Edgar Utsch:

Neue Barrieren oder ökumenische Offenheit
Ökumenischer Kirchentag und das Wort der Bischöfe "Gemeinsam zum Segen werden"


Mit bemerkenswerter Akribie bereitet seit Monaten der gemeinsame Arbeitskreis Ökumene von "Wir sind Kirche" und der "Initiative Kirche von unten" den Ökumenischen Kirchentag in Berlin vor. Bemerkenswert nicht nur wegen der vielfältigen organisatorischen Arbeit, sondern vor allem wegen der Differenziertheit der theologischen Arbeit. Geradezu erleichtert stellt man fest, dass die Reformgruppen, zumindest bei diesem Unternehmen, die ernsthafte theologische Auseinandersetzung nicht scheuen, sondern sie manchmal geradezu genussvoll betreiben, um den kirchlichen Hierarchen und ihren Herolden Paroli zu bieten und ihnen auf ihrem angeblich ureigensten Gebiet die Haltlosigkeit traditioneller Positionen aufzuzeigen. Dankbar registriert man, dass auf diese Weise die Reformgruppen auf einer soliden theologischen Basis eine neue Praxis einfordern und verwirklichen.

Was hier über die gesamte Vorbereitungsarbeit gesagt wird, gilt auch für die Stellungnahme zu dem Wort der Bischöfe zum Ökumenischen Kirchentag. Da man einen eigenen klar begründeten Standpunkt vertritt, kann man zu Beginn die positiven Aspekte des bischöflichen Wortes hervorheben: zunächst der Sprachgebrauch, an dem deutlich wird, dass, abweichend von vatikanischer Wortwahl, die reformatorischen Kirchen als Kirchen "im eigentlichen Sinn" anerkannt werden; dann der Aufruf zu einer "neuen Kultur der Gerechtigkeit und Liebe" verbunden mit dem Koalitionsangebot an Nichtchristen, die sich diesem Anliegen anschließen wollen, bzw. manchmal eher als schon als die organisierten Christen auf diesen Gebieten engagiert sind.

Zu Recht wird aber dann der das bischöfliche Wort wohl veranlassende Punkt angesprochen und gleichsam sezierend kritisiert: die eucharistische Gastfreundschaft. Ausdrücklich sei hier auf den "lehrmäßigen Kommentar" verwiesen. Gerade in ihm zeigt sich die eingangs erwähnte neue Handschrift der Reformgruppen. Solche Argumentationen werden es den Bischöfen in Zukunft schwerer machen, die Reformgruppen als Phantasten abzutun und links liegen zu lassen. Wenn sie überhaupt für theologische Erwägungen offen sind - und das kann man ja wohl bei einer Reihe von ihnen voraussetzen - dann müssten sie in Zukunft - also auch in Berlin - vorsichtiger mit Verboten und einsichtiger mit Toleranz reagieren.

Hier sollen jetzt noch einige andere Aussagen aus dem bischöflichen Wort bedacht werden. In ihm wird die "Treue zu Gottes Wort und der apostolischen Überlieferung" betont; letztere wird dann faktisch gleich gesetzt mit dem Glauben der Apostel, der "keine Handelsware" sei. Wenn zudem noch darauf verwiesen wird, dass es in der Ökumene keine "Abschleifung der Profile" geben dürfe, dann ist wohl Folgendes anzumerken: Gerade die konfessionellen Profile beziehen sich zumeist nicht auf den Kernbestand der apostolischen Überlieferung. Außerdem ist das Verhältnis von Gottes Wort und apostolischer Überlieferung nicht so eindeutig, dass einfach beiden gegenüber dieselbe Treue eingefordert werden könnte; zumindest kann man die apostolische Überlieferung nicht mit dem historischen Glauben der Apostel gleichsetzen und noch weniger kann man aus diesem eine sich notwendigerweise ergebende und damit für alle verbindliche Entscheidung für oder gegen die eucharistische Gastfreundschaft ableiten. Wie sollte uns Petrus bei der Transsubstantiationslehre oder bei der Ämterfrage weiterhelfen?

Die Bischöfe betonen dann, dass sich die ökumenischen Partner "in Grundüberzeugungen widersprechen". Das stimmt sicher nicht in der Weise, dass sich daraus die bischöfliche Folgerung einer Unmöglichkeit der bzw. eine Unwahrhaftigkeit bei der eucharistischen Gastfreundschaft stringent ergeben würde. Seit Jahrzehnten verweisen namhafte, keiner "linken Spinnerei" verdächtige Theologen - der Name Rahner stehe für viele - darauf, dass die Glaubensunterschiede zwischen den großen Konfessionen nicht mehr kirchentrennend sind und damit auch nicht mehr als Gründe gegen gemeinsame Eucharistiefeiern angeführt werden dürfen. Selbst Konsenserklärungen offizieller ökumenischer Kommissionen bestätigen diese Auffassung. Warum tun die Bischöfe so, als sei nichts geschehen?

Mit Recht sprechen die Bischöfe dann den "geschwisterlichen Umgang mit dem ökumenischen Partner" an. Wenn in diesem Zusammenhang aber gefragt wird, ob "wir einander wirklich schon hinreichend" kennen, dann besteht zumindest die Gefahr, dass mit dieser und ähnlichen frommen Fragen ein weiterer Katalog von Hindernissen für die kirchliche Einheit und das gemeinsame Abendmahl geschaffen wird. Keiner käme auf die Idee, innerhalb einer Gemeinde die Kenntnis der Glaubensgeschichte der die Eucharistie mitfeiernden Christen zu einer Voraussetzung eben dieser gemeinsamen Feier zu machen. Der Verdacht eines erweiterten "Einheitskatalogs" wird noch genährt durch die Aufzählung von Einheitsmerkmalen wie die "Feier aller Sakramente" oder die Einheit "im Leben und im Dienst".

Auch der Verweis auf die Notwendigkeit der persönlichen Umkehr ist so berechtigt wie verdächtig. Von der Umkehrnotwendigkeit "der Kirche" in ihren offiziellen Lehren und Verhaltensweisen und durch ihre bischöflichen Repräsentanten ist nämlich nicht die Rede. Bedarf es bei ihnen etwa keines Umdenkens und Umkehrens?

Schließlich bleibt trotz aller anfangs erwähnten positiven Aspekte nach der Lektüre des bischöflichen Wortes der fade Beigeschmack, dass es letztlich nur darum ging, die von WsK und IKvu geplanten ökumenischen Gottesdienste mit eucharistischer Gastfreundschaft zu desavouieren, ja schließlich sogar die Teilnehmenden in das schlechte Licht der Unwahrhaftigkeit zu rücken. Diesem Ansinnen muss mit Entschiedenheit widersprochen werden.


Edgar Utsch ist Sprecher der AGP. Der Text erscheint als Vorabdruck aus den SOG-Papieren 1/2003


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