zuletzt aktualisiert: 06.04.2007
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Grußwort von Alexander Groß


Im Rückblick: ein faszinierender Prozess 

Im Jahr 1972 fiel mir ein Buch in die Hände, dass mich und meine damalige berufliche Tätigkeit wesentlich veränderte. Verfasser dieses Buches war der in Europa noch nicht sonderlich bekannte brasilianische Volkspädagoge Paulo Freire aus Recife/Brasilien. „Pädagogik der Unterdrückten“ - so lautete der Titel. Es wandte sich sowohl gegen die Mechanismen in den politisch-ökonomischen Bildungs-Strukturen als auch an das Bewusstsein in den eigenen Köpfen. Im Mittelpunkt stand ein Bildungskonzept, das sich als ,Praxis der Freiheit’ (und Befreiung) verstand und Ausbrüche aus der weit verbreiteten ,Kultur des Schweigens’ anstrebte. Inzwischen sind die Gedanken und Konzepte Paulo Freires Grundlagen großer Veränderungen in der ,Volkerziehung’ nicht nur im lateinamerikanischen Kontinent, sondern weltweit geworden.

Die Lektüre des eingangs erwähnten Buches war sogleich der Impuls, mit anderen die eigenen Erfahrungen und Erwartungen auszutauschen. Als Mitarbeiter in der Jugendakademie Walberberg hieß das für mich: möglichst bald ein Seminar auszuschreiben, das sich mit ,Paulo Freire’ befassen sollte. Im Mai 1973 kam es zu diesem ersten Freire-Seminar, an dem auch Interessenten aus den benachbarten europäischen Ländern teilnahmen. Das erste Treffen legte zugleich den Grundstock für die Bildung der ,Europäischen Arbeitsgruppe Bewußtseinsbildung’ und nachfolgend der ,Paulo-Freire-Gesellschaft’.

Diese und weitere Erfahrungen in der pädagogischen Reflexion und Aktion konnte die Jugendakademie Walberberg in die Gründung der ,Initiative Kirche von unten’ Anfang der 80er Jahre einbringen. Vor allem geschah dies während des Katholikentages vom 4. - 8. Juni 1980 in Berlin, konkret in der evangelischen Gemeinde am Lietzensee. Dort, nicht weit vom offiziellen KT, hatte die Initiative buchstäblich ihre Zelte aufgeschlagen. Der Zustrom vieler, vor allem jüngerer TeilnehmerInnen, ließ eine große Hoffnung und Begeisterung aufkommen.

Die Jugendakademie hatte sich in dem Gesamtprogramm der Ikvu mit einer eigenen Veranstaltung eingebracht, nämlich der Vorstellung der ,Freire-Pädagogik’. Methodisch geschah diese Einführung durch die Präsentation einer Diareihe, in der die Erfahrungen mit der Volkspädagogik von Paulo Freire in Guinea-Bissau vorgestellt wurden. Die einfachgemalten Bilder und der entsprechende kurze Text hierzu waren starke Impulse, über die eigene bildungspolitische und erkenntnistheoretische Befindlichkeit nachzudenken und die Hintergründe der Alphabetisierung im europäischen Kontext kritischer offen zu legen. In dieser Diaserie stach ein Bild besonders hervor, das eine Schule oben in den Wolken zeigte, an der lange Seile festgemacht waren und an deren Enden sich Menschen bemühten, sie zurück auf die Erde zu ziehen. Von den kolonialen Unterdrückungsmechanismen in Guinea-Bissau war es nicht weit, die eigene ,Kolonialisierung’ unseres Bewusstseins und unserer europäisch geprägten Bildungsziele aufzuspüren und infrage zu stellen. Dass dieser Impuls und der nachfolgende Prozess vor der Kirche und der Religion nicht halt machten, war nicht überraschend. Optisch kam dies an vielen Stellen und Publikationen durch die Übernahme gerade dieses Dia-Bildes in der Ikvu zum Ausdruck; allerdings war das oben im ,Wolkenkuckucksheim’ nicht die Schule, um die es primär ging, sondern jetzt war es die Kirche. Sie sollte mehr geerdet werden, mehr einer Volkskirche entsprechen. Das waren Wunsch und Hoffnung vieler damals am Lietzensee - auch der Jugendakademie Walberberg. Es tut gut, sich nach über 25 Jahren an dieses kleine Diabild zu erinnern, das so prägnant Weg und Ziel der Ikvu darstellt.

PS. Leider hat die Kirchenleitung - wie so oft - diese Aufbrüche nicht verstanden, geschweige akzeptiert.

Alexander Groß, ehem. Leiter der Jugendakademie Walberberg