Grußwort von Alexander Groß
Im Rückblick: ein faszinierender Prozess
Im
Jahr 1972 fiel mir ein Buch in die Hände, dass mich und
meine damalige berufliche Tätigkeit wesentlich veränderte.
Verfasser dieses
Buches war der in Europa noch nicht sonderlich bekannte brasilianische
Volkspädagoge Paulo Freire aus Recife/Brasilien. „Pädagogik
der Unterdrückten“
- so lautete der Titel. Es wandte sich sowohl gegen die Mechanismen in
den
politisch-ökonomischen Bildungs-Strukturen als auch an das
Bewusstsein in den
eigenen Köpfen. Im Mittelpunkt stand ein Bildungskonzept, das sich
als ,Praxis
der Freiheit’ (und Befreiung) verstand
und Ausbrüche aus der weit verbreiteten
,Kultur des Schweigens’ anstrebte. Inzwischen
sind die Gedanken und Konzepte
Paulo Freires Grundlagen großer Veränderungen in der
,Volkerziehung’ nicht nur
im lateinamerikanischen Kontinent, sondern weltweit geworden.
Die
Lektüre des eingangs erwähnten Buches war sogleich der
Impuls, mit anderen die eigenen Erfahrungen und Erwartungen
auszutauschen. Als
Mitarbeiter in der Jugendakademie Walberberg hieß das für
mich: möglichst bald
ein Seminar auszuschreiben, das sich mit ,Paulo Freire’ befassen
sollte. Im Mai
1973 kam es zu diesem ersten Freire-Seminar, an dem auch Interessenten
aus den
benachbarten europäischen Ländern teilnahmen. Das erste
Treffen legte zugleich
den Grundstock für die Bildung der ,Europäischen
Arbeitsgruppe
Bewußtseinsbildung’ und nachfolgend der ,Paulo-Freire-Gesellschaft’.
Diese
und weitere Erfahrungen in der pädagogischen Reflexion
und Aktion konnte die Jugendakademie Walberberg in die Gründung
der ,Initiative
Kirche von unten’ Anfang der 80er Jahre einbringen. Vor allem geschah
dies
während des Katholikentages vom 4. - 8. Juni 1980 in Berlin,
konkret in der
evangelischen Gemeinde am Lietzensee. Dort, nicht weit vom offiziellen
KT,
hatte die Initiative buchstäblich ihre Zelte aufgeschlagen. Der
Zustrom vieler,
vor allem jüngerer TeilnehmerInnen, ließ eine große
Hoffnung und Begeisterung
aufkommen.
Die
Jugendakademie hatte sich in dem Gesamtprogramm der Ikvu
mit einer eigenen Veranstaltung eingebracht, nämlich der
Vorstellung der ,Freire-Pädagogik’. Methodisch geschah diese Einführung durch
die Präsentation
einer Diareihe, in der die Erfahrungen mit der Volkspädagogik von
Paulo Freire
in Guinea-Bissau vorgestellt wurden. Die einfachgemalten Bilder und der
entsprechende kurze Text hierzu waren starke Impulse, über die
eigene
bildungspolitische und erkenntnistheoretische Befindlichkeit
nachzudenken und
die Hintergründe der Alphabetisierung im europäischen Kontext
kritischer offen
zu legen. In dieser Diaserie stach ein Bild besonders hervor, das eine
Schule
oben in den Wolken zeigte, an der lange Seile festgemacht waren und an
deren
Enden sich Menschen bemühten, sie zurück auf die Erde zu
ziehen. Von den
kolonialen Unterdrückungsmechanismen in Guinea-Bissau war es nicht
weit, die
eigene ,Kolonialisierung’ unseres Bewusstseins und unserer
europäisch geprägten
Bildungsziele aufzuspüren und infrage zu stellen. Dass dieser
Impuls und der
nachfolgende Prozess vor der Kirche und der Religion nicht halt
machten, war
nicht überraschend. Optisch kam dies an vielen Stellen und
Publikationen durch
die Übernahme gerade dieses Dia-Bildes in der Ikvu zum Ausdruck;
allerdings war
das oben im ,Wolkenkuckucksheim’ nicht die Schule, um die es
primär ging,
sondern jetzt war es die Kirche. Sie sollte mehr geerdet werden, mehr
einer
Volkskirche entsprechen. Das waren Wunsch und Hoffnung vieler damals am
Lietzensee - auch der Jugendakademie Walberberg. Es tut gut, sich nach
über 25
Jahren an dieses kleine Diabild zu erinnern, das so prägnant Weg
und Ziel der
Ikvu darstellt.
PS. Leider hat die Kirchenleitung - wie so oft - diese Aufbrüche nicht verstanden, geschweige akzeptiert.
Alexander Groß, ehem. Leiter der Jugendakademie Walberberg
