Arbeitskreis "Ökumene" von IKvu und WsK:
Stellungnahme zu "Gemeinsam zum Segen werden"

Für Rückfragen: Carl-Peter Klusmann,
Telefon: 0231-147303; Telefax: 0231-2866505
E-Mail: klusmann@ikvu.de

Ökumene


Die deutschen katholischen Bischöfe haben zum Ökumenischen Kirchentag in Berlin ein "Wort" veröffentlicht, zu dem die kirchlichen Reformgruppen "Initiative Kirche von unten" (IKvu) und "Wir sind Kirche" (WsK), vertreten durch ihren gemeinsamen Arbeitskreis Ökumene, wie folgt Stellung nehmen:

  1. Wir begrüßen, dass in dieser Erklärung weiterhin die reformatorischen Kirchen, die durch den Evangelischen Kirchentag Mitveranstalter des Ökumenischen Kirchentages sind, abweichend von der vatikanischen Diskriminierung in "Dominus Iesus" als "nicht Kirchen im eigentlichen Sinn", uneingeschränkt als Kirchen angesprochen werden.

  2. Wir begrüßen die Erklärung: "Wir brauchen in Deutschland eine neue Kultur der Gerechtigkeit und Liebe, die dem Egoismus und der gesellschaftlichen Kälte Paroli bietet. Wer sich dafür stark machen will, auch unter den Nichtchristen, sollte unser Partner sein. Berlin 2003 könnte dafür ein unüberhörbares Signal geben." Darin sehen wir eine Korrektur der früheren Position. Bei Katholikentagen waren Gruppen, die sich für Gerechtigkeit und Liebe im politischen Raum engagierten, wie Amnesty international und Pro Asyl, allein deshalb nicht zugelassen worden, weil sie kein kirchliches Vorzeichen trugen.

  3. Wir müssen allerdings die Irreführung beanstanden, die sich aus der Erklärung bezüglich der "eucharistischen Gastfreundschaft" ergibt. Nach herrschendem Verständnis entsteht Abendmahlsgemeinschaft im Vollsinne erst durch eine offizielle Kirchengemeinschaft. Mit der eucharistischen Gastfreundschaft oder Gastbereitschaft, bei der eine Kirche Angehörige anderer Konfessionen zum Abendmahl zulässt, verhält es sich jedoch anders. Wenn die Bischöfe erklären, dass sie dazu nicht in der Lage sind, respektieren wir das. Wenn sie wegen der noch bestehenden theologischen Unterschiede jedoch deren Praxis für "unwahrhaftig" halten, können sie damit ehestens ihr eigenes Verhalten meinen. Ein generelles Verdikt wäre ein Affront gegenüber den evangelischen Kirchen, welche die Klärung der theologischen Probleme ebenfalls als eine beiderseitige Aufgabe ansehen, dennoch aber Christen anderer Konfession im Sinne der Gastbereitschaft einladen. Als Katholiken weisen wir den Versuch zurück, diejenigen unter uns zu bevormunden, die ihrem Gewissen gemäß einer solchen Einladung folgen. Wir wünschen uns Bischöfe, die nicht jeden verurteilen, der von dem abweicht, was sie selbst für wahr oder richtig halten. Ob für andere die Einheit am Tisch des Herrn etwas mit Unwahrhaftigkeit zu tun hat, die Entscheidung darüber steht selbst einem Bischof nicht zu, weil nur Gott das Gewissen eines Menschen kennt. "Herren über unseren Glauben" (vgl. 1 Kor 1,24) sein zu wollen, dazu ist auf Erden niemand befugt.


Lehrmäßiger Kommentar:

"Im Vorfeld des Ökumenischen Kirchentages ist die Erwartung laut geworden, in Berlin die eucharistische Gastfreundschaft zu praktizieren. Es schmerzt uns, dass wir derzeit hierzu nicht in der Lage sind. Solange die ökumenischen Partner sich in Grundüberzeugungen widersprechen, ist eine Einheit am Tisch des Herrn unwahrhaftig." So heißt es im "Wort" der Bischöfe zum Kirchentag.

Die Bischöfe ihrerseits sind also nicht in der Lage, in Berlin die eucharistische Gastfreundschaft zu praktizieren. Ob das von ihnen jemand erwartet hat, wissen wir nicht. Vielen genügt es vorerst, wenn sie diese Praxis beim Kirchentag tolerieren, wie sie es in der Regel zu Hause auch tun. Dennoch ist es naheliegend, dass die Herren nach ihrer eigenen Praxis fragen. Denn inzwischen wird diese Frage von vielen unterschiedlich beantwortet. Zunehmend entziehen sich die Zeitgenossen obrigkeitlichen Reglementierungen und entscheiden nach bestem Wissen und Gewissen über ihr eigenes Verhalten selbst. Warum sollten es die Bischöfe anders halten?

