Ev. Kirchentag 2005 in Hannover - Veranstaltungsberichte und Hintergrundtexte
Verena Mosen
1+1 macht
mehr als 2
Die esg, die
BUKO Pharma-Kampagne und die Initiative Kirche von unten zeigen mit dem
zweiten „Afrika im Zentrum“ während des DEKT in Hannover, dass Afrika
mehr ist als:
Pure Exotik, Sex und AIDS und Katastrophen
In den letzten
Tagen macht eine Veranstaltung im Augsburger Zoo, zwischen den Zebra- und
Pavian-Käfigen deutschlandweit Schlagzeilen. Nicht weil der Augsburger
Zoo an sich eine Schlagzeile wert wäre, sondern weil der Augsburger Zoo
mit einer großen Werbeagentur ein „African Village“ veranstaltet.
Konzept: “Ein Zoobesuch mit Überraschungen: Für vier Tage entsteht im
Augsburger Tierpark ein afrikanisches Dorf. Um eine afrikanische
Steppenlandschaft gruppieren sich Kunsthandwerker, Silberschmiede,
Korbflechter, Zöpfchenflechter. Im Park duftet es nach afrikanischen
Teespezialitäten und erlesenen Spezialitäten vom afrikanischen
Kontinent. ...Der Augsburger Zoo ist genau der richtige Ort, um auch die
Atmosphäre von Exotik zu vermitteln.“ ( Aus der Veranstaltungsankündigung
des Augsburger Zoo). Das Pikante daran: diese einmalige afrikanische
Steppenlandschaft, wahrscheinlich mit Lehmrundlingsdörfern und Bananenröckchen
inklusive, ist eingebettet zwischen dem Zebra- und dem Pavian-Käfig.
Ich kann förmlich
vor mir sehen, wie das bayrische Landvolk mit offenen Augen und Mündern
halbnackte AfrikanerInnen in Lendenschurz und Bananenröckchen bei wilden
Stammestänzen anstiert und sagt:“ Nee, ist das schön - Hans-Dieter, lass´
uns doch auch mal nach Afrika zur Großwildsafari fahren.....!“ Das
ganze Konzept wird verkauft als Beitrag zu Toleranz und internationaler Völkerverständigung.
Ob das Konzept wirklich dazu beiträgt, ist doch stark zu bezweifeln.
Ganz anders der
Ansatz von esg und IKvu während des Ökumenischen Kirchentages 2003 in
Berlin und während des DEKT in Hannover im Mai dieses Jahres.
Mit unserem
„Afrika im Zentrum“ wollen wir einen Perspektivenwechsel vollziehen:
Afrika ist mehr als Paviane und Zebras, mehr als der eurozentristische,
weiße Blick auf Afrika: Exotik, Sex und AIDS und andere Katastrophen.
Eine Perspektive, die Afrika und seine Menschen als gleichberechtigte,
verantwortliche und schöpferische Partnerinnen und Partner ins Zentrum
stellt.
Auch wir haben während
des DEKT drei Tage volles Programm gehabt, sicher gab es auch bei uns
einen afrikanischen Basar, mit Kunsthandwerk und leckerem afrikanischem
Essen. Aber im Zentrum des Blickes standen afrikanische Initiativen und
kleine Nichtregierungsorganisationen: zum Beispiel das Tschad - Kamerun -
Öl-Pipeline-Projekt, mit der Ausstellung: “Bereichert Euch!“. Ziel
der Ausstellung: Zu zeigen, wie westliche Multis (multinationale Konzerne)
diese Region ausbeuten, bis in ihre geologischen Eigenheiten verändern
und aus Öl Geld machen - während die einheimischen Bauern nicht mehr
wissen, wo und wie sie ihre Felder bestellen sollen.
Ein ähnliches
Interesse haben deutsche Pharmafirmen, die hohe Patente auf Medikamente
zur Bekämpfung von AIDS einrichten. So werden 6 Millionen Menschen, die
im südlichen Afrika dringend freien Zugang zu überlebensnotwendigen
AIDS-Medikamenten brauchen, zwar Entwicklungshilfe und Care-Pakete
zugesagt - jedoch können sie mit ihrem knappen Einkommen vielleicht
gerade so ihre Familie ernähren, aber sich selbst nicht vorm elenden
AIDS-Tod retten.
