KOMMENTAR
Herr Ratzinger
spielt Papst
"Auch der
Papst hat sich jetzt gegen die übertriebenen
Frauenmoden geäußert", erzählte die Sanitätsrätin.
Man sah Erika und die beiden Herren um die Ecke biegen.
"Heinrich ist ein netter Mensch", nickte die Sanitätsrätin
befriedigt.
"Wie vernünftig er über die modernen Maler sprach.
Er hätte auch Papa gut gefallen", fuhr sie beharrlich
fort.
aus: Lion Feuchtwanger, Das Selbstporträt
Es gehört
nicht zuviel Phantasie dazu, sich vorzustellen, WIE der nette Heinrich über
die modernen Maler wohl gesprochen haben mag. Die Autoritäten der Sanitätsrätin
- die Dame war selbstverständlich DIE GATTIN eines Sanitätsrats und nicht
etwa selbst beruflich geadelt - sind mit Papst und „Papa“, also ihrem
Ehemann, hinreichend benannt.
"Die
Generation der heute etwa Achtzigjährigen ist nationalsozialistisch geprägt
worden und bildete zugleich den jüngsten Teil der Aufbaugeneration der
demokratischen Nachkriegsgesellschaft. Diese doppelte Prägung hat tiefe
Spuren hinterlassen. Bei aller intellektuellen Distanz zum
Nationalsozialismus kennzeichnet sie eine gewisse Starrheit im Habitus, eine
Neigung zur Unbedingtheit, zum Rechthaben, zum Eindeutigen." Derart ernüchternd
demaskierte der Erinnerungsforscher Harald Welzer (geboren 1958) vor drei
Jahren die charakterlichen Grundlagen einer Generation, deren Diskurse seit
den 60er Jahren bis heute - und noch mindestens für 10 Jahre - das öffentliche
Leben des Landes prägen.
Doch während
sich das säkulare Deutschland in immer wiederkehrenden
Identifikationsgefechten langsam, aber sicher von dieser Generation
verabschiedet, verankerte sich das Schiff der römisch-katholischen Kirche
mit der Wahl von Joseph Ratzinger 2005 gezielt innerhalb des Diskursrahmens
dieser Generation und schlingert seither von einem gefährlichen Fahrwasser
ins nächste, weil der päpstliche Steuermann den Umgang mit modernen
Navigationsinstrumenten beharrlich verweigert – die alten Karten sind halt
doch die besten! Auch er ist ein Angehöriger jener Generation, und beim
nochmaligen Durchgehen der von Welzer identifizierten Charakterkennzeichen
muss man aufmerken: "Starrheit im Habitus, eine Neigung zur
Unbedingtheit, zum Rechthaben, zum Eindeutigen" – ein Lump, wer das
nicht zugibt!
Dabei kommt
der alte Herr durchaus nett daher – und Nettigkeit ist eine gern gesehene
Eigenschaft älterer Menschen: Eine alte Tante ist nett, wenn sie den
Kindern eine Tafel Schokolade mitbringt. Ein alter Onkel ist nett, wenn er
das Spielzeug seiner Enkel repariert. Auch Joseph Ratzinger lächelt nett,
doch seine Nettigkeit verbirgt mehr, als dass sie etwas gibt – nicht die
Opafreude des Schenkens scheint ihn zu motivieren. Das listige Funkeln
seiner Augen sagt eher: „Ich habe es geschafft und ihr könnt mir gar
nichts“, und: „Jetzt darf ich machen und sagen, was ich will.“ Zu dumm
nur, dass dies immer wieder schief geht: Sei es die arrogante Umdeutung der
lateinamerikanischen Eroberung in gut kolonialer Manier, seien es die
unsensiblen Auftritte in Auschwitz und Yad Vashem, oder die Regensburger
Rede, das wiederholte Brüskieren der protestantischen Kirchen, das
Skandalon der revidierten Karfreitagsbitte oder die Rehabilitierung der
Pius-Brüder … da beansprucht jemand Narrenfreiheit und bemerkt im Eifer
nicht, dass er das Amt zum Narrenamt demontiert.
Herr Ratzinger
ist ein typischer Vertreter seiner Generation – und war als Chef der
Glaubenskongregation auf dem Posten angelangt, an dem er sich befriedigend
und für ihn sinnvoll betätigen konnte. Als Glaubenswächter wachte er über
die korrekte Ausübung des Glaubens und schritt bei Verstößen ohne Gnade
ein – und kontrollierte zu oft sogar den Chef höchstpersönlich. Das
hatte auch tödliche Folgen: Als Rom die Befreiungstheologie an den
lateinamerikanischen Pranger stellte, entzog sie Tausenden von Priestern,
Ordensfrauen und -männern, Katechetinnen und Katecheten den Schutz der
Kirche – und lieferte sie den Gewehren und Macheten der Todeskommandos
aus, die in den 70er und 80er Jahren mit US-amerikanischer Unterstützung
Kolumbien, El Salvador, Chile, Argentinien usw. den „Krieg gegen den
Kommunismus“ auf dem blutigen Rücken der Bevölkerung austrugen. „Sei
ein Patriot – töte einen Priester!“ stand auf den Flugblättern, die über
El Salvador abgeworfen wurden. Pater Rutilio Grande, Erzbischof Oscar
Romero, Pater Ignácio Ellacuria heißen die auch hierzulande bekannten
Opfer in El Salvador – die unbekannten Opfer sind unzählige. Auch wenn
diese Tätigkeit seinem Selbstbild als großer Theologe nicht entsprach - er
beherrschte sein Handwerk ganz offensichtlich und zum Leid vieler Menschen.
Doch was fängt
Herr Ratzinger nun mit der erweiterten Macht im neuen Amt an? Er kann nicht
aus seiner Haut – und zeigt der Welt, wie Papst wirklich geht. Es ist das
Dilemma des ewig Zweitplazierten – zu lange in der Rolle des
Untergeordneten und doch Übermächtigen geübt, geriet er durch eine Laune
der Geschichte wider Erwarten auf den ersten Platz. Nun weiß er genau, wie
das geht und kann doch nicht anders, als eine Rolle zu spielen. Das Amt wird
ihm zur Bühne, auf der er seine Ambitionen, seine Interessen und
Leidenschaften der Welt zum Schauspiel anbietet – mit roten Schuhen und
anderen Retroklamotten als visuelle Botschaft. Damit beschädigt er zwar das
Amt – doch er darf das, denn er ist ja Papst und keiner kann ihm da
dreinreden.
Flankiert wird
dieses Bewusstsein von einer strategischen Vernunft par excellence: Herr
Ratzinger kennt den kirchenpolitischen Apparat wie kein zweiter, er hat ihn
nach seinem Bild weltweit geformt. Er verfügt über die
Argumentationsweisen, die ihn innerhalb des theologischen Systems über
Wasser halten und nach außen hin als intelligent erscheinen lassen. Und er
weiß gezielt zu provozieren, um entweder konservatives Terrain nicht
aufgeben zu müssen oder um Maßstäbe gar verschieben zu können – zum
Beispiel im vergangenheitspolitischen Umgang mit der Zeit des Faschismus bis
hin zu den lateinamerikanischen Diktaturen, wie seine Besuche in Auschwitz,
in Yad Vashem und in Aparecida gezeigt haben.
Vernünftig
weiß er über moderne Entwicklungen zu sprechen – doch als Dilettant auf
dem Papstthron bleibt er stets und gekonnt sich selbst treu: Unbeeindruckt
von den „Zeichen der Zeit“ – Herausforderungen wie HIV/AIDS, Armut,
neuen Kriegen und Bedrohungsszenarien – beharrt er auf der Rolle des Anklägers
und Richters in Moral- und Sittenfragen und verweigert es konsequent, Hirte
und Prophet zu sein.
"Papa
gefallen wollen“ kann ein Lebensthema, eine Lebensfalle sein. Welche
Auswege kann es daraus geben? In steter Reibung am Vater ein eigenes Profil
entwickeln? Oder doch lieber ein besonders guter Sohn sein? Beides sind nur
vermeintliche Lösungsstrategien, zwei Seiten einer Medaille. Der weitaus
verbreitetste Weg einer konstruktiven Bearbeitung ist es, selbst Papa zu
werden. In der Biographie eines Mannes ist dieser Entwicklungsschritt ein
einschneidender Impuls: Er führt in der Regel dazu, die Wahrnehmung des
eigenen Vaters durch die Selbsterfahrung als Vater zu korrigieren und das
eigene Vaterbild – auch zeitgemäß – weiter zu entwickeln. Aber dieser
Entwicklungsschritt kann auch scheitern: Wenn das eigene Vater-sein am
Klischee des eigenen Vaters kleben bleibt, wenn dieser noch immer als
Reibungsfläche wahrgenommen wird …
In der Führungsriege
der römisch-katholischen Kirche steht diese Erfahrung offiziell und
zeitgleich immer nur einem Mitglied offen – und auch hier gibt es ein
Scheitern am „Papa-sein“. Das ist mehr als ein Wortspiel: Auch ein Papst
trägt das individuelle und soziale Vaterbild seiner Kindheit und Jugend mit
sich, das vor 80 Jahren, also in den 20 und 30er Jahren des letzten
Jahrhunderts überwiegend autoritär konturiert war. Die berufliche
Sozialisation Herrn Ratzingers konnte hier kaum korrigierend wirken. Schließlich
nach 24 Jahren als strenger Wächter mit nahezu 80 Jahren zum Papst gewählt,
hatte er keine realistische Chance, ein positives Papstverständnis zu
entwickeln. Also macht er das einzig Sinnvolle: Er bleibt sich
kirchenpolitisch treu - und frönt ansonsten seinen Hobbies.
Wenn es
stimmt, dass auch Päpste nicht über die Theologie ihrer Jugend
hinauskommen und daher immer ein Zeitverzug von etwa 50 Jahren anzusetzen
ist, könnte der nächste Papst vom Aufbruch der Konzilszeit geprägt sein
– es sei denn, er ist ein Kind der reaktionären Konzilsminderheit.
Bernd Hans Göhrig
