Grußwort von Peter Bürger
Glückwünsche und andere Wünsche zum 25jährigen Weg der Initiative "Kirche von unten"
Kirchlich
induzierte Magenschmerzen sind der Gesundheit abträglich und der Freude am
Christsein auch. Kirchengeschädigte blockieren nicht selten mit ihren „Altlasten“
vielversprechende Begegnungen von Menschen, die neue Christenwege für Gegenwart
und Zukunft suchen. Viele kritische Christen lösen Probleme dieser Art, indem
sie das Thema „Amtskirche“ ein für allemal zu den Akten legen. Doch wer
bleibt dann für ein kirchenpolitisches Engagement zurück? Die IKvu und die
durch sie vernetzten Initiativen nehmen einen unkomfortablen Platz ein –
zwischen den Stühlen des amtlichen Apparates und der emanzipierten „kirchenfreien“
Christen. Für ihre undankbare Arbeit hat sie nach einem Vierteljahrhundert ein
großes „Dankeschön“ verdient.
Ich
schätze die Bandbreite der IKvu, ihre ökumenische und weltkirchliche
Orientierung. Der Verketzerung befreiungstheologischer und tiefenpsychologischer
Ansätze hat sie sich gleichermaßen widersetzt. Die Treue zu einer politisch
wachen Theologie hat sie gehalten, als viele einstige Mitgefährten schon
längst im „neoliberalen“ Zeitalter sesshaft geworden waren. Die Sorge um
kirchenkritische Anliegen – von der Sexualethik bis hin zu den Frauenrechten
– hat in ihr nie dazu geführt, sich auf eine kirchenreformerische –
peinliche – Nabelschau zurückzuziehen. Herzlichsten Glückwunsch!
Zwei Wünsche
für den weiteren Weg möchte ich formulieren:
Die
friedenspolitische Zurückhaltung der beiden Großkirchen gehört für mich
derzeit zu den schmerzlichsten Befunden. Militärdoktrinen mit wirtschaftlichen
Interessensvorgaben und Nuklearstrategien (mit Erstschlagoptionen) widersprechen
dem Grundkonsens der weltkirchlichen Ökumene. Das muss nicht erst in langen
friedensethischen Traktaten ermittelt werden. Der Widerspruch zur Politik der
NATO, Europas und Deutschlands betrifft nicht mehr unterschiedliche Anschauungen
über Wege
der „Friedenssicherung“, sondern die neuen Zielvorgaben
des Militärischen. Die IKvu sollte mithelfen, die Kirchen eiligst
wachzurütteln. Nachdem der deutsche Nationalkirchengeist in beiden Konfessionen
der Weltchristenheit in zwei Weltkriegen die größten Schandflecke bereitet
hat, kommt dem Thema der Remilitarisierung höchste Dringlichkeit zu.
Für die Zukunft einer „Kirche von unten“ erträume ich mir ein breites Netz ökumenischer Basisgemeinden: Werkstätten für ein neues Christsein, fromm, musikalisch und politisch engagiert, mystisch und aufgeklärt, auf den Einzelnen, den nahen Ort und die globale Ökumene schauend ... Diese experimentellen „provisorischen“ Gemeinden sollten keine neuen Kirchengründungen sein. Sie dürften nicht aus Kirchenkritik und Abgrenzung zu den Großkirchen ihren Weg entwickeln. Wer einer Amtskirche angehört, sollte sich nicht von ihr trennen müssen. Wer keiner Kirche angehört, wäre ebenfalls willkommen. Zu gewährleisten ist in dieser Vision allerdings, dass auf allen Ebenen Abhängigkeiten und amtskirchliche Einflussnahmen (bzw. Erpressungen) ausgeschlossen bleiben. Ein solcher Kirchenweg von unten scheint mir die einzige Möglichkeit zu sein, den kirchensteuerfinanzierten Erhaltungsapparat aufzubrechen und glaubwürdige Räume für suchende Jugendliche zu bereiten. Fromme Träume dieser Art, viel Verstand und einen womöglich heiteren Glauben wünsche ich der Ikvu-Bewegung.
Peter Bürger, katholischer Theologe und Publizist