„AIDS - Vom
Leben und Sterben eines Kontinentes“ läutete am Freitag das Tagesthema
des Zentrums. Allerdings haben wir uns nicht auf die üblichen
Katastrophennachrichten beschränkt und nur über das „Sterben“
berichtet. Unser Blick: Das Leben und das Überleben - Solidarität mit
und Befreiung für Afrika.
Nach einem Einführungsreferat
mit Zahlen und Fakten zur AIDS-Krise in Afrika, präsentierte Andy Gray,
der als Pharmakologe an der Universität in Durban (Südafrika) an der
Erforschung frei zugänglicher Medikamente arbeitet, seine
Forschungsarbeit und seine Mitarbeit in der Treatment Action Campaign.
Heiko Karcher von
der GTZ berichtete von verschiedenen kleinen Gesundheitsprojekten in ländlichen
Gebieten des südlichen Afrika. Durchaus kritisch betrachtete Promise
Mthembu, selbst an HIV erkrankt, die Hilfsprogramme internationaler
Entwicklungshilfeorganisationen und die politische Arbeit der südafrikanischen
Regierung. Ihr Credo: Frauen - gerade Frauen in ländlichen Gebieten -
partizipieren nicht an diesen Programmen. Ihre Bedürfnisse werden weder
wahrgenommen, noch wird ihre Lebensrealität in diesen Programmen
widergespiegelt. Fünfmal täglich, immer zur selben Zeit, müssen solche
Medikamente eingenommen werden. Hierfür müssen die Frauen in
Gesundheitszentren fahren, die oft hunderte Kilometer von ihrem Zuhause,
ihrer Familie und ihrer Arbeit entfernt sind. Ohne geeignete
Infrastruktur? Kaum möglich. Auch werden spezifisch weibliche körperliche
und sexuelle Bedürfnisse in der Aufklärungs- und Lobbyarbeit weder
erforscht noch berücksichtigt; geschweige denn in der Behandlung von
AIDS.
Im nächsten
Schritt wurde die BUKO Pharma - Kampagne von Dr. Christiane Fischer - die
einige vielleicht noch aus der esg kennen - vorgestellt und Andy Gray
berichtete über die internationale Solidarität und Zusammenarbeit der
Treatment Action Campaign mit der BUKO Pharma - Kampagne in der globalen
AIDS -Kampagne.
Etwas lokaler und
konkreter wurde es danach. Hier begegneten sich Bischof Zephania Kameeta
aus Namibia, Vizepräsident des Evangelisch-Lutherischen Weltbundes und
Moderator der Vereinten Evangelischen Mission, der die kirchliche Seite
der AIDS - Arbeit vorstellte, und Zolishwa Magwentu. Zolishwa arbeitet als
treatment educator und Aktivistin in ihrer Gemeinde der Moravian Church.
Bischof Kameeta
stellte Grundprinzipien vor, die sich in der Bibel finden lassen, um klar
zu machen, wie der Glaube und die Kirche mit AIDS infizierte Menschen
unterstützen können und dem Einzelnen Selbstbewusstsein und Würde zurückgeben
können: Don´t cry, don´t die, stand up and fight!
Auch kritisierte
er die katholische Kirche, die im südlichen Afrika zwar nicht so
deutlich, wie in anderen Ländern, den Kondomgebrauch verbietet, sich aber
durch beharrliches Schweigen und Ignorieren von Verhütungsmethoden aus
der Affäre zu ziehen versucht - und sich damit am Tod Millionen
Aidskranker in Afrika mitschuldig macht. Zolishwa erzählte sehr persönlich,
wie sie von ihrer Infektion erfuhr, und als sie dem Tod ins Angesicht
blickte eines Morgens wusste, dass sie leben und kämpfen will und sich
wieder ihrer Würde bewusst wurde. Mit Hilfe der Treatment Action Campaign
kann sie die Solidarität und Unterstützung, die sie selbst erfuhr, an
andere infizierte Menschen weitergeben und dadurch neue Kraft gewinnen.
