Der Titel deutet es schon an: Ich spreche über ein schwieriges Thema voller Ungereimtheiten, ein Thema, das für viele von uns gleichzeitig behaftet ist mit sehr schönen, aber auch mit zutiefst schmerzhaften Erfahrungen, das besetzt ist mit Erinnerungen - vielleicht an Gottesdienste unserer Kindheit - und mit Hoffnungen und Ängsten. Um der "Wahrheit" der Eucharistie als gleichzeitig "Brot des Lebens" und "Stein des Anstoßes" gerecht zu werden, möchte ich deshalb beginnen mit einem persönlichen Bekenntnis, einem Bekenntnis dazu, wie das Thema Eucharistie mich trifft und betrifft. Denn meine eigene Geschichte, meine eigenen Schwierigkeiten und Ungereimtheiten mit diesem Thema prägen das, was ich zu sagen habe, entscheidend mit.
Als erstes gilt es einfach anzuerkennen, daß ich römisch-katholische Christin (und Theologin) bin und mich zu den Grundanliegen der römisch-katholischen Eucharistielehre bekenne. Sehr verkürzt bedeutet dies für mich viererlei: erstens das Bekenntnis zu einem Gott, der sich in Brot und Wein leibhaftig selber schenkt, also nicht etwas, sondern sich selber gibt; zweitens das Bekenntnis zu einem Gott, der sich sichtbar und dauerhaft bindet an Brot und Wein (ich habe dafür theologische Gründe, bin dieser Wahrheit aber auch ganz gefühlsmäßig verbunden: Fronleichnam war für mich als Kind eigentlich das schönstes Kirchenfest); drittens das Bekenntnis zur Eucharistie als einer Selbsthingabe Gottes, und viertens die Erfahrung der Eucharistie als grundlegender Erfahrung von Kirchesein, das heißt mein Christinsein ist eucharistisch geprägt.
Zweitens gilt es aber gleichzeitig anzuerkennen, daß ich spezifische Schwierigkeiten mit der eucharistischen Praxis meiner Kirche habe. Diese eucharistische Praxis hat zum Beispiel geschichtlich Frauen vielfach marginalisiert, sei es durch die Sitzordnung von Frauen in Entfernung vom Altar, sei durch den Ausschluß von der Eucharistie nach einer Geburt oder durch verschiedene Menstruationstabus, vom Ausschluß von Frauen vom Weihesakrament gar nicht erst zu reden. Die eucharistische Praxis meiner Kirche war aber auch vielen anderen Mißständen unterworfen (wie wir nicht zuletzt durch die Reformation wissen), und sie ist eine Praxis, die ökumenisch wenig gastfreundlich erscheint.
Drittens befinde ich mich in dem innerlichen Zwiespalt, daß ich die beiden ökumenischen Grundpositionen zur eucharistischen Gastfreundschaft - obwohl sie sich gegenseitig ausschließen - nachempfinden kann und beide immer wieder gelebt habe. Das heißt, ich schwanke zwischen einer Position, die Eucharistie und Kirchengemeinschaft streng aufeinander bezieht und von daher eine gemeinsame Eucharistiefeier ausschließt, bevor nicht die Kirchengemeinschaft verwirklicht ist, und einer Position, die die gemeinsame Eucharistie als den besten Weg zur wachsenden Kirchengemeinschaft sieht.
Soweit mein eigenes Bekenntnis und mein eigenes Ringen mit diesem schwierigen und gleichzeitig schönen Thema, Eucharistie. Deshalb auch mein Titel, "Brot und Stein", wobei ich im folgenden zunächst beim "Stein" bleiben möchte.
Die Eucharistie als katholischer
Grundstein
Ich möchte hier keine Nachhilfestunden in katholischer Dogmatik anbieten,
jedes Handbuch zur Sakramententheologie kann dies besser als ich (wobei die
dogmatischen Spitzfindigkeiten der Meßopfertheorien oder der Lehre von
Transsubstantiation und Realpräsenz oftmals nur noch den Eingeweihten
verständlich sind). Betonen möchte ich nur einen Punkt, der ökumenisch
bedeutsam ist: Das Kernproblem der eucharistischen Gemeinschaft mit anderen
Kirchen ist für die Römisch-Katholische Kirche eigentlich nicht mehr die
Frage getrennter Kirchen, Riten und Lehren, sondern die Frage des
kirchlichen Amtes (ich halte von daher den Weg der Angleichung der
eucharistischen Feierpraxis zwischen den Kirchen zwar für ökumenisch
wichtig, aber letztlich nicht entscheidend für die Position der
Römisch-Katholischen Kirche zum protestantischen Abendmahl. Denn selbst wenn
zum Beispiel eine evangelische Pfarrerin oder ein evangelischer Pfarrer die
Texte der römisch-katholischen Messe für die Abendmahlsfeier benutzen
würden, wäre dies dennoch für die Römisch-Katholische Kirche noch lange
keine gültige Eucharistiefeier).
