KOMMENTAR
Tumber Provinzialismus: Fürstin und Kardinal im Gespräch
Während noch alle Welt den sonntäglichen Niedergang
der ältesten deutschen Partei bekalauerte und genüsslich alle Detailfragen
der Rücktrittsliturgie des Parteivorsitzenden ans Licht gezerrt wurden,
konnten sich 2 Tage danach, am späten Dienstagabend, Freunde des verwegenen
„Polit“-Talks an einem Schauspiel ergötzen, das dem Spektakel vom
Sonntag in nichts nachstand:
Präsentiert wurde der Zwischenbericht des Projektes „Talfahrt deutscher
Katholizismus“ unter der Überschrift „Adel und höherer Klerus“:
Sandra Maischberger moderierte das Autorinnenduo Joachim Meisner, Kardinal
und Bischof in Köln am Rhein, und Gloria, Fürstin von Thurn und Taxis, die
mit vereinten Kräften ein Buch zustande gebracht hatten – das jedoch an
diesem Abend keine Rolle spielte. Mit Grund? Wir werden es nicht mehr
erfahren.
An diesem Abend feierte der katholische Provinzialismus, die beschränkte
Geist(l)igkeit eines scharf rechts stehenden und vorkonziliar orientierten
Katholizismus sich selbst. Wobei „Kirche“ in diesen Kreisen stets dem
schlichten Leitbild eines ordinären Hühnerzüchtervereins genügen muss:
Wer sich unseren Regeln nicht anpasst, fliegt! – womit nichts gegen das
Huhn als Hobby gesagt sein soll. Es gab eine Zeit vor etwa 100 Jahren, da
war das Bildungsdefizit des katholischen Milieus in Deutschland sprichwörtlich
– am Dienstagabend wurde deutlich, dass die Sehnsucht nach diesem goldenen
katholischen Zeitalter in gewissen Spitzen des katholischen Personals tief
verankert ist.
Nicht die Tatsache, dass die üblichen Themen abgehakt wurden, machte diesen
Abend unvergesslich – sondern die originellen Antworten und die Art ihrer
Verpackung:
Da sinnierte Joachim Meisner über zwei wunderbare neue
katholische Verhütungsmethoden, die ihm partout nicht einfallen wollten. Da
präsentierte die Fürstin Enthaltsamkeit als Patentrezepte gegen AIDS und
Abtreibung und beschuldigte die Moderatorin des Rassismus, da Afrikanern
sehr wohl die katholische Sexuallehre zu vermitteln sei – als ob das
Problem nicht vielmehr in deren absurder Verlogenheit bestehe. Zur
Verdammung von Schwulen und Lesben in die „Hölle“ war es dann nur noch
ein kleiner Schritt.
All dies war als tumber Provinzialismus sofort durchschaubar und bestenfalls
exotisch-unterhaltsam. Rätselhaft bleibt jedoch, warum beide zu glauben
schienen, dieses hohle Geschwätz der Öffentlichkeit als eine
ernstzunehmende katholische Position im 21. Jahrhundert offerieren zu können.
Hier erhob ein mittelmäßiges Autorinnenduo einen Führungsanspruch über
katholische Leiber und Seelen, der schon gefährlich realitätsverzerrt
genannt werden muss.
Intelligenter Konservatismus ist anders. Es braucht nicht viel Phantasie,
sich die wütenden Reaktionen in ZdK und Bischofskonferenz vorzustellen. Der
Versuch, diesen Fehlschlag der Moderatorin anzulasten, weil sie auf
Glaubensfragen schlecht vorbereitet gewesen sei, wie es Joachim Meisner tags
darauf versuchte, schlägt schallend auf ihn selbst zurück.
Bernd Hans Göhrig
