Referat von Holger App
Die
Errungenschaften des 20. Jahrhunderts nicht preisgeben – für die
protestantische Basiskirche
Sehr
geehrte Damen und Herren,
im Darmstädter
Wort, dessen 60tes Jubiläum den Anlass für diese Tagung bietet,
versuchten die Überlebenden der Bekennenden Kirche das Versagen der
evangelischen Kirche vor dem Nationalsozialismus zu verstehen. Dabei
werden vier Irrwege der Kirche konkret benannt:
Ein übersteigerter
Nationalismus
Eine
Haltung der Reformverweigerung
Ein
kompromissunfähiger Wahrheitsanspruch bei Fragen der
Wirklichkeitsgestaltung
Das
Versagen vor der Anfrage des Marxismus an die Gerechtigkeit im Diesseits
60 Jahre
später befinden wir uns in Deutschland in einer ungleich komfortableren
Lage: unser Vaterland liegt nicht in Trümmern, fast niemand muss Hunger
leiden und ideologische Grabenkämpfe in der Politik sind einem
Wettstreit um das bessere Management der öffentlichen Verwaltung
gewichen, von dem sich das Publikum zusehends gelangweilt abwendet.
Globalisierung und Klimawandel stellen uns zwar vor neue
Herausforderungen, doch bei aller Widersprüchlichkeit im Handeln der
politisch Mächtigen muss man zumindest für Deutschland konstatieren,
dass diese Herausforderungen als solche erkannt sind und an Lösungsansätzen
gearbeitet wird. Politisches Handeln von uns Bürgern findet mehr im
Supermarkt als an der Wahlurne statt: die Frage, ob wir Produkte aus
fairem Handel nutzen und die Ökobilanz unseres Konsums in unsere
Kaufentscheidungen einbeziehen ist politisch wirkmächtiger als die
Wahlentscheidung für die eine oder andere Partei. Die vollständige
Niederlage des „ökonomischen Materialismus der marxistischen Lehre“
(Zitat Darmstädter Wort) als Staatsdoktrin korrespondiert historisch
mit dem totalen Sieg des ökonomischen Materialismus als Lebensstil in
den westlichen und fernöstlichen Gesellschaften.
Doch
dieser totale Sieg des Kapitalismus hat auch seinen Preis. Der Markt
wird zur absoluten Macht, er expandiert in immer weitere Lebensbereiche.
Doch überdehnte Macht trägt immer die Saat des Terrors in sich: so führte
der überdehnte Machtanspruch des Nationalsozialismus zum Staatsterror
und heute erleben wir, wie der überdehnte Machtanspruch des Marktes
dazu beiträgt, ursprünglich spirituell motivierten Menschen den religiös
begründeten Terrorismus gerechtfertigt erscheinen zu lassen.
Wenn ich
hier also den Neo-Liberalismus kritisiere, dann um den Kapitalismus zu
schützen. Das marktwirtschaftliche Prinzip ist die beste Möglichkeit,
die materiellen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen und ermöglicht
nicht nur den Broterwerb sondern durch seinen Anreiz zur Eigeninitiative
auch Sinnstiftung. Doch wenn der Markt alles wird, wenn das Wissen darum
verloren geht, dass der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt, dann
droht das kapitalistische System – wie jedes absolut gesetzte System
– zu implodieren. Die Opposition zu einem solchen Marktradikalismus trägt
ihre Berechtigung in sich selbst, da allein das Wissen um mögliche
Alternativen die Machtüberdehnung des Kapitalismus in seiner
neo-liberalen Ausprägung einhegen kann.
