Welches Europa zu
Beginn des Jahrtausends?
Erklärung
katholischer Basisbewegungen zum zukünftigen Europa
fünfzig Jahre nach den Römischen Verträgen
Für unseren Kontinent war und ist die Zusammenarbeit unter den Staaten, die
die Europäische Union ins Leben gerufen haben, ein sehr positives
Unterfangen in der Geschichte der letzten Jahrzehnte. Doch nach dem Fall der
Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges steht Europa bisher
unbekannten Herausforderungen gegenüber: der Öffnung zu den Ländern
Osteuropas und der Türkei, der Findung einer eigenen Rolle in der Welt, der
hohen Einwanderung aus Drittländern, der Funktionssicherung seiner
Institutionen und den zu verfolgenden Zielen, die seinen inneren
Zusammenhalt, die soziale Gerechtigkeit und das nachhaltige Wachstum seiner
Wirtschaft betreffen.
Anlässlich des fünfzigsten Jahrestags der Unterzeichnung der Römischen
Verträge versuchen die europäischen Staaten, Wertvorstellungen und
Strategien zu entwickeln, die die gegenwärtigen Schwierigkeiten überwinden.
Auch Europas Bischöfe erarbeiten Dokumente und schlagen Initiativen vor,
bei denen das Kirchenvolk jedoch kaum einbezogen wird. Als Christen und
Christinnen, die ihren Glauben an der Basis der katholischen Kirche leben,
möchten deshalb auch wir unsere Überlegungen zu Europa in folgenden
Punkten darlegen:
- Die Sorge um
Europas Rolle in der Welt muss an erster Stelle stehen. Es reicht nicht
aus, eine gemeinsame Außenpolitik zu befürworten; es muss auch erklärt
werden, welche. Wir sind davon überzeugt, dass Europa Folgendes tun
kann und muss:
-
Aneignung einer anderen Rolle als
in der Vergangenheit in der EU-Politik und gegenüber den großen
internationalen Institutionen (UNO, Internationaler Währungsfonds IWF und
Welthandelsorganisation WTO) hinsichtlich der Nord-Süd-Beziehungen, damit
durch Förderung einer nachhaltigen Entwicklung und durch die Bekämpfung
der Armut die negativen Auswirkungen des globalisierten Freihandels bekämpft
werden können;
-
Setzen eines deutlichen Zeichens
des Neuanfangs auf internationaler Ebene in Unabhängigkeit von den USA, der
letzten übrig gebliebenen Weltmacht, um zum Orientierungspunkt jener
Vermittlungs- und Friedenspolitik in den Konfliktgebieten (insbesondere im
Mittleren Osten und in Afrika) zu werden, wo es so dringend erforderlich
ist;
-
Betreiben einer Politik der Unabhängigkeit
von den Militärstrukturen der USA; Beginn der Senkung der Militärausgaben;
Einstellen jedweden Waffenexports sowie Entwicklung eigener Initiativen bzw.
Förderung und Unterstützung von gewaltlosem Aktivitäten der
Mitgliedsstaaten oder Organisationen der Zivilgesellschaft zur Prävention,
Vermittlung und Konfliktkontrolle;
- Die Rechte der BürgerInnen
und ArbeitnehmerInnen sind in mehreren Dokumenten der Europäischen
Union festgeschrieben, müssen aber entschlossener durchgesetzt werden.
Vor allem die sozialen Grundrechte sind noch unzureichend gesichert, da
die Ideologie des „freien Marktes“ vorherrschend ist. Die Probleme
bei der Sicherung des Sozialstaates müssen umsichtig und angemessen in
Angriff genommen werden, damit die Entstehung neuer großer Armut unter
den Unterprivilegierten (Rentnern, Arbeitslosen, Jugendlichen, Großfamilien)
vermieden werden kann. Selbst die Gleichberechtigung zwischen den
Geschlechtern ist immer noch nicht ausreichend gesetzlich verankert und
garantiert;
- Auf unserem
Kontinent sind die aus Nicht-EU-Ländern stammenden ArbeitnehmerInnen
und deren Familien die Marginalisierten, die »Letzten«, von denen im
Evangelium die Rede ist. Die Politik der EU und der Mitgliedsstaaten ist
unzureichend im Hinblick auf die Bedürfnisse und berechtigten
Erwartungen dieser Menschen – sowohl gegenüber denen, die sich
bereits in Europa befinden, als auch denen, die dort leben möchten.
