Hermann Häring
Bescheidene Arbeit im Weinberg
- was ist zu tun?
Möglichkeit der Selbstkorrektur?
Einen Tag vor seiner Wahl zeichnete der neue Papst von der Weltlage ein
apokalyptisches Bild. Er warnte die Kardinäle vor Marxismus, Liberalismus
und Kollektivismus, vor Individualismus und Atheismus, vor Mystizismus,
Agnostizismus und Synkretismus. "Es konstituiert sich eine Diktatur des
Relativismus, die nichts als definitiv anerkennt und die als letztes Maß nur
das Ich und seine Bedürfnisse lässt." Nach Meinung vieler hat dies zu seinem
grandiosen Wahlsieg geführt. Die Kardinäle haben sich eindeutig für
Kontinuität entschieden und in ihrer Ratlosigkeit einem 78-Jährigen eine
ungeheure Last auferlegt. Aller Voraussicht nach wird dies den Reformstau
verschärfen. Dafür gibt es Gründe:
- Seinem konservativen Verständnis von Kirche und Theologie ist der neue Papst immer treu geblieben. Schon als Theologiestudent kritisiert er die Dozenten, die zu kritisch und nicht kirchlich genug vorangehen. In der Liturgie sucht er "Gemütswerte, … die uns Kirche als Daheimsein der Seele erfahren lassen". Seit 1968 baut er seine Positionen in einen kämpferischen Konservatismus ein. Er versagt sich den Anliegen einer protestierenden Generation, spürt in deren Gesellschaftskritik marxistische Kategorien auf, die für ihn Atheismus bedeuten. Vergleichbares geschieht später gegenüber der Befreiungstheologie. Geradezu traumatisiert äußert er noch 32 Jahre später Schrecken und Abscheu vor diesen Ereignissen (s. Vorwort zur Neuausgabe der Einführung ins Christentum). Diese kompromisslose Kampftheologie nennt er dann "Unterscheidung des Christlichen". Dadurch gerät seine an sich friedvolle Denkart zum Bollwerk gegen die Erneuerer. Ihm wird wohl nie bewusst, wie sehr aus einer freundlichen Spiritualität und sensiblen Sprache die Friedfertigkeit und der Versöhnungswille schon früh verschwinden.
- Deshalb stehen seine spirituelle Ausstrahlung und seine gewinnende Rhetorik in scharfem Kontrast zur entschiedenen (meist freundlich vorgetragenen) Verurteilung anderer Meinungen, die oft ohne Gehör der Betroffenen geschieht. Eine wirksame Korrektur dieses Zwiespalts und die Heilung der zahllosen Verletzungen setzt voraus, dass zahlreiche Sanktionen gegen Bischöfe, Ordensleute, Theologen, insbesondere Frauen (individuell und kollektiv) zurückgenommen oder wenigstens offen und fair besprochen werden. Dazu gehören die bekannten Fragen des Zölibats, der Frauenordination sowie der Sexualmoral. Entgegen aller Ungeduld muss klar werden, dass diese Fragen Kristallisationspunkte für ein umfassendes Menschen- und Kirchenbild bedeuten. Dies gilt auch für die unannehmbare und biblisch unhaltbare Behauptung, reformatorische Kirchen seien im eigentlichen Sinn keine Kirche. Das Pfingstfest wäre für eine solche Generalbereinigung ein schöner Augenblick.
Ein neues Programm?
Findet Benedikt XVI. jetzt den Mut, sich innerhalb einer Gemeinschaft von 1,
2 Milliarden Katholiken anderen Meinungen zu öffnen, die den vielfältigen
Kulturen, sozialen Situationen, der Rassen- und Genderproblematik Rechnung
tragen? Die Hoffnung ist groß und Überraschungen sind möglich. Gerade er als
Konservativer könnte er als neuer Papst eine Generalkorrektur einleiten.
Aber aus drei Gründen ist Realismus angesagt:
- Der neue Papst ist ein Intellektueller, der sein Handeln immer theoretisch und von breiteren Horizonten aus begründet, also nicht unbedacht über Bord wirft. Seinen Petrusdienst begreift er nach wie vor als Mittelpunkt der Christenheit; Unfehlbarkeit und Primat stehen für ihn nicht zur Diskussion.