Auch die
Autoren des Darmstädter Wortes wollten nicht den absoluten
Machtanspruch des Staates durch den absoluten Machtanspruch des Marktes
ersetzt sehen, sondern skizzieren in der ersten und siebten These eine
Gesellschaft, die Gottes Angebot der Versöhnung annimmt und so mit
„freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen (...) dem Recht, der
Wohlfahrt und dem inneren Frieden (...) dient“ (Zitat Darmstädter
Wort). Dass Versöhnung im Widerspruch zu einem Absolutheitsanspruch
steht, erlebe ich als Vater täglich im Umgang mit meinem Sohn. Nur wenn
ich meinen Sohn als eigenständige Persönlichkeit mit ihren eigenen
Erfahrungen und Werten respektiere und er umgekehrt akzeptiert, dass
mein Leben nicht nur darin besteht, sein Vater zu sein, können wir eine
Beziehung aufbauen, in der wir uns gegenseitig stärken. Die gegenwärtige
Debatte um die demographische Entwicklung in Deutschland schärft das
Bewusstsein dafür, dass Versöhnung nicht nur die Fürsorge des Vaters
für den Sohn sondern immer auch den Respekt des Sohnes gegenüber dem
Vater meint. Auch Kinder dürfen sich nicht absolut setzen, wenn Versöhnung
gelingen soll. Versöhnung begründet eine Gemeinschaft Verschiedener,
in der sich die gegenseitige Bereicherung der merkantilen Logik entzieht
und gerade nicht im monetären Äquivalent messbar ist.
Die von
Rom aus autoritär geleitete Denomination unseres christlichen Glaubens
erhebt zwar den Anspruch auf Umfassenheit, also Katholizität, tatsächlich
erlebe ich sie jedoch immer wieder als ausgrenzend, diskriminierend und
engstirnig auf ihrer Deutungshoheit für Gottes Wirken in der Welt
pochend. Auch hier begegnet uns wieder ein überdehnter Machtanspruch,
der zum kirchlichen Terror der Inquisition führte. In der „Konkordie
Reformatorischer Kirchen in Europa“ wird dagegen festgestellt, dass
„zwischen unseren Kirchen (...)
beträchtliche Unterschiede in der Gestaltung des Gottesdienstes, in den
Ausprägungen der Frömmigkeit und in den kirchlichen Ordnungen“ (Leuenberger
Konkordie; 28. Abschnitt) bestehen. „Dennoch vermögen wir nach dem
neuen Testament und den reformatorischen Kriterien der
Kirchengemeinschaft in diesen Unterschieden keine kirchentrennenden
Faktoren zu erblicken“ (ebd.) „Angesichts dieser Sachlage können
wir heute die früheren Verwerfungen nicht nachvollziehen“ (Leuenberger
Konkordie; 23. Abschnitt). Das demütige Bekennen früherer Irrtümer,
der Respekt vor Unterschieden ermöglicht eine Kirchengemeinschaft in
versöhnter Verschiedenheit. Basis hierfür waren jahrelange Lehrgespräche
der unterschiedlichen Konfessionen. Die Leuenberger Konkordie begreift
sich zwar richtigerweise als wichtigen Meilenstein in der Versöhnung
der unterschiedlichen reformatorischen Bekenntnisse, weiß aber zugleich
um das Prozesshafte der gewonnenen Einheit in Vielfalt und führt aus
„Die Kirchengemeinschaft verwirklicht sich im Leben der Kirchen und
Gemeinden. Im Glauben an die einigende Kraft des Heiligen Geistes
richten sie ihr Zeugnis und ihren Dienst gemeinsam aus und bemühen sich
um die Stärkung und Vertiefung der gewonnen Gemeinschaft.“
Die
Erkenntnis der Notwendigkeit, dass die Kirchengemeinschaft ständig neu
verwirklicht werden muss und man sich um die Stärkung und Vertiefung
der gewonnenen Gemeinschaft stets auf neue bemühen muss, schützt die
reformatorischen Kirchen vor einer Überdehnung ihres Machtanspruches.
Im Augsburger Bekenntnis und der Barmer Erklärung wendet sich die
evangelische Kirche zurecht gegen die Machtüberdehnung des Staates.
Doch heute ist es die Machtüberdehnung des Marktes, die uns den Raum für
gelingendes Leben zu rauben droht. Wenn der Neoliberalismus die
„Nutzenoptimierung“ zum eigentlichen Zweck des menschlichen Lebens
erklären will, wird er zu einer neu-heidnischen Herausforderung an die
kirchliche Lehre von der Erlösung durch Jesus Christus. Und wie vor der
neu-heidnischen Herausforderung des Nationalsozialismus steht die
Kirchenleitung in der Gefahr, diese Bedrohung nicht ernst genug zu
nehmen und so vor dieser Herausforderung zu versagen. Und selbst die
Evangelische Akademie ist vor einer solchen Gefahr nicht gefeit – heißt
doch die parallel stattfindente Veranstaltung „Perspektiven im
Gesundheitsmarkt“; vor 10 Jahren wäre noch vom Gesundheitswesen die
Rede gewesen. Und dies macht einen Unterschied: im Wort Gesundheitswesen
schwingt mit, dass ‚nicht marktfähige’ Elemente wie Empathie,
Zuwendung und Vertrauen gerade beim Thema Gesundheit eine wichtige Rolle
spielen, die bei der Konzentration auf den Gesundheitsmarkt verloren zu
gehen drohen.
Das
Impulspapier „Kirche der Freiheit“ der Perspektivkommission des
Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland übernimmt mit
Formulierungen wie „Marktanteilsverlust im Kerngeschäft“ (ebd., S.
23) und „Unternehmensorientierung (...) der Diakonie“ (ebd., S. 82)
die Begrifflichkeit der Hohepriester des Marktes, was nicht verwundern
kann, waren diese doch an der Abfassung dieses Impulspapiers maßgeblich
beteiligt und nach meinem Gefühl sind die kirchlichen Mitglieder der
Perspektivkommission ihnen auf den Leim gegangen. Man darf wohl zurecht
annehmen, dass Repräsentanten zentraler Institutionen der neoliberalen
Agenda-Setzung in Deutschland wie McKinsey, Deutsche Bank und Institut für
Demoskopie in Allensbach, die in der Perspektivkommission vertreten
waren, solche Begriffe nicht etwa ironisch-distanzierend gebrauchen. Die
Kirche, die sich im Impulspapier der Perspektivkommission präsentiert,
entlarvt nicht die neu-heidnische Ideologie des Neoliberalismus, sondern
macht sich mit ihr gemein; sie verbündet sich mit den Mächtigen, in
dem sie „protestantische Eliten (...) bewusst (...)fördern“ (ebd.,
S. 80) und die „synodalen Strukturen (...) einer kritischen Prüfung
im Blick auf ihre Zielorientierung und Effektivität“ (ebd., S. 29)
unterziehen will, erweisen sich diese doch als hinderlich bei der
Vereinnahmung der Kirche für die Mächte des Marktes. Zurecht erwarten
die Autorinnen und Autoren des Impulspapiers, dass „gerade bei
kirchlich Engagierten auf Widerstand“ (ebd., S. 39) zu treffen sei,
dem jedoch von vorne herein jede inhaltliche Berechtigung abgesprochen
wird, handelt es sich doch um „Empfindungen“ (ebd.) – also eine
rein emotionale Reaktion auf die dennoch als richtig bezeichnete
„Konzentration der Kräfte wie die von ihnen erhoffte Profilierung der
Inhalte“ (ebd.) Hier wird die Sprache verletzend und erzeugt damit
Widerstände.
Der
„notwendige Mentalitätswandel“ (ebd., S. 20), den konkreter zu
beschreiben sich das Impulspapier ziert, entpuppt sich so als ein Weg
weg von der nachfrageorientierten, am Wohl des Menschen orientierten
Kirche des 20 Jahrhunderts, die ihren Platz gemäß des Evangeliums bei
den Schwachen und Ausgegrenzten sucht, hin zu einer Kirche, die
„angebotsorientiert“ (ebd., S. 59) die „Stärkung der Stärken
(ebd.) vorantreibt. Aber einer solchen Kirche wird man anmerken, dass
sie – wie eine Firma – von der Sorge um ihr unabhängiges
Fortbestehen anstatt von Gottvertrauen und Heilszuversicht geprägt ist.
Blickt man heute, anlässlich einer Tagung zum 60ten Jahrestag des
Darmstädter Wortes auf diese im Impulspapier beschriebene Kirche, so fällt
mir zu dieser Zielbeschreibung nur ein: Geschichte ereignet sich als
Tragödie und wiederholt sich als Farce.
