Interview mit Marina Barré über Ihre Arbeit im Ikvu-Büro
Die gute Seele des IKvu-Büros
Marina Barré wurde am 3. März 1977 in Rennes (Bretagne) geboren. Ihre
Leidenschaften als Schülerin waren Crêpes-backen, rechte Wahlplakate
sammeln und auf Demos gehen: für die staatliche Schule und gegen die
"Front national". Nach dem bac 1995 besuchte sie eine classe prépa
in Angers (Anjou) und Rennes und studierte dann germanistique in Angers.
Magisterarbeit mit dem Titel "Der Sturm 191o - eine Zeitschrift auf der
Suche nach ihrer Identität" (1999). 1998-2000 lehrte Marina als
Fremdsprachenassistentin an einer Realschule in Bonn. Aufgrund der
katastrophalen Studienbedingungen für sog. "Auslandsstudierende"
ist sie seit 1999 Studentin der Inlandsgermanistik und Auslandsromanistik an
der Uni Bonn. Ab 2002 wartet ihre Promotion über die Filme von Wim Wenders
auf sie.
Marina wohnt im Oscar-Romero-Haus und arbeitet seit Januar 2001 als gute
Seele für Adress- und Finanzwesen im Büro der IKvu im Oscar-Romero-Haus in
Bonn.
Qb: Marina, um Dich
vorzustellen - beginnen wir doch einfach mit der Deutschen liebstem Thema:
Bist du stolz, Französin zu sein?
Marina: Nein - wie soll frau
auf ein Land stolz sein, in dem 15 % der Bevölkerung ganz offensichtlich
rechtsradikal eingestellt sind, und in dem die Geschichte ziemlich dunkle
Seiten hat? Oder sollte ich stolz sein auf Algerienkrieg, Kollaboration,
Asylpolitik?
Qb: Dann ist ja klar, was du
von der Nationalstolz-Debatte hier in D. hältst?
Marina: Klar - ich halte es für
gefährlich, dass Menschen überhaupt auf ihre Nationalzugehörigkeit stolz
sind. Nach allem, was im Namen der Nation in den letzen 200 Jahren passiert
ist, scheint´s mir ethisch ziemlich unglaubwürdig, dass man sich noch
immer darauf beruft.
Qb: Gut, gut - aber warum bist
Du dann ausgerechnet in D. gelandet?
Marina: Weil ich mich schon
immer für dieses Land interessiert habe.
Qb: Aber... das ist in F.
heute unter Jugendlichen nicht mehr "in", oder?
Marina: Eben.
Qb: ???
Marina: Ja, weil es ungewöhnlich
war - ich fand´s schön, etwas anderes zu machen, nicht wie alle Anderen
Englisch zu lernen.
Qb: Und was hältst du von der
IKvu?
Marina: Ich bin schon seit
ziemlich langer Zeit überzeugte Atheistin. Allerdings ist das Einzige, was
ich immer von Kirche mitbekommen hatte: "Der Papst hat gesagt..."
- was meistens nicht so erfreulich ist. Dagegen befasst sich die IKvu mit
Problemen, die für Nichtgläubige wie mich durchaus interessant sind.
Qb: Bei deinen Studienfächern
liegt die Frage nach deinen LieblingsautorInnen nahe...?
Marina:
Beckett, Thomas Bernhardt, François Bon, Jean-PhilippeToussaint und Alban
Lefranc.
Qb: Wer ist der Letzte?
Marina: Ein junger Autor der
Dresdner Literatur- und Filmszene, der einen sehr schönen Stil hat -
zwischen Depression und Lachkrämpfen.
Qb: Kleine Seitenfrage - und
wie findest du den neuen Uderzo?
Marina: Ich hab ihn immer noch
nicht gelesen.
Qb: Ah ja - zurück zu den
Fragen, die das Leben schrieb: Was bedeutet es für dich, ausgerechnet in
einer WG im Oscar-Romero-Haus
gelandet zu sein, das ja kein gewöhnliches Wohnheim ist?
Marina: Sich gegen die
vorhandenen ungerechten Verhältnisse aufzulehnen, um daran etwas zu ändern.
Aber dieser Anspruch sieht in der Realität oft sehr klein aus, es kommt
selten dazu, dass wirklich etwas bewegt wird.
Qb: Das ist doch ein schönes
Schlusswort! Danke für das Gespräch.
Das Interview führte Bernd Hans Göhrig und erschien zuerst im
Querblick. Rundbrief der IKvu 2/2001.
