Thomas Wystrach:

"Grundsätzliche Unterschiede im Abendmahlsverständnis"?
Fragen an ZdK-Präsident Prof. Meyer zu einer IDEA-Meldung


An den katholischen Präsidenten
des Ökumenischen Kirchentags 2003

Willich-Anrath, den 26.3.2003

Sehr geehrter Herr Prof. Meyer,

einer Meldung von "idea" von Mitte März 2003 über Ihren Vortrag bei der Bundesversammlung der KirchenVolksBewegung "Wir sind Kirche" in Berlin entnehme ich folgende Information:

"Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Hans-Joachim Meyer (Dresden), betonte, daß es zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche nach wie vor grundsätzliche Unterschiede im Abendmahlsverständnis gebe. Trotzdem müsse die Ökumene auf ein größeres Maß an Gemeinsamkeit hinsteuern. Er hoffe, daß zahlreiche Vorschläge zur Einführung der eucharistischen Gastfreundschaft etwa bei Ehepartnern in konfessionell verschiedenen Ehen in Zukunft ein höheres Maß an Anerkennung fänden. Allerdings müsse klar bleiben, daß es sich um eine Gewissensentscheidung handele."

IDEA: Auch ZdK-Präsident Meyer wünscht sich "eucharistische Gastfreundschaft"

Ich teile Ihre Hoffnung, dass "Vorschläge zur Einführung der eucharistischen Gastfreundschaft (...) in Zukunft ein höheres Maß an Anerkennung finden", bedauere allerdings, dass Sie als katholischer Präsident des Ökumenischen Kirchentages ebensolche Vorschläge des ökumenischen Netzwerks "Initiative Kirche von unten", der katholischen KirchenVolksBewegung "Wir sind Kirche" und der Evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg-Nord ablehnen.

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir die laut "idea" von Ihnen ausgemachten "grundsätzlichen Unterschiede im Abendmahlsverständnis" näher erläutern könnten. Darf ich Sie in diesem Zusammenhang auf den Beitrag des evangelisch-lutherischen Theologen Harding Meyer hinweisen, der in der Festschrift zum 70. Geburtstag von Kardinal Kasper ein "Plädoyer für eine gemeinsame Erklärung zum Verständnis des Herrenmahls" veröffentlicht hat?

Darin beklagt Ihr Namensvetter, es sei "vonseiten der lutherischen Kirchen und der katholischen Kirche nichts geschehen, um die Ergebnisse dieses Dialogs kirchlich festzuschreiben" (S. 406). Er will daher "verhindern, dass das Erreichte einfach liegen bleibt, sich wieder verflüchtigt und verläuft oder sogar in weiten Kreisen unserer Kirchen nicht einmal ernsthaft wahrgenommen wird" (S. 407). Harding Meyer stellt zur Frage der "Gegenwart Christi im Abendmahl", zur "Eucharistie als Opfer" sowie zur "Abendmahlspraxis" fest, verbliebene unterschiedliche Überzeugungen hätten "keine kirchentrennende Bedeutung mehr"!

Einige Zitate zur Erläuterung:

  • "Wo die Wirklichkeit der Gegenwart Christi im Abendmahl so bezeugt und gelehrt wird, hat die Verschiedenheit der Vorstellungsweisen, der Begrifflichkeit und der Akzentsetzungen ihren kirchentrennenden Charakter verloren" (S. 410)
  • "Wenn also die katholische Kirche von der Eucharistie als einem 'wirklichen Sühnopfer' spricht, die evangelische Kirchen dagegen die Rede vom 'Messopfer' meiden, stellt diese Verschiedenheit im Verständnis des Abendmahls doch keinen kirchentrennenden Gegensatz mehr dar. Sie ruht auf einer gemeinsamen Grundüberzeugung, die durch sie nicht in Frage gestellt oder geschmälert wird." (S. 412)
  • Zur Frage der "Kommunion unter beiden Gestalten":
    "Wenn hier auch weiterhin Unterschiede in Lehre und Praxis bestehen, so haben diese doch kein kirchentrennendes Gewicht." (S. 413)
  • Zum "Umgang mit den konsekrierten Elementen nach dem Abendmahlsgottesdienst":
    "Diese Verschiedenheit der Abendmahlsfrömmigkeit und -praxis erwächst letztlich aus den Verschiedenheiten der Vorstellungsweisen von der sakramentalen Gegenwart des Herrn. Sie stellt aber die gemeinsame Überzeugung von der wirklichen Gegenwart Christi im Abendmahl nicht in Frage und hat als solche keine kirchentrennende Bedeutung." (S. 414)

Ich teile daher die Ansicht von Harding Meyer, "die im Verständnis des Herrenmahls erreichte Gemeinsamkeit (ist) von zu großer und zu umfassender Wichtigkeit, als dass sie im Schatten der noch ungeklärten Amts- bzw. Bischofsfrage bleiben darf und nicht ins Bewusstsein unserer Kirchen tritt" (S. 407). "Die im Dialog erreichte im und im Vorausgegangenen beschriebene Gemeinsamkeit in Verständnis und Praxis des Herrenmahls wird dadurch nicht aufgehoben oder verkürzt, dass die Frage nach der Bedeutung des kirchlichen Amtes für die Feier des Herrenmahls zwischen unseren Kirchen bis zur Stunde noch offen ist" (S. 415).