- Wie er selbst sagt, sind seine Grundpositionen in ein platonisches Gesamtverständnis eingebettet. Das bedeutet: Die Wahrheit der Dinge lebt als Idee über der Welt. Was wahr ist, ist auch überzeitlich, unveränderlich und unsichtbar. Das führt zu einer Statik im Verstehen und in der Sprache des Glaubens.
- Der neue Papst wendet diese Überzeugung auch auf die Kirche und die christliche Lehre an. Die lokalen Glaubensgemeinschaften sind also in ein unsichtbares Ganzes aufgenommen, das sich durch geschichtliche Entwicklungen oder Brüche nicht ändern lässt.
Optimisten weisen darauf hin, dass diese Position auch positive Seiten hat, der neue Papst werde mit anderen Kirchen offene, sogar entspannte Gespräche führen, weil ihm seine eigenen essentials Sicherheit verschaffen. Im Zentrum seines Kirchenbildes steht aber nach wie vor die Eucharistie, die von einem geweihten männlichen Priester vollzogen wird. Der päpstliche Primat kann vielleicht seine monolithische Gestalt verlieren; über Aspekte juridischer Dezentralisierung ist ein Gespräch möglich. Diese Elemente führen in die Nähe der Orthodoxen Ostkirchen. Aber gegenüber den reformatorischen Kirchen sind umso weniger Lösungen zu erwarten, da sie gemäß Benedikt XVI. keine Sakramente kennen. Das gilt auch für die Beziehung zu anderen Religionen. Auch diese Beziehungen werden freundlich sein, aber die Überlegenheit der christlichen Religion wird nicht beschädigt. Auch die kritische Weltsituation, die vom Papst erkannt wird, ändert daran nichts.
Wer belehrt uns?
Ratzingers Interesse an der Zukunft Europas tritt vielleicht zurück, obwohl
er sich als Papst unter den Schutz des Benedikt von Nursia stellt. Aber das
Syndrom des Weltuntergangs, das er mit seinem Europabild entwickelt hat,
bleibt. Gemäß Ratzingers Buch über Bonaventura (1958) wird am Ende "der
simplex und idiota triumphieren über alle die großen Gelehrten".
Nennt sich der Papst deshalb einen "bescheidenen" Arbeiter im Weinberg des
Herrn? Will man Gelehrten und KritikerInnen weiterhin den Marsch blasen? Das
wäre nicht in Ordnung. Als Papst muss Ratzinger jetzt auf Menschen zugehen
und auch auf loyale Kritiker hören. Diejenigen aber, die seit Jahr und Tag
ebenfalls bescheiden im Weinberg des Herrn arbeiten, sollten mehr
Selbstbewusstsein entwickeln. "Die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt,
bleibt in euch, und ihr braucht euch von niemand belehren zu lassen. Alles,
was seine Salbung euch lehrt, ist wahr und keine Lüge" (1 Joh 2,27). Das ist
ein katholischer Satz. Er bestimmt das Gebot dieser Stunde, denn ein neuer
Papst an sich ändert die Lage der Kirche noch nicht.
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Prof. Dr. Hermann Häring
(geb. 1937) ist Professor für Theologie und Wissenschaftstheorie
an der Universität Nijmegen (Niederlande) und Direktor des
Heyendaal Instituts für Theologie, Wissenschaft und Kultur. In seinem Buch "Theologie und Ideologie bei Joseph Ratzinger" (Düsseldorf 2001) hat Prof. Häring auf dem Hintergrund von Ratzingers Werdegang herausgearbeitet, wie dieser sich an der Theologie vergangener Epochen orientiert und den Stand der theologischen Diskussion nicht zur Kenntnis nimmt, sondern autoritär übergeht. Charakteristisch für Ratzingers theologisches Denken ist ein ideologischer Grundzug, der die Zeichen der Zeit völlig verkennt. Sein persönliches Denken wie das Modell der römischen Glaubensüberwachung haben sich ad absurdum geführt. Hermann Häring:
Theologie und Ideologie bei Joseph Ratzinger. |
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