Solche Politik ist sich außerdem des Beitrags dieser neuen Kräfte zur
europäischen Gesellschaft wenig bewusst;
- Kriminelle
Organisationen jeder Art nehmen zu und breiten sich, erleichtert durch
die Globalisierung der Wirtschaft und Kommunikationsmittel, in Europa
aus, während man in den demokratischen Institutionen den Ernst der Lage
verkennt und keine tiefgreifenden, andauernden und gezielten Gegenmaßnahmen
ergreift;
Mit
unseren, mit Glaube und Vernunft am Evangelium ausgerichteten Vorschlägen für
ein neues Europa, verstehen und unterstützen wir nicht die sich
wiederholenden Verlautbarungen und Aktivitäten der römisch-katholischen
Bischöfe, die darauf zielen, dass in den EU-Verfassungstexten und der
erwarteten »Erklärung von Berlin« Europas »christliche Wurzeln« und
sogar der Verweis auf «Gott« erwähnt werden. Wir sind der Überzeugung,
dass sich die wichtigen Kulturen in der europäischen Geschichte keineswegs
nur auf eine (christliche)
reduzieren lassen, dass die vom Christentum selbst hinterlassenen starken
Zeichen voller Schatten sind und dass die klare Trennung zwischen dem religiösen
und dem zivilgesellschaftlichen Bereich ein großer Wert des Humanismus und
des Christentums ist. Außerdem besteht die Gefahr, dass angesichts solcher
Forderungen der Bischöfe auch andere ihrerseits für ihre eigene »Identität«
eintreten, woraus sich sinnlose und unhistorische Differenzen ergeben können.
Um gehört und aufgenommen zu werden braucht Gottes Wort nicht die
Anerkennung und Unterstützung durch die staatliche Gewalt, sondern es soll
von einer armen Kirche und in selbstlose Amtausübung verkündigt werden.
Wir glauben, dass der Schutz der Religionsfreiheit, den die Charta der
Grundrechte (sog. Charta von Nizza) auch für die kollektive Glaubensausübung
vorsieht (Art. 10), dafür genügt, und es scheint uns unangebracht, dass
die Kirchen in den EU-Organen eine institutionalisierte Präsenz haben
sollen (Art. 52, P. 3 des Entwurfs der Europäischen Verfassung). Wir sind
der Meinung, dass es ausreichend ist, dass die Beteiligung der Kirchen und
ihrer Organisationen gemäß den üblichen Modalitäten (Art. 47) und nach
den Regeln der direkten Demokratie stattfindet.
Wir wünschen
uns außerdem, dass die Katholiken und Katholikinnen der europäischen Länder
eine engagierte und offene Diskussion über den jetzigen Stand der
Beziehungen zwischen Staat und Kirchen beginnen, der zwar je nach Land
unterschiedlich ist, doch fast überall die römisch-katholische Kirche begünstigt.
Wir möchten, dass man sich dabei von der Pastoralkonstitution Gaudium
et Spes des Zweiten Vatikanums inspirieren lässt – insbesondere von
der Nummer 76, die besagt, dass die Kirche »ihre Hoffnung nicht auf Privilegien [setzt], die
ihr von der staatlichen Autorität angeboten werden. Sie wird sogar auf die
Ausübung von legitim erworbenen Rechten verzichten, wenn feststeht, dass
durch deren Inanspruchnahme die Lauterkeit ihres Zeugnisses in Frage
gestellt ist«. Wir sind uns bewusst, dass die Infragestellung dieser
Beziehungen nicht mehr die Betonung der Kirche als hierarchisches Gefüges
sondern als Volk Gottes zur Folge hat, so wie sie das Zweite Vatikanische
Konzil befürwortete und umzusetzen begann.
Bei unseren Überlegungen für Europas Zukunft zu Beginn des Jahrtausends in
dieser kritischen Phase der Menschheitsgeschichte ist uns bewusst, welche
große Verantwortung wir auf dem – viel zu langsamen – ökumenischen Weg
der christlichen Kirchen zu tragen haben, wobei das Kirchenvolk den Kirchenführern
weit voraus ist. Auf unseren Schultern ruht gleichermaßen die Verantwortung
für den Dialog mit anderen Religionen, vor allem mit dem Islam. Eine Übereinstimmung
der Religionen in den wichtigen Fragen gemeinsamer Sozialethik und des
Zusammenlebens der Völker zu erzielen, wäre ein außergewöhnlicher
Beitrag unseres Kontinents und seiner Institutionen. Dabei leiten uns Worte
des Evangeliums und geben uns die Hoffnung, dass ein neues Europa dazu
beitragen kann, eine andere Welt möglich zu machen.
European Network
Church on the Move
Fédération des Réseaux de Parvis (47 associations)
Redes Cristianas ( 80 associations)
Catholics for Free Choice (CFFC)
Pavés
Wir sind Kirche, Germany
Initiative Christenrechte in den Kirche
German Ökumenisches Netzwerk Initiative Kirche von unten
Initiativgruppe “Fur eine lebendigere Kirche”
Catholics for a changing Church
Iglesia de Base de Madrid
Dones creientes, Valencia
Catòlicos por el derecho a decidir
Somos Iglesia
David et Jonathan
Observatoire chrétien de la laicité
Nous sommes aussi l’Eglise
Partenia 2000
Demain l’Eglise
Femme et hommes en Eglise
Esperance 54, Nancy
Chrétiens pour une Eglise dégagée de l’Ecole confessionelle
Fraternité Agapé
Amis du 68 rue de Babylone, Paris
SEL 85
Droits et libertés dans les Eglises
Humanistes et Croyants 35
Chrétiens sans frontières, Gironde
Recherche et Partage, Valence
Equipe National et d’Animation des Communautés de Base
Jonas-Vosges
Nos Somos Igreja
We Are Church, Finland
Comunità cristiane di base italiane
Noi Siamo Chiesa
Rom-Berlin,
den 25. März 2007
