zuletzt aktualisiert: 06.04.2007
home

Grußwort von Maria Jepsen


Grußwort für 25 Jahre Ökumenisches Netzwerk Initiative Kirche von unten 

Dass Gott Jesus, den Christus, in Bethlehem zur Welt kommen ließ und nicht in Jerusalem, der Hauptstadt – es ist, als hätte Gott damit einen Hinweis wiederholen wollen, den er auch schon mit seiner eigenen Erscheinung vor Mose in einem Dornbusch gegeben hatte: es braucht für das Lebendigwerden des Glaubens nicht die exklusiven oberen Etagen, nicht die hohen Zedern des Libanon, nicht Glanz und Gloria – sondern Glauben entsteht und gedeiht unter den normalen Bedingungen des Alltags, im Miteinander und Leben in den Gemeinden. Es muss nicht Rom, es muss nicht Genf, es müssen keine Kathedralen sein. Küchentische tun es auch.  
Dort, wo man sich nicht nur zu Konferenzen an großen Tischen trifft, sondern tagtäglich seinen Glauben im Miteinander zu bewähren versucht.

Das Schöne ist, dass wir uns auf der gemeindlichen Ebene, quer durch die Konfessionen, tatsächlich auch näher sind und uns häufig schon wirklich als Brüder und Schwestern erkennen, unseren Zusammenhalt längst schon spüren, wenn kirchliche Hierarchien und Dogmatiken und konfessionelle Theologien noch Gräben und Trennungen empfinden oder aus Gewohnheit behaupten oder wenn Kirchenfürsten Machteinbußen fürchten und uns verbieten wollen, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen.

Manchmal ist das Leben auch dem Bewusstsein voraus. 

Natürlich erlebt man auch an der Basis die Unterschiede und die Eigenarten der anderen Konfessionen und stimmt längst nicht mit allem überein. Manche religiöse Sitte lässt einen auch schaudern – aber man erlebt eben auch, dass die verschiedenen Prägungen des Glaubens nicht trennende Gräben sind, noch gar sein müssen.

In dieser Zeit des beginnenden interreligiösen Dialogs und der mit ihm einhergehenden Sichtung der eigenen Religion, kehrt nun endlich ein alter, lange verschütteter Begriff ins Bewusstsein zurück: das Wort Christenheit.  
Ich gehöre nicht nur einer der Konfessionen an, sondern auch – und das ist mehr – der Christenheit.
Nach unserem Glauben gefragt, sind wir in Deutschland geradezu darauf gedrillt, gleich zu antworten: ich bin evangelisch oder katholisch oder gehöre zu der oder jener Freikirche – statt selbstverständlich erst einmal zu sagen: ich bin Christ oder Christin, bin christlich.
Dass wir so schnell nur die konfessionelle Antwort geben, ist zwar aus der Kirchengeschichte seit der Reformation verständlich und nahe liegend. Aber der Vorgang an sich ist seltsam. Ich kann mir gut vorstellen, dass in Zukunft die Gesamtbindekraft des Christlichen als bedeutender und identitätsstiftender empfunden werden wird, dass dadurch das Konfessionelle erst unsere zweite Antwort wird und wir die konfessionelle Schere in unserem Kopf  mehr und mehr beiseite legen.

Sie in der Initiative Kirche von unten beherzigen diese tiefe Verbindung aller Christenmenschen in Ihrem Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung wie selbstverständlich seit langem.

Von Herzen gratuliere ich Ihnen zu Ihrem 25jährigen Jubiläum und setze weiter auf die Verbindungen und Impulse, die Haltekraft Ihres Netzwerkes! 
Denn in der Tat: die Fäden, die der Heilige Geist immer neu zwischen uns unterschiedlichsten Christinnen und Christen knüpft, sind gewiss haltbarer als manch alte konfessionelle und hierarchische Gerüste.
Darauf lassen Sie uns weiter vertrauen und dafür Gottes Segen erbitten und uns gegenseitig ermutigen und kritisieren auf unseren Wegen in der Nachfolge Christi.

Maria Jepsen, Hamburg, im März 2006

Maria Jepsen, Bischöfin für Hamburg in der nordelbischen evang.-luth. Kirche