zuletzt aktualisiert: 07.09.2006
Initiative Kirche von unten

Peter Hertel

    

Die Glaubenswächter 

vom Palazzo del Sant'Uffizio


Joseph Ratzinger ist "hoffnungsvoll" gestimmt über "das Aufbrechen neuer Bewegungen, die niemand geplant und die niemand gerufen hat, sondern die einfach aus der Vitalität des Glaubens kommen". Dabei denkt er an die "Charismatische Bewegung, an Neokatechumenat, Cursillo, Fokolare, Comunione e Liberazione". Er sieht in ihnen "so etwas wie eine pfingstliche Stunde der Kirche". Er selber lässt Sympathien vor allem für Comunione e Liberazione erkennen.

Der Kardinal aus Marktl am Inn leitet am Tiber als Präfekt die römische Congregazione per la Dottrina della Fede, die Glaubenskongregation. So herrscht er über den wuchtigen Palazzo del Sant' Uffizio, in dem die 1542 gegründete "Heilige Kongregation für die allgemeine Inquisition" saß und durch dessen Gänge immer noch geschäftige Monsignori in schwarzen, ungegürteten Soutanen eilen, als Wächter des katholischen Glaubens bemüht, ihn wie damals rein zu halten, wenn auch mit anderen, modernen Mitteln: sie ermahnen und weisen zurecht, notfalls verpassen sie dem Delinquenten den Maul­korb oder entheben ihn des Amtes, entziehen ihm Arbeit und Brot.

Manche nennen Ratzinger und seine Glaubenskongregation die "Wachhunde der Orthodoxie". Im Gegensatz dazu möchte der Glaubenspräfekt der Wahrheit dienen, den Glauben entfalten und die Kir­che vor Unheil bewahren. Aus seiner Sicht sind deshalb auch Straf­aktionen notwendig. Versucht man, sich vor seinen biographischen und theologischen Horizont und in seine Perspektive zu begeben, dann könnten sie einem sogar verständlich werden.

Während des Zweiten Vatikanischen Konzils hatte Professor Rat­zinger mit seinen Kollegen Karl Rahner und Hans Küng die progressive theologische Speerspitze des deutschen Katholizismus gebildet. Doch schon bald nach dem Konzil ließ sein Reformeifer nach. Sein Wendejahr war anscheinend 1968, das Jahr der Studentenrevolution. An den Universitäten wurden Professoren durch die "APO" (Außerparlamentarische Opposition) und "marxistische Studentenkader" verunsichert. Theologen fürchteten, dass "Marxismus" in die Kirche eindringe und dass die kirchliche "Basis" demokratische Strukturen einführen wolle. Sie setzten alles daran, die bestehende kirchliche Monarchie, die für sie göttlichem Willen entspricht, zu sichern. Zu ihnen gehörte der Dogmatikprofessor Ratzinger, der aus dem gärenden Tübingen ins abgelegene, eher betuliche Regensburg entfloh und eine merkwürdige persönliche Wandlung erlebte, die sich allerdings diskret, nach außen kaum sichtbar vollzog.

Schon Anfang der 70er Jahre hatte er die Federführung bei einem Gutachten für die Deutsche Bischofskonferenz, das die damalige Katholische Deutsche Studenten-Einigung (KDSE) anklagte, sie sei anfällig für den Zeitgeist der Studentenrevolution, habe die Botschaft Jesu im Sinne einer innerweltlichen, marxistischen Heilslehre ver­kürzt und den Glauben verfälscht. Es führte mit dazu, dass der katho­lische Akademikernachwuchs sich selbst liquidieren musste. Den Jungakademikern half es auch nicht, dass Karl Rahner und der münsterische Theologe Johann Baptist Metz, der Begründer der neueren Politischen Theologie, für sie Partei ergriff.

Mitte der siebziger Jahre agierte Ratzinger als Professor im Fall Küng. Die römische Akte des Tübinger Theologen stammt zwar ver­mutlich aus dem Jahre 1957. Sie wurde offenbar angelegt, als er seine Dissertation über das ökumenische Thema "Rechtfertigungslehre" geschrieben hatte. Schwierigkeiten bekam er aber erst, als er sich 1962 mit den "Strukturen der Kirche" beschäftigte.

