die darin
bestehe, gemeinsame Institutionen zu schaffen, um sich in der
Globalisierung zu verorten. Zu den Aufgaben dieser zu schaffenden
Institutionen zähle es, ökonomische, politische und sozio-kulturelle
Tendenzen in einer zusammen gerückten Welt zu lesen, um sich gegen die Übergriffe
globaler Prozesse zu wehren und auch, um sich entschieden auf bestimmte
Reize der Globalisierung einzulassen und sich mit der weiteren Welt zu
vernetzen. Mit einem Seitenblick auf das umfassende Tagesthema beschloss
er seinen Vortrag, indem er auf das Verhältnis von Christentum und Islam
einging. Ihm zu Folge bestimmt die Auseinandersetzung der Kirchen mit den
unterschiedlichen Ausprägungen des Islam in Afrika zunehmend das
Krisenmanagement der Kirchen.
Die
folgende Aussprache fügte dem von Dandala aufgerissenen Spektrum an
Themen ein weiteres hinzu: das Aufkommen und die weite Verbreitung von
Pfingstkirchen in Afrika. Dandala stellte sich der Diskussion und bestätigte
z.B. die Frage, ob eine Konkurrenz zwischen Pfingstkirchen und mainline-Kirchen
bestehe, nach kurzem Zögern mit „Ja“.
Der
Gestus seiner Antwort lässt erkennen, dass nicht der inter-religiöse
Dialog zwischen Christentum und Islam, sondern vielmehr der
innerchristliche Dialog in nicht wenigen Fällen der schwierigere ist.
Die
an das Referat von Dandala anschließende zweite Hälfte der Einheit zum
afrikanischen Christentum bildete eine Podiumsdiskussion zu dem Leitthema:
„Unruhe und Versöhnung – was hat das Christentum Afrika heute zu
geben?“ Natürlich bestätigte bereits die vorherige Aussprache über
den Vortrag Dandalas, dass das Christentum in Afrika keine
standardisierte, keine homogen Größe ist. Daher scheint auch die
Beschreibung zu grob geraten, mit der Bühlmann von einer „Dritten
Kirche“ spricht, die sich in Afrika heraus bilde. In geradezu
euphorischer Erwartung weist Jenkins dieser „Dritten Kirche“ an
anderer Stelle gar „mit großer Wahrscheinlichkeit eine Führungsrolle
innerhalb der christlichen Glaubensgemeinschaft“ zu! Allerdings scheint
der Prozess einer Ausdifferenzierung im afrikanischen Christentum
wesentlich komplexer zu sein, um von einer kompakten „Dritten Kirche“
sprechen zu können.
Es
gibt scharfe Abgrenzungen zwischen kirchlichen Traditionen, beispielsweise
zwischen historischen oder mainline Kirchen und sog. Neuen Kirchen, den charismatischen und
(neo-) pentekostalen Bewegungen. Es gibt regionale Unterschiede und anders
gelagerte sozialethische Herausforderungen. Diese Vielfalt verlangt
geradezu danach, Differenzen genau wahrzunehmen und unterschiedliche
kirchliche Konturen zu beschreiben. Dies spiegelte sich ein wenig in der
Zusammensetzung des Diskussionsforums. Die Teilnehmenden waren, neben dem
Südafrikaner Dandala, die aus Äthiopien stammende Aberash Dinsa. Sie
kommt aus der Frauenarbeit der lutherischen Mekane Yesu Kirche. Aberash
Dinsa äußerte sich u.a. zu der Frage, wie Frauen in Äthiopien den
kulturellen Wandel bewältigen, der sich durch ihre Hinwendung zum
christlichen Glauben ergibt. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählt des
Weiteren die Aufklärung über HIV/AIDS wie die Betreuung von
Hinterbliebenen der Opfer der Pandemie in den ländlichen Regionen Äthiopiens.
Aber sie steht auch in Auseinandersetzung mit einem Thema, das auch in
Deutschland in jüngster Zeit Schlagzeilen hervorbrachte, die Beschneidung
von jungen Frauen und Mädchen. Schließlich sprach Dr. Pialo Maditoma,
Pfarrerin der Église Presbyterienne de Togo, zu den Herausforderungen von
charismatischen und Pfingstkirchen in Togo. Als Stipendiatin an der
Missionsakademie an der Universität Hamburg
stellte sie einige Ergebnisse ihrer Studie zu diesem
Kirchenspektrum vor. Es ist dies eine der ersten Beschreibungen des durch
Pfingstkirchen angestoßenen religiösen Wandels in einem frankophon geprägten
afrikanischen Land.
