In Babylon
Ein Beitrag zur Debatte um das Selbstverständnis der IKvu

Am 16. Oktober 1999 hat die Initiative Kirche von unten (IKvu) auf ihrer Delegiertenversammlung (DV) in Mainz unter dem Titel "Für eine gerechte Kirche und eine gerechte Welt" erstmals ein Selbstverständnis (Querblick, Nr. 2/2000, S. 18) formuliert, das bereits dort Gegenstand kontroverser Diskussionen war. Dabei ging es um die Frage, ob es notwendig sei, in diesem Papier ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass Jesus an einen Gott glaubte, "der ihm als Vater auf einzigartige Weise nahe war", wie Carl-Peter Klusmann im Auftrag der Strukturkommission IKvu 2000 plus vorschlug.

Nachdem dieser Vorschlag von der DV abgelehnt worden war, wurde die Debatte in der Folgezeit zunächst in den SOG-Papieren (Nr. 99/8, S. 25f) der Arbeitsgemeinschaft von Priester- und Solidaritätsgruppen in der Bundesrepublik Deutschland (AGP) weitergeführt und nun auch im Querblick (Nr. 2/2000, S.19-21) aufgegriffen. Edgar Utsch meint, ohne diesen Hinweis hänge der gesamte Text der Erklärung und die Arbeit der IKvu weiterhin in der Luft. C.-P. Klusmann verteidigt darüber hinaus grundsätzlich die Rede von Gott als Vater. Er kann keinen Fortschritt darin erkennen, Gott nicht mehr Vater zu nennen. Dagegen weist Anja Finger in ihrer Replik auf den patriarchalischen Charakter dieses Bildes hin und fordert: "Also ist es Zeit, das überkommene Etikett einzustampfen - und vielleicht auch Zeit dazu, einmal nachzuschauen, welcher Geist denn überhaupt in der Flasche schlummert..." Die Aufgabe ist gestellt. Schauen wir also nach, welcher Geist in wessen Flasche schlummert. Hier jedenfalls weht der Geist der jüdisch-christlichen Tradition.

Der patriarchalische Hintergrund der jüdisch-christlichen Traditionen
Nun kommt zunächst einmal niemand an der schlichten Tatsache vorbei, dass die Welt, in der die biblischen Traditionen entstanden sind, patriarchalisch geprägt war. Dieser Hintergrund bestimmt die Bilder, in denen die Bibel von dem NAMEN erzählt, der der Gott Israels, der Kirchen, schließlich der Welt sein will. Angesichts dieses Hintergrundes wird verständlich, dass die neutestamentlichen Texte die Beziehung zwischen Jesus aus Nazareth und dem NAMEN als Beziehung zwischen hyjós (Sohn) und abbà, patér (Vater) beschreiben (Wir versuchen im folgenden, das Wort "Gott" soweit wie möglich zu vermeiden, und folgen der Diktion von Ton Veerkamp, 1992. Es ist nämlich durchaus nicht a priori entschieden ist, wer unter gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen der Gott ist; das erweist sich erst in der Praxis: Gott, das ist der-, die- oder dasjenige, der bzw. dem unbedingt nachzugehen ist).

Das muss allerdings nicht dazu führen, in bourgeoiser Manier die biblischen Traditionen umzumodeln, um deren patriarchalischen Gehalt loszuwerden. So aber geht A. Finger vor: Mit Hinweis auf die "entmythologisierte Bio-Logik", nach der es ohne Mutter keinen Vater gebe, fordert sie, den "Gott-Vater" zu verabschieden. Ferner erkennt sie in C.-P. Klusmanns Position einen Gegensatz zwischen Fortschritt und Tradition. Mit dem Stichwort "Entmythologisierung" und ihrer Auffassung vom Fortschritt als Gegensatz zu Tradition übernimmt sie kritiklos Konzepte der bürgerlichen Aufklärung und macht sie zum Kriterium des Wahrheitsgehaltes traditioneller Bilder. Dagegen zeigt sich bei genauem Hören auf die jüdisch-christlichen Traditionen, wie diese gerade, indem sie mythische Bilder ihrer jeweiligen Kontexte aufgreifen, wirksame - nicht Entmythologisierung, sondern - Mythenkritik betreiben: Während der Mythos die Unveränderbarkeit der Welt behauptet, zeigen die biblischen Traditionen deren Veränderbarkeit auf. Ferner meint C.-P. Klusmann nicht Fortschritt gegen Tradition, sondern Fortschritt in der Tradition. Allerdings ist auch dieses Konzept von der bürgerlichen Aufklärung präfiguriert: Der Begriff des Fortschritts ist zutiefst in dieser verwurzelt, insofern er sein Fundament hat in der aufgeklärten Vorstellung von "Zeit als einem leeren, evolutionär ins Unendliche wachsenden Kontinuum, in das alles gnadenlos eingeschlossen ist" (J. B. Metz, S. 150). Was not tut, ist nicht Fortschritt, sondern Umkehr. Diese kann jedoch nicht darin bestehen, mit der Aufklärung die jüdisch-christlichen Traditionen zu korrigieren. Denn dann erschiene als legitim nur noch, was die Aufklärung, mithin das bürgerliche Subjekt, dafür erklärt. Ein solches Vorgehen zerstörte die Substanz der jüdisch-christlichen Traditionen; wir werden zeigen, warum.