Sie sollen und dürfen die weiterhin bestehenden Differenzen in der Frage des Amtes nicht verschweigen oder kleinreden, allerdings erwarte ich von Ihnen, dass Sie mit dem Verweis auf angeblich bestehende "grundsätzliche Unterschiede im Abendmahlsverständnis" nicht vom eigentlichen Konflikt ablenken. Die Ergebnisse der Arbeit jahrzehntelanger ökumenischer Dialoge und fachtheologischer Kommissionen werden Ihnen doch wohl nicht entgangen sein!

Als Mitglied des gemeinsamen Arbeitskreises "Ökumene" von IKvu und "Wir sind Kirche", der die theologischen Hintergründe der anlässlich des Ökumenischen Kirchentags geplanten Mahlfeiern in aller Ausführlichkeit im Internet unter http://www.ikvu.de/abendmahl/ dokumentiert hat, empfinde ich es zudem als ungerecht, wenn diese ökumenischen Gottesdienste als "Schaden für die Ökumene", "skurille Randerscheinungen" oder "plakative, demonstrative Aktionen" missdeutet werden. Wenn Sie es für hilfreich oder notwendig halten, können Sie uns wegen der bei diesen Gottesdiensten gefeierten "eucharistischen Gastfreundschaft" Verstöße gegen das katholische Kirchenrecht nachweisen und vorwerfen. Für die Ablehnung der Gottesdienste jedoch auf angeblich bestehende grundlegende theologische Differenzen im Verständnis des Abendmahls zu verweisen, halte ich für unredlich.

Sie selbst wussten es einmal besser. In der "Erklärung zum Ökumenischen Kirchentag Berlin 2003 anlässlich der Pressekonferenz am 14. Januar 1999 in Berlin" stellen ZdK, DEKT, das Erzbistum Berlin und die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg fest: "Von Beginn ihrer Planungen an haben alle Beteiligten keinen Zweifel daran gelassen, daß sie sich dessen, was die Kirchen heute noch trennt, schmerzlich bewußt sind. Das unterschiedliche Kirchen- und Amtsverständnis der verschiedenen Konfessionen wird besonders in der Trennung beim Abendmahl sichtbar."

Noch am 12.2.2000 haben die Präsidien des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und des Deutschen Evangelischen Kirchentages den Text "Grundlagen, Aufgaben und Ziele" beschlossen, in dem es heißt: "Darüber hinaus ist der Ökumenische Kirchentag mit der Hoffnung auf Fortschritte beim gemeinsamen Abendmahl untrennbar verbunden. Der Ökumenische Kirchentag soll exemplarisch und vorbildlich zu einem Ort werden, an dem neue Formen entwickelt, diskutiert und praktiziert werden können. Der Ökumenische Kirchentag soll gerade dadurch Mut zeigen und Mut machen."

Ich würde mich freuen, wenn Sie in diesem Sinne ökumenisch engagierten Christinnen und Christen "Mut zeigen und Mut machen" würden.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Thomas Wystrach


Hinweis zum o.g. Beitrag von Harding Meyer:

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Prof. Dr. Harding Meyer, geboren 1928, em. Forschungsprofessor und Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung des Lutherischen Weltbundes in Strasbourg, ehem. Mitglied der Gemeinsamen Römisch-Katholischen/Evangelisch-Lutherischen Dialogkommission, Mitglied des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen. Der erwähnte Beitrag ("... genuinam atque integram substantiam Mysterii eucharistici non servasse ..."? Plädoyer für eine gemeinsame Erklärung zum Verständnis des Abendmahls.) ist erschienen (S. 405-416) in:

Peter Walter, Klaus Krämer, George Augustin (Hrsg.):
Kirche in ökumenischer Perspektive.
(Kardinal Walter Kasper zum 70. Geburtstag),
556 Seiten, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2003

Linkhinweis: Centre d'Etudes Œcuméniques, Strasbourg


Thomas Wystrach ist Mitglied des gemeinsamen Arbeitskreises Ökumene der Initiative Kirche von unten und der KirchenVolksBewegung "Wir sind Kirche"; E-Mail: wystrach@ikvu.de.

Als Reaktion auf diesen Brief schickte Prof. Dr. Hans Joachim Meyer Ende März 2003 seinen Text "Unterwegs zur gemeinsamen Feier des Herrenmahles".

Thomas Wystrach


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