Ökumenische Gottesdienste in der
Kirchengemeinde Prenzlauer Berg-Nord


Gemeinsame Erklärung von Kirchengemeinde, Kirchenkreis und Landeskirche

- Kommunique -

In einer Sitzung des Gemeindekirchenrats Prenzlauer Berg-Nord am 20.01.2003, zu der Propst Dr. Lütcke für die Kirchenleitung und Sup. Wittkopf für den Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte eingeladen waren, wurde der Konflikt um die ökumenischen Gottesdienste besprochen, die von der Gemeinde zusammen mit den katholischen Initiativen "Kirche von unten" und "Wir sind Kirche" geplant werden.

Propst Dr. Lütcke und Sup. Wittkopf erläuterten die Position der Landeskirche als Gastgeberin des Ökumenischen Kirchentags. Der Ökumenische Kirchentag werde geplant und veranstaltet in einer neuen und engen Zusammenarbeit zwischen den Laienbewegungen Deutscher Evangelischer Kirchentag und Zentralkomitee deutscher Katholiken. Grundlage solcher Zusammenarbeit müsse der Respekt vor dem Glauben, den theologischen Lehrauffassungen und den geltenden Regeln der jeweils anderen Kirche sein. Deswegen äußerten sie die Bitte, auf Aktionen zu verzichten, die die Regeln der Katholischen Kirche verletzen. Diese Bitte sei von der Hoffnung bestimmt, dass der Ökumenische Kirchentag neue ökumenische Möglichkeiten für die Zukunft eröffnet. Deshalb seien Schritte zu vermeiden, die im Ergebnis neue Blockaden im Miteinander zur Folge haben könnten.

Die Gemeindevertreter erläuterten ihre Beweggründe, während des ÖKT neben den vielfältig gewachsenen Beziehungen auch neue Formen der ökumenischen Zusammenarbeit zu diskutieren und zu praktizieren. Eine von katholischen und evangelischen Christen gemeinsam gewünschte gegenseitige Öffnung am Tisch des Herrn müsse als Zeichen für die Glaubwürdigkeit von Christen und als Ermutigung verstanden werden. Grundlage solcher eucharistischer Gemeinschaft müsse die Hoffnung sein, dass der Heilige Geist gegen alle Angst dazu ermutige, Schritte zu gehen, die die Kirchen insgesamt aus Gründen ihrer Lehrmeinungen oder Ordnungen noch nicht zu tun können meinen. Sie äußerten die Bitte um Verständnis, die Auseinandersetzungen um das gemeinsame Abendmahl verstehen zu können als ein "notwendiges, qualifiziertes Nachdenken" (so der Vorsitzende des Diözesanrats, der katholischen Laienorganisation im Bistum Berlin) über Weg und Ziel der Ökumene.

Nach der Diskussion verständigten sich die beiden Seiten trotz nach wie vor unterschiedlicher Bewertung darauf, dass die Gemeinde zusammen mit ihren katholischen Partnern das Projekt in folgender Weise gestaltet:

  1. Bei dem geplanten ökumenischen Projekt in der Gethsemanekirche wird es zwei ökumenische Gottesdienste geben. Der evangelische Abendmahlsgottesdienst wird von dem evangelischen Partner verantwortet werden. Katholische Partner werden im ökumenischen Geist mitwirken, nicht aber im Abendmahlsteil. Die katholische Messe wird von den katholischen Partnern verantwortet werden. Evangelische Partner werden im ökumenischen Geist mitwirken, nicht aber im Abendmahlsteil.
  2. Es wird keine "Interzelebration" geben, also Abendmahls- bzw. Eucharistiefeiern, die gemeinsam von einem evangelischen Pfarrer und einem katholischen Priester "zelebriert" und geleitet werden. Damit respektieren die Partner die kirchenrechtliche Grenze, die es hier leider noch gibt.
  3. Die Teilnehmer der jeweils anderen Konfession werden eingeladen, bei Abendmahl bzw. Eucharistie zu "kommunizieren", also Brot und Wein zu empfangen. Die Einladung wird in evangelischer Freiheit so ausgesprochen, dass sich kein Teilnehmer unter Druck gesetzt fühlt.
  4. Für die Evangelische Kirche ist eine solche Einladung an Christen anderer Konfessionen im Sinne "eucharistischer Gastbereitschaft" üblich. Die evangelischen Partner des ökumenischen Gottesdienstes werden bemüht sein, diese Einladung mit ökumenischer Offenheit und zugleich mit ökumenischer Sensibilität auszusprechen und das Gewissen derer zu respektieren, die nicht das evangelische Abendmahl empfangen wollen, weil sie sich durch die Regelungen der Katholischen Kirche daran gehindert sehen. Sie wollen auf keinen Fall die Teilnehmer anderer Konfession unter Druck setzen.
  5. Die Verantwortung für die katholische Messfeier wird bei den katholischen Partnern liegen, die die Einladung von Christen anderer Konfession zu eucharistischer Gastfreundschaft mit der gleichen ökumenischen Sensibilität aussprechen werden.
  6. Die Beteiligten sind sich einig, dass es keine demonstrativen oder gar provokativen Aktionen geben soll, weil solche Aktionen dem Wesen der Eucharistie/des Abendmahls nicht entsprechen.

Berlin, im Februar 2003

Für die Kirchenleitung
in Berlin-Brandenburg

Propst Dr. K.-H. Lütcke

Für den Kirchenkreis
Berlin-Stadtmitte

Sup. Lothar Wittkopf

Für die Kirchengemeinde
Prenzlauer Berg Nord

Pfr. Heinz-Otto Seidenschnur

Quelle: http://www.bb-evangelisch.de


Erklärung der Pfarrerschaft der Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord
"Warum wir an der gegenseitigen Einladung zum Tisch des Herrn festhalten"

In den vergangenen Wochen und Monaten hat es vielfältige zustimmende und ablehnende Reaktionen auf die Ankündigung unserer Gemeinde gegeben, zusammen mit den katholischen Initiativen "Kirche von unten" und "Wir sind Kirche" zwei ökumenische Gottesdienste zu gestalten und dazu einzuladen. Entsprechend den bestehenden unterschiedlichen Traditionen wird es einen evangelischen Abendmahlsgottesdienst geben, der im Abendmahlsteil von den evangelischen Partnern verantwortet wird, und eine katholische Messe, die im eucharistischen Teil von den katholischen Partnern verantwortet wird. Zu beiden Mahlfeiern werden die Gäste der jeweils anderen Konfession eingeladen. Auch wenn diese Gottesdienste nicht in das offizielle Programm des Ökumenischen Kirchentages aufgenommen wurden, halten wir daran fest, die gegenseitige Einladung an den Tisch des Herrn zeichenhaft während dieses Kirchentages zu praktizieren. Wir bringen damit die Stimmen vieler Christen in beiden Kirchen zum Ausdruck, für die dieser Schritt längst überfällig ist. Auch der erste ökumenische Kirchentag, der auch für uns ein kostbares Geschenk ist, darf die Diskussion und das notwendige, qualifizierte und streitbare Nachdenken über Weg und Ziel der Ökumene im Interesse einer falsch verstandenen Harmonie nicht unterdrücken. Unabhängig von allen vorgetragenen Argumenten der Kirchenleitungen auf der administrativen Ebene legen wir Wert darauf, unseren Schritt vor dem Hintergrund unserer theologischen Einsichten zu würdigen:

1. Die Kirche ist das Zeugnis der Einheit der getrennten und unversöhnten Welt schuldig

Es geht in der theologischen Diskussion um die Einheit der Kirche nicht nur und vielleicht nicht einmal in erster Linie um ein theologisch-dogmatisches Problem. Es geht darum, dass die Kirche als Leib Christi inmitten einer durch politische, wirtschaftliche und rassistische Ab- und Ausgrenzungen gespaltenen Menschheit Zeugnis ablegt von dem einen Gott, dessen Liebe allen Menschen und dieser einen Erde gilt. Diese in Gott geschenkte Einheit zu bezeugen und gerade auch im Konflikt durchzuhalten, ist wesentlich für die Glaubwürdigkeit des kirchlichen Zeugnisses.

"Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, d.h. Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit." 2. Vatikanisches Konzil (LG 1)

Joh. 17, 20f: "Doch nicht nur für sie bitte ich, sondern auch für die, die durch ihr Wort (d.h. das Zeugnis der Kirche) zum Glauben an mich kommen. Sie alle sollen eins sein, wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so auch sie in uns, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast."

Das Sakrament des Abendmahls als Geschenk des Herrn an seine Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit nur als Folge einer erreichten Kirchengemeinschaft zu verstehen und gelten zu lassen, hieße, die Gabe des Herrn zu einem kirchenrechtlichen Instrument zu machen. Der evang. Theologe Ernst Lange sah die wichtigste Funktion des Abendmahls heute in einer Situation des Konflikts. Gerade im Konflikt ist es das Mahl derer, die "ihre Einigung und ihren Frieden im Glauben vorwegnehmen". Wenn es stimmt, dass in der Feier des Abendmahls die Zukunft des Reiches Gottes vorweggenommen wird, dann erscheint seine Behauptung als die einzig mögliche. Dann wird gerade in der Mahlfeier der noch Uneinigen etwas verwirklicht, was sie für ihre gemeinsame Zukunft erhoffen. "Dieser Vorgriff, diese Kreditnahme beim Reich Gottes" entspricht nach unseren Erkenntnissen genau dem, was Jesus bei seinen Mahlzeiten mit den Sündern und Zöllnern tat.

2. Ökumene ist in ihrem Wesen nicht in erster Linie das Resultat ausgehandelter Konvergenzpapiere, sondern das Ergebnis aufrichtiger Versöhnung

In einem Rundbrief der Ökumenischen Gemeinschaft von Taizé (1999) heißt es:

"Ohne Versöhnung - welche Zukunft hat die einzigartige Gemeinschaft der Liebe, die Kirche genannt wird? Die Berufung, sich unter getrennten Christen zu versöhnen, heißt Ökumene. Die ökumenische Berufung führte zu bemerkenswerten Dialogen, aber man kann darüber nicht das Wort Christi vergessen: ‚Geh und versöhne dich zuerst!'. Die ökumenische Bewegung kommt zum Stillstand, wenn sie es zulässt, dass parallele Wege entstehen, die unter keinen Umständen ineinander einmünden und über kurz oder lang die lebendigen Kräfte zur Versöhnung verschleißen. Es ist, als würden Züge nebeneinander herfahren: Sie halten bisweilen, eine Begegnung wird möglich, aber dann besteigt jeder wieder seinen Zug.

Sofern die Versöhnung unter Christen auf später verschoben wird, könnte die ökumenische Bewegung, ohne sich dessen bewusst zu werden, trügerische Hoffnungen nähren. Wer würde es wagen, die junge Generation in eine Scheinwelt zu führen? Wenn die ökumenische Berufung nicht mit der Versöhnung Ernst macht, führt sie nirgendwohin, und die Flamme erlischt."

Versöhnung zwischen den Kirchen setzt die gegenseitige Anerkenntnis voraus, dass ich nicht im Besitz der ganzen Wahrheit bin.

"Ökumene heißt nicht die geglückte Selbstliquidation der einzelnen Partner in ein Allgemeines. Wir sollen nicht in ein blasses Allgemeines von Gesinnung, Expression und Lebensauffassung verschwimmen, sondern jedem soll zu seiner geläuterten Eigentümlichkeit verholfen werden. Ökumene heißt nicht nur, dass ich geduldet bin mit meiner Wahrheit, sondern dass ich nicht im Stich gelassen werde von den anderen mit ihrer Wahrheit. Ich bin Fragment, ich weiß etwas, aber nicht alles. Das aber heißt, dass ich die Korrektur und die Ergänzung durch die fremde Wahrheit brauche." (Fulbert Steffensky, Das Haus, das die Träume verwaltet, S. 113f.)

3. Der Skandal ist nicht, dass die eine Kirche noch nicht da wäre. Der Skandal ist die Behauptung, die Kirchen seien getrennt

Alle an uns gerichteten gut gemeinten Appelle, die andere Seite nicht leichtfertig mit demonstrativ-politischen Aktionen unter Druck zu setzen oder vorzuführen, sind letztlich Argumente auf der Ebene der Hierarchie (heilige Ordnung). Wer die Änderung einer bestehenden Praxis als leichtfertig verdächtigt, will, da er selbst nicht leichtfertig handelt, bei der bestehenden Praxis bleiben. Und wer die gegenwärtige Praxis auf seiner Seite weiß, kann sich schon immer im Vorteil wissen. Er braucht den Beweis für die Richtigkeit seiner Behauptung nicht erst anzutreten.

Wenn der Geist Gottes in der Geschichte der Kirche wirksam war (Tradition), was niemand bestreitet, so ist er auch heute unter uns am Werk. Entscheidungen der Kirche in früheren Zeiten mögen damals angemessen gewesen sein, sie müssen es aber nicht für alle Zeiten bleiben. Ebenso wenig werden unsere Entscheidungen für alle kommenden Generationen maßgeblich sein. Gottes Geist wird jede Generation in die Erkenntnis der Wahrheit leiten, und dabei werden frühere Erkenntnisse zweifellos eine Rolle spielen.

"Die Einheit der Kirchen in der Einheit der Glaubensformulierungen und der Glaubenstraditionen zu sehen, das wäre etwa so, als wollte man die innere Einheit und Herzlichkeit einer Familie daran erkennen, dass sie alle die gleichen Tirolerhüte tragen. Was wäre das für eine Zerstörung der Poesie des Glaubens, wenn zwischen Tokio und Lima, wenn es von Augustinus bis Rahner nur eine Formulierung des Glaubens, nur eine Art der Expression und der Geste für diesen Glauben gäbe. Diese Einheit der Kirchen kann doch niemand wollen, man muss sie mit brennendem Herzen ablehnen. Denn sie wäre die Zerstörung der Wahrheit des Glaubens. Es wäre der zentralisierte und magazinierte Glaube, zwischen dessen Beton keine Blume mehr wächst. Was wäre es ein Verlust, wenn die religiöse Landschaft so vereinheitlicht wäre, dass die Theologien, die Riten, die Frömmigkeitsstile der Orthodoxen, der Lutheraner, der Katholiken, der Reformierten nicht wieder zu erkennen wären!" (Steffensky, Das Haus, das die Träume verwaltet, S. 115f.)

Berlin, 4.2.2003

im Auftrag des Gemeindekirchenrates
Pfr.in U. Fey, Pfr. G. Mangliers, Pfr. H-O. Seidenschnur, Pfr. Chr. Zeiske


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