Aber die
Wiederholung alter Fehler ist nicht zwangsläufig. Der Mensch ist nicht
nur ein soziales sondern auch ein intelligentes Wesen und kann daher aus
Fehlern lernen. Ein Weg, um Fehler zu erkennen und Konsequenzen daraus
zu ziehen, besteht darin, ein Idealbild zu entwerfen, wie wir uns das
Zusammenleben mit unseren Artgenossen vorstellen, den Ist-Zustand vor
diesem Hintergrund immer wieder zu analysieren, um so Schritte
definieren zu können, die den Ist-Zustand dem Ideal annähern und frühere
Maßnahmen in Bezug auf ihre Wirksamkeit überprüfen zu können. Eine
solche Vorgehensweise, die auch das Impulspapier ansatzweise versucht,
nennt man – und hier will ich eine Ehrenrettung des Begriffs versuchen
- Ideologie. Nun ist es offensichtlich, dass es sowohl im Hinblick auf
das Ideal als auch auf die Analyse des Ist und nicht zuletzt bezüglich
der Eignung konkreter Schritte, eine Gesellschaft vom Ist zum Ideal zu führen,
Meinungsunterschiede geben kann. Das Darmstädter Wort benennt in der
vierten und fünften These solche Unterschiede und die Härte des
Streits, der sich an solchen Fragen entzünden kann. Wenn sich nun in
einem solchen Streit eine Ideologie durchgesetzt hat, ist es also eine
plausible Strategie der siegreichen Fraktion, die im Sinne ihres
Idealbildes in Gang gesetzten gesellschaftlichen Prozesse als zwangsläufig
und naturgesetzlich und damit über jeden Streit erhaben darzustellen.
Damit wird der Sachzwang zum Euphemismus für die Unterwerfung unter die
aktuell herrschende Ideologie. Nun führt der Ratsvorsitzende der EKD,
Bischof Huber, in seinem Vorwort zum Impulspapier der
Perspektivkommission aus: „Eine (...) Antwort auf solche Prognosen
kann nur darin bestehen, gegen den Trend wachsen zu
wollen“ (ebd., S. 7; Hervorhebungen durch den Autor). Diese
Formulierung ist für mich eine Unterwerfungsgeste gegenüber der
wachstumsfixierten Ideologie des Neoliberalismus, da die aufgestellte
Behauptung quasi naturgesetzlich und damit mit dem Anspruch auf
Unangreifbarkeit aufgestellt wird und der intendierte gesellschaftliche
Prozess im Einklang mit den Postulaten der herrschenden Ideologie steht.
Dass im weiteren Verlauf des Impulspapiers der Perspektivkommission
bestehende kirchliche Aktivitäten auf den Prüfstand gestellt werden,
steht nicht im Widerspruch zu der Wachstumsideologie des
Neoliberalismus, gehört doch das Abstoßen von wachstumsschwachen
Rand(-gruppen?)-Aktivitäten zum Repertoire des Shareholder Value, da
damit die Erwartung verknüpft wird, dass eine Organisation wie ein
Rosenstrauch kräftig zurückgeschnitten werden muss, um im Folgenden um
so kräftiger wachsen und blühen zu können.
Jede
weitere Detailkritik an der Statusbeschreibung, der Zielformulierung und
der Angemessenheit der vorgeschlagenen Maßnahmen im Impulspapier der
Perspektivkommission führt mich immer wieder zu dem einen
Hauptkritikpunkt zurück: das Papier verficht eine Ideologie, in der
Wachstum allein quantitativ begriffen wird und zuvorderst der
finanziellen Absicherung der hauptamtlich bestallten Gralshüter dienen
soll. Damit wird es Zeit für eine ideologische Auseinandersetzung; dafür
eine Gegenposition zu entwickeln, die aus meiner Sicht folgende
Kriterien erfüllen muss:
Die
Gegenposition benennt die ihr zugrunde liegende Ideologie explizit und
macht sich damit bewusst angreifbar.
Die
Gegenposition fragt zuerst, was heute für die evangelische Kirche
richtig und notwendig in Bezug auf das formulierte Idealbild von Kirche
ist und erst dann nach der erforderlichen finanziellen Ausstattung und
wie diese gesichert werden kann.
Die
Gegenposition vertraut auf die spirituelle Kraft und Lebendigkeit der
Gemeinden anstatt das Heil der Kirche in solide finanzierten
hauptamtlichen Strukturen zu suchen.
Die
Gegenposition bezieht die Fähigkeit des Menschen zu Empathie und
Altruismus in ihre Überlegungen ein und verweigert sich damit der Überdehnung
des kapitalistischen Prinzips der Nutzenoptimierung.
Die
Gegenposition verzichtet auf quantifizierbare Zielvorgaben kurz vor dem
St.-Nimmerleinstag und konzentriert sich statt dessen darauf, schnell
umsetzbare Maßnahmen zu beschreiben und deren längerfristigen
Auswirkungen zu skizzieren.
Die
Gegenposition entstammt nicht einem anonymen Gremium sondern der
Lebenswirklichkeit einer konkreten, benannten Person.
Meine
Auseinandersetzung mit dem Impulspapier der Perspektivkommission wäre
demnach unvollständig, hätte ich nicht versucht, eine solche
Gegenposition aufzuschreiben. Dabei ist die von mir vorgelegte
Erwiderung mit dem Titel „Aktive Gemeinde in gemeinsamer
Verantwortung“ sicher nur eine der vielen möglichen Gegenpositionen
zum Impulspapier der Perspektivkommission. Ich würde mich freuen, wenn
möglichst viele Menschen meinem Beispiel folgen und ihre
Idealvorstellung von Kirche aufschreiben, ihre konkreten Vorschläge öffentlich
machen und so zu einer lebendigen Diskussion beitragen, in der sicher
auch das Impulspapier der Perspektivkommission einen berechtigten Platz
einnehmen wird.
Meine
Erwiderung fällt mit 36 Seiten zwar deutlich kürzer aus als das
Impulspapier der Perspektivkommission, dennoch kann und will ich es
Ihnen hier und heute natürlich nicht vorlesen. Lassen Sie mich also
versuchen, einige Kernthesen exemplarisch herauszugreifen.
Ausgehend
von einer religiös-konfessionellen Darstellung meines evangelischen
Glaubens versuche ich in meiner Erwiderung auf das Impulspapier der
Perspektivkommission Aufgaben und Ziele der Kirche wie dieses in 12
Thesen auszubreiten, die ich 4 Themenkreisen zugeordnet habe. Der
Begriff „Leuchtfeuer“, den die Autorinnen und Autoren des
Impulspapiers für ihre Thesen gewählt haben, wurde zurecht und aus
berufenerem Munde als meinem kritisiert. Ich habe daher als Überbegriff
das Wort „Landmarke“ gewählt – ein topographisches Merkmal in der
Landschaft, das – natürlich oder vom Menschen gemacht – einen
Orientierungspunkt bietet und auf ein bestimmtes Ziel hinweißt. Dabei
bleibt es jeder und jedem selbst überlassen, ob er bzw. sie das von
einer Landmarke angezeigte Ziel für erstrebenswert hält, oder ob er
oder sie es lieber links liegen lässt.
Im ersten
Themenkreis, den ich mit „Die evangelische Kirche ist eine
Gemeinschaft aktiver Gemeindemitglieder“ überschrieben habe, versuche
ich in drei Landmarken zu den Themenkreisen Gottesdienst, Kirchengebäude
und kirchenleitende Gremien darzustellen, wie die evangelische Kirche in
und durch ihre Gemeinden Beheimatungskraft für ihre Mitglieder
entfaltet, in dem sie sie aktiv in die Aufgaben und Vollzüge
einbezieht. Selbstverständlich spielen dabei auch die hauptamtlichen
Mitarbeiter eine wichtige Rolle – nur mit Ehrenamtlichen wird die
Kirche nicht auskommen. Auch das Impulspapier betont zum Beispiel im 5.
