Pressemitteilung 03 vom 14.03.07 zur Verurteilung von Jon Sobrino SJ
+ + + i k v u - p r e s s e m i t t e i l u n g 3 / 2007 + + +
Die Verurteilung von Jon Sobrino SJ ist eine Nagelprobe für den
lateinamerikanischen Klerus.
30 Jahre nach der Ermordung Rutilio Grandes holt Benedikt XVI. zum Schlag
gegen die Befreiungstheologie aus.
Frankfurt/Main, den 14. März 2007.
Jahrestage haben eine wichtige Funktion in der Kirche Lateinamerikas -
vor 30 Jahren, am 12. März 1977, wurde der der Jesuitenpater Rutilio Grande
auf dem Weg zu einer Eucharistiefeier ermordet.
Pater Grande war ein enger Mitarbeiter von Erzbischof Oscar A. Romero, der
selbst am 24. März 1980 während eines Gottesdienstes von einem Kommando
der salvadorianischen Armee ermordet wurde. Beide hatten sich in ihrer
kirchlichen Praxis auf die Seite der Armen gestellt und vertraten eine
theologische Richtung, die unter dem Namen "Befreiungstheologie"
bekannt wurde. Der Ruf "San Romero de America, auferstanden im Volk El
Salvadors" erklingt noch heute jedes Jahr am 24 März.
Nun hat Papst Benedikt über den Jesuitenpater Jon Sobrino, einen der
profiliertesten Befreiungstheologen, Professor an der Zentralamerikanischen
Universität in San Salvador und früheren Berater von Erzbischof Romero,
ein Lehrverbot verhängt. Seit geraumer Zeit war bekannt, dass in Rom ein
Verfahren gegen Pater Sobrino anhängig sei, das noch von Joseph Ratzinger
2001 als Präfekt der Glaubenskongregation eingeleitet worden war.
"Der Fall Sobrino zeigt: Die Schonfrist ist vorbei.", so Bernd
Hans Göhrig. "Die Hoffnung, dass Joseph Ratzinger im neuen Amt stärker
integrieren würde, erweist sich nun als trügerisch - die Verurteilung
Pater Sobrinos polarisiert, das ist wieder der alte Stil der 80er
Jahre."
Tatsächlich wirkt das Lehrverbot wie ein Relikt aus den 80er und 90er
Jahren, als Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation die
lateinamerikanischen Befreiungstheologen mit allen Mittel bekämpfte. Sie
gerieten dadurch zwischen zwei Frontlinien: Ihr Engagement für die Armen
brachte sie in Gegensatz zu den Besitzenden in El Salvador, Kolumbien, Peru,
Brasilien u.a., die mit den jeweiligen autoritären Regimen eng verflochten
waren. Und die Verurteilung als "marxistische Revolutionäre"
durch Rom bedeutete faktisch den Entzug eines kirchlichen Schutzes und galt
im schlimmsten Fall den Todesschwadronen wie in El Salvador als Freibrief,
wie die Ermordung der Mitglieder der Jesuitenkommunität in El Salvador 1989
zeigt, der Pater Sobrino nur durch Zufall entkam.
Während sich die bereits in den 80er Jahren verurteilten
Befreiungstheologen Leonardo Boff und Ernesto Cardenal darauf konzentriert
haben, ihre Arbeit jenseits kirchenpolitischer Machtspielchen fortzusetzen,
wirkt jedoch die Praxis der Befreiungstheologie an der Basis der
lateinamerikanischen Kirchen nach wie vor fort.
So ist es sicher kein Zufall, dass die Verurteilung Pater Sobrinos gerade
2 Monate vor Eröffnung der V. Generalversammlung des lateinamerikanischen
und karibischen Bischofsrates CELAM kommt, die von 13. - 31. Mai im
brasilianischen Aparecida stattfindet und von Benedikt selbst eröffnet
werden soll.
"Der Fall Sobrino ist eine Nagelprobe für den lateinamerikanischen
Klerus und insofern ein geschickter Schachzug Benedikts - schließlich war
die Enttäuschung darüber, dass der neue Papst kein Lateinamerikaner war,
gerade in Brasilien groß." erinnert Göhrig an die Wahl des neuen
Papstes vor zwei Jahren. "Offener Protest gegen die Verurteilung ist so
kurz vor dem Bischofsrat in Aparecida nicht zu erwarten, und dies wird im
Nachhinein wie eine große Sanktionierung von Benedikts Vorgehen gegen Pater
Sobrino gedeutet werden - eine kluge Taktik."
Im April wird außerdem Joseph Ratzingers neuestes Buch "Jesus von
Nazareth" erscheinen, in dem er sich u. a. grundlegend mit der Frage
auseinandersetzt, ob Jesus "nur ein Mensch" oder Gottes Sohn sei
und in dem er gegen die "Rekonstruktionen der letzten Jahrzehnte"
vorgeht, indem er zwischen diesen Entwürfen und dem Jesus der Evangelien
selbst wiederum einen Gegensatz konstruiert.
"Die Lehrverurteilung des ausgewiesenen Christologen Jon Sobrino
unmittelbar vor Veröffentlichung des eigenen Buches zum Thema ist einfach
zynisch und dumm. Anstelle eines kollegialen Disputs über die historische
und theologische Einschätzung von Jesus setzt der Papst das machtpolitische
Gewicht seines Amtes ein, um alternative Meinungen auszuschalten." so
Bernd Hans Göhrig. "Das zeugt zwar von strategischem Kalkül, doch
nicht von der Kompetenz für ein Amt wie das des Oberhauptes einer Kirche.
Ich hätte mir einen kollegialen theologischen Disput gewünscht, doch
dieser Streit über Jesus mit dem Mittel der Lehrverurteilung wirkt - auch
angesichts der großen Probleme Lateinamerikas - einfach äußerst
peinlich."
Bernd Hans Göhrig,
Bundesgeschäftsführer
***
Initiative Kirche von unten (IKvu) ist ein ökumenisches Netzwerk von 37
Basisgemeinden, kirchen- und gesellschaftskritischen Gruppen in der
Tradition des politischen Linkskatholizismus und -protestantismus und der
Befreiungstheologie.
***
Kontakt:
Bernd Hans Göhrig
mobil: 0179 - 52 44 075
email: presse@ikvu.de
http://www.ikvu.de
Initiative Kirche von unten (IKvu)
Oscar-Romero-Haus, Heerstraße 205, 53111 Bonn
