zuletzt aktualisiert: 23.02.2010
Initiative Kirche von unten

KOMMENTAR 


Macht und Zölibat.

Die Strukturen der Kirche begünstigen das Verbrechen des sexuellen Missbrauchs.

Über Wochen erschüttern Skandale um sexuellen Missbrauch die römisch-katholische Kirche von Polen bis in die USA. In den zahlreichen Stellungnahmen dazu spielte der Zölibat, die Ehelosigkeit der Geistlichen, eine zentrale Rolle, denn unterdrückte Sexualität scheint zumindest ein Erklärungsmuster für sexuellen Missbrauch zu bieten. Doch Vorsicht ist geboten - bei einem heiklen Thema wie diesem muss misstrauisch jede zunächst naheliegende Erklärung unter Verdacht gestellt werden: Wird vielleicht eine Entschuldigungsstrategie eingeführt, indem Priestertäter wiederum selbst als Opfer der kirchlichen Struktur identifiziert werden? Dies wäre die altbekannte Taktik der Verschleierung, die eine kleinere Sache in den Vordergrund schiebt, um die zugrundeliegende Ursache zu verbergen.

Die Rede ist vom Lebensstil erwachsener Männer, die in teilweise hohen Ämtern mit großen Verantwortungsbereichen arbeiten. Die Strukturen der Kirche bündeln in zentralen Positionen - als Ergebnis historischer Entwicklungen und quasi-theologisch unterfüttert - eine immense Machtfülle, die den Amtsinhabern fast unkontrolliert zur Verfügung steht. In Kombination mit der ihnen unterstellten moralischen Integrität begünstigt diese Position Missbrauch und Verbrechen außerordentlich. Als Mitglieder der kirchlichen Elite profitierten die Täter lange Jahre von dieser Zugehörigkeit - und änderten daran nichts. Dies alles ist lange bekannt und führt zu der Frage, ob der Zölibat tatsächlich einen adäquaten Ansatzpunkt zur Lösung des Problems bieten kann?

Wer je mit Opfern sexuellen Missbrauchs gearbeitet hat, weiß, dass es dabei nicht um Sexualität geht, sondern um ein Machtgefälle zwischen Schwächeren: Babies, Kinder, Jugendliche und besonders Frauen auf der einen Seite und einer Autoritätsperson auf der anderen, die eine Abhängigkeitssituation brutal ausnützt, um sich ein Gefühl der Überlegenheit zu verschaffen. Sexueller Missbrauch findet zuallererst im persönlichen Umfeld statt. Täter sind Väter, Brüder, Verwandte, Freunde der Familie, Sportlehrer - und Mütter, Schwestern, Tanten sind allzu oft schweigende Mitwisserinnen und schützen so das Verbrechen, das ohne ihr schweigendes Zutun oft gar nicht stattfinden könnte. Beim Täter verbirgt sich ein massiv gestörtes Selbstbewusstsein hinter der Tat. Oft ist er in seiner Persönlichkeitsentwicklung stark zurückgeblieben und missbraucht sein Opfer zur Kompensation der eigenen Minderwertigkeitserfahrungen. "Missbrauch" meint nicht nur die Autorität des Täters und das in ihn gesetzte Vertrauen: Der Junge, das Mädchen wird schonungslos zu einem Ding erniedrigt, das eine bestimmte Funktion zu erfüllen hat.

