zuletzt aktualisiert: 07.09.2006
Initiative Kirche von unten

Hermann Häring

    

Bescheidene Arbeit im Weinberg 

- was ist zu tun?


Möglichkeit der Selbstkorrektur?
Einen Tag vor seiner Wahl zeichnete der neue Papst von der Weltlage ein apokalyptisches Bild. Er warnte die Kardinäle vor Marxismus, Liberalismus und Kollektivismus, vor Individualismus und Atheismus, vor Mystizismus, Agnostizismus und Synkretismus. "Es konstituiert sich eine Diktatur des Relativismus, die nichts als definitiv anerkennt und die als letztes Maß nur das Ich und seine Bedürfnisse lässt." Nach Meinung vieler hat dies zu seinem grandiosen Wahlsieg geführt. Die Kardinäle haben sich eindeutig für Kontinuität entschieden und in ihrer Ratlosigkeit einem 78-Jährigen eine ungeheure Last auferlegt. Aller Voraussicht nach wird dies den Reformstau verschärfen. Dafür gibt es Gründe:

Ein neues Programm?
Findet Benedikt XVI. jetzt den Mut, sich innerhalb einer Gemeinschaft von 1, 2 Milliarden Katholiken anderen Meinungen zu öffnen, die den vielfältigen Kulturen, sozialen Situationen, der Rassen- und Genderproblematik Rechnung tragen? Die Hoffnung ist groß und Überraschungen sind möglich. Gerade er als Konservativer könnte er als neuer Papst eine Generalkorrektur einleiten. Aber aus drei Gründen ist Realismus angesagt:

Optimisten weisen darauf hin, dass diese Position auch positive Seiten hat, der neue Papst werde mit anderen Kirchen offene, sogar entspannte Gespräche führen, weil ihm seine eigenen essentials Sicherheit verschaffen. Im Zentrum seines Kirchenbildes steht aber nach wie vor die Eucharistie, die von einem geweihten männlichen Priester vollzogen wird. Der päpstliche Primat kann vielleicht seine monolithische Gestalt verlieren; über Aspekte juridischer Dezentralisierung ist ein Gespräch möglich. Diese Elemente führen in die Nähe der Orthodoxen Ostkirchen. Aber gegenüber den reformatorischen Kirchen sind umso weniger Lösungen zu erwarten, da sie gemäß Benedikt XVI. keine Sakramente kennen. Das gilt auch für die Beziehung zu anderen Religionen. Auch diese Beziehungen werden freundlich sein, aber die Überlegenheit der christlichen Religion wird nicht beschädigt. Auch die kritische Weltsituation, die vom Papst erkannt wird, ändert daran nichts.

Wer belehrt uns?
Ratzingers Interesse an der Zukunft Europas tritt vielleicht zurück, obwohl er sich als Papst unter den Schutz des Benedikt von Nursia stellt. Aber das Syndrom des Weltuntergangs, das er mit seinem Europabild entwickelt hat, bleibt. Gemäß Ratzingers Buch über Bonaventura (1958) wird am Ende "der simplex und idiota triumphieren über alle die großen Gelehrten". Nennt sich der Papst deshalb einen "bescheidenen" Arbeiter im Weinberg des Herrn? Will man Gelehrten und KritikerInnen weiterhin den Marsch blasen? Das wäre nicht in Ordnung. Als Papst muss Ratzinger jetzt auf Menschen zugehen und auch auf loyale Kritiker hören. Diejenigen aber, die seit Jahr und Tag ebenfalls bescheiden im Weinberg des Herrn arbeiten, sollten mehr Selbstbewusstsein entwickeln. "Die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr braucht euch von niemand belehren zu lassen. Alles, was seine Salbung euch lehrt, ist wahr und keine Lüge" (1 Joh 2,27). Das ist ein katholischer Satz. Er bestimmt das Gebot dieser Stunde, denn ein neuer Papst an sich ändert die Lage der Kirche noch nicht.


Prof. Dr. Hermann Häring (geb. 1937) ist Professor für Theologie und Wissenschaftstheorie an der Universität Nijmegen (Niederlande) und Direktor des Heyendaal Instituts für Theologie, Wissenschaft und Kultur.

In seinem Buch "Theologie und Ideologie bei Joseph Ratzinger" (Düsseldorf 2001) hat Prof. Häring auf dem Hintergrund von Ratzingers Werdegang herausgearbeitet, wie dieser sich an der Theologie vergangener Epochen orientiert und den Stand der theologischen Diskussion nicht zur Kenntnis nimmt, sondern autoritär übergeht.

Charakteristisch für Ratzingers theologisches Denken ist ein ideologischer Grundzug, der die Zeichen der Zeit völlig verkennt. Sein persönliches Denken wie das Modell der römischen Glaubensüberwachung haben sich ad absurdum geführt.

Hermann Häring: Theologie und Ideologie bei Joseph Ratzinger.
215 Seiten, Patmos-Verlag, Düsseldorf 2001

Hermann Häring