zuletzt aktualisiert: 06.04.2007
Initiative Kirche von unten

Ev.  Kirchentag 2005 in Hannover - Veranstaltungsberichte und Hintergrundtexte


Klaus Hock

Gesichter des Islam in Afrika 

Zunächst ist festzuhalten, dass es “den” Islam nicht gibt - weder in geographischer oder kultureller, noch in politischer, und auch nicht in religiöser, theologischer oder ideologischer Hinsicht. Das gilt auch für den Islam in Afrika: Über Jahrhunderte hin hat der Islam hier neben verschiedenen afrikanischen ­Religionen gelebt und ist mit unterschiedlichen lokalen afrikanischen Kulturen enge Symbiosen eingegangen. Deshalb weist der Islam in Afrika eine besondere Vielfalt auf. Schon in seiner frühen Phase zeigt er in Nordafrika ­eine Vielgestaltigkeit, die sich später, als er sich nach und nach in Regionen südlich der Sahara ausbreitet, weiter ausdifferenziert. Seine Bandbreite reicht von gesetzesorientierten Traditionen bis hin zum volkstümlichen Mystizismus. Auch die unterschiedlichen Formen und Träger der Islamisierung haben dazu beigetragen, dass der Islam in den verschiedenen Regionen Afrikas eine außerordentliche Vielfalt ausbilden konnte. So gibt es heute viele unterschiedliche, auch gegenläufige und widersprüchliche Entwicklungen, die sehr schwer einzuschätzen sind und es ratsam erscheinen lassen, sich mit Aussagen über “den” Islam in Afrika zurückzuhalten.

Im Folgenden will ich zunächst die Geschichte des Islams in Afrika skizzieren (1). Anschließend werde ich versuchen, die schier unendliche Vielfalt des afrikanischen Islams grob zu ordnen und in seinen Hauptströmungen stichwortartig zu charakterisieren. Dabei konzentriere ich mich auf jüngeren Entwicklungen, die ich an einigen Beispielen illustrieren will (2).

1. Islam in Afrika - afrikanischer Islam: historische Entwicklungen

1.1. Nordafrika und der Sudan

Im Gefolge der arabischen Eroberungen kann der Islam bereits im 7. Jh. christlicher Zeitrechnung in Nordafrika Fuß fassen. Dabei erlangten zunächst islamische Sondergemeinschaften maßgeblichen Einfluss; erst ab dem 11. Jh. ist eine von Sunniten getragene umfassende Islamisierung der Region zu verzeichnen. Bis weit in das 19. Jh. hinein sichern zunächst kleinere Dynastien bzw. eine - oft nur nominelle - Oberherrschaft des Osmanischen Reiches die Unabhängigkeit der Region von den europäischen Mächten, denen es aber schließlich doch gelingt, nach und nach das Gebiet unter ihre Kontrolle zu bekommen. Der antikoloniale Kampf wird in Nordafrika ab dem 19. Jh. vornehmlich unter dem Banner des säkularen Nationalismus geführt. Erst viele Jahre nach der Unabhängigkeit formieren sich im Rahmen des weltweiten islamischen Aufbruchs der 70er Jahre des 20. Jh.s politische Bewegungen zunehmend unter Bezug auf islamische Symbolik, und verschiedene Formen des politischen Islams gewinnen an Einfluss. Darüber hinaus bleiben bis in die Gegenwart hinein jedoch auch noch andere Ausdrucksformen des Islams für den nordafrikanischen Raum bestimmend, namentlich volksreligiöse Traditionen der Heiligenverehrung sowie ein urban geprägter “Gelehrten-Islam”.

Bereits im ersten Jh. seiner Geschichte dringt der Islam von Ägypten aus auch nilaufwärts in die Region des östlichen Sudangürtel vor, kann jedoch nur im Nordteil Fuß fassen. Im 19. Jh. führt das Scheitern des zunächst erfolgreichen sog. Mahdi-Aufstandes dazu, dass die Region unter britische Kontrolle gerät. In der Folge legen die Briten mit ihrer Religionspolitik letztlich den Grundstein für die Spaltung des Landes in einen arabisch geprägten, islamischen Nordsudan und einen afrikanisch geprägten, teilchristianisierten Südsudan. Damit hinterlassen sie dem jungen Nationalstaat ein schweres, bis in die Gegenwart spürbares Erbe.

1.2. Westafrika

Der Islam erreicht die südlich der Sahara gelegenen Gebiete über die großen Karawanenstraßen der Sahara und des Niltals sowie über die Seerouten entlang der ostafrikanischen Küste. In Westafrika findet der Islam bereits im 8. Jh. Eingang, und zwar durch nordafrikanische Händler. Seine Präsenz beschränkt sich aber zunächst vornehmlich auf die städtischen Zentren der großen Sahel- und Sudan-Reiche. So ist der Aufstieg des Königreichs Mali, (11. bis 16. Jh.) eng mit dem Islam verknüpft. Weiter östlich am Nigerbogen erlangte ab dem 16. Jh. der Islam bei den Herrschern des Reiches von Songhai an Bedeutung, und noch weiter im Osten, in der Region um den Tschad-See, hatte sich bereits im 11. Jh. christlicher Zeitrechnung der Herrscher von Kanem-Bornu zum Islam bekehrt. Doch in allen diesen Reichen konnte der Islam zunächst nur am Hofe und in recht oberflächlicher Form Fuß fassen, als Herrscher- und Oberschichten-Religion in Gestalt eines “imperialen Kultes”, bei dem die Herrscher die Dienste der islamischen Gelehrten für administrative Zwecke nutzten, unter der islamischen Oberfläche jedoch den afrikanischen Traditionen huldigten.

Erst ab dem 16. Jh. dringt der Islam in Westafrika allmählich in ländliche Gebiete vor. Auch dort vermischt er sich mit traditionellen Praktiken. Immer wieder polemisieren islamische Gelehrte gegen diese Formen des “synkretistischen” Islam. Doch erst die sog. jihâd-Bewegungen des 17. und 18. Jh.s markieren hier einen gewissen Umschwung. Dabei handelt es sich um radikale Reformbewegungen, die mit dem Anspruch auftreten, den Islam vor Vermischung zu schützen bzw. von allem „Unislamischen“ zu reinigen. Die Aktionen wenden sich dabei vornehmlich gegen das Establishment und die traditionellen Herrscher, denen der Vorwurf gemacht wird, den wahren Islam preisgegeben zu haben. Das bekannteste Beispiel dieser Bewegungen ist der sog. Fulani-jihâd des Usman dan Fodio (1754-1817), dessen Sohn Muhammad Bello im 19. Jh. das Sultanat von Sokoto (im heutigen Nordnigeria) gründet. Bemühungen, eine striktere Beachtung des islamischen Rechts durchzusetzen, sind allerdings nur teilweise erfolgreich. Immerhin bewirken die jihâd-Bewegungen, dass sich der Islam in Westafrika weiter konsolidieren kann, wenngleich seine Akteure letztlich hinter dem selbstgesteckten Ziel zurückbleiben, den Islam von allen nichtislamischen Elementen zu reinigen. Die Verwurzelung des Islams im afrikanischen Kontext ist auch in den vom jihâd geprägten Regionen weiterhin dem mystisch geprägten Volksislam zu verdanken.

Zur Kolonialzeit zeigt sich der westafrikanische Islam in seinen politischen Intentionen durchaus widersprüchlich: Einerseits gilt er als Religion des anti-kolonialen Widerstands, andererseits gibt es Beispiele enger Kooperation mit den Kolonialverwaltungen. Auffällig ist jedenfalls, dass sich der Islam zur Kolonialzeit schneller und erfolgreicher als je zuvor verbreiten kann. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. So bewirkte unter anderem das System der sog. “Indirekten Herrschaft” in einigen Regionen, insbesondere in Nordnigeria, eine Konsolidierung der traditionellen islamischen Systeme und der kulturellen Hegemonie des Islams, indem die traditionellen islamischen Strukturen - beispielsweise die des Emirat-Systems im Sokoto-Sultanat - gestärkt wurde.

In der Frühphase der Unabhängigkeit spielt der Islam in Westafrika eine nur untergeordnete Bedeutung. Erst in den letzten Jahrzehnten versucht sich das wachsende religiöse, kulturelle und politische Selbstbewusstsein der Muslime auch in dieser Region mehr Gehör zu verschaffen. Das zeigt sich etwa an der seit längerem in Nigeria geführten shari‘a-Debatte: Hier fordert eine wachsende Anzahl von Muslimen, dem islamischen Recht eine verfassungsmäßige Geltung einzuräumen. Damit wird der seit dem Ende der Kolonialzeit bestehende Konsens über den säkularen Nationalstaat grundsätzlich in Frage gestellt.

1.3. Ostafrika und Südafrika

Am Horn von Afrika kann der Islam nur in jenen Gebieten Fuß fassen, die nicht dem christlichen Königreich unterstehen. Südlich davon bildet sich an der Küste aus arabisch-persisch-afrikanischen Elementen die Swahili-Kultur, die nach der Vertreibung der Portugiesen insbesondere im 18. und 19. Jh. ihre Blütezeit erlebt. Erst in der modernen Kolonialzeit jedoch kann sich der Islam entlang der großen Handelsrouten auch ins Landesinnere ausbreiten.

Ein völlig anderes Gepräge hat der südafrikanische Islam: Seit dem späten 17. Jh. werden aus Südostasien und Bengalen muslimische Sklaven ins südliche Afrika deportiert, und im 19. Jh. siedeln sich große Immigrantengruppen aus Indien in Südafrika an, unter ihnen auch viele Muslime. Somit ist der Islam in dieser Region stärker von süd- und südostasiatischen Traditionen beeinflusst und hat - nicht zuletzt auch in der Auseinandersetzung mit dem Apartheitssystem - ganz eigenständige Ausdrucksformen entwickelt, die sich von anderen Ausprägungen des afrikanischen Islams deutlich unterscheiden.

2. Die Vielfalt des afrikanischen Islams

Aufgrund der Vielfalt seiner Herkunftsregionen und der Vielfalt der kulturellen Kontexte, wo er Fuß fassen konnte, hat der Verlauf der Islamisierung in Afrika viele “afrikanischen Islame” hervorgebracht. Wie einer meiner Kollegen, Prof. Roman Loimeier, einmal treffend festgestellt hat, ist alleine schon der afrikanische Kontinent “zu groß, um nur eine Interpretation von Islam zu beherbergen; aber afrikanische historische Erfahrungen mit dem Islam sind auch viel zu unterschiedlich, um die Vorstellung eines einzigen ‘Afrikanischen Islam’ zu unterstützen. Islam in Afrika verkörpert heute ein verwirrendes Spektrum der vielfältigsten Interpretationen und Zusammenhänge von Islam”.

Hinzu kommt noch etwas anderes: Seit den letzten drei oder vier Jahrzehnten können wir im afrikanischen Islam - wie auch in anderen Regionen der Welt - eine neue Vitalität des Islams beobachten: das Entstehen rigider Formen von Frömmigkeit und Glaubenseifer wie auch ein Erstarken des politischen Islam, die Dynamik neuer Reformbewegungen ebenso wie das Aufkommen militanter Formen des Islams. Dabei handelt es sich durchweg um moderne Phänomene, wenngleich ihre historischen Wurzeln weit in die islamische Geschichte zurückreichen mögen. Die überwältigende Mehrheit der afrikanischen Musliminnen und Muslime jedoch gehört nach wie vor eher “traditionellen” Formen des Islams an, wie sie sich im Laufe der jahrhundertelangen Islamisierungsgeschichte herausgebildet haben.

Ganz grob lassen sich in der Vielfalt des Islams in Afrika zwei Hauptströmungen unterscheiden:
1. Ein traditioneller afrikanischer Islam, der Islam der Afrikanischen Tradition, und
2. Ein neuer afrikanischer Islam, der Islam der dynamischen Vitalisierung muslimischen Selbstbewusstseins.

2.1. Der traditionelle afrikanische Islam, der Islam der Afrikanischen Tradition

Zunächst zum traditionellen afrikanischen Islam. Er hat sich im Laufe der Islamisierungsgeschichte Afrikas herausgebildet, die vornehmlich von drei Gruppen getragen war:
- nomadischen bzw. halbnomadischen Ethnien,
- muslimischen Händlern, und
- islamischen “religiösen Experten”.

Diese Träger der Islamisierung brachten den Islam in die verschiedenen Regionen Afrikas, wo er zwei spezifische Ausprägungen entwickelte:

Zum einen ist der afrikanische traditionelle Islam durch sein ethnische Vielfalt charakterisiert, da er von verschiedenen ethnischen Gruppen auch auf ganz verschiedene Weise adaptiert wurde. Konsequenterweise hat der traditionelle afrikanische Islam die Gestalt eines “Bindestrich-Islams” angenommen: als Hausa-Islam, Fulani-Islam, Swahili-Islam, usw.

Zum anderen sollte bald den Bruderschaften eine der tragenden Rollen, wenn nicht gar die tragende Rolle im afrikanischen Islam zufallen. Heute gehört die überwältigende Mehrheit der afrikanischen Muslime einer der Bruderschaften an oder ist ihnen eng verbunden. Obgleich die Bruderschaften kein spezifisch afrikanisches Phänomen sind, wurden sie doch das Rückgrat und der Lebensnerv des afrikanischen Islam, als sie im späten 17./frühen 18. Jh. in Westafrika und im 19. Jh. in Ostafrika von Nordafrika und den islamischen Kernlanden her auch in den Regionen südlich der Sahara Fuß fassen konnten:

So haben sie sich etwa von Beginn an um die religiöse Unterweisung gekümmert.

Eine wichtige Rolle spielt dabei auch ein komplexes System der Initiation, der Einweihung in die religiöse Gemeinschaft, durch die der Adept ein spirituelles Band zum Gründer der Bruderschaft knüpft; die Bruderschaft bietet auf diese Weise ein geistliches Zuhause.

Zudem hat der Marabout, wie die Gestalt des religiösen Experten genannt wird, der einer Bruderschaft mehr oder weniger verbundenen ist, in vielerlei Hinsicht die Rolle und die Funktionen der traditionellen afrikanischen religiösen Spezialisten übernommen.

Auf diese Weise wurden die Bruderschaften zu den bedeutsamsten Akteuren der Islamisierung Afrikas. Noch heute speilen sie eine zentrale Rolle im Bereich der “islamischen Katechese”, der muslimischen religiösen Unterweisung, tragen auf diese Weise zur Vertiefung islamischer Frömmigkeit bei und stärken den Zusammenhalt der Muslime.  

Trotz aller Kritik seitens radikaler islamischer Bewegungen sind die mystischen Bruderschaften nach wie vor ein, vielleicht sogar der bedeutsamste religiöse Faktor im afrikanischen Islam. Die Stärke dieser Bruderschaften verdankt sich - zumindest teilweise - der Tatsache, dass sie Raum für die Adaption traditioneller afrikanischer Vorstellungen und Praktiken lassen. Dadurch wurde die Entwicklung eines volkstümlichen Islam gefördert, der durch Heiligenverehrung, religiös-therapeutische Praktiken, Techniken des Umgangs mit Geisterbesessenheit und ähnlichen Phänomenen gekennzeichnet ist, die in Afrika noch weit verbreitet sind.

Typisch für den afrikanischen Islam südlich der Sahara ist, dass der Prozess der Islamisierung nicht generell mit einem Prozess der Arabisierung verbreitet war - von Ausnahmen wie dem Sudan und Teilen des Horns von Afrika einmal abgesehen. Mit der Entstehung moderner islamischer Bewegungen in Afrika hat sich dies jedoch verändert.

2.2.      Der neue afrikanische Islam, der Islam der dynamischen Vitalisierung muslimischen Selbstbewusstseins

Damit komme ich zur zweiten Richtung, die sich heute im afrikanischen Islam findet. Sie verdankt sich, wie gesagt, einer verstärkten Hinwendung afrikanischer Musliminnen und Muslime zum Islam. Die dadurch neu aufgebrochene Vitalität des Islams hat während der letzten Jahre und Jahrzehnte in einer Vielfalt von Formen und Aktivitäten Ausdruck gefunden. Was ich als “neuen afrikanischen Islam” bezeichnet habe, ist ein Konglomerat von Trends und Tendenzen, die anderweitig “Islamisches Wiedererwachen”, “Reformismus”, “Wiedererstarken”, “Re-Islamisierung”, “Islamischer Fundamentalismus”, “Islamischer Radikalismus” oder “Islamismus” genannt werden.

Im Blick auf die breite Vielfalt der hier beobachtbaren Phänomene möchte ich zwischen zwei “idealtypischen” Formen unterscheiden, in denen diese Dynamisierung des afrikanischen Islams Ausdruck findet, wenngleich diese idealtypischen Formen durchaus vielfach ineinander verwoben sein mögen. 

Einerseits gibt es ganz generell eine wachsende Zuwendung zum Islam und ein zunehmendes islamisches Selbstbewusstsein unter den afrikanischen Musliminnen und Muslimen. Dies spiegelt sich beispielsweise in der wachsenden Beachtung religiöser Verhaltensweisen, in einer Zunahme des Interesse an religiöser Bildung, und im Bemühen darum, islamische Werte und Traditionen zu vertiefen und zu pflegen, wozu dann auch gehört, sie von allen synkretistischen, tatsächlich oder vermeintlich nicht-islamischen Elementen zu reinigen.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Bemühungen von verschiedenen Gruppen und Bewegungen, den Islam als ein totales, alle Lebensbereiche umfassendes und regulierendes System den afrikanischen Gesellschaften aufzuerlegen. Entsprechend diesem islamischen “Integrismus” sollen alle Facetten des Lebens in striktester Übereinstimmung mit islamischen Vorgaben geregelt werden. Der Islam wird damit in eine Ideologie verwandelt, die alle Aspekte des Lebens umfasst.

Um die beiden Ausdrucksformen dieses “neuen afrikanischen Islams” zu verstehen, muss ich zunächst noch einen kurzen Blick in seine Entstehungsgeschichte werfen: Als fast die gesamte islamische Welt im Zuge der kolonialen Expansion Europas direkt oder indirekt unter europäische Herrschaft geriet, überkam viele Muslime das Gefühl, “dass mit der islamischen Geschichte irgendetwas nicht ganz stimmt”. In den islamischen Kernlanden gab es bereits im 19. Jh. verschiedene Bemühungen, in kritischer Auseinandersetzung mit dem westlichen Abendland authentische islamische Werte wiederzuentdecken und sich an ihnen zu orientieren. Dies erhielt im subsaharischen Afrika jedoch eigentlich erst in den 1960er Jahren, also nach dem Ende der Kolonialzeit, seine eigentliche Dringlichkeit und Schärfe. Denn erst nach Erreichen der politischen Unabhängigkeit wurde den Muslimen die ganze Tragweite der Veränderungen bewusst, die das koloniale Zwischenspiel mit sich gebracht hatte: die Auflösung traditioneller islamischer Institutionen, eine gewisse Abgeschiedenheit von Entwicklungen in der weiteren islamischen Welt, der wachsende Einfluss westlicher Denk- und Lebensformen, die wirtschaftliche Orientierung an Europa sowie eine daraus resultierende Ausrichtung der Ökonomie auf die davon profitierenden Regionen, die politische Schicksalsgemeinschaft der Nation, zu denen die Muslime mit Nichtmuslimen in modernen Nationalstaaten nach westlichem Zuschnitt auf Gedeih und Verderben zusammengeschweißt waren, um nur einige Dinge zu nennen.

Eine mögliche Reaktion hierauf bestand darin, den Islam selbst zu modernisieren und zu reformieren. Das stärkte Trends, die bereits in früheren historischen Phasen auf die Entwicklung des afrikanischen Islams immer wieder Einfluss genommen hatten:

Ende des 18. Jh.s beispielsweise war auf der arabischen Halbinsel eine Bewegung entstanden, die zunächst in Nordafrika, dann auch in Afrika südlich der Sahara wachsenden Einfluss gewann: die Wahhabiyya, so genannt nach ihrem Gründer Muhammad Ibn Abd al-Wahhab (1703-91), der sich insbesondere gegen die mystischen Bruderschaften wandte und alle volkstümlichen Praktiken als unislamische Neuerungen (arabisch. bida‘, sg. bid'a) verwarf.

Eine weitere Richtung, die zunächst in Nordafrika, später auch im subsaharischen Afrika Fuß fassen konnte, gehörte in den Dunstkreis einer modernistischen Reformbewegung, die um die Wende vom 19. zum 20. Jh. als Salafiyya bekannt wurde. Nach Ansicht der Salafiyya ist der Verfall des Islams und der Aufstieg des europäischen Kolonialismus nur dadurch aufzuhalten, dass die Muslime zu den Wurzeln des Islams zurückkehren - eben zum reinen Glauben der Altvordern (arabisch. salaf), zur Praxis der ersten Generation der Muslime. Im 20. Jh. differen­zierte sich die Salafiyya dann in unterschiedliche Zweige und Bewegungen aus und entwickelte ein breites Spektrum von Strömungen, die von einem liberalen, sogar säkularen Reformflügel bis hin zu radikalen politischen Bewegungen wie beispielsweise der der Muslim-Brüder und anderen, z.T. militanten Grup­pen reichte.

Alle diese Trends fanden ab der frühen Unabhängigkeit auch in den afrikanischen Islam verstärkt Eingang, wo sich afrikanische Muslime darum bemühten, ihre Identität und ihr Verhältnis zu den kulturellen Werten und Normen des Abendlandes neu zu definieren und eigenständige Konzepte für die politischen und sozialen Rahmenbedingungen zu entwickeln. Inzwischen vollziehen sich diese Überlegungen in einem veränderten historischen Kontext: Die afrikanischen Muslime sind aus dem Bannkreis des kolonialen Traumas herausgetreten und machen sich daran, die Auswirkungen des Einbruchs der Moderne auf die islamischen Gemeinschaften in Afrika selbstbewusst zu analysieren. Im Zentrum ihrer Kritik stehen dabei insbesondere Instrumente, Institutionen und Organisationen nicht-islamischer Herkunft: Ob UNO oder Afrikanische Union, ob Nationalstaat oder regionaler Staatenverbund, ob Bundes-, Landes- oder Bezirksregierungen, ob Gewerkschaften oder Arbeitgeberverbände - sie alle haben auf die Herausforderungen der nachkolonialen Zeit, falls überhaupt, nur mit mäßigem Erfolg reagieren können - Herausforderungen wie: zwischenstaatliche und innergesellschaftliche Konflikte, soziale Ungerechtigkeit und ungleiche Verteilung des Reichtums, Verfall des staatlichen Erziehungs- und Gesundheitswesens, Arbeitslosigkeit, Gewalt und Kriminalität , Diktatur, Ausbeutung und Unterdrückung, die pandemische Ausbreitung von Malaria und AIDS... kurz: alles, was Afrika als Kontinent der Krise erscheinen lässt.

Die Instrumente und Instrumentarien “westlicher” Herkunft haben jedoch nach islamischer Meinung keine Antwort auf alle diese Probleme geben können - mehr noch: sie selbst erscheinen inzwischen vielen afrikanischen Muslimen als Teil des Problems. So blicken viele afrikanische Muslime heute nicht mehr neidvoll-ehrfürchtig auf die Errungenschaften des Abendlandes, sondern orientieren sich an einem Referenzrahmen, der ihnen Authentizität, Identität und Selbstbewusstsein vermittelt: dem Islam. Dieser Perspektivenwechsel ist dadurch erleichtert worden, dass eine Reihe von islamisch geprägten Staaten einen Teil des Überschusses aus ihren Erdöleinnahmen dafür eingesetzt hat, ihre Beziehungen zu muslimischen Gemeinschaften in verschiedenen Regionen der Welt und insbesondere in Afrika zu intensivieren. So ist auch der afrikanische Islam an Entwicklungen in der weiteren islamischen Welt heute stärker eingebunden als je zuvor.

2.3.            Aspekte des “neuen afrikanischen Islams”

Auch die von mir als “neuer afrikanischer Islam” bezeichnete Gestalt des Islams in Afrika, der Islam der dynamischen Vitalisierung islamischen Selbstbewusstseins, bleibt bei allen Gemeinsamkeiten noch recht vielfältig. Ich will im Folgenden lediglich drei Aspekte herausgreifen, die einige Trends dieses “neuen afrikanischen Islams” illustrieren, ohne dass er damit in seiner Gänze und Vielfalt auch nur annähernd beschrieben wäre; aber die Beispiele stehe doch für einige ganz signifikante Entwicklungen, die indirekt auch für die christlich-islamischen Beziehungen ihre Auswirkung haben:

2.3.1.            Islamischer Internationalismus.

Bereits in vorkolonialer Zeit hat zwischen den muslimischen Gemeinschaften in Afrika und der weiteren islamischen Welt ein enger kultureller Austausch bestanden. Die Institution des hajj, der Pilgerfahrt, hat entsprechende Kontakte ebenso ermöglicht wie die Netzwerke der Händler oder der muslimischen Bruderschaften oder das Studium an Zentren der islamischen Bildung. Seit der Unabhängigkeit sind große internationale Organisationen darum bemüht, diese Beziehungen zu verstetigen und zu institutionalisieren, wie z.B. die Liga der Islamischen Welt, die 1989 im nigerianischen Abuja gegründete Islam-in-Afrika-Organisation oder die Organisation der Islamischen Konferenz. Indem der islamische Internationalismus die Beziehungen der afrikanischen Muslime zur weiteren islamischen Welt fördert, stärkt er zugleich ihre religiöse Identität und ihre politische Artikulationsfähigkeit.

2.3.2.            Islamisierung des Bildungswesens.

Auf dem Gebiet der Bildung und Erziehung ist der afrikanische Islam während der letzten Jahrzehnte in die Offensive gegangen und besinnt sich zunehmend auf seine eigenen Kräfte: Zunächst waren viele afrikanische Muslime davon ausgegangen, dass das Ideal der islamischen Emanzipation durch westliche Schulbildung zu erreichen sei. Doch inzwischen erscheint ihnen die Vermittlung von islamischen Grundwerten als Schlüssel zum Erreichen sozialer Gerechtigkeit und kultureller Gleichberechtigung. Auch die Pflege des Arabischen hat in diesem Zusammenhang an Bedeutung gewonnen und gilt vielen afrikanischen Muslimen als Bedingung der Möglichkeit einer authentischen Verständigung im Geiste des Islams über alle ethnischen Grenzen hinweg. Nun hat die Islamisierung des Erziehungswesens in den verschiedenen Ländern Afrikas durchaus unterschiedliche Formen angenommen. Dennoch trägt sie überall in ähnlicher Weise zur Profilierung der muslimischen Gemeinschaften bei und stärkt das kulturelle, religiöse und politische Selbstbewusstsein der afrikanischen Muslime in ihren jeweiligen regionalen und lokalen Kontexten. Dabei sind die islamischen Bildungsinstitutionen in den meisten afrikanischen Ländern nur ansatzweise in das öffentliche Erziehungssystem integriert. Doch das spielt kaum eine Rolle; entscheidend ist vielmehr, dass sie einen konstitutiven Faktor für die Ausbildung einer islamischen Identität der jeweiligen muslimischen Gemeinschaften darstellen.

2.3.3.            Islamische “pressure groups” und neue islamische Eliten.

Von besonderer Bedeutung für den afrikanischen Islam ist die Entstehung einer Schicht von Gelehrten und Intellektuellen, die als politische Interessengruppe die Führungsrolle in ihren muslimischen Gemeinschaften beanspruchen. Seit Ende der 1970er Jahre betritt eine neue Generation von Muslimen die politische Bühne. Als intellektuelle Avantgarde verfügen sie großteils nicht nur über eine solide westliche Bildung, sondern besitzen auch eine fundierte islamische Erziehung und glauben aufgrund ihrer Doppelqualifikation gegenüber den traditionellen Gelehrten oder den nur westlich ausgebildeten Intellektuellen über die besseren Führungsqualitäten zu verfügen. Zudem gelten sie in den Augen ihrer muslimischen Landsleute als bestens gerüstet, sowohl gegen die zerstörerischen Einflüsse des modernen Säkularismus vorzugehen als auch die lähmende Stagnation des traditionellen Islam überwinden zu können. Schließlich verdankt sich die Hochschätzung dieser politischen Interessengruppen auch der Tatsache, dass sie angesichts des wachsenden Individualismus, der im Zuge der großen gesellschaftlichen Wandlungsprozesse auch im Kontext des afrikanischen Islam immer mehr an Bedeutung gewonnen hat, Halt und Orientierung bieten. Vielen afrikanischen Muslimen gelten sie als Prototypen einer islamischen Moderne jenseits westlicher Lebensformen.

3. Schluss

Der afrikanische Islam hat nichts von seiner Vielfalt eingebüßt, doch konnten in den letzten Jahren und Jahrzehnten neue islamische Bewegungen an Bedeutung gewinnen. Diese wenden sich gegen den Einfluss von Verwestlichung und Säkularisierung, brandmarken das Versagen der Regierungen, ziehen mit heftigen Attacken gegen die Repräsentanten des traditionellen islamischen Establishments zu Felde und stellen die tatsächliche oder vermeintliche Rückständigkeit der mystischen Bruderschaften und der Volksreligiosität an den Pranger. Doch nicht nur für diese neuen islamischen Bewegungen, sondern für den afrikanischen Islam insgesamt ist festzustellen, dass die Muslime in engagierter Weise versuchen, im Kampf um kulturelle Selbstbehauptung, soziale Akzeptanz und politische Einflussnahme neue Strategien zu entwickeln, die sich explizit an islamischen Werten und Normen orientieren. Dies geschieht vor dem Hintergrund vielfältiger Herausforderungen und krisenhafter Entwicklungen auf dem afrikanischen Kontinent sowie im Lichte neuer Perspektiven, die sich für den afrikanischen Islam in den letzten Jahren aufgrund unterschiedlicher interner und externer Entwicklungen ergeben haben - und ich habe zur Illustration hierfür den islamischen Internationalismus, die an islamischen Werten orientierten Bildungsoffensive und die Profilierung einer neuen Generation muslimischer Intellektueller angeführt.

Afrikanische Muslime entwickeln ihre eigene Vision von der Zukunft des afrikanischen Kontinents. Sie agieren auf der politischen Bühne Afrikas als ganz bewusste und selbstbewusste Muslime. Das berührt selbstverständlich auch Fragen der christlich-muslimischen Beziehungen und bringt bisweilen Probleme für das interreligiöse Zusammenleben mit sich, birgt jedoch auch große Chancen für die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft. Ich will diesbezüglich auf lediglich drei Problemfelder hinweisen, und vielleicht ist es ja möglich, das wir später auf dem Podium auf die eine oder andere sich daraus ergebende Frage eingehen.

Das erste Problemfeld betrifft die Frage von Gewalt, Frieden und Konfliktbearbeitung - und zwar sowohl hinsichtlich der Beziehungen zwischen Christen und Muslimen als auch im Blick auf das Versöhnungspotential, das beide Religionen im konkreten Falle durchaus freizusetzen vermögen. Nun gibt es eine ganze Reihe von Beispielen dafür, dass in vielen Gegenden Afrikas Muslime und Christen - und zwar gemeinsam - eine vorzügliche Konfliktpräventionsarbeit leisten (Nordghana), im Falle gewaltsamer Zusammenstöße Wege aus der Krise finden (Nordnigeria 2001), und nach dem Ende von blutigen Auseinandersetzungen Versöhnungsarbeit leisten, die über das Verbinden der einander geschlagenen Wunden hinausgeht (Kaduna). Doch insbesondere nach dem 11. September scheinen in Afrika die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen eher zugenommen zu haben und nach und nach auch solche Regionen zu erfassen, in denen die Anhänger beider Religionen bislang friedlich zusammengelebt haben. Sind Islam und Christentum in Afrika inzwischen zu einer Bedrohung des friedlichen Zusammenlebens geworden?

Das zweite Problemfeld bezieht sich auf die Frage der religiösen Verkündigung und des interreligiösen Dialogs: Beide Religionen, Islam und Christentum, stehen im Wettbewerb; christliche Missionsarbeit findet ihr Pendant in der islamischen da‘wa, im “Ruf”, mit dem zum Islam eingeladen wird, und es besteht Konsens darüber, dass “Mission” wie “da‘wa” zur Identität beider Religionen gehört. Doch die Form, in der dieser Wettbewerb ausgetragen wird, gibt immer wieder Anlass zu Konflikten: Muslimische und christliche Akteure sind oft nicht zimperlich in ihrer Wortwahl, wenn sie die Vorzüge der eigenen mit den Irrungen der anderen Religion vergleichen, und die Entstehung neuer radikaler Gruppierungen in beiden Religionen hat die Atmosphäre hier weiter aufgeheizt. Der interreligiöse Dialog scheint frei zu sein von solchen Problemen - aber es scheint eben nur so. Zudem stellt sich die Frage: Wer soll diesen Dialog mit wem betreiben? Was ist seine Perspektive? Welches Ziel hat er? Und: hat er überhaupt eine Chance angesichts der fast überall auf dem Kontinent beobachtbaren Zunahme der Spannungen zwischen Christen und Muslimen?

Das dritte Problemfeld schließlich betrifft den Bereich des Politischen. Ich habe darauf hingewiesen, dass in manchen Ländern Afrikas seitens einiger islamischer Gruppierungen der seit dem Ende der Kolonialzeit bestehende Konsens über den säkularen Nationalstaat grundsätzlich in Frage gestellt wird. Dies äußert sich nicht nur in Kontroversen über die Einführung der sharî‘a, in Debatten über den säkularen Charakter des Staates, oder in Auseinandersetzungen über die Mitgliedschaft in der Organisation der Islamischen Konferenz; das power struggle, der Machtkampf um die Besetzung politischer Schlüsselpositionen mit den Angehörigen der “richtigen” Religionszugehörigkeit - die selbstverständlich immer nur die zur eigenen Religion ist - scheint in vielen afrikanischen Ländern immer mehr zur Signatur des politischen Alltags zu gehören. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung stellt sich die Frage: Können Islam und Christentum zur Entwicklung der Gesellschaft und zum Aufbau einer zukunftsfähigen staatlichen Gemeinwesens überhaupt einen positiven Beitrag leisten, oder sind beide Religionen inzwischen nur noch Teil des Problems?  

Der afrikanische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka hat diesbezüglich einmal deutliche Worte gefunden; angesichts des wachsenden religiösen Radikalismus geißelte er - und ich zitiere: - “Afrikas gegenwärtiges Ekzem von wiedergeborenen Christen, auf der einen Seite, und ihren Mitspielern im islamischen Extremismus, auf der anderen Seite”. Seine Attacke galt dabei weniger den Religionen als solchen, sondern den Formen der Bigotterie und der Barbarei, die inspiriert sind von den “Krämern der Bedrängnis” und ihren “unberechenbaren Wallfahrern”, wie er die frommen Eiferer nennt. Schließlich rät er angesichts des religiösen Fanatismus der beiden konkurrierenden Religionen dazu, sich den inneren Kräften der afrikanischen religiösen Traditionen zu öffnen: “Geht zu den orisha; lernt von ihnen, und werdet weise.”

Ich denke, es wäre ein Missverständnis, diese Aussage als nostalgischen Aufruf zur Rückkehr in die “gute alte Welt” der afrikanischen Religionen zu lesen. Aber er verweist auf einen möglichen Ausweg aus den vielen Dilemmata, die das angespannte Verhältnis zwischen Christentum und Islam mit sich bringt: die (Wieder-)Entdeckung der - Christen und Muslimen gemeinsamen - afrikanischen Herkunftsgeschichte und die Nutzung der afrikanischen Traditionen als Quelle der Inspiration für die Gestaltung ihres künftigen Zusammenlebens.

Klaus Hock