Unter den gegebenen Umständen hat jedenfalls niemand damit gerechnet, die Bischöfe würden die eucharistische Gastfreundschaft offiziell proklamieren. Dann gäbe es nämlich eine "gegenseitige Zulassung" (Interkommunion). Das erlaubt aber die herrschende Doktrin nicht. Wenn sie diesen Standpunkt nur wiederholt hätten, brauchte man nicht weiter darüber zu reden. (Näheres dazu unten.)

Nun erklären sie aber etwas anderes. Sie versichern, derzeit nicht in der Lage zu sein, die eucharistische Gastfreundschaft zu praktizieren. Das bedeutet: sie selbst können diese nicht anbieten oder wahrnehmen. Mit dieser Feststellung verlassen sie die doktrinäre Ebene. In Fragen der Lehre kann man sich an Dogmen orientieren. Da es den Bischöfen hier aber um die Praxis geht, kommen andere Gesichtspunkte ins Spiel. Deshalb tun sie gut daran, hier nach der Wahrhaftigkeit zu fragen. Denn keinem Menschen kann bekanntlich ein anderer seine Verantwortung abnehmen. Jeder muss seiner eigenen Überzeugung folgen. Nur dann handelt er gewissenhaft. Nun sind die Unterschiede zwischen den Konfessionen in den Augen der Bischöfe weiterhin von solchem Gewicht, dass für sie "eine Einheit am Tisch des Herrn" noch nicht möglich ist. Sie geben deshalb zu verstehen, dass sie selbst die eucharistische Gastfreundschaft nicht praktizieren könnten, ohne unwahrhaftig zu sein. Diesen Standpunkt muss man respektieren, unabhängig davon, wie man selbst in dieser Sache denkt. Denn Wahrhaftigkeit besteht ausschließlich aus persönlicher Aufrichtigkeit. Das ist eine Frage der subjektiven Moral. Nach kirchlicher Lehre und allgemeiner Einsicht verfügt keiner über einen objektiven Maßstab, der das Gewissen anderer überflüssig machte.

Leider sind die Bischöfe aber nicht konsequent. Sie messen mit zweierlei Maß. Was sie für sich in Anspruch nehmen, machen sie unter der Hand anderen streitig. Ohne deren Einstellung überhaupt zu kennen, meinen sie, in diesem Fall auch über die Wahrhaftigkeit anderer urteilen zu können. Stillschweigend setzen sie voraus, dass diese die Dinge ebenso sehen wie sie selbst, indem sie von sich auf andere schließen. Sie nennen "eine Einheit am Tisch des Herrn unwahrhaftig", als wenn das für alle Teilnehmer gälte. Sie ignorieren damit das Gewissensurteil anderer Beteiligter. In diesem Augenblick lassen sie außer acht, dass über die Wahrhaftigkeit eines Mitmenschen niemandem ein endgültiges Urteil möglich ist. Wer etwa in eigener Verantwortung die Einladung zur eucharistischen Gastfreundschaft ausspricht oder annimmt, darf man den von vornherein für unwahrhaftig halten? Ihm wird von den Bischöfen offenbar unterstellt, dass er gegen seine Überzeugung handelt. Man wird mit Jak 4,12 fragen müssen: "Wer bist du, dass du über deinen Nächsten richtest?" Ob das von den Autoren beabsichtigt war, müssen wir offenlassen. Jedenfalls ergibt sich diese Folgerung unvermeidlich aus dem vorliegenden Text. Ähnlich ungewiss ist, ob die ev. Kirchen die Äußerungen der kath. Bischöfe als Affront empfinden (und das auch zugeben) werden. Möglicherweise sind sie gegen eine solche bischöfliche Kasuistik ohnehin immun.

Schlussbemerkung: Unter Zuhilfenahme einer Hypothese lässt sich die peinliche Konsequenz aus dem bischöflichen Text vermeiden. Ob die Autoren unbewusst von einer solchen Voraussetzung ausgehen, bleibt unklar. Falls jedoch das "Wir" des Textes nicht die Bischöfe in Person meint, sondern die Kirche selbst, ist die beschriebene Schlussfolgerung hinfällig. Dann erhöbe das Wort der Bischöfe nämlich einen objektiven Anspruch. Diese Deutung könnte sich auf den traditionellen Grundsatz berufen: "Die Kirche, das sind wir Bischöfe." In diesem Fall bestünde tatsächlich die Gefahr, dass die Kirche als Quasi-Subjekt der Unwahrhaftigkeit erliegt, wenn sie (scil. die Bischöfe) die eucharistische Gastfreundschaft praktiziert, indem sie diese von Amts wegen zulässt. Die Bischöfe wären dann auf der theoretischen, doktrinären Ebene verblieben, und der Text liefe lediglich auf die Feststellung hinaus, dass die Autoren die Zeit für eine "gegenseitige Zulassung" noch nicht für gekommen halten. Folgerungen bezüglich der Wahrhaftigkeit derer, die dennoch eucharistische Gastfreundschaft gewähren oder wahrnehmen, ergäben sich nicht.

(Carl-Peter Klusmann)


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