1970 veröffentlichte Hans Küng ein weiteres Buch, in dem er sich mit der Unfehlbarkeit des Papstes auseinandersetzte. Es brachte ihm das spektakulärste Verfahren ein, das ein katholischer Theologe in diesem Jahrhundert mit seiner Kirche erlebt hat. Nach fünf Jahren endete der Prozess mit einer Überraschung: die Glaubenskongrega­tion unter Kardinal Šeper ermahnte ihn lediglich, er solle künftig seine Auffassungen über Papst und Kirche nicht mehr vertreten. Die­ser "Burgfrieden" war letztlich wohl auf den Münchner Kardinal Julius Döpfner, den damaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, zurückzuführen. Döpfner meinte dazu, der Verzicht auf eine Verurteilung Küngs künde von einem neuen Stil der geistigen Auseinandersetzung in der katholischen Kirche - eine Bemerkung, die weltweit Aufsehen erregte. Küng indes wiederholte seine Auffassungen weiterhin. Man gewöhnte sich daran.

Das Verhängnis nahte, als Kardinal Döpfner starb und Ratzinger überraschend sein Nachfolger als Erzbischof in München wurde. Küngs spontaner knapper Kommentar, nachdem er die Nachricht von Ratzingers Ernennung erhalten hatte: jetzt werde es ihm an den Kra­gen gehen. 1979 erreichte ihn tatsächlich der römische Bannstrahl. Der neue Kardinal Ratzinger war von Papst Johannes Paul II. in Privataudienz empfangen worden4 und hatte anschließend erklärt, Küng vertrete nicht mehr den katholischen Glauben5. Dabei nannte er einen Artikel, den Küng zum ersten Jahrestag des Pontifikats Johannes Pauls II. verfasst hatte.6 Darin hatte der Tübinger erneut Kritik am Papst und seinem Amt geübt.

Auch gegen den schon genannten Theologen Metz, dessen Politi­sche Theologie die - angeblich marxistisch durchwirkte - lateinamerikanische Befreiungstheologie beeinflusst hatte, wurde Ratzinger tätig. Als Münchener Erzbischof wirkte er auf den bayerischen Kul­tusminister Hans Maier ein, Metz gegen den Willen der Universitäts­vertreter nicht an die Münchener Universität zu berufen. Karl Rahner sah, wie er in einem öffentlich vorgetragenen Protest zum Ausdruck brachte, eine für die Kirche schädliche, "höchst verschlungene und verschleiernde Verfahrensweise".

1982 wurde der Münchener Kardinal neuer Präfekt der römischen Glaubenskongregation. Nun war er in eine Position gehievt, aus der er direkt eingreifen konnte, wenn er gefährliche Tendenzen arg­wöhnte. musste er früher Argumente vorbringen, um sich mit seinen Fachkollegen auseinanderzusetzen, so konnte er sie nun durch admi­nistrative Maßnahmen zum Schweigen bringen oder als kirchliche Außenseiter brandmarken und so ihren Einfluss begrenzen. Er war zum Richter unter seinesgleichen geworden.

Ehemalige Gesprächspartner wie der flämische Dominikaner Edward Schillebeeckx und der brasilianische Franziskaner Leonardo Boff, die ihm als ketzerisch erschienen, hatten nichts mehr zu lachen. Schillebeeckx hatte in den siebziger Jahren gesagt, dass das Amt in der Kirche von unten komme, nicht von oben. Aus der Sicht des Zweiten Vatikanischen Konzils war das eine Binsenwahrheit; denn jeder Gläubige ist zunächst einmal getaufter Christ und nicht gleich Bischof oder Papst. Aber die Kritiker unterstellten dem Theologen postwendend, er wolle die Basisgemeinden und die "kritischen Grup­pen" rechtfertigen. Alle gegenteiligen Beteuerungen nützten dem als vorsichtig bekannten Schillebeeckx nichts. Boff hatte schon 1972 geschrieben, das Streben in der Kirche nach Sicherheit sei in der Vergangenheit stärker gewesen als das nach Wahrheit und Echtheit. Spannungen würden oft durch repressive Mittel unterdrückt. Damals musste Ratzinger sich bemühen, Boff in Artikeln theologischer Zeit­schriften zu widerlegen und so die Autorität der kirchlichen Insti­tution und des Papstes zu verteidigen. Seit 1982 reichte es jedoch, angebliche Irrtümer oder auch nur "Gefährdungen" durch Erlasse zurückzuweisen; zum Beispiel erklärte Ratzingers Kongregation im April 1985: Boffs von ihr "analysierte Optionen" könnten "die gül­tige Glaubenslehre gefährden". Die Kongregation habe die Aufgabe, "die Lehre zu fördern und zu schützen".

Merkwürdig war, dass Ratzinger fast nur gegen diejenigen tätig wurde, die überlieferte Strukturen der Kirche und damit auch ihr Autoritätsgefüge öffentlich in Frage stellten. Zu Beginn der achtziger Jahre genoss der Befreiungstheologe Boff längst internationalen Ruf. 1981 veröffentlichte er auf portugiesisch das Buch "Kirche: Cha­risma und Macht", in dem er die kirchlichen Strukturen untersuchte und u. a. eine neue Machtverteilung zwischen Klerus und Laien for­derte. Aber erst vier Jahre später, als es in mehrere Sprachen über­setzt worden war und Boffs Thesen der Weltöffentlichkeit bekannt wurden, verpasste ihm Ratzinger den Maulkorb. Ganz ähnlich war es bei dem deutschen Theologen Eugen Drewermann: Der eigentliche Anstoß, gegen ihn vorzugehen, waren nicht seine den Insidern be­kannten theologischen bzw. psychologischen Aussagen, sondern sein Buch über die Kleriker10. Darin untersuchte er u.a. die Kirchenstruk­tur und die Stellung sowie die Psychologie des Klerus. Als 1989, kurz vor dem Erscheinen, erste Einzelheiten bekannt geworden waren, schrieb Kardinal Ratzinger dem Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt einen Brief: er solle Drewermann die kirchliche Lehrbefugnis entziehen.

"Kirchenstruktur" entpuppt sich als ein Schlüsselkonflikt. Damit verbindet sich auch die Einstellung zur kirchlichen Institution und zur Rolle des Papstes. Letztlich kommen zwei unterschiedliche Kirchenbilder zum Ausdruck, die man pointiert "monozentrisch" bzw. "polyzentrisch" nennen könnte: zum einen geht es um die Organisa­tion - hier ein Zentrum, das weltweit alles im Sinne der Einheitlich­keit leitet und überwacht, dort viele kleinere Zentren mit vielfältiger Pastoral, Theologie und Liturgie; zum andern um die Spiritualität und Mentalität: hier Zentralismus, dort Mannigfaltigkeit in den Ge­stalten des Glaubens und seiner Weitergabe.

Es ist klar, dass die zweite Alternative das traditionelle monar­chische System nicht nur hinterfragt, sondern auch gefährdet; denn sie betrachtet die Kirche nicht als straffes Autoritätsgefüge, das in Gehorsam auf die Spitze hin ausgerichtet ist, sondern gibt dem Einzelnen, vor allem seinem Gewissen, mehr Raum.

Glaubenshüter, die von einem ein für allemal festgelegten Kir­chenbild ausgehen, sehen die Kirche dadurch bedroht: wenn neue, auf mehr allgemeine Mitwirkung und Pluralismus angelegte Struktu­ren entstehen, wenn Laien mitentscheiden, sich auf ihr Gewissen be­rufen und sogar Maßstäbe setzen, ist dann nicht die monarchisch auf­gebaute Kirche selbst in Frage gestellt? Wer soll in einer solchen Kirche die Wahrheit rein erhalten? Es muss doch klare moralische, katholisch-moralische Maßstäbe geben, meinen sie. Würde das Volk, würden die Völker nicht viel Unkatholisches in die Kirche hinein­schleusen? Zum Beispiel: Marxistisches, Liberales, Protestantisches, "kulturelle Traditionen der Indianer und Afrikaner" (L. Boff)? Da erschrecken römische Monsignori wie einst ihre Vorfahren vor den "Horden der Barbaren": "Hannibal ad portas - Hannibal vor den Toren!" Heute heißt ihr Schreckensruf: "Das Kirchenvolk vor den Toren!"

Schutz und Hilfe scheinen ihnen die Gruppen zu bieten, die sich "papsttreu" nennen und die bestehende Männerkirche festigen. Darum wundert es nicht, dass Ratzinger als höchster katholischer Glaubenswächter ihnen gegenüber freundlich gesonnen ist, Milde walten lässt, wenn sie über die Stränge schlagen, um so ihr traditionalistisches Potential zu sichern. Nachdem zum Beispiel 1988 der französische Erzbischof Marcel Lefebvre, der das Zweite Vatikani­sche Konzil weitgehend ablehnte, vier Priester seiner Priesterbruderschaft St. Pius X. zu Bischöfen geweiht hatte und dafür mit der Exkommunikation bestraft worden war, bemühte sich Ratzinger erfolgreich, einige der erzkonservativen "abtrünnigen" Priester und Seminaristen mit Papst Johannes Paul II. zu "versöhnen".

