Johannes Rehm:

Es ist längst an der Zeit
Ökumenische Abendmahlsgemeinschaft als Naherwartung


Der von vielen mit so viel Spannung erwartete Ökumenische Kirchentag in Berlin ist nun schon wieder eine ganze Weile vorbei. Dieser Kirchentag fand an einem symbolträchtigen Ort statt. Mit Berlin sind bleibend die Bilder von 1989 verbunden, als Menschen überkommene Grenzziehungen einfach ignorierten und zu Tausenden zu Fuß oder mit Autos von Ost nach West strömten. Ein neues Kapitel in der Geschichte war damit aufgeschlagen, eine Tür hatte sich einen Spalt breit aufgetan und die Menschenmassen schritten einfach durch.

Mit dem Ökumenischen Kirchentag war von Anfang an die Hoffnung vieler verbunden eine überlebte Grenzziehung zwischen den großen Kirchen könnte fallen und die Tür zu ökumenischer Abendmahlsgemeinschaft täte sich auf. Berlin würde also auch ein Symbol für einen überfälligen Schritt in Richtung ökumenischer Gemeinschaft der Kirchen werden. Doch je näher der Kirchentag rückte um so mehr wurden von Kirchenleitenden beider Konfessionen diesbezügliche Erwartungen gedämpft bzw. zurückgewiesen, denn die Kirchen seien eben noch nicht so weit. Es wurde die Sorge spürbar, dass sich die ökumenische Entwicklung verselbständigen und sich Türen öffnen könnten, bevor die Kirchenleitungen die Eintrittserlaubnis erteilt haben.

Die Brisanz der Frage ökumenischer Abendmahlsgemeinschaft wird durch ein neues Interesse am Abendmahl zusätzlich verschärft. Die letzten Jahre sah es so aus, als sei das Thema Abendmahl ausschließlich von innerkirchlichem Interesse. Die säkulare Welt und die mehrheitlich entkirchlichten Zeitgenossen schien das Abendmahl insgesamt und der jahrhundertelange kontroverstheologische Theologenstreit, soweit überhaupt in Ansätzen bekannt, kaum zu berühren. Auch in der Kirche war, wenn das Abendmahl auf der Tagesordnung kirchlicher Gremien stand, mehr von dem liturgischen "Wie macht man das?" (Stichwort: Feierabendmahl) als von dem traditionell lutherischen "Was ist das?" die Rede. Wenn am Abendmahl etwas interessant und diskussionswürdig erschien, dann die Form und nicht der theologische Inhalt.

Seit einigen Monaten stößt man bei der Lektüre regionaler und überregionaler Zeitungen, auffallend häufig auf Berichte über die Debatte um die ökumenische Mahlfeiern beim zurückliegenden Kirchentag, aber auch auf publizistische Versuche, kurz und bündig zu erläutern, was das Abendmahl denn sei und worin sich die Abendmahlsauffassungen der Konfessionen denn unterschieden. Das Abendmahl ist wieder Thema und der Wunsch nach ökumenischer Abendmahlsgemeinschaft verbreiteter als sich manches kleingläubige Theologenherz so träumen lässt. Warum ist das so? An eine Verschwörung der böswilligen "Kirche von unten"-Bewegung mit der romkritischen Presse zu Lasten der katholischen Amtskirche mag ich nicht zu glauben.

