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+++ Erklärung der IKvu +++
BONN, 20.7.2002. Fast jeden Tag werden neue Fälle von sexuellem Missbrauch durch römisch-katholische Priester gemeldet, und es ist zu erwarten, dass die Zahl der bekannt werdenden Fälle in den kommenden Wochen zunehmen wird. Bisher ist eine adäquate Reaktion der Kirche darauf nicht zu erkennen.
1. Lehmann als Vorsitzender
der DBK nicht mehr tragbar
Vor allem die Äußerungen des
Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) Lehmann lassen das nötige
Unrechtsbewusstsein für die eigene Kirche vermissen. Erst durch Bekanntwerden
eines Verdachtsfalles aus seiner eigenen Diözese Mainz sah er sich gezwungen,
das Thema des Missbrauchs auch als Faktum in der deutschen Kirche zur Kenntnis
zu nehmen.
Kardinal Lehmann ist daher als Vorsitzender der DBK nicht mehr länger tragbar. In jeder Partei oder öffentlichen Einrichtung unserer demokratischen Gesellschaft wäre das Leugnen der Kenntnis einer Straftat nach Erweis des Gegenteils Grund genug für einen Rücktritt. Kann es sein, dass Lehmann in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der DBK von den zahlreichen Fällen erst jetzt erfahren hat? Auch in diesem Fall wäre er bezüglich dieser sensiblen Thematik eindeutig fehl am Platz.
Auch in der Diözese Mainz wird nun öffentlich zu diskutieren sein, ob dieses Verhalten zum Amt eines Diözesanbischofs passt. Die gleiche Frage stellt sich in anderen Diözesen, in denen sich der verantwortliche Diözesanbischof der Problematik nur widerwillig und auf öffentlichen Druck hin stellt. Die existierenden Gremien: Diözesan- und Priesterräte, Delegiertenversammlungen der Jugendverbände und des BDKJ sowie die Jugendämter der Diözesen sind nun in der Pflicht zu handeln und aufzuklären.
2. Kompetenzgefälle zwischen
kirchlicher Jugendarbeit und Kirchenleitung
Entweder war Lehmann schlecht
beraten und wollte die zahlreichen Fälle nicht sehen, oder er hatte tatsächlich
keine Ahnung. Wenn er in Reaktion auf den SPIEGEL-Artikel vom 15.7.2002 auf
"Einzelfälle" verweist und davon spricht, dass die Kirche sich wie
die Gesellschaft in einem Lernprozess über diese ernste Problematik befinde,
dann hat er zum Thema einigen Lernstoff nachzuholen - die Gesellschaft insgesamt
und sogar seine Kirche sind mittlerweile wesentlich weiter, wie ihm ein Blick in
die Einrichtungen der katholischen Jugend- und Verbandsjugendarbeit hätte
zeigen können:
Seit Jahren wird hier sehr gut zu Aufklärung und Prävention über sexuellen Missbrauch gearbeitet. Dabei ist die gesamte Problematik auch in ihrer strukturellen Dimension präsent. Das Verschleiern von Straftatbeständen schadet demnach nicht nur generell dem Ansehen der römisch-katholischen Kirche in der Bundesrepublik, sondern diskreditiert auch diese Arbeit. Die DBK ist gut beraten, wenn sie die vorhandene Kompetenz zum Thema dort abfragt, wo das Thema seit Jahren als innerkirchlicher Zwiespalt und Zerreißprobe ausgehalten werden muss. Die MitarbeiterInnen in der Jugendarbeit wiederum sollten sich gerade bei diesem Thema nicht aus einem fragwürdigen Loyalitätsverständnis heraus zurückhalten.
3. Warnung vor einem
Generalverdacht über alle Priester
Klar ist außerdem, dass die
Mehrzahl der Priester und anderen in der kirchlichen Jugendarbeit Aktiven völlig
korrekt und mit großem Idealismus einen äußerst wertvollen Dienst leistet. Es
wäre fatal, sie alle pauschaler Verdächtigung auszusetzen. Gerade bei solch
schweren Anschuldigungen muss besonders die allgemeine Regel berücksichtigt
werden, dass niemand als schuldig behandelt werden darf, dessen Vergehen nicht
bewiesen ist.
4. Macht und Demokratie in
der Kirche
Zu den angemessenen Konsequenzen
aus diesem Skandal gehören sicher Ombudsstellen oder Nottelefone für
Betroffene, wie es sie für MinistrantInnen in Wien, Linz und Innsbruck gibt;
dazu gehört auch ein transparentes Konzept über den Umgang mit Straftätern
und das offene, wenn nötig therapeutische Gespräch mit jungen
Priesteramtskandidaten über Sexualität.
Wenn Reaktionen allerdings nicht auf der Ebene von Symptombekämpfung stecken bleiben sollen, muss das System Kirche grundsätzlich reformiert werden: Seine Strukturen bündeln in zentralen Positionen - quasi-theologisch unterfüttert - eine immense Machtfülle, die den jeweiligen Amtsinhabern fast unkontrolliert zur Verfügung steht. In Kombination mit einer gesellschaftlich unterstellten moralischen Integrität begünstigt diese Position Missbrauch und Verbrechen außerordentlich. Dazu zählt - um ein weiteres Beispiel zu nennen - auch der entwürdigende Umgang mit Frauen, die Kinder mit Priestern haben. Über die Diffamierung der Paare hinaus werden diese Mütter zu Geheimhaltung bei drohendem Verlust von Unterhaltszahlungen gezwungen und sind massivem Druck durch ihr kirchliches Umfeld ausgesetzt.
Es ist anzunehmen, dass in den nun bekannt werdenden Missbrauchsfällen kirchliche Stellen entsprechend diesem Abwehrmuster agiert haben. Als Mitglieder der kirchlichen Elite profitierten die Täter also lange Jahre von der Zugehörigkeit zu einem komplexen Verhaltens- und Regelwerk, ihr Interesse an einer Systemveränderung war verständlicherweise gering.
Je verständnisvoller diese Zusammenhänge nun eine Öffentlichkeit finden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass mehr Betroffene den Mut finden, davon zu sprechen - desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen geglaubt wird.
Dies alles ist lange bekannt und führt zu der Frage, ob von der Herbstversammlung der DBK wirklich effektive Schritte erwartet werden können. Auf der politischen Tagesordnung steht im September nicht Schadensbegrenzung und Imagepflege, sondern Transparenz, Aufklärung - Demokratie in der Kirche.
Bernd Hans Göhrig,
Bundesgeschäftsführer