KOMMENTAR
Macht und Zölibat.
Die Strukturen der Kirche begünstigen
das Verbrechen des sexuellen Missbrauchs.
Über Wochen erschüttern
Skandale um sexuellen Missbrauch die römisch-katholische Kirche von Polen
bis in die USA. In den zahlreichen Stellungnahmen dazu spielte der Zölibat,
die Ehelosigkeit der Geistlichen, eine zentrale Rolle, denn unterdrückte
Sexualität scheint zumindest ein Erklärungsmuster für sexuellen Missbrauch
zu bieten. Doch Vorsicht ist geboten - bei einem heiklen Thema wie diesem muss
misstrauisch jede zunächst naheliegende Erklärung unter Verdacht gestellt
werden: Wird vielleicht eine Entschuldigungsstrategie eingeführt, indem
Priestertäter wiederum selbst als Opfer der kirchlichen Struktur
identifiziert werden? Dies wäre die altbekannte Taktik der Verschleierung,
die eine kleinere Sache in den Vordergrund schiebt, um die zugrundeliegende
Ursache zu verbergen.
Die Rede ist vom Lebensstil
erwachsener Männer, die in teilweise hohen Ämtern mit großen
Verantwortungsbereichen arbeiten. Die Strukturen der Kirche bündeln in
zentralen Positionen - als Ergebnis historischer Entwicklungen und
quasi-theologisch unterfüttert - eine immense Machtfülle, die den
Amtsinhabern fast unkontrolliert zur Verfügung steht. In Kombination mit
der ihnen unterstellten moralischen Integrität begünstigt diese Position
Missbrauch und Verbrechen außerordentlich. Als Mitglieder der kirchlichen
Elite profitierten die Täter lange Jahre von dieser Zugehörigkeit - und änderten
daran nichts. Dies alles ist lange bekannt und führt zu der Frage, ob der Zölibat
tatsächlich einen adäquaten Ansatzpunkt zur Lösung des Problems bieten
kann?
Wer je mit Opfern sexuellen Missbrauchs
gearbeitet hat, weiß, dass es dabei nicht um Sexualität geht, sondern um
ein Machtgefälle zwischen Schwächeren: Babies, Kinder, Jugendliche und
besonders Frauen auf der einen Seite und einer Autoritätsperson auf der
anderen, die eine Abhängigkeitssituation brutal ausnützt, um sich ein Gefühl
der Überlegenheit zu verschaffen. Sexueller Missbrauch findet zuallererst
im persönlichen Umfeld statt. Täter sind Väter, Brüder, Verwandte,
Freunde der Familie, Sportlehrer - und Mütter, Schwestern, Tanten sind
allzu oft schweigende Mitwisserinnen und schützen so das Verbrechen, das
ohne ihr schweigendes Zutun oft gar nicht stattfinden könnte. Beim Täter
verbirgt sich ein massiv gestörtes Selbstbewusstsein hinter der Tat. Oft
ist er in seiner Persönlichkeitsentwicklung stark zurückgeblieben und missbraucht
sein Opfer zur Kompensation der eigenen Minderwertigkeitserfahrungen.
"Missbrauch" meint nicht nur die Autorität des Täters und das in
ihn gesetzte Vertrauen: Der Junge, das Mädchen wird schonungslos zu einem
Ding erniedrigt, das eine bestimmte Funktion zu erfüllen hat.
Das Mädchen oder der Junge, die
Opfer des Missbrauchs sind, befinden sich in einer für sie unüberwindbaren
Situation: Die Autorität, das Ansehen des Täters, lassen ihnen kaum einen
Ausweg aus dieser physischen und psychischen Foltersituation. Anzeichen
werden von anderen Bezugspersonen selten erkannt, oft auch bewusst beiseite
geschoben: "Das kann ja nicht sein." Selbst wenn Kinder es
schaffen, darüber zu sprechen, wird ihnen nicht geglaubt. Meist gelingt es
erst viele Jahre später, das Gefühl der Scham zu überwinden und zu
sprechen. Reaktionen sind oft Unglauben, aktives Vertuschen bis hin zum
Vorwurf des Mitmachens. Erstaunlich ist jedoch vor allem eines: Im
Mittelpunkt der Reaktionen steht das Sexuelle und damit Assoziationen von
Lust, Scham, Moral und Schuld bzw. Sünde, während der zugrundeliegende Missbrauch
von Autorität und Macht selten erkannt wird. Dadurch gerät die Tat in
einen gänzlich falschen Bedeutungszusammenhang und evoziert etwa bei einer
Vergewaltigung den immer wieder zu hörenden Verdacht der Mitschuld des
Opfers! Die Funktion dieser Wendung ist offensichtlich, an den Kern des
Verbrechens wird nicht gerührt: Die Kultur von Gewalt und der Umgang mit
Macht in unserer Gesellschaft - und in dem gesellschaftlichen Subsystem, in
dem die Tat stattfindet. Eine Fülle von Fragen schließen sich an: Wie wird
in dieser Familie, Gruppe, Organisation mit Sexualität umgegangen und
welche Rolle spielen Macht- und Zwangsmechanismen dabei? Welche Rolle und
Funktion, welche Rechte haben die Kinder in diesem sozialen Umfeld? Wie
werden hier Gruppenpositionen bestimmt? Wo liegen die Unterschiede zwischen
offiziellen Regeln und Praxis, wie werden Machtpositionen definiert? Dies
sind nur einige der Fragen, die bei der Aufklärung eines Falls von
sexuellem Missbrauchs hilfreicher und sinnvoller sind als der Verweis auf
die Sphäre des Sexuellen, in der der Zölibat notwendig diskutiert werden
muss.
All diese Kennzeichen liegen in
den kirchlichen Missbrauchsfällen der vergangenen Monate vor: eine Abhängigkeitssituation,
Autorität und gesellschaftlicher Status der Täter, das Machtgefälle,
Vertuschung und Beschuldigung der Opfer. Diese Momente verbinden sich mit
der strukturellen Eigenart dieser Kirche: Ein relativ geschlossenes System
wie die röm.-kath. Kirche sichert sich durch restriktive Verhaltensregeln.
Der Pflichtzölibat zählt sicher zu den markantesten Regeln dieses Systems,
ebenso die Einschränkung des Priesteramtes auf Männer. Hier besteht eine
relativ unkontrollierte Machtposition, die Missbrauch in verschiedene
Richtungen geradezu herausfordert. Dazu muss übrigens auch der entwürdigende
Umgang mit Frauen gerechnet werden, die Kinder mit Priestern haben. Über
die Diffamierung dieser Paare hinaus werden die Frauen zu Geheimhaltung bei
drohendem Verlust von Unterhaltszahlungen gezwungen, sind massivem Druck
durch ihr kirchliches Umfeld ausgesetzt.
Die Ehelosigkeit der Priester
ist de fakto Teil eines Begründungszusammenhangs für ein bestimmtes
Kirchenbild. Frauen und Sexualität kommt darin eine untergeordnete Rolle
zu, während ein kaum verdeckter Männlichkeitskult zu theologischem Unsinn
verbrämt wird. Dennoch kann die Bedeutung einer nicht unterdrückten
Sexualität für die psychische und seelische Entwicklung heutzutage nicht
mehr ernsthaft in Frage stehen. Die Kirche ist herausgefordert, darauf adäquat
zu reagieren und sich zu verändern - Amtsenthebungen und Schuldbekenntnisse
helfen hier letztlich nicht weiter.
Bernd Hans Göhrig ist
Bundesgeschäftsführer der Initiative Kirche von unten und arbeitete
mehrere Jahre in der katholischen Verbandsjugendarbeit auch zu sexuellem Missbrauch
bei Kindern und Jugendlichen.
Kontakt: www.ikvu.de
Hessisch/NiedersächsischeAllgemeine
(26. Mai 2002)