Wie
ließe sich der Vormittag zu den Gesichtern des Christentums in Afrika
zusammenfassen? Dazu gab es zwei inhaltliche Angebote in der
Schlussmoderation: Erstens ergibt sich das Bild einer allmählichen
Charismatisierung von historischen Kirchen in Afrika. Man kann so etwas
wie eine Hybridisierung, das Verschmelzen von theologischen Traditionsbeständen
durch die gelebte Frömmigkeit von Christen und Christinnen beobachten.
Dadurch nehmen auch die sog. historischen Kirchen Elemente auf, die das
– im weitesten Sinne – „charismatische“ Christentum ausmachen. Zu
den spirituellen Anregungen zählen etwa Gebetsheilungen oder eine
besondere Gewichtung von Frauengebetskreisen, die Einzug in das Frömmigkeitserbe
von mainline-Kirchen erhalten.
Dadurch werden u.a. Kirchenspaltungen und massenhafte
Mitgliederwanderungen verhindert. Die enormen Herausforderungen, die das
theologische Profil von charismatischen und pfingstlichen Kirchen an die
historischen Kirchen stellen, lassen sich aber deutlich erahnen, wenn man
eine Vergleichsstudie von Paul Freston heranzieht. Freston
macht vier charakteristische Konstanten von “Evangelikalen”
(also charismatischen Kirchen etc.) weltweit aus (in: Evangelicals and
Politics in Asia, Africa and Latin America, Cambridge, 2001: 2):
Konversion / conversion (emphasis on the need for change of life)
Evangelisation / activism (emphasis on evangelistic and missionary efforts)
Bibelzentriertheit / biblicism (a special importance attached to the Bible)
Erlösungsglaube / crucicentrism (centrality of Christ`s sacrifice on the
Cross)
Hinzuzufügen wäre noch – in Verbindung mit Mission – die Erwartung
des Kommens des Auferstandenen, also die Eschatologie (allerdings in
unterschiedlichsten Versionen).
Daran
anschließend ergibt sich zweitens die Frage, die den Schlussteil des
Vormittags einnahm, ob es denn so etwas wie ein „afrikanisches“
Christentum überhaupt gibt und wie es sich charakterisieren ließe?
Vielleicht beantwortet sich diese Frage annäherungsweise mit einem
Seitenblick auf afrikanische Kirchen in Deutschland. M.E. ist –
konfessionsübergreifend – festzustellen:
im afrikanischen Glauben ist die rituelle Begehung wichtig. Während für
uns, (deutsche) Protestanten zumal, die Predigt zum entscheidenden
Kriterium des Gottesdienstes gehört, spielt der Ritus im afrikanischen
Glaubensleben eine hervorragende Rolle.
Afrikanische
ChristInnen betonen einen gemeinschaftsbezogenen Glauben, also nicht so
sehr (jedoch auch) einen individuell gelebten und erfahrenen Glauben. Dies
äußert sich z.B. auch in der Haltung des „öffentlichen“
Individualgebets, des nach außen gekehrten und laut gesprochenen
Einzelgebets im Gottesdienst.
Der
Lobpreis Gottes spielt eine eminente Rolle, d.h. die Betonung der
Angewiesenheit auf eine göttliche Macht, und die dankbare Annahme dieser
Geschöpflichkeit. Aufgrund dieses Wissens um Abhängigkeit von der Macht
Gottes gibt es keine Scheu, im öffentlichen Auftreten Gott und seine
Menschenliebe zu bekennen.
Afrikanische
Theologie könnte man auch als eine Gedächtnistheologie bezeichnen. Gedächtnistheologie
bedeutet eine – sicherlich unterschiedlich ausgebildete
–Ahnentheologie. Zumal in der europäischen Diaspora spielt der Rückbezug
afrikanischer Christen auf die kulturellen und biblischen Wurzeln eine
zentrale Rolle. Wo kommen wir her und wo sind wir? „Unser Glaube bezeugt
keine Unterschiede der Rassen und Nationalitäten, unser Gedächtnis an
Jesus Christus eint die Christenheit und macht uns zu Geschwistern im
Herrn“ – so äußerten sich afrikanische Stimmen aus dem Zuhörerraum.
Diese
Elemente fügen sich ein in eine Theologie des Lebens, die sich in jedem
afrikanischen Gottesdienst ansteckend offenbart und Wege eines
„Zusammenlebens“ eröffnen könnten.
Dr.
Andreas Heuser
Profilstelle Ökumene und Bildung
Haus der Kirche
Frankfurter Str. 32
65549 Limburg