Nach vertiefenden
Workshops am späten Nachmittag feierten afrikanische und deutsche
Aktivistinnen zusammen ein literarisch-liturgisches ökumenisches
Feierabendmahl: „Ich sterbe, aber meine Erinnerung lebt!“, so steht es
in den Erinnerungsbüchern von an AIDS verstorbenen Müttern an ihre
Kinder, die Henning Mankell veröffentlicht hat.
Ausgehend vom
Hohen Lied über die Totenklage Maria von Magdalas am leeren Grab des
Auferstandenen wurde eine Linie totenklagender Frauen der Bibel zu den
anklagenden Frauen in den Erinnerungsbüchern gezogen - ihnen gemeinsam:
Der Ruf nach Gerechtigkeit, Befreiung und Auferstehung durch die
Erinnerung an ihre Lebensgeschichten.
Donnerstags
begegneten sich in „Afrika im Zentrum“ ChristInnen und MuslimInnen aus
Afrika und Deutschland, die ihre Religionen im afrikanischen Kontext präsentierten
und die Frage stellten, ob beide Religionen eher Hoffnung auf die Zukunft
in Afrika zu geben haben, oder ob sie nicht vielmehr Ursache erbitterter
Unruhen und Feindschaften in Afrika sind. Auch hier waren hochrangige
ReferentInnen vertreten, unter anderem Bartholomäus Grill, der Afrika -
Korrespondent der ZEIT. Wie jeden Abend fand nach dem „denk“- würdigen
Tag ein afrikanisches Kulturprogramm zur Abrundung und Entspannung statt,
hier: ein Konzert der Kongo Christian Artists.
Samstags saßen
viele afrikanische Mitglieder der esg Hannover auf dem Podium, sie zeigten
ihr Bild Afrikas unter einem selbst gewählten Schwerpunkt. Sabrack
Djiokou erzählte vom Alltag als afrikanischer Studierender in der esg
Hannover, Saran Sanogo erzählte über das Familienleben, Caroline
Tschouake sprach über afrikanische Frauen in Deutschland. Um die ZuhörerInnen
zu faszinieren, musste sie weder ein Bananenröckchen tragen, noch wilde
Stammestänze aufführen.
Das ist eben der
Unterschied zwischen einem „african village“ und dem gemeinsamen
Projekt der esg und der IKvu „Afrika im Zentrum“.
Wir haben
verstanden, dass 1+1 mehr macht als 2 und dass wir durch gegenseitiges Zuhören
und Dialog mehr über kulturelle Differenzen und Gemeinsamkeiten lernen
als durch einen sensationsgeilen Besuch zwischen Zebra- und Pavian-Käfigen!
Vor allem die
Gemeinsamkeit und die internationale Solidarität wurden abends beim
afrikanisch-deutschen Konzert New Dawn gefeiert. Mitwirkende waren neben
XAMBA, einer Samba - Batteria aus dem Wendland, die schon legendären
Bridge Walkers, ein gemeinsames Chorprojekt der esg Oldenburg und von
Jugendlichen aus Namibia. Dass das „Afrika im Zentrum“ einen Besuch
wert ist und „abrockt“ wie Schmitz´ Lumpi, bewies an dem Abend vor
allem Björn Engholm, der, wie von uns dokumentiert wurde, bei dem Konzert
begeistert abrockte.
Was bleibt mir
als Sprecherin der IKvu noch dazu zu sagen:
Ein Riesen
Dankeschön an die esg Hannover als Gastgeberin und die Bundes - esg und
schon jetzt möchte ich meinen Herzenswunsch aussprechen:
Lasst dieses Projekt „Afrika im Zentrum“ weiterleben - auf dem
Kirchentag in Köln!
Wir hoffen, dass die esg Köln dann die Gastgeberin für das nächste
„Afrika im Zentrum“, veranstaltet von esg und IKvu, sein wird.
Verena Mosen,
Sprecherin des Ökumenischen Netzwerkes Initiative Kirche von unten (IKvu).