Schon zwei Tage nach dem Bruch empfing er den Pius-Bruder Engelbert Recktenwald und sorgte - im Beisein des Papstes dafür, dass der Bitte Recktenwalds, eine eigene, romtreue Bruderschaft einrichten zu dürfen, schnellstens entsprochen wurde. Aus dem Piusbruder wurde ein Petrusbruder.

Die Bruderschaft St. Petrus feiert die Liturgie und spendet die Sakramente nach dem vorkonziliaren "Missale Romanum". Unmittelbar nach der Gründung wurde sie der neuen Päpstlichen Kommission "Ecclesia Dei" zugeordnet, die in Ratzingers Palazzo angesiedelt wurde. Deren Leiter ist heute Dario Kardinal Castrillón Hoyos, der Präfekt der Kleruskongregation. Schon bald fanden weitere Priester und Theologiestudenten, die mit der Richtung des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht zufrieden sind, ihren Weg in die neue geistliche Gemeinschaft. 60 Benediktinermönche des französischen Tradionalistenklosters Le Barroux und ihr Abt Dom Gérard Calvet kooperieren mit ihr.

1994 nahm die Kommission mit den Servi Jesu et Mariae (SJM) eine weitere neue geistliche Gemeinschaft auf. Auch diese traditionalistische Priestertruppe, die ebenfalls die vorkonziliaren Riten begeht, wurde zu einer "Kongregation päpstlichen Rechts". Sie ist aus der Katholischen Pfadfinderschaft Europas (KPE) hervorgegangen und betreut sie. Ihr Generaloberer, Andreas Hönisch, sieht die Jugend auf "vielen Irrwegen", was für ihn bis in das "Schamgefühl" und die Hosenmode für Mädchen geht. Die Arbeit des Priesterordens steht unter dem Schutz des "Unbefleckten Herzens Mariens".

Im Umkreis dieser Gruppen agieren einige weitere Vereinigungen, zum Beispiel die schon genannte Pro Missa Tridentina und der Förderkreis Ecclesia Dei. Kardinal Ratzinger seinerseits pflegt persönlich Kontakte zu Brüdern und Werken. Schon 1990 besuchte er die Petrusbruderschaft im deutschen Wigratzbad, 1995 las er bei den Mönchen von Le Barroux die feierliche Konventmesse im alten Ritus, in Weimar, der "Kulturhauptstadt Europas" des Jahres 1999, zelebrierte er in jenem Jahr auf der Jahresversammlung von Pro Missa Tridentina ein Pontifikalamt in der "Hochform" des Ritus, "den Goethe als den katholischen kannte und den die katholischen Bediensteten des evangelischen Herzogshauses allsonntäglich feierten" (R. Spaemann).

Man mag versucht sein, solche Ereignisse als folkloristische Ein­lagen oder kulturelle Nostalgien abzutun. Doch hinter dieser Liturgieform steckt mehr, wie zum Beispiel das Institut Christus König und Hoherpriester zu erkennen gibt. Ermutigt durch den veränderten vatikanischen Horizont, hat es sich ebenfalls in die Arme der päpstlichen Ecclesia-Kommission begeben und ist 1990 kirchenrechtlich errichtet worden. In dieser neuen geistlichen Gemeinschaft haben sich als "Familie" Priester zusammengefunden und ihr Institut der "Unbefleckt Empfangenen Jungfrau" geweiht in der Überzeugung, dass sie "nicht Amtsträgerin" ist, sondern "diejenige, die in der Kirche etwas weitergibt, das ebenso wichtig ist: Die Herzenshaltung des Priesters - erlernt von seiner himmlischen Mutter". Die Unterstützung der traditionellen Kirchenstruktur ist dabei verzahnt mit der Feier der tridentinischen Liturgie: "Wo die in fast zwei Jahrtausenden gewachsene Form der Liturgie gewahrt bleibt, dort bleibt der Geist des Glaubens bestehen!"


Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors entnommen aus dem Buch: