Grußwort von Maria Jepsen
Grußwort für 25 Jahre Ökumenisches Netzwerk Initiative Kirche von unten
Dass
Gott Jesus, den Christus, in Bethlehem zur Welt kommen ließ und nicht in
Jerusalem, der Hauptstadt – es ist, als hätte Gott damit einen Hinweis
wiederholen wollen, den er auch schon mit seiner eigenen Erscheinung vor Mose in
einem Dornbusch gegeben hatte: es braucht für das Lebendigwerden des Glaubens
nicht die exklusiven oberen Etagen, nicht die hohen Zedern des Libanon,
nicht Glanz und Gloria – sondern Glauben entsteht und gedeiht unter den
normalen Bedingungen des Alltags, im Miteinander und Leben in den Gemeinden. Es
muss nicht Rom, es muss nicht Genf, es müssen keine Kathedralen sein.
Küchentische tun es auch.
Dort, wo man sich nicht nur zu Konferenzen an großen Tischen trifft, sondern
tagtäglich seinen Glauben im Miteinander zu bewähren versucht.
Das
Schöne ist, dass wir uns auf der gemeindlichen Ebene, quer durch die
Konfessionen, tatsächlich auch näher sind und uns häufig schon wirklich als
Brüder und Schwestern erkennen, unseren Zusammenhalt längst schon spüren,
wenn kirchliche Hierarchien und Dogmatiken und konfessionelle Theologien noch
Gräben und Trennungen empfinden oder aus Gewohnheit behaupten oder wenn
Kirchenfürsten Machteinbußen fürchten und uns verbieten wollen, gemeinsam an
einem Tisch zu sitzen.
Manchmal
ist das Leben auch dem Bewusstsein voraus.
Natürlich erlebt man auch an der Basis die Unterschiede und die Eigenarten der
anderen Konfessionen und stimmt längst nicht mit allem überein. Manche
religiöse Sitte lässt einen auch schaudern – aber man erlebt eben auch, dass
die verschiedenen Prägungen des Glaubens nicht trennende Gräben sind, noch gar
sein müssen.
In
dieser Zeit des beginnenden interreligiösen Dialogs und der mit ihm
einhergehenden Sichtung der eigenen Religion, kehrt nun endlich ein alter, lange
verschütteter Begriff ins Bewusstsein zurück: das Wort Christenheit.
Ich gehöre nicht nur einer der Konfessionen an, sondern auch – und das ist
mehr – der Christenheit.
Nach unserem Glauben gefragt, sind wir in Deutschland geradezu darauf gedrillt,
gleich zu antworten: ich bin evangelisch oder katholisch oder gehöre zu der
oder jener Freikirche – statt selbstverständlich erst einmal zu sagen: ich
bin Christ oder Christin, bin christlich
Dass wir so schnell nur die konfessionelle Antwort geben, ist zwar aus der
Kirchengeschichte seit der Reformation verständlich und nahe liegend. Aber der
Vorgang an sich ist seltsam. Ich kann mir gut vorstellen, dass in Zukunft die
Gesamtbindekraft des Christlichen als bedeutender und identitätsstiftender
empfunden werden wird, dass dadurch das Konfessionelle erst unsere zweite
Antwort wird und wir die konfessionelle Schere in unserem Kopf mehr
und mehr beiseite legen.
Sie in
der Initiative Kirche von unten beherzigen diese tiefe Verbindung aller
Christenmenschen in Ihrem Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung
der Schöpfung wie selbstverständlich seit langem.
Von
Herzen gratuliere ich Ihnen zu Ihrem 25jährigen Jubiläum und setze weiter auf
die Verbindungen und Impulse, die Haltekraft Ihres Netzwerkes!
Denn in der Tat: die Fäden, die der Heilige Geist immer neu zwischen uns
unterschiedlichsten Christinnen und Christen knüpft, sind gewiss haltbarer als
manch alte konfessionelle und hierarchische Gerüste.
Darauf lassen Sie uns weiter vertrauen und dafür Gottes Segen erbitten und uns
gegenseitig ermutigen und kritisieren auf unseren Wegen in der Nachfolge
Christi.
Maria Jepsen, Hamburg, im März 2006
Maria Jepsen, Bischöfin für Hamburg in der nordelbischen evang.-luth. Kirche
