Zwangsarbeiter in der Kirche - Bernd H. Göhrig - Kirche, Zwangsarbeiter und Entschädigung
„Im
Hause des Henkers soll man nicht vom Strick reden;
sonst hat man Ressentiment.“
Theodor W. Adorno
Eine
Recherche
Im Herbst `99 beginne ich zu
fragen: „Kannst Du Dir vorstellen, dass auch bei den Kirchen
Zwangsarbeiter beschäftigt waren?“ – engagierte ChristInnen,
Professoren, kirchlich Desinteressierte oder Journalisten antworten:
„Nein, kann eigentlich nicht sein. Wenn, dann in der ev. Kirche, bei den Deutschen
Christen. Warum auch? Interessiert auch niemand mehr.“
Ist es eine Frage der Generation? Die Befragten sind älter als ich, als die
Generation der heute 25-35jährigen. Oder Desinteresse? Muss endlich Schluss
sein mit wiederkehrenden Debatten über die Zeit des NS, über das Verhalten
der Kirchen? Dann ist es kein Skandal, dass erst die Recherchen des
Fernsehmagazins „Monitor“ die römisch-katholische Kirche zu
Nachforschungen veranlassen, obwohl diese Republik bereits seit Jahren mit
dem Thema umgeht? Neue Erkenntnisse müssen dann schnell verarbeitet werden,
bevor sie zu sehr stören. Das ist die Mentalität des Schlussstrichs, die
in der „Walser-Bubis-Debatte“ nicht nur in den Feuilletons fröhlich
Urständ feierte – nicht nur, wie die „Stiftungsinitiative der deutschen
Wirtschaft“ anschaulich macht.
Die Stiftungsinitiative
„Erinnern, Verantwortung und Zukunft“
Am 6. Juli 2000 beschließt der Bundestag per Gesetz die Einrichtung
einer Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ zur Entschädigung
von NS-Zwangsarbeitern, dotiert mit 10 Milliarden Mark, die zur Hälfte von
Staat und Wirtschaft aufgebracht werden; der Anteil der Wirtschaft kann
steuermindernd geltend gemacht werden. Die Gesamtsumme von 10 Milliarden
Mark wird wie folgt aufgeteilt: 8,1 Milliarden dienen der „Entschädigung“
der ehemaligen ZwangsarbeiterInnen; 1 Milliarde steht für Vermögensschäden
zur Verfügung; mit 700 Millionen wird ein sog. „Zukunftsfonds“
ausgestattet, mit dem soziale Projekte für Shoah-Opfer, Jugendaustausch
oder der Erhalt historischer Orte finanziert werden sollen. Die
Verwaltungskosten werden mit 2oo Millionen Mark veranschlagt.
Bislang haben über 4.000 Unternehmen für den Wirtschaftsfonds
gezeichnet – aber noch immer fehlen etwa 1,7 Milliarden Mark; zwar erhöhte
sich die Zahl der Unternehmen seit Anfang Juli um 1.000, doch die
Gesamtsumme stagniert seither bei etwa 3,3 Milliarden Mark.
Ein weiterer Grund für die Verzögerungen liegt die Intention der
„Initiative“: Es geht um „Rechtssicherheit“ für deutsche
Unternehmen vor allem in den USA. Derzeit sind noch über 30 Sammelklagen
gegen deutsche Konzerne vor US-Gerichten anhängig, über die frühestens im
November befunden wird. Bevor „Entschädigungszahlungen“ erfolgen, müssen
diese Klagen vom Tisch. Danach soll der Bundestag feststellen, ob das Zurückweisen
der Sammelklagen in den USA ausreicht. Erst dann könnte mit den ersten
Auszahlungen begonnen werden – theoretisch, denn praktisch erfolgt nun
erst der Aufbau der nötigen Administration bzw. das Aushandeln der Verträge
mit den Organisationen in Osteuropa, die mit der Auszahlung beauftragt
werden. All dies ist wird jedoch letztlich davon abhängen, ob die
Gesamtsumme im Fonds aufgebracht werden kann.
Ausgezahlt wird nach 3 Kategorien: von bis zu 5.000 DM bei Deportation
aus dem Heimatland bis zu 15.000 DM bei Zwangsarbeit in KZ, Ghetto und
Haftstätte; außerdem bis zu 15.000 DM bei Vermögensschäden im
Zusammenhang mit rassistischer Verfolgung unter Beteiligung deutscher
Unternehmen, etwa die „Arisierung“ jüdischer Betriebe.
Opferorganisationen in Osteuropa werden mit der Auszahlung beauftragt.