Zwar bleibt die der Aufklärung geschuldete Erkenntnis richtig, dass die biblischen Bilder menschliche und damit historische Ausdrucksformen der Geschichte des NAMENs mit den Menschen sind: Sie sind historisch wie auch inhaltlich begrenzt. Innerhalb dieser Grenzen bieten sie jedoch durchaus Möglichkeiten, die heutige Welt im Lichte des jüdisch-christlichen Glaubens zu verstehen: im Lichte der Erzählung vom Auszug Israels aus dem Haus der Dienstbarkeiten - Ägypten, Kanaan - ins Land der Gerechtigkeit - das gelobte Land. Dies ist die Perspektive der gesamten jüdischen Tradition, auch die Jesu. Damit ist sie schließlich autoritativ auch für die christliche Tradition. Daher kann Jesu Anrede "abbà, ho patér" ("abbà, der Vater", Mk 14,36) auf dem Grundstück Gethsemaní kurz vor seiner Verhaftung nur in dieser Perspektive adäquat verstanden werden: Den NAMEN, der aus dem Haus der Dienstbarkeiten herausführt, ruft er um Rettung vor dem nun unausweichlich gewordenen Leiden und Sterben an, diesen Gott nennt er "abbà". Und dieser rechtfertigt sich durch Leiden und Sterben hindurch in der Auferweckung Jesu Christi und beglaubigt so ein für alle Male wirksam die Hoffnung auf Auferweckung der Toten, auf Rettung der zu Unrecht Gestorbenen.

Hier zeigt sich, was, bezogen auf die jüdisch-christlichen Traditionen, Umkehr bedeutet: Weil sie aus einer historisch und kulturell weit entfernten Welt stammen, ist die angemessene Haltung gegenüber den biblischen Erzählungen und Diskursen nicht die des Korrigierens, sondern die des Zuhörens, gerade auch angesichts dessen, was Christinnen und Christen, sei es durch gleichgültiges Wegschauen, allzu oft aber auch durch aktive Komplizenschaft, Menschen fremder Kulturen angetan haben und noch antun. Nur im Hören auf die Texte kann es gelingen, in ihnen jene STIMME zu vernehmen, die aus dem Haus der Dienstbarkeiten herausruft. So und nur so ist es möglich, in der Tradition zu bleiben, ohne zugleich deren patriarchalische Gehalte zu verfestigen. Es geht also von vornherein auch um eine Machtfrage: Wessen Stimme übernimmt die Führung, die des NAMENs oder die des bürgerlichen Subjekts, die sich großenteils mit der des bürgerlichen, weißen, europäischen Mannes deckt, sich aber auch in den Formen des bürgerlichen Feminismus zu Wort meldet.

Eine Machtfrage - oder: Feminismus als Mode
Eine Machtfrage steht auch im Zentrum der Auseinandersetzung um den "Gott-Vater". Zwar treten E. Utsch und C.-P. Klusmann auf, als gehe es ihnen nicht um Machtverhältnisse, konkret: um die Unterdrückung der Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft, sondern um die Sache selbst. C.-P. Klusmann begibt sich sogar ausdrücklich in eine Demutshaltung, indem er schreibt: "Sicher sollten wir ungefragt als Männer auf die Welt gekommenen Menschen bei Herzensangelegenheiten von Feministinnen kleinlaut sein." Dass sie gleichwohl die Machtfrage stellen, zeigt sich darin, wie sie faktisch Feminismus zu bloßer Modeerscheinung erklären: Für E. Utsch geht der Protest auf der oben genannten DV gegen den Vorschlag der Strukturkommission "auf das Konto allfälliger feministischer Zwischenrufe", und C.-P. Klusmann beschließt seine Demutsäußerung mit der Bemerkung: "Ich lasse dabei außer acht, dass einem oft genug auch bloß modische Animositäten begegnen." Mit welchem Recht meinen die Autoren eigentlich, entscheiden zu können, was "allfälligen feministischen Zwischenrufen" oder "bloß modischen Animositäten" geschuldet ist? Wer so argumentiert, muss sich nicht wundern, wenn der eigene Anspruch, "friedliche Erwägungen" (C.-P. Klusmann) anzustellen, nicht ernst genommen wird.

Auf dieser Machtebene spielt auch A. Fingers Replik: Mit keinem Wort geht sie auf durchaus ernsthafte Argumente C.-P. Klusmanns ein. Dieser zