zuletzt aktualisiert: 06.04.2007
Initiative Kirche von unten

Ev.  Kirchentag 2005 in Hannover - Veranstaltungsberichte und Hintergrundtexte


Verena Mosen

1+1 macht mehr als 2

Die esg, die BUKO Pharma-Kampagne und die Initiative Kirche von unten zeigen mit dem zweiten „Afrika im Zentrum“ während des DEKT in Hannover, dass Afrika mehr ist als:
Pure Exotik, Sex und AIDS und Katastrophen
 

In den letzten Tagen macht eine Veranstaltung im Augsburger Zoo, zwischen den Zebra- und Pavian-Käfigen deutschlandweit Schlagzeilen. Nicht weil der Augsburger Zoo an sich eine Schlagzeile wert wäre, sondern weil der Augsburger Zoo mit einer großen Werbeagentur ein „African Village“ veranstaltet. Konzept: “Ein Zoobesuch mit Überraschungen: Für vier Tage entsteht im Augsburger Tierpark ein afrikanisches Dorf. Um eine afrikanische Steppenlandschaft gruppieren sich Kunsthandwerker, Silberschmiede, Korbflechter, Zöpfchenflechter. Im Park duftet es nach afrikanischen Teespezialitäten und erlesenen Spezialitäten vom afrikanischen Kontinent. ...Der Augsburger Zoo ist genau der richtige Ort, um auch die Atmosphäre von Exotik zu vermitteln.“ ( Aus der Veranstaltungsankündigung des Augsburger Zoo). Das Pikante daran: diese einmalige afrikanische Steppenlandschaft, wahrscheinlich mit Lehmrundlingsdörfern und Bananenröckchen inklusive, ist eingebettet zwischen dem Zebra- und dem Pavian-Käfig.

Ich kann förmlich vor mir sehen, wie das bayrische Landvolk mit offenen Augen und Mündern halbnackte AfrikanerInnen in Lendenschurz und Bananenröckchen bei wilden Stammestänzen anstiert und sagt:“ Nee, ist das schön - Hans-Dieter, lass´ uns doch auch mal nach Afrika zur Großwildsafari fahren.....!“ Das ganze Konzept wird verkauft als Beitrag zu Toleranz und internationaler Völkerverständigung. Ob das Konzept wirklich dazu beiträgt, ist doch stark zu bezweifeln.

Ganz anders der Ansatz von esg und IKvu während des Ökumenischen Kirchentages 2003 in Berlin und während des DEKT in Hannover im Mai dieses Jahres.

Mit unserem „Afrika im Zentrum“ wollen wir einen Perspektivenwechsel vollziehen: Afrika ist mehr als Paviane und Zebras, mehr als der eurozentristische, weiße Blick auf Afrika: Exotik, Sex und AIDS und andere Katastrophen. Eine Perspektive, die Afrika und seine Menschen als gleichberechtigte, verantwortliche und schöpferische Partnerinnen und Partner ins Zentrum stellt.

Auch wir haben während des DEKT drei Tage volles Programm gehabt, sicher gab es auch bei uns einen afrikanischen Basar, mit Kunsthandwerk und leckerem afrikanischem Essen. Aber im Zentrum des Blickes standen afrikanische Initiativen und kleine Nichtregierungsorganisationen: zum Beispiel das Tschad - Kamerun - Öl-Pipeline-Projekt, mit der Ausstellung: “Bereichert Euch!“. Ziel der Ausstellung: Zu zeigen, wie westliche Multis (multinationale Konzerne) diese Region ausbeuten, bis in ihre geologischen Eigenheiten verändern und aus Öl Geld machen - während die einheimischen Bauern nicht mehr wissen, wo und wie sie ihre Felder bestellen sollen.

Ein ähnliches Interesse haben deutsche Pharmafirmen, die hohe Patente auf Medikamente zur Bekämpfung von AIDS einrichten. So werden 6 Millionen Menschen, die im südlichen Afrika dringend freien Zugang zu überlebensnotwendigen AIDS-Medikamenten brauchen, zwar Entwicklungshilfe und Care-Pakete zugesagt - jedoch können sie mit ihrem knappen Einkommen vielleicht gerade so ihre Familie ernähren, aber sich selbst nicht vorm elenden AIDS-Tod retten.

„AIDS - Vom Leben und Sterben eines Kontinentes“ läutete am Freitag das Tagesthema des Zentrums. Allerdings haben wir uns nicht auf die üblichen Katastrophennachrichten beschränkt und nur über das „Sterben“ berichtet. Unser Blick: Das Leben und das Überleben - Solidarität mit und Befreiung für Afrika.

Nach einem Einführungsreferat mit Zahlen und Fakten zur AIDS-Krise in Afrika, präsentierte Andy Gray, der als Pharmakologe an der Universität in Durban (Südafrika) an der Erforschung frei zugänglicher Medikamente arbeitet, seine Forschungsarbeit und seine Mitarbeit in der Treatment Action Campaign.

Heiko Karcher von der GTZ berichtete von verschiedenen kleinen Gesundheitsprojekten in ländlichen Gebieten des südlichen Afrika. Durchaus kritisch betrachtete Promise Mthembu, selbst an HIV erkrankt, die Hilfsprogramme internationaler Entwicklungshilfeorganisationen und die politische Arbeit der südafrikanischen Regierung. Ihr Credo: Frauen - gerade Frauen in ländlichen Gebieten - partizipieren nicht an diesen Programmen. Ihre Bedürfnisse werden weder wahrgenommen, noch wird ihre Lebensrealität in diesen Programmen widergespiegelt. Fünfmal täglich, immer zur selben Zeit, müssen solche Medikamente eingenommen werden. Hierfür müssen die Frauen in Gesundheitszentren fahren, die oft hunderte Kilometer von ihrem Zuhause, ihrer Familie und ihrer Arbeit entfernt sind. Ohne geeignete Infrastruktur? Kaum möglich. Auch werden spezifisch weibliche körperliche und sexuelle Bedürfnisse in der Aufklärungs- und Lobbyarbeit weder erforscht noch berücksichtigt; geschweige denn in der Behandlung von AIDS.

Im nächsten Schritt wurde die BUKO Pharma - Kampagne von Dr. Christiane Fischer - die einige vielleicht noch aus der esg kennen - vorgestellt und Andy Gray berichtete über die internationale Solidarität und Zusammenarbeit der Treatment Action Campaign mit der BUKO Pharma - Kampagne in der globalen AIDS -Kampagne.

Etwas lokaler und konkreter wurde es danach. Hier begegneten sich Bischof Zephania Kameeta aus Namibia, Vizepräsident des Evangelisch-Lutherischen Weltbundes und Moderator der Vereinten Evangelischen Mission, der die kirchliche Seite der AIDS - Arbeit vorstellte, und Zolishwa Magwentu. Zolishwa arbeitet als treatment educator und Aktivistin in ihrer Gemeinde der Moravian Church.

Bischof Kameeta stellte Grundprinzipien vor, die sich in der Bibel finden lassen, um klar zu machen, wie der Glaube und die Kirche mit AIDS infizierte Menschen unterstützen können und dem Einzelnen Selbstbewusstsein und Würde zurückgeben können: Don´t cry, don´t die, stand up and fight!

Auch kritisierte er die katholische Kirche, die im südlichen Afrika zwar nicht so deutlich, wie in anderen Ländern, den Kondomgebrauch verbietet, sich aber durch beharrliches Schweigen und Ignorieren von Verhütungsmethoden aus der Affäre zu ziehen versucht - und sich damit am Tod Millionen Aidskranker in Afrika mitschuldig macht. Zolishwa erzählte sehr persönlich, wie sie von ihrer Infektion erfuhr, und als sie dem Tod ins Angesicht blickte eines Morgens wusste, dass sie leben und kämpfen will und sich wieder ihrer Würde bewusst wurde. Mit Hilfe der Treatment Action Campaign kann sie die Solidarität und Unterstützung, die sie selbst erfuhr, an andere infizierte Menschen weitergeben und dadurch neue Kraft gewinnen.

Nach vertiefenden Workshops am späten Nachmittag feierten afrikanische und deutsche Aktivistinnen zusammen ein literarisch-liturgisches ökumenisches Feierabendmahl: „Ich sterbe, aber meine Erinnerung lebt!“, so steht es in den Erinnerungsbüchern von an AIDS verstorbenen Müttern an ihre Kinder, die Henning Mankell veröffentlicht hat.

Ausgehend vom Hohen Lied über die Totenklage Maria von Magdalas am leeren Grab des Auferstandenen wurde eine Linie totenklagender Frauen der Bibel zu den anklagenden Frauen in den Erinnerungsbüchern gezogen - ihnen gemeinsam: Der Ruf nach Gerechtigkeit, Befreiung und Auferstehung durch die Erinnerung an ihre Lebensgeschichten.

Donnerstags begegneten sich in „Afrika im Zentrum“ ChristInnen und MuslimInnen aus Afrika und Deutschland, die ihre Religionen im afrikanischen Kontext präsentierten und die Frage stellten, ob beide Religionen eher Hoffnung auf die Zukunft in Afrika zu geben haben, oder ob sie nicht vielmehr Ursache erbitterter Unruhen und Feindschaften in Afrika sind. Auch hier waren hochrangige ReferentInnen vertreten, unter anderem Bartholomäus Grill, der Afrika - Korrespondent der ZEIT. Wie jeden Abend fand nach dem „denk“- würdigen Tag ein afrikanisches Kulturprogramm zur Abrundung und Entspannung statt, hier: ein Konzert der Kongo Christian Artists.

Samstags saßen viele afrikanische Mitglieder der esg Hannover auf dem Podium, sie zeigten ihr Bild Afrikas unter einem selbst gewählten Schwerpunkt. Sabrack Djiokou erzählte vom Alltag als afrikanischer Studierender in der esg Hannover, Saran Sanogo erzählte über das Familienleben, Caroline Tschouake sprach über afrikanische Frauen in Deutschland. Um die ZuhörerInnen zu faszinieren, musste sie weder ein Bananenröckchen tragen, noch wilde Stammestänze aufführen.

Das ist eben der Unterschied zwischen einem „african village“ und dem gemeinsamen Projekt der esg und der IKvu „Afrika im Zentrum“.

Wir haben verstanden, dass 1+1 mehr macht als 2 und dass wir durch gegenseitiges Zuhören und Dialog mehr über kulturelle Differenzen und Gemeinsamkeiten lernen als durch einen sensationsgeilen Besuch zwischen Zebra- und Pavian-Käfigen!

Vor allem die Gemeinsamkeit und die internationale Solidarität wurden abends beim afrikanisch-deutschen Konzert New Dawn gefeiert. Mitwirkende waren neben XAMBA, einer Samba - Batteria aus dem Wendland, die schon legendären Bridge Walkers, ein gemeinsames Chorprojekt der esg Oldenburg und von Jugendlichen aus Namibia. Dass das „Afrika im Zentrum“ einen Besuch wert ist und „abrockt“ wie Schmitz´ Lumpi, bewies an dem Abend vor allem Björn Engholm, der, wie von uns dokumentiert wurde, bei dem Konzert begeistert abrockte.

Was bleibt mir als Sprecherin der IKvu noch dazu zu sagen:

Ein Riesen Dankeschön an die esg Hannover als Gastgeberin und die Bundes - esg und schon jetzt möchte ich meinen Herzenswunsch aussprechen:
Lasst dieses Projekt „Afrika im Zentrum“ weiterleben - auf dem Kirchentag in Köln!
Wir hoffen, dass die esg Köln dann die Gastgeberin für das nächste „Afrika im Zentrum“, veranstaltet von esg und IKvu, sein wird.
 

Verena Mosen, Sprecherin des Ökumenischen Netzwerkes Initiative Kirche von unten (IKvu).