Schätzungen über die Anzahl der noch lebenden Betroffenen schwanken
zwischen 700 000 und 1,5 Millionen, was daran liegt, dass manche
Opfergruppen nicht immer berücksichtigt werden, etwa Opfer von
Menschenversuchen oder Kinder von Zwangsarbeiterinnen.
Der
eigene Weg der röm.-kath. Kirche - ein Fehler?
Nach der Veröffentlichung
der Recherchen des ARD-Magazins „Monitor“ am 19. Juli 2000 kann auch die
römisch-katholische Kirche nicht mehr so tun, als hätte niemand etwas gewusst:
Es war in vielen Einzelfällen lange bekannt, dass auch Einrichtungen der
Kirche an der Ausbeutung von Verschleppten beteiligt waren und von deren
Sklavenarbeit profitiert hatten. Auch wenn die Betroffenen hier oft besser
behandelt wurden. Skandalös das Schweigen, obwohl in der Öffentlichkeit
schon lange die Diskussion über ehemalige Zwangsarbeiter geführt wird,
skandalös auch das Abwiegeln kirchlicher Stellen, von Schuld könne nicht
gesprochen werden.
Kurz nach der Veröffentlichung der Recherchen wird von verschiedenen
Seiten umgehend die Forderung erhoben, die römisch-katholische Kirche müsse
sich - ebenso wie die evangelische Kirche - an der Stiftungsinitiative der
Wirtschaft beteiligen. Die Deutsche Bischofskonferenz geht jedoch einen
anderen Weg, und dafür ist ihr zu danken. Mit erstaunlicher Eile werden
bald die notwendigen Schritte in die Wege geleitet und zugleich einige
wichtige Kritikpunkte an der Stiftungsinitiative der Wirtschaft aufgegriffen
und vermieden:
·
Notwendig ist ein rascher Auszahlungsmodus, denn nur noch geschätzte
10 % der ehemaligen kirchlichen ZwangsarbeiterInnen sind derzeit noch am
Leben: Ende Oktober/Anfang November sollen die ersten Zahlungen erfolgen.
Hier ist nicht wichtig, ob die AntragstellerIn doppelt und dreifach überprüft
wird und ob ein gewisser Prozentsatz des zur Verfügung stehenden Geldes
falsch ausgezahlt wird, sondern schnell muss es gehen.
·
Notwendig ist die Nutzung der eigenen, bereits bestehenden
kirchlichen Strukturen, in diesem Fall die „Caritas“. Es wäre fahrlässige
Zeitverschwendung gewesen, erst den Aufbau neuer Strukturen abzuwarten.
·
Notwendig ist eine lange Meldefrist: Bis Ende 2002 nimmt der
kirchliche Fonds Anträge entgegen. Die 8-Monatsfrist des Wirtschaftsfonds
ist eindeutig zu kurz, verdeutlicht jedoch das primäre Interesse dieser
Initiative nach einem baldigen Schlussstrich, verschleiernd mit dem Begriff
„Rechtssicherheit“ bezeichnet.
Ist es falsch, dass die römisch-katholische Kirche ein anderes Verfahren
wählt? Die öffentliche Gesellschaft in unserem Land hat sich mit übergroßer
Mehrheit darauf geeinigt, die Stiftungsinitiative von Staat und Wirtschaft
mit der Weihe eines nationalen Konsens zu versehen. Nicht nur
Wirtschaftsunternehmen, sondern auch Kommunen wie Bad Vilbel, NGO´s wie Pax
Christi und zahlreiche Einzelpersonen, Prominente wie Hartmut von Hentig
beteiligen sich mit großen Summen. Viele sind ehrlich bemüht, denn die
Zeit drängt – doch angesichts der strukturell verankerten Verzögerung
der Stiftungsinitiative (siehe oben) frage ich mich als Angehöriger der jüngeren
Generation: Warum erst jetzt? Warum jetzt so? Warum nicht schneller? Ist
dieser nationale Fonds also nicht doch Ausdruck des schlechten Gewissens älterer
Generationen?
Eigentlich müsste mittlerweile klar sein: Es geht nicht um deutsche
Befindlichkeiten, sondern darum, daß Jahrzehnte lang die nach Deutschland
verschleppten Zwangsarbeiter keine Form der „Entschädigung“ erhielten.
Die Mehrzahl von ihnen ist nicht mehr am Leben, letztlich kommt jede Zahlung
zu spät. Wenn der Sonderweg der Kirche dazu führt, dass viele der noch
lebenden Betroffenen eine kleine finanzielle Geste noch erhalten, gibt es
nichts, was gegen diesen Weg spricht.
Bernd Hans Göhrig
Erstveröffentlichung Querblick 3/2000, Zeitschrift der IKvu