Wahrscheinlicher ist Folgendes: Nicht nur innerkirchlich engagierte Menschen, sondern zahlreiche säkulare und glaubensferne Zeitgenossen verspüren in sich eine tiefe Sehnsucht nach Orten und Gesten der Versöhnung. In einer Zeit, in der Kriege wieder selbstverständlicher geworden sind, in einer Gesellschaft, in der tausendfach Ehen und Beziehungen auseinander brechen, Arbeitsverhältnisse gelöst werden und Interessengruppen unversöhnlich aufeinanderprallen, gibt es eine echte Sehnsucht und aufrichtige Erwartung an die Kirche Jesu Christi. Dass Kirche so etwas sein möge wie eine Gegenwelt der Versöhnung zur Realität innerweltlicher Unversöhnlichkeit. Vermutlich ist es das, was das Abendmahl erneut interessant und ökumenische Abendmahlsgemeinschaft für viele erstrebenswert macht, dass es den Wunsch gibt, einmal zu erfahren, wie Versöhnung schmeckt und sich anfühlt. Vermutlich erwartet und erhofft die Welt von den Kirchen jetzt, dass sie das Amt der Versöhnung endlich wahrnehme (2. Kor. 5, 18 ff.). Warum tut sie es nicht? Muss hier erst zwischenkirchliche Versöhnungsarbeit geleistet werden? Müssen die Grenzen kirchlicher Versöhnungsbereitschaft wirklich beim Abendmahl besonders schmerzlich sichtbar werden? Wie verhält es sich beim Abendmahl, stehen sich da noch immer theologische Gegensätze unversöhnlich gegenüber?

In der Reformationszeit prallten in der Abendmahlsfrage die Gegensätze heftig aneinander. In Martin Luthers Schrift "Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche" aus dem Jahr 1520 war von einer dreifachen Gefangenschaft des Abendmahls durch Messlehre und -praxis der römischen Kirche die Rede:

Inzwischen hat sich viel getan:

Eine deutliche Divergenz theologischer Überzeugungen mit erheblicher praktischer Relevanz gibt es im ökumenischen Dialog nach wie vor bei der Frage des hierarchischen Amtes, insbesondere bei der Frage, ob das in apostolischer Sukzession (die auf die Apostel zurückgeführte ununterbrochene Kette der Handauflegungen) stehende Bischofsamt für die katholische Seite unverzichtbare Voraussetzung für die Anerkennung der Gültigkeit einer evangelischen Ordination darstellt. Aber diese verbliebene Divergenz kann doch nicht die in der Rechtfertigungslehre und der Abendmahlslehre gefundene wachsende Übereinstimmung wieder rückwirkend in Frage stellen. Jedenfalls sind aus unversöhnlichen Gegensätzen in der Abendmahlsfrage zur Reformationszeit eine theologisch versöhnte Verschiedenheit und wachsende Gemeinsamkeit geworden. Dem Ökumene-Beauftragten der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Paul-Werner Scheele kann zugestimmt werden, wenn er feststellt: "Über das Verständnis der Eucharistie gibt es inzwischen einen weitgehenden Konsens, der hoffen lässt, dass man noch weiter kommt” (Süddeutsche Zeitung vom 28.2.2003).

Ja, wenn es diesen weitgehenden theologischen Konsens in der Abendmahlsfrage gibt, warum darf es dann das ökumenische Abendmahl oder zumindest die auf dem Kirchentag von einigen Gruppierungen durchgeführten Mahlfeiern mit "Eucharistischer Gastbereitschaft” nicht geben? Wieso sollen gerade da die Türen voreinander verschlossen und der Zutritt nur den Angehörigen der eigenen Konfession gestattet sein? Braucht Ökumene mehr Geduld?

Der Ruf nach Geduld, den man neuerdings auch aus evangelischem Bischofsmund hören kann, überzeugt denjenigen nicht so recht, der sich die inzwischen schon recht lange Geschichte des ökumenischen Dialogs vor Augen führt – das lutherisch-katholische Dokument "Das Herrenmahl” (1978), das multilaterale Lima-Papier "Taufe, Eucharistie und Amt” (1982) und das Dokument "Lehrverurteilungen – kirchentrennend?” (1986) stehen alle für diese gewachsene Gemeinsamkeit im Abendmahlsverständnis. Insofern verstehe ich die Naherwartung ökumenisch Engagierter gut, die der Meinung sind: Es ist längst an der Zeit! Hinzu kommt, dass es vielerorts langjährige Erfahrungen mit ökumenischer Mahlgemeinschaft in Basis- und Hochschulgemeinden sowie bei besonderen Anlässen wie ökumenischen Trauungen gibt. Insofern geht es für viele jetzt darum, das geltende katholische Kirchenrecht mit der kirchlichen Realität zu versöhnen.

Dass katholische Mitchristinnen und Mitchristen bei einem ökumenischen Abendmahl Gewissensnöte verspüren und womöglich sich durch eine solche Feier gedrängt fühlen würden, ist offensichtlich nicht das Problem. Das Ergebnis der "Spiegel"-Umfrage zeigt deutlich, dass die überwältigende Mehrheit der Katholiken (88%) und der Protestanten (86%) in Deutschland die Möglichkeit eines gemeinsamen Abendmahls begrüßen würden. Das Problem sind nicht die Kirchenchristen beider Konfessionen, sondern die katholischen Bischöfe, die nicht einen Konsens untereinander in dieser Frage und vor allem nicht die Übereinstimmung mit dem Vatikan gefährden wollen.

Nun plädiere ich keineswegs dafür, über dieses Problem nassforsch hinweg zu gehen, aber mich störte, dass sich zunehmend, je näher der Ökumenische Kirchentag rückte, evangelische Kirchenobere anhörten wie katholische Bischöfe. Ökumene lebt aber von einem Dialog, in dem beide Seiten ihre Sache deutlich vertreten. Das römisch-katholische Anliegen weiß ich in festen Händen. Das evangelische Anliegen muss aber hier doch sein, durchaus höflich wie ein römischer Prälat, aber theologisch klar wie es sich für Erben Martin Luthers gebührt, öffentlich zu vertreten, was hier zu sagen ist, nämlich, dass Jesus Christus selbst Geber und Gabe dieses Mahles ist. Ein Mahl der Versöhnung mit ihm und untereinander und nicht eine Veranstaltung von Kirchenleitungen ist das Mahl unseres gemeinsamen Herren, denn Christus selbst ist es, der an der Tür steht und der alle Getauften dazu einlädt. Die Frage ökumenischer Mahlgemeinschaft ist zu ernst, als dass sie zu gefälliger Kirchendiplomatie missbraucht werden dürfte. Es ist an der Zeit, denn Jesus Christus verheißt den Seinen: "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir." Offb. 3,20.

Wie soll es nun weitergehen nach dem heißen Sommer der Ökumene, wenn die kühlere Jahreszeit beginnt und damit der kirchliche Alltag in den evangelischen Kirchengemeinden und den katholischen Pfarrgemeinden wieder einkehrt? So als hätte es den Ökumenischen Kirchentag mit den anschließenden kirchenamtlichen Sanktionen gegen die katholischen Priester Kroll und Hasenhüttl nicht gegeben? Wohl kaum, dafür waren die Erwartungen im Blick auf den Kirchentag zu groß und die Enttäuschungen anschließend zu tief. Beginnt also nun eine ökumenische Eiszeit in Deutschland? Hoffentlich nicht!

Das zwischenkirchliche Abendmahlsproblem steht in Zusammenhang mit einer tiefgehenden Krise der Kirchen. Es stellt sich die Frage: Wie geht es weiter mit den Kirchen in Deutschland, die manche Probleme gemeinsam und von denen jede zusätzlich noch so ihre eigenen Spezialprobleme haben? Gemeinsam ist den Kirchen eine bisher nicht gekannte Finanzkrise, aber schwerer wiegt die inhaltliche Orientierungskrise. In der katholischen Kirche äußert sich diese Krise in der Kommunikationsstörung zwischen einer sich ideologisch verhärtenden Hierarchie und einer ihre Bischöfe nicht mehr verstehenden Basis und in der evangelischen Kirche in einem geistlich-theologischen Substanzverlust, der einen fragen lässt, ob vor lauter Zeitgeistigkeit der lutherische Rechtfertigungsglaube in evangelischen Gemeinden überhaupt noch bekannt und von evangelischen Kanzeln noch gepredigt wird. Fundamentalistische Identitätsabsicherung auf der einen Seite und existenzbedrohende Verunsicherung auf der anderen Seite prägen die bundesdeutsche Situation der großen Kirchen, da ist es kein Wunder, dass die einen die kirchenrechtliche Keule schwingen und die anderen nicht recht wissen, was sie dazu sagen und wie sie sich verhalten sollen.

In dieser Situation wird es nicht möglich sein so ohne weiteres in den Gemeinden zur ökumenischen Tagesordnung überzugehen. Denn wenn ich mich so umhöre unter engagierten evangelischen Kirchenchristen, so wurde die Suspendierung der beiden Priester als ökumenischer Affront und als Missachtung des evangelischen Abendmahls bzw. des evangelischen Glaubens insgesamt empfunden. Dass die Teilnahme am evangelischen Abendmahl in der katholischen Schwesterkirche ein strafwürdiges Vergehen ist, muss einfach als eine ökumenische Absurdität angesehen werden, da sie im Gegensatz steht zu der erfreulicherweise in unserem Land fast überall praktizierten Glaubensgemeinschaft der Konfessionen. Insofern verwundert es nicht, dass manche alten anti-römischen Vorbehalte wiederaufleben und die in der evangelischen Kirche weit verbreitete Ökumene-Müdigkeit wieder zunimmt. Doch das kann es ja wohl nicht sein. Wenn die alten Vorurteile reaktiviert werden und die Kirchen sich in die jeweiligen Schneckenhäuser zurückziehen, um sich mit sich selbst zu beschäftigen - was sie ohnehin nur gar zu gerne tun - dann nehmen sie sich unendlich viel, denn wir Christinnen und Christen brauchen einander theologisch, menschlich und politisch.

Manchmal hört man auch, die beiden umstrittenen Mahlfeiern in Berlin wären besser unterblieben, denn nun sei definitiv verboten, was fast überall in einem so genannten "Graubereich" gängige Praxis war. Vordergründig stimmt das, denn ich könnte mehrere Beispiele aus meiner Region nennen, wo bisher einzelne katholische Geistliche bei ökumenischen Anlässen am evangelischen Abendmahl teilnahmen bzw. die ökumenische Gastfreundschaft bei der Eucharistie offen praktizierten, die dies nun eben nicht mehr tun. Und diese Verhaltensänderung geschieht nun nicht aus theologisch besserer Einsicht, sondern schlicht aus begründeter Angst vor Sanktionen. Umso mehr verdienen Bernhard Kroll und Gotthold Hasenhüttl allen Respekt, dass sie ihrem Gewissen und ihrer theologischen Überzeugung folgten und nicht einem überlebten Kirchenrecht blinden Gehorsam zollten und einen unhaltbaren Zustand durch systemkonformes Verhalten sanktionierten. Auch der Vorwurf, es hätte sich bei den in Rede stehenden ökumenischen Gottesdiensten um "Demonstrationen" gehandelt, um eine kirchenpolitische Verzweckung der Eucharistie, tut den Veranstaltern Unrecht. Es handelte sich in Form und Inhalt um ganz normale Kirchentagsgottesdienste. Demonstriert haben hinterher die Bischöfe und zwar ihre Macht.

Die schmerzlichen Vorgänge um die beiden katholischen Geistlichen haben zumindest das Problem ökumenischer Abendmahlsgemeinschaft einmal öffentlich in voller Tragweite sichtbar gemacht, den die katholischerseits bisher vielerorts praktizierten Beugungen des Kirchenrechts im "Graubereich" eher verdeckten. Nun besteht möglicherweise wirklich die Chance dieses Ärgernis ökumenischer Gemeinschaftsverweigerung endlich einmal theologisch und praktisch auf den verschiedenen Ebenen kirchlichen Lebens anzugehen und möglichst bald einer evangeliumsgemäßen und damit ökumenischen Problemlösung zuzuführen.

Aber wie soll es ökumenisch jetzt weitergehen, diese Frage stellt sich den Verantwortlichen in den evangelischen Kirchengemeinden in der Tat mit besonderer Dringlichkeit. Es ist doch keine Lösung, dass wir Evangelischen uns beleidigt in den Schmollwinkel zurückziehen, weil uns die katholische Amtskirche die offizielle Anerkennung versagt. Soll man nun in der Zusammenarbeit mit den Katholiken den Themenbereich Abendmahl/Eucharistie aussparen, die offizielle Haltung der römischen Kirche grummelnd akzeptieren, sozusagen als merkwürdigen Tick, den man am besten gar nicht anspricht? Abgesehen von Eucharistiegemeinschaft kann man ja ökumenisch tatsächlich fast alles miteinander gemeinsam machen. Das Thema Abendmahlsgemeinschaft sozusagen als Tabu, das man am besten ausklammert? So kann es gerade nicht gehen. Denn die Frage von Abendmahlsgemeinschaft trifft ins Zentrum christlichen Glaubens. Sie ist keine kirchenorganisatorische Randfrage. Die Frage beinhaltet, wer Herr der Kirche sei und damit das Verfügungsrecht über das Mahl des Herrn habe. Wer steht im Zentrum und lädt dazu ein? Die Antwort sollte sich von selbst verstehen: Jesus Christus steht im Zentrum dieses Mahles, er ist Geber und Gabe, er lässt zu und er lädt ein. "Christusgemeinschaft reicht weiter als Kirchengemeinschaft", so formulierten in diesem Jahr zutreffend die südwestdeutschen ökumenischen Universitätsinstitute. Diese Wahrheit des Glaubens muss öffentlich bekannt und darf nicht verschwiegen werden. Da wo wir uns vom Evangelium von Jesus Christus leiten lassen, da gibt es Christus- und zugleich auch Abendmahlsgemeinschaft.

Noch einmal: Wie soll es nun praktisch weitergehen? Die Vorgänge um den ökumenischen Abendmahlsstreit zeigen, wie grundlegend für das Miteinander der Kirchen dieser Fragenkreis nicht nur theoretisch- theologisch, sondern elementar praktisch ist. Von Martin Luther können wir lernen, dass das Abendmahl nicht nur Sache der Theologen und Bischöfe ist: "Das Abendmahl ist nicht der Priester, sondern aller Eigentum." Deshalb braucht es dringend ein die Gemeinden und Pfarreien einbeziehendes ökumenisches Lernen in bezug auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Abendmahlsauffassungen sowie in bezug auf die im ökumenischen Dialog der 70er und 80er Jahre überreich gefundenen theologischen Übereinstimmungen. Die Ökumene und die Theologie dürfen nicht der Hierarchie, nicht den aalglatten Kirchendiplomaten und machtgeilen Kirchenfunktionären beider Seiten überlassen werden, sondern die Gemeindebasis, das Volk Gottes muss sich in diesen Dialog einmischen, sich kundig machen, um dann verantwortlich mitentscheiden zu können. Theologen und Theologinnen beider Kirchen, die sich eine gewisse Unabhängigkeit von ihren Kirchenleitungen bewahrt haben, müssen sich mit den Gemeinden verbünden und dazu endlich lernen Theologie gemeindenah zu betreiben, ohne deshalb einen inhaltlichen Substanzverlust in Kauf zu nehmen.

Dieses ökumenische Lernen im weitesten Sinn ist in den vergangenen Jahren zu wenig gepflegt worden. Die katholischen Pfarrgemeinden und evangelischen Kirchengemeinden haben zwar viel zusammengearbeitet und miteinander gefeiert, wogegen ganz bestimmt nichts zu sagen ist, aber es wurde zu wenig miteinander die Bibel gelesen und diskutiert, zu wenig nach den Grundlagen des Glaubens gefragt und zu wenig über die Sache des Evangeliums selbst gestritten. Bei den vielerorts gelegentlich stattfindenden ökumenischen Kirchenvorstandstreffen oder Pfarrkonferenzen geht es zu oft um Aktionen und Organisatorisches, aber nur selten um das "Eingemachte", die alten und neuen kontroverstheologischen Themen, die sehr wohl, wie die öffentliche Debatte um das ökumenische Abendmahl zeigte, von allgemeinem Interesse sind. Da beim Thema Ökumene biographische Erfahrungen und emotionales Empfinden eine große Rolle spielen, können alle bei einem solchen ökumenischen Dialog an der Basis etwas beitragen. Theologische Fachkenntnisse sind hilfreich, aber keine zwingend erforderliche Voraussetzung.

Ich habe jedenfalls in meiner Arbeit in Studierendengemeinde und Erwachsenenbildung mit solchen ökumenischen Gesprächsrunden beste Erfahrungen gemacht. Solche Gespräche sind dann besonders spannend, wenn nicht nur unverbindliche ökumenisch-diplomatische Höflichkeiten ausgetauscht werden, sondern im Stil freundschaftlich, aber in der Sache kritisch die Mitglieder der verschiedenen Kirchen einander befragen. Auch für diese wechselseitige Infragestellung und gegenseitige Korrektur brauchen die Kirchen einander. Denn der christliche Glaube ermöglicht und befördert Vielfalt und nicht falsch verstandene Einheitlichkeit. Die Vielfalt christlichen Glaubens zeigt der Kanon der biblischen Schriften in seiner eigenen Vielfalt ganz deutlich. Eine Vielfalt ist damit gemeint, die versöhnt ist und sich immer wieder neu versöhnen lässt von Jesus Christus selbst. Damit diese Versöhnung sich konkret und aktuell vollzieht, brauchen Christen und Christinnen das Herrenmahl und die von Christus selbst gestiftete Abendmahlsgemeinschaft. Diese Versöhnung ist zwar bereits geschehen auf Golgatha in Christi Tod am Kreuz. In dieses Versöhnungsgeschehen will uns jedoch der Herr selbst immer wieder neu mit hinein nehmen durch sein Mahl.

Es sollte deutlich geworden sein: Mit einer Ökumene inhaltlicher Nivellierung und geistig-geistlicher Verflachung ist niemandem gedient, aber auch fundamentalistische Abgrenzung und gewalttätige Selbstbehauptung schaden der Sache des Evangeliums. Wir brauchen eine Ökumene, die konfessionelles Profil und ökumenische Aufgeschlossenheit nicht gegeneinander ausspielt, sondern beides miteinander zu verbinden weiß. Eine solch anspruchsvolle Aufgabe darf die Christenheit ihren Oberen keinesfalls allein überlassen. Diese Aufgabe wird durch ökumenisches Lernen befördert, aber endgültig kann sie nur durch Gottes heiligen Geist gelöst werden. Dann folgt auf einen heißen Sommer und einem kühlen Herbst der von vielen ersehnte und erbetene ökumenische Frühling.


Dr. theol. Dr. habil. Johannes Rehm, geboren 1957, ist seit 1990 Studentenpfarrer an der Universität Bamberg sowie Vorsitzender des Evangelischen Bildungswerkes im Dekanatsbezirk Bamberg. Er lehrt als Privatdozent das Fach "Praktische Theologie" an der Universität Erlangen-Nürnberg. Zum Thema "Abendmahlsgemeinschaft" ist soeben sein neues Buch "Eintritt frei! Plädoyer für das ökumenische Abendmahl", im Patmos-Verlag, Düsseldorf, erschienen.

ESG Bamberg, Markusplatz 1, 96047 Bamberg
Fon: 0951-9685420, Fax: 0951-9685422
E-Mail: rehm@esg-bamberg.de
Internet: www.esg-bamberg.de

Jetzt bestellen bei amazon.de


<== Zurück zum IKvu-SPECIAL

<== Zurück zur IKvu-Startseite