Leuchtfeuer die Wichtigkeit der ehrenamtlichen Arbeit, dies wird jedoch
durch einen Satz im 3. Leuchtfeuer konterkariert, in dem die
Feststellung, dass hauptamtliche Arbeit aus Kostengründen reduziert
werden musste und weiter reduziert werden muss in der Feststellung mündet
: „Die Last der Arbeit und der Verantwortung verteilt sich dadurch auf
weniger Schultern“ (ebd., S. 60). Die im fünften Leuchtfeuer
versprochene Würdigung des ehrenamtlichen Engagements wird so fragwürdig,
da es offensichtlich weder Arbeit noch Verantwortung beinhaltet. Im
Gegensatz dazu versuche ich eine Kirche zu skizzieren, in der die Last
der Arbeit und Verantwortung ganz wesentlich auf viele ehrenamtliche
Schultern verteilt ist und die Hauptamtlichen sich damit einerseits auf
die Verkündigung und schriftgemäße Verwaltung der Sakramente
konzentrieren können und andererseits die Koordination und Organisation
ehrenamtlicher Arbeit übernehmen. Dies führt mich zu der Forderung, in
allen Leitungsgremien der evangelischen Kirche eine 2/3-Mehrheit der
Ehrenamtlichen in den entsprechenden Kirchenordnungen festzuschreiben.
In Bezug
auf die Kirchengebäude will die Perspektivkommission „die Kirche im
Dorf lassen“ und bleibt so ratlos vor der Situation in den östlichen
Gliedkirchen, stehen doch „auf diesem Gebiet bei knapp 8 Prozent der
Mitglieder 40 Prozent aller evangelischen Kirchen“ (ebd., S. 25). Als
überzeugter Stadtmensch sehe ich nach dem Wegzug des Einzelhandels aus
den Dörfern und der allmählichen Ausdünnung der medizinischen
Versorgung im ländlichen Raum durch die Schließung der Kirchen eher
die Chance, die Menschen dort aus ihrer selbstgewählten Isolation zu
befreien und sie in die Städte zu locken, deren Luft ja sprichwörtlich
frei macht. Die zitierte Untersuchung der Kirchlichen Stiftung zur
Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler (KiBa), dass lediglich 5 bis maximal
10 Prozent der Kirchengebäude aufgegeben werden könnten, kann mich
nicht überzeugen, da ich mich hier ausnahmsweise mit Friedrich Merz
einig fühle: wer den Sumpf trocken legen will, sollte nicht die Frösche
nach ihrer Meinung fragen. Nein – für den ländlichen Raum schlägt
mein Herz nicht – umso mehr wünsche ich mir eine weitere
Gegenposition vielleicht gerade aus dem Bereich der Landfrauen. Mich lässt
die Entscheidung, außerhalb des Zentrums einer Großstadt leben zu
wollen, einfach ratlos zurück und ich würde hier gerne etwas lernen!
Im zweiten
Themenkreis beschäftige ich mich mit der inneren und äußeren Mission
und auch hier wieder vor allem mit der Frage, wie Ehrenamtliche stärker
eingebunden werden und zwar so, dass sie sich nicht nur als schmückendes
Beiwerk und handwerkliche Handlanger begreifen, sondern die jeweilige
Aufgabenstellung zu ihrem eigenen Anliegen machen, für das sie sich
nicht nur verantwortlich fühlen, sondern für das sie auch wirklich
verantwortlich sind. Das erhöht das Risiko des Scheiterns, wenden Sie
ein? Ja, das tut es. Aber was wäre das Christentum ohne die Erfahrung
des Scheiterns? Als Christus am Kreuz hing, erlebten dies die Jünger
als das absolute und totale Scheitern ihres Traums von einer besseren
Welt und dann geschieht das Wunder: Gott selbst widersetzt sich diesem
Scheitern und zeigt uns mit der Auferstehung wie kleingläubig wir doch
sind, wenn wir uns vor dem Scheitern fürchten. Aus jedem Karfreitag
kann durch Gottes Gnade und Macht ein Ostersonntag werden. Geben wir in
unserer perfekt durchorganisierten Kirche dem Heiligen Geist überhaupt
noch eine Chance? Daher traue ich uns Ehrenamtlichen auch zu, im Bereich
der inneren Mission wesentliche Beiträge leisten zu können. Und dabei
fürchte ich mich auch nicht vor „Proselytenmacherei“ – erst das
Zeugnis Maria Magdalenas von der Auferstehung des Gekreuzigten lässt
die Jüngerinnen und Jünger Jesu von einer jüdischen Erweckungssekte
zur christlichen Kirche reifen – und was soll ich von einer Konfession
halten, in dem die Geschlechtsgenossinen ihrer eigentlichen Gründerin
von Ämtern ausgeschlossen bleiben?
Habe ich
es mir in den ersten beiden Themenkreisen mit der Landbevölkerung und
den gutmenschlichen Harmonie-Ökumenikern verscherzt, bringe ich im
dritten Themenkreis nun Pfarrerinnen und Pfarrer sowie
Religionslehrerinnen und Religionslehrer gegen mich auf. Während ich
ersteren „nur“ den Beamtenstatus wegnehmen will, plädiere ich bei
den letztgenannten gleich für die Abschaffung des Berufsstandes. Und
auch die Kirchenjuristen werden wohl nicht zu den euphorischen Befürwortern
meines Papiers gehören, plädiere ich doch für die Abschaffung der
kircheneigenen Arbeitsgerichtsbarkeit. Auch wenn viele Menschen im öffentlichen
Dienst aus Artikel 33 Abs. 5 den Kernbestand des Grundgesetzes
destillieren wollen, so bin ich doch der Meinung, dass die
„hergebrachten Grundsätze des Berufsbeamtentums“ keine göttlich
offenbarte Wahrheit darstellen und somit zumindest im Bereich der Kirche
hinterfragt werden können. Die finanziellen Herausforderungen, die ja
wesentlicher Anlass für die Erstellung des Impulspapiers der
Perspektivkommission sind, sind nicht zuletzt auf die
Pensionsverpflichtungen gegenüber den Kirchenbeamten zurückzuführen.
In dem von der Perspektivkommission so häufig als Anhaltspunkt
genommenem Jahr 2030 werden vielmehr diese Pensionslasten
voraussichtlich höher sein als die Gehälter der dann im aktiven Dienst
stehenden kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Der
konfessionelle Religionsunterricht ist nicht nur in den neuen Bundesländern,
wo er oft nur noch weniger als 5% der Schülerinnen und Schüler
erreicht, unter Begründungsdruck, vielmehr sollte sich die Kirche
fragen, ob sie wirklich gut beraten ist, die Glaubenstradierung einer
staatlichen Institution zu übertragen anstatt sie den
Parochialgemeinden zu überlassen und so die Kinder und Jugendlichen an
die Gemeinden heranzuführen. Die Theologische Erklärung der
Bekenntnissynode von Barmen meint hierzu: „Wir verwerfen die falsche
Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag
hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und
also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen.“ Worin liegt die
Bestimmung der Kirche, die nicht durch die staatliche Ordnung übernommen
werden darf? Gehört hierzu nicht auch und vor allem die Weitergabe des
Glaubens an die nachwachsenden Generationen?
Der vierte
und letzte Themenkreis widmet sich den kirchlichen Finanzen. Wie auch
das Impulspapier der Perspektivkommission halte ich die Kirchensteuer für
ein unverzichtbares Instrument der Finanzierung kirchlicher Arbeit. Ich
halte sie aber nicht nur für wichtig, sondern auch für gut begründet
und unterziehe mich im Gegensatz zur Perspektivkommission der Mühe,
eine Begründung zu liefern. Wie Herr Gundlach heute Vormittag ausführte,
hat Qualität ihren Preis; warum werden dann im Impulspapier der
Perspektivkommission die Kirchensteuersätze tabuisiert? Gibt es dafür
einen anderen Grund als die Steuersenkungsideologie der neo-liberalen
Apologeten des vermuteten Mehrheitswillens?
Aber es
geht nicht nur um die Einnahmeseite der Kirche, es geht auch um die
Ausgaben. Ich bin der Überzeugung, dass auch und gerade im Bereich des
diakonischen Handelns der Kirche eine Prioritätensetzung erfolgen muss,
nach der entschieden wird, welche Aufgabenstellungen auch weiterhin
durch den Einsatz von Kirchensteuermitteln sicher gestellt werden und wo
die kirchliche Trägerschaft einer Einrichtung verzichtbar ist. Das
Impulspapier lässt die Frage danach, was denn künftig wegfallen soll,
weitgehend unbeantwortet bzw. ergeht sich in Allgemeinplätzen, so dass
jeder Widerstand dem Versuch nahe kommt, einen Pudding an die Wand
nageln zu wollen; und das macht aggressiv. Ich behaupte keinesfalls,
dass die von mir vorgelegte Prioritätenliste der Weisheit letzter
Schluss ist, aber sie ist immerhin konkret, so dass man sich darüber
streiten und ggf. zu einem abweichenden Ergebnis kommen kann. Abschließend
werbe ich dann für einen Ausbau der wirtschaftlichen Aktivitäten der
evangelischen Kirche, die zur Absicherung der bestehenden und künftiger
Pensionsverpflichtungen einen Beitrag leisten können.
Meine sehr
geehrten Damen und Herren, ich würde mich freuen, wenn Sie sich im
Folgenden und heute Abend mit mir heftig über meine Thesen streiten.
Denn wenn möglichst viele an einem Diskussionsprozess beteiligt sind, wächst
die Chance, dass dabei die beste Lösung gefunden wird. Ich habe meinen
Beitrag zu dieser Diskussion im wesentlichen während einer privaten
Urlaubsreise in Asmara/Eritrea zu Papier gebracht und die Situation in
diesem diktatorisch regierten Land hat mir deutlich vor Augen geführt,
um wie viel schlechter Lösungen ausfallen, wenn sie von oben diktiert
werden anstatt in einem Diskussionsprozess erarbeitet zu werden. Daher
will ich trotz aller Kritik am Inhalt des Impulspapiers der
Perspektivkommission und der Leitung der EKD vor allem auch meinen Dank
aussprechen, dass dieses Papier zur Diskussion gestellt wird und so im
Widerstreit mit anderen Meinungen hoffentlich Lösungen gefunden werden,
die dazu beitragen, die evangelische Kirche über ihren 500ten
Geburtstag hinaus als einen Ort freudig gelebter Spiritualität zu
bewahren.
Die Zwiespältigkeit
des von mir gewählten Titels für den heutigen Beitrag – die
Errungenschaften des 20. Jahrhunderts nicht preisgeben – für die
protestantische Basiskirche – ist mir am heutigen Tag durchaus
bewusst. Die ersten Landesbischöfe, die nach Ende des landesherrlichen
Kirchenregiments zu Beginn des 20ten Jahrhunderts ins Amt kamen und ja
erst langsam lernen mussten, das rein geistliche Amt des evangelischen
Bischofs mit Inhalt zu füllen, konnten sich der Unterstützung einer
breiten Mehrheit der evangelischen Kirchenmitglieder sicher sein, als
sie sich in den 30 Jahren auf die Seite der Nazis stellten oder
zumindest nach einem möglichst konfliktfreien Verhältnis zur neuen
Staatsmacht suchten. Die Bekennende Kirche war nicht in erster Linie
durch Ehrenamtliche geprägt sondern durch einige mutige Amtsträger,
die den Irrweg des Nationalsozialismus erkannten und ihr Leben aufs
Spiel setzten, um Gott die Treue zu halten. Ich denke hier insbesondere
an die Märtyrer Jochen Klepper und Dietrich Bonhoeffer, die mir bis
heute in ihren überlieferten Liedern Trost und Mut spenden. Ihr Erbe
verpflichtet uns, die Orientierung an den Schwachen und Verfolgten, die
Verankerung der Kirche als kritisches Gegenüber und nicht Teil des
Staates nicht nur nicht preiszugeben sondern weiter zu entwickeln
Ich danke
Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
