Initiative Kirche von unten (IKvu)

Initiative Kirche von unten


Tim Schmidt:

Predigt zum Evangelischen Abendmahlsgottesdienst
anlässlich des Ökumenischen Kirchentages in Berlin
31. Mai 2003 um 18.00 Uhr, Zionskirche Berlin – Mitte

Text: Jesaja 2, 1-5 / Lukas 13, 29

In the name of God, in the name of Jesus and in the name of the Holy Spirit. Amen.
Gnade sei mit Euch und Friede von Christus unserem Herrn, der aufgefahren ist in den Himmel. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!
Von überall her sind sie gekommen in einer unruhigen und friedlosen Zeit. Die soziale Not wächst, die Angst vor Krieg und Gewalt wird größer und die Hoffnung, dass doch noch etwas zu ändern ist, schwindet immer mehr. Sie sind aufgebrochen, haben andere ermutigt und mitgebracht zu einem Ort, von dem sie glauben, dass von ihm Hoffnung ausgeht. Sie wollen hören, was gesagt wird, und das Erlebte und fruchtbar machen für ihr Leben.

Können wir sagen, dass der Kirchentag 2003 und Jesajas uralte Vision viel gemeinsam haben?

Nein, so weit sind wir noch nicht. Berlin ist nicht der Berg Zion in Jerusalem. Was Jesaja sieht, steht außerhalb unserer Zeit. Seine Vision ist schon ein Teil von Gottes Zukunft. Am Berg Zion sind es wirklich Gottes Worte, die gehört werden. Kein Menschenwort ist mehr dazwischen. Hier findet eine Zurechtweisung statt, so dass wirklich alle Gerechtigkeit erfahren, die unterdrückt, diskriminiert und ausgebeutet werden. Und dann werden alle Menschen Waffen zu fruchtbringendem Werkzeug umschmieden, damit die neue Schöpfung blüht.

Immer noch ist unsere Zeit voll Ungerechtigkeit und Gewalt, voll Krieg und Unterdrückung. Berlin ist nicht der Berg Zion. Aber wir sind als Christinnen und Christen mit anderen Völkern und Religionen auf dem Weg nach Zion, weil wir diese Verheißung von einer friedlichen und gerechten Welt nicht aufgeben wollen. Da liegt schon eine Gemeinsamkeit zwischen Jesaja und dem Ökumenischen Kirchentag 2003. Der Kirchentag in Berlin ist eine Etappe auf diesem Weg. Die verschiedenen Konfessionen und Religionen, unterschiedliche Glaubens- und Lebensvorstellungen, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede sind hier zur Sprache gekommen. Wir haben biblische Texte gehört und uns ermuntert, an dem einen oder anderen Punkt noch einmal neu zu beginnen. Wir haben neues Vertrauen gefasst, wo wir schon aufgeben wollten. Wenn so etwas geschieht, werden Veränderungen möglich - in den Kirchen, in der Gesellschaft und nicht zuletzt in uns selbst. Wir haben uns dem Berg Zion wieder ein Stück angenähert.

Aber immer noch lang und mühsam ist der Weg, der vor uns liegt. Er führt weiter über die Berge des Zweifels und durch den Dschungel der Fragen, durch die reißenden Flüsse der einfachen Antworten und durch die Wüste der Hoffnungslosigkeit. Und wir hätten schon längst aufgegeben, wenn uns nicht immer wieder der Tisch neu gedeckt würde und uns zur Rast einlädt.

Stärkendes Brot liegt auf diesem Tisch, der Kelch ist mit Wein gefüllt und lässt die Pause zum Fest werden. „Von Norden und Süden, von Osten und Westen werden sie kommen, um zu Tisch zu sitzen im Reich Gottes“ – diese Worte aus dem Lukas-Evangelium nehmen Jesajas Vision auf, bringen sie uns als Christinnen und Christen noch mal nahe. Wenn wir beim Mahl sind, singen, beten und uns die alten Geschichten der Befreiung immer wieder neu erzählen, dann bekommen wir zumindest einen Vorgeschmack von dem, was Jesaja gesehen hat, was auch Jesus uns für Gottes Reich verheißt.

Satt werden wir nicht von diesem Vorgeschmack. Im Gegenteil, wir bekommen immer noch mehr Hunger und Durst, dass Gottes zukünftige Welt schon hier auf dieser Erde Wirklichkeit wird, dass wir Zion schon bald erreichen. Es ist die Gier nach Leben in Fülle, die uns weiter vorwärts treibt. Nach Leben, das nicht mehr auf Kosten anderer geht, sondern sich allein aus Gottes Verheißung speist. Wenn wir eines Tages richtig satt werden wollen, müssen wir den Menschen und Gewalten, die uns von diesem Weg zum Berg Zion abbringen wollen, entschlossen entgegentreten. Widerstand muss da geleistet werden, wo immer noch auf Kosten der sozial Benachteiligten weitergespart wird. Widerstand muss auch in den Kirchen stattfinden, wo Schwule und Lesben immer noch nicht gleichberechtigt leben und lieben können und suspekten Umpolungsversuchen ausgesetzt werden. Widerstand auch gegen die Kriegstreiber und Diktatoren, die neoliberalen Globalisierungsfanatiker und den Götzen des allmächtigen Marktes.

Die Zionskirche in Berlin ist ein Ort, wo dieses widerständige Leben und Handeln verwurzelt ist. Mit Dietrich Bonhoeffer als Vikar, mit der Nähe zu einem Ort, wo die Widerstandgruppe „Die Rote Kapelle“ sich während der Nazi-Diktatur getroffen hat, wo 1986 die Umweltbibliothek ein Raum für die Oppositionsbewegung in der DDR wurde. Drei Tage haben wir diese historische Tradition befragt, wie sie uns Impulse geben kann für unseren Widerstand gegen das, was Leben in Gerechtigkeit und Fülle verhindern kann. Viele Gespräche und Begegnungen werden wir weitertragen und umsetzen auf dem weiteren Weg in dieser Welt. Aber wir wissen auch, dass vieles von dem, was wir erreichen wollen, große Anstrengungen kostet.

Wir brauchen viel Kraft, gegen die Mächte des Todes die Macht unseres lebendigen Gottes Wirklichkeit werden zu lassen. In Brot und Wein nehmen wir diesen Gott in uns auf und erhalten Anteil an Christus, der dem Tod endgültig widerstanden und ihn überwunden hat. Mit dieser Christuskraft in Brot und Wein bekommen wir diese notwendige Stärke. Christus in Brot und Wein ist die lebenserhaltende Quelle für die wandernde Gemeinschaft.

Und dieses Mahl ist sichtbares Zeichen für die Einladung, sich mit einzureihen auf dem Weg zum Berg Zion. Nicht zuletzt durch dieses Mahl werden wir zum Segen für die Erde! Die Rufe von selbst ernannten Platzanweisern, wer sich zum wem an welchen Tisch zu setzen hat, können wir getrost überhören. Gott ist es, der uns alle einlädt. Auch wenn wir gleich hier Mahl halten.

Wir essen hier zwar nur ein wenig Brot und trinken nur einen Schluck Traubensaft - aber wir schmecken schon die neue Schöpfung darin. Wir sind noch nicht am Ziel - aber der Berg Zion leuchtet schon in der Ferne. Wir sind noch nicht vollkommen befreit, aber wir sind jetzt schon ein Segen.

Amen.


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