Nun ist die offizielle katholisch-dogmatische Position aber nur eine Erscheinungsform eucharistischen Denkens und Lebens innerhalb der Römisch-Katholischen Kirche (wenn auch ihre normative Erscheinungsform). Um der Wahrheit der Eucharistie willen dürfen jedoch die anderen Erscheinungsformen hier nicht unter den dogmatischen Tisch gekehrt werden. Die Römisch-Katholische Kirche hat inzwischen eine Milliarde Mitglieder - und damit auch eine unglaubliche Bandbreite liturgischen Lebens. Da sind zum Beispiel die Traditionalisten, die weiterhin im tridentinischen Ritus Eucharistie feiern; da sind die katholischen Ostkirchen mit verheirateten Priestern; da sind feministische Liturgiekreise mit ihren bunten Alternativen zur traditionellen Eucharistiefeier; da sind Ortsgemeinden, die stillschweigend eucharistische Gastfreundschaft praktizieren; da sind Gemeinden, die sehr selten Eucharistie feiern, weil kein Priester vorhanden ist (in einigen Regionen Lateinamerikas kommt auf 20 000 Gläubige ein Priester); und da sind die vielen katholischen Glaubenden, die ökumenisch ganz und gar nicht immer das praktizieren, was die normative römisch-katholische Position ihnen sagt. Es gibt also eine Bandbreite von eucharistischen Lebensformen auch innerhalb der Römisch-Katholischen Kirche, dies muß einfach anerkannt werden. Gleichzeitig eint etwas die meisten katholischen Glaubenden: Die Feier der Eucharistie gehört für uns mit ins Zentrum des Selbstverständnisses von "gut katholisch sein."
Die Eucharistie als (nicht nur)
ökumenischer Stolperstein
Bis jetzt ging es um die Bedeutung der Eucharistie für die
Römisch-Katholische Kirche. Das intensive ökumenische Ringen um die
"Wahrheit" der Eucharistie sagt aber auch etwas über die Bedeutung der
Eucharistie für alle Kirchen und ihre Glaubenden. Wenn nun die Eucharistie
wirklich ein Herzstück des Lebens der Kirchen ist, so sollte es andererseits
nicht überraschen, daß gerade in dieser Eucharistie die Fehler und das
Versagen der Kirchen besonders spürbar und deutlich sind. In der Eucharistie
findet eben auch eine Selbstdarstellung der Fragmentierung der Kirche und
der Kirchen statt. Das Sakrament der Einheit ist zwangsläufig immer auch
Ausdruck von Trennungen, und dies selbst innerhalb nur einer einzigen
Kirche. Ich bleibe nur einmal bei meiner eigenen, der Römisch-Katholischen
Kirche.
Drei Beispiele mögen verdeutlichen, worum es mir hier geht. Das erste Beispiel: Ich fühle mich ganz und gar nicht "eucharistisch geeint" mit Augusto Pinochet (der bekanntlich sehr regelmäßig und fromm die Messe besucht), selbst wenn wir in einem römisch-katholischen Gottesdienst beide nebeneinander zur Kommunion gehen könnten. Welche eucharistische Einheit darf es mit der Folter und ihren Komplizen geben? Ein zweites Beispiel: Ich fühle mich auch nicht besonders eucharistisch geeint, wenn eine "Männermauer" (der Ausdruck stammt nicht von mir) in Konzelebration um den Altar steht, während die Gemeinde fast nur aus Frauen besteht. Um noch ein drittes Beispiel zu nennen: Eucharistische Einheit wird für mich empfindlich gestört, wenn mein kleiner (getaufter und wach glaubender) Sohn in der Messe auch "Jesusbrot" essen möchte, ihm das aber, allein aufgrund seines Alters, verwehrt ist. Das Fazit aus diesen Beispielen: Wir müssen anerkennen, daß es wohl nie eine Feier der Eucharistie ohne die Gegenwart von sowohl Einheit als auch Trennungen gibt. Konfessionelle Spaltungen sind nur eine der Fragmentierungen, durch die jede Feier der Eucharistie (mit-)geprägt ist. Die Eucharistie ist immer Sakrament der Einheit und Spiegel der Spaltungen, so wie auch die eine Kirche immer ein lebendiger Prozeß der Verwirklichung inmitten vielfältiger Fragmentierungen ist. Die Einheit der Kirche und ihrer Eucharistie sind kein fester, festzuschreibender Zustand. Einheit ist immer nur zu haben als Ringen um die Einheit.
Die Eucharistie - Brückenstein in die
Zukunft? Unterwegs zum einen Brot des Lebens
Aber können wir es dabei belassen: Brotbrechen geschieht immer in vielfach
gebrochenen Kirchen? Einerseits ist der Blick auf die vielfachen
Fragmentierungen eucharistischen Lebens sicher hilfreich, denn er zeigt, daß
die konfessionelle Spaltung nur eine unter vielen ist (und für viele
Zeitgenossen gar nicht mehr die schwerstwiegende). Andererseits ist es
gerade die konfessionelle Spaltung am eucharistischen Tisch, die immer
wieder als besonders schmerzhaft erfahren wird und die auch die
Kirchenleitungen nachhaltig beschäftigt. Was die Römisch-Katholische Kirche
betrifft, so muß man realistischerweise anerkennen, daß es wohl in naher
Zukunft keine offiizielle Eucharistiegemeinschaft dieser Kirche mit
evangelischen Kirchen geben wird. Was aber ist angesichts dieser Tatsache zu
tun, was darf gelebt werden? Ich kann wieder nur bekenntnishaft antworten:
Ich habe für dieses Problem keine glatten Lösungen. Die Tatsache "getrennter
Eucharistiefeiern" ist so unmöglich, so gegen alles, was Christsein und
Kirchesein bedeuten sollte, daß alle runden Lösungsvorschlage an dieser
unheiligen Realität abprallen. Aber ich träume von und spiele mit
verschiedenen Möglichkeiten, "Unmöglichkeit" zu leben - besonders auch im
Hinblick auf einen gemeinsamen, ökumenischen, evangelisch-katholischen
Kirchentag im Jahre 2003.
Ich kann mir einige Möglichkeiten vorstellen, die Eucharistie als das, was sie ehrlicherweise für uns ist, nämlich als Brot, das uns eint, und als Stein, der getrennte Wege pflastert, ernst zu nehmen: zum Beispiel durch ein gemeinsames eucharistische Fasten, also eine Abstinenz von getrennten Feiern. Oder warum nicht einen gemeinsamen eucharistischen Hungerstreik? Und wenn wir Brot und Wein nicht gemeinsam teilen können, wer kann es uns verwehren, Milch und Honig zu teilen, oder Brot und Salz? Wer will uns hindern, Steine zusammenzutragen und zu trauern, daß es dieser Aspekt der Eucharistie ist und nicht das Brot, das wir teilen? Ich kann mir noch andere Möglichkeiten vorstellen, gemeinsam authentisch Gemeinschaft und Trennung zu leben, Trauer und Hoffnung. Was ich ausschließen möchte angesichts der Notlage getrennter Eucharistiefeiern, sind Arroganz auf der einen Seite und Apathie auf der anderen Seite. Wir müssen uns - gerade auch in getrennten Kirchen - immer wieder verstehen als gemeinsam unterwegs zum einen Brot des Lebens. Es ist ein Weg reichlich gepflastert mit Stolpersteinen, und diese nicht nur konfessioneller Art. Aber die Verheißung des Weges ist klar: Am Ende dieses Weges steht ein Festmahl, ein Mahl, das heil und ganz ist, ohne Fragmentierung, weil der Gastgeber Gott selber ist, ein Gott, der uns - so meinte jedenfalls Jesus - wenn wir um Brot bitten, nie einen Stein geben würde (Mt 7, 9). Wie können wir es eigentlich wagen, im Namen dieses Gottes anders zu handeln?
(Vortrag beim Deutschen Evangelischen Kirchentag, 18.6.1999)