Prof. Dr. Fulbert Steffensky, geb. 1933 in Rehlingen/Saar, ehemaliger Benediktiner, konvertierte zum lutherischen Glaubensbekenntnis. Seit 1975 Professor für Religionspädagogik am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Viele Veröffentlichungen, u.a. mit Dorothee Sölle.
missionsdienst (md): Herr Steffensky, die Kirchen streiten über das Abendmahl, während ringsum die Welt in Flammen steht? Wie verträgt sich das?
Steffensky (St.): Die Kirchen streiten nicht über das Abendmahl, sondern die Kirchenleitungen. Dieser Streit ist für die Kirchen, für viele Gruppen in ihr und für viele Gemeinden völlig unverständlich. Ich ärgere mich nicht nur über Kirchenleitungen und über ihr Beharren auf Fragen aus dem 16. Jahrhundert. Ich ärgere mich noch mehr über Gruppen und Gemeinden, die gegen besseres Wissen und gegen ihr Gewissen gehorsam sind und ihre eigenen Einsichten verraten. Man ist auch dafür verantwortlich, dass man sich nicht in falsche Fragen verstricken lässt.
md: Lateinamerikanische Befreiungstheologen haben vom Primat der Orthopraxie vor der Orthodoxie gesprochen. Es geht also, wie Jesus im Matthäusevangelium sagt, an erster Stelle darum, wie sehr man sich Gott anvertraut und daraufhin handelt, also den “Willen des Vaters tut”, und nicht so sehr darum, wer sich auf ein bestimmtes Glaubensbekenntnis berufen kann. Was würde ein solcher Primat der Orthopraxie für die Auseinandersetzung um ein ökumenisch gefeiertes Abendmahl heute besagen?
St.: Zunächst entlarvt Orthopraxie falsche Fragen und Scheinprobleme. Wenn man die Hauptfragen stellt; wenn man fragt: wer wird geschlagen, warum wird er geschlagen und wer schlägt?, dann verschwinden die gespensterhaften Fragen; dann vergehen die Phantomschmerzen, und man fängt an, an den wahren Schmerzen zu leiden. Denn das ist ja eine Folge der Scheinfragen, dass sie sich vor die eigentlichen Anliegen des Lebens stellen und diese unsichtbar machen. Die Orthopraxie erst lehrt die innere Möglichkeit, gemeinsam zu feiern, zu beten und das Mahl zu nehmen. Das ist die Erfahrung von vielen Gruppen, die an einem wichtigen Thema des Friedens oder der Gerechtigkeit arbeiten, dass das gemeinsame Mahl und das gemeinsame Gebet nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine Notwendigkeit sind.
md: Die einen sagen, erst müsse die Kircheneinheit da sein, dann könne man gemeinsames Abendmahl feiern. Die anderen sagen, das gemeinsame Abendmahl feiern bedeutet gerade liturgisch-symbolhaft etwas vorwegzunehmen, was faktisch noch nicht ganz gegeben ist. In dieser Auffassung ist die heilige Messe also eine Art Hilfsmittel oder Gottesgabe, um die Einheit der Christen erst erreichen zu können. Welcher Position neigen Sie zu?
St.: Wir sind nicht die Voraussetzung unserer selbst. Sondern unsere Voraussetzung ist der Gott, der uns anblickt mit dem Blick der Güte. So liegt auch die Voraussetzung für das gemeinsame Mahl nicht in uns selber; nicht in richtigen Abendmahlstheorien, nicht in richtigen theologischen Kenntnissen, nicht im “wahren Glauben”. Man kann den “wahren Glauben” zu einem Götzen machen, dem man mehr dient als Gott. Gott lädt das Lumpengesindel ein. Das ist Voraussetzung genug für das Mahl. Ich würde allerdings nicht sagen, dass die Messe ein “Hilfsmittel” ist, die Einheit zu erreichen. Die Messe hat keine Zwecke, das ist das Schönste an ihr. Sie ist das große Liebesspiel zwischen Gott und Mensch; ein Spiel, das keinen ausschließt.
md: Was würde es bedeuten, wenn sich Christen darauf einließen, mehr um die “gefährliche Erinnerung” (Johann Baptist Metz) des Abendmahls zu streiten, als über die Frage, ob nun Protestanten oder Katholiken es gemeinsam feiern oder nicht?
St.: Das Abendmahl erinnert immer auch an das, was noch aussteht. “Bis er kommt in Herrlichkeit” soll es gefeiert werden. Dieses “bis er kommt” hat nicht nur einen innerreligiösen Gehalt. Es meint auch: bis die Armen ihr Brot und ihr Recht haben; bis die falschen Tode abgeschafft sind und bis keiner mehr Beute eines anderen wird. Das Abendmahl lehrt uns auch weinen darüber, dass die Blinden noch nicht sehen und dass der Löwe noch nicht beim Lamm liegt. Es reißt übrigens auch Gräben auf und macht uns aufmerksam auf die wirklichen Trennungen im Glauben. Am Sonntag nach dem Pogrom des 9. Novembers 1938 hat ein evangelischer Bischof in einer Predigt gesagt, diese Aktion sei ein schönes Geschenk des Führers zu Luthers Geburtstag am 10. November gewesen. Dieser Mensch war Lutheraner, wie ich es bin. Vielleicht hat er vom Abendmahl geglaubt, was ich glaube. Aber niemals hätte ich mit ihm das Mahl gemeinsam nehmen können. Die gefährliche Erinnerung dieses Mahles eint nicht nur, sie trennt auch.
md: Dass Religion eine wichtige Funktion in der weltweiten Politik spielt, ist sicherlich unbestreitbar. Sie wird von Saddam Hussein ebenso wie von George Bush angerufen. Wirtschaft, Werbung und Politik werden immer mehr mit religiösen Symbolen aufgeladen. Welche Funktion müssten Glaube und Kirche Ihrer Meinung nach spielen? Wie können sie vor einem Missbrauch geschützt werden? Sind das nicht in den Augen vieler Menschen viel drängendere Fragen als der nun erneut aufgeworfene “Abendmahlsstreit”?
St.: Wo Religion mit Staat und gesellschaftlicher Macht ein enges Bündnis eingeht, da ist sie gefährlich. Das sieht man an der Geschichte des Christentums. Das sieht man im Islam. Die besten Gedanken einer Religion werden unwirksam und verfangen sich in den Netzen der Macht. Eine Hauptfrage an jeden religiösen Entwurf ist: In wessen Interessen spricht er? Wer ist sein Freund und wer sein Feind? Das heißt nicht, dass die Kirchen sich selbst in ein Ghetto der Reinheit und der Unsichtbarkeit bannen sollen. Sie sollen etwas wollen. Sie sollen auf Einfluss aus sein. Sie sollen öffentlich werden. Die Kirche ist auch der Ort der verfemten Begriffe: Gerechtigkeit, Mitleid, Trost, Sturz der Tyrannen - das sind Worte aus dem religiösen Sprachschatz. Sie sind das Programm der Kirche. Manchmal allerdings sind sie nur Programm - aber wenigstens das. Es gibt nicht mehr so viele Orte, an denen der Schutz der Bedrückten Programm ist. Damit soll die Kirche öffentlich werden - mit Macht und ohne Gewalt.
md: Das Kirchentagsmotto heißt herausfordernd: “Ihr sollt ein Segen sein”. Dennoch wird man angesichts der Abendmahls-Diskussion den Eindruck nicht los, dass die wirklich drängenden Fragen wie Nord-Süd-Gerechtigkeit, die Zukunft des Kapitalismus bei steigender Arbeitslosigkeit und Verarmung und die Frage nach Krieg und Frieden nicht wirklich angepackt werden. Besteht nicht die Gefahr, dass der ökumenische Kirchentag vor lauter “Abendmahlsstreit” die klassische politische Rolle, die evangelischer Kirchentag und Katholikentag gespielt haben, aus den Augen verlieren?
St.: Nein, die Gefahr besteht nicht. Vor
allen Katholiken- und Kirchentagen der letzten 25 Jahre haben Journalisten
die Klage erhoben, die Kirchentage würden apolitisch. Und doch sind an
diesen Orten die wesentlichen gesellschaftlichen Fragen gestellt worden. Ich
glaube, solche Tage sind auch eine große Gewissensbörse. Es sind natürlich
nicht nur politische Orte. Es sind auch Orte des Gebets, der Feier, der
theologischen Reflexion. Könnte es auch eine linke Blindheit geben, die dies
nicht würdigt; die Kirche nur will als unmittelbar befreiungspolitischen
Ort? Wo lernen wir sehen, was Menschen angetan wird? Wo lernen wir wünschen,
was sein soll und was nicht sein soll?
Gerade weil ich wünsche, dass der Kirchentag ein Ort gesellschaftlicher
Aufmerksamkeit ist, darum wünsche ich, dass er ein spiritueller Ort ist.
md: Carl Amery spricht davon, dass wir das Widerstandspotential der Kirchen brauchen, wenn wir unsere Welt noch verändern wollen. Bei vielen Menschen besteht aber immer mehr der Eindruck, dass die Kirchen Einrichtungen sind, in denen viele Würdenträger eher von den Zeichen der Zeit wegschauen und sich mehr der Besitzstandswahrung der Kirchen widmen als den drängenden Zeitfragen? Trauen Sie den Kirchen heute zu, dieses Widerstandspotential etwa gegen den Irakkrieg oder gegen die Umweltzerstörung wirklich zu entfalten?
St.: Die Würdenträger der Kirche sind nicht die Kirche. Ich glaube, dass wir uns selber blenden und uns die Hoffnung nehmen, wenn wir nur darauf achten, was Kirchenleitungen tun. Manchmal sind sie natürlich sehr interessant wie im Augenblick der Papst mit seiner Schärfe gegen den drohenden Irakkrieg. Aber viel interessanter finde ich die unzähligen Gruppen - nicht nur in Deutschland -, die am Frieden arbeiten, an der Frage der Erhaltung der Erde, an der Gerechtigkeit. Nein, es ist nicht genug, aber es ist etwas! Genug wird erst das Reich Gottes sein. Aber ich bin froh über jeden bescheidenen Eine-Welt-Laden, den man in den Gemeinden findet. Die Kirche ist ein Haus, in dem Ideen vom Recht, Erinnerungen an gelungenes Leben, Texte über Frieden und den Schutz der Armen einen langfristigen Ort haben. Die Kirche ist ein Ort, wo man immer Leichen im Keller hat, z.B. einen Franziskus oder eine Klara. Wir werden sie nicht los. Und gelegentlich gibt es ja die Auferstehung der Toten. Ja, wir leiden an unseren Kirchen. Aber wir haben kein Recht, zu unterschlagen, was schon gelungen ist und was ihre Kraft ist. Wir sind für unsere eigene Hoffnung verantwortlich.
md: Wir danken Ihnen für das Interview. (Die Fragen stellten Bruder Peter Amendt, Stefan Herbst und Hedwig Maurer)
Aus: Missionsdienst, Februar 2003
Missionszentrale der Franziskaner e.V.
Albertus-Magnus-Straße 39, 53177 Bonn
Postfach 200 953, 53139 Bonn
Tel: 0228 / 95354-0, Fax: 0228 / 95354-40
E-mail:
presse@missionszentrale.de, Internet:
www.mzf.org