Das Mädchen oder der Junge, die Opfer des Missbrauchs sind, befinden sich in einer für sie unüberwindbaren Situation: Die Autorität, das Ansehen des Täters, lassen ihnen kaum einen Ausweg aus dieser physischen und psychischen Foltersituation. Anzeichen werden von anderen Bezugspersonen selten erkannt, oft auch bewusst beiseite geschoben: "Das kann ja nicht sein." Selbst wenn Kinder es schaffen, darüber zu sprechen, wird ihnen nicht geglaubt. Meist gelingt es erst viele Jahre später, das Gefühl der Scham zu überwinden und zu sprechen. Reaktionen sind oft Unglauben, aktives Vertuschen bis hin zum Vorwurf des Mitmachens. Erstaunlich ist jedoch vor allem eines: Im Mittelpunkt der Reaktionen steht das Sexuelle und damit Assoziationen von Lust, Scham, Moral und Schuld bzw. Sünde, während der zugrundeliegende Missbrauch von Autorität und Macht selten erkannt wird. Dadurch gerät die Tat in einen gänzlich falschen Bedeutungszusammenhang und evoziert etwa bei einer Vergewaltigung den immer wieder zu hörenden Verdacht der Mitschuld des Opfers! Die Funktion dieser Wendung ist offensichtlich, an den Kern des Verbrechens wird nicht gerührt: Die Kultur von Gewalt und der Umgang mit Macht in unserer Gesellschaft - und in dem gesellschaftlichen Subsystem, in dem die Tat stattfindet. Eine Fülle von Fragen schließen sich an: Wie wird in dieser Familie, Gruppe, Organisation mit Sexualität umgegangen und welche Rolle spielen Macht- und Zwangsmechanismen dabei? Welche Rolle und Funktion, welche Rechte haben die Kinder in diesem sozialen Umfeld? Wie werden hier Gruppenpositionen bestimmt? Wo liegen die Unterschiede zwischen offiziellen Regeln und Praxis, wie werden Machtpositionen definiert? Dies sind nur einige der Fragen, die bei der Aufklärung eines Falls von sexuellem Missbrauchs hilfreicher und sinnvoller sind als der Verweis auf die Sphäre des Sexuellen, in der der Zölibat notwendig diskutiert werden muss.

All diese Kennzeichen liegen in den kirchlichen Missbrauchsfällen der vergangenen Monate vor: eine Abhängigkeitssituation, Autorität und gesellschaftlicher Status der Täter, das Machtgefälle, Vertuschung und Beschuldigung der Opfer. Diese Momente verbinden sich mit der strukturellen Eigenart dieser Kirche: Ein relativ geschlossenes System wie die röm.-kath. Kirche sichert sich durch restriktive Verhaltensregeln. Der Pflichtzölibat zählt sicher zu den markantesten Regeln dieses Systems, ebenso die Einschränkung des Priesteramtes auf Männer. Hier besteht eine relativ unkontrollierte Machtposition, die Missbrauch in verschiedene Richtungen geradezu herausfordert. Dazu muss übrigens auch der entwürdigende Umgang mit Frauen gerechnet werden, die Kinder mit Priestern haben. Über die Diffamierung dieser Paare hinaus werden die Frauen zu Geheimhaltung bei drohendem Verlust von Unterhaltszahlungen gezwungen, sind massivem Druck durch ihr kirchliches Umfeld ausgesetzt.

Die Ehelosigkeit der Priester ist de fakto Teil eines Begründungszusammenhangs für ein bestimmtes Kirchenbild. Frauen und Sexualität kommt darin eine untergeordnete Rolle zu, während ein kaum verdeckter Männlichkeitskult zu theologischem Unsinn verbrämt wird. Dennoch kann die Bedeutung einer nicht unterdrückten Sexualität für die psychische und seelische Entwicklung heutzutage nicht mehr ernsthaft in Frage stehen. Die Kirche ist herausgefordert, darauf adäquat zu reagieren und sich zu verändern - Amtsenthebungen und Schuldbekenntnisse helfen hier letztlich nicht weiter.

Bernd Hans Göhrig ist Bundesgeschäftsführer der Initiative Kirche von unten und arbeitete mehrere Jahre in der katholischen Verbandsjugendarbeit auch zu sexuellem Missbrauch bei Kindern und Jugendlichen.

Kontakt: www.ikvu.de

Hessisch/NiedersächsischeAllgemeine (26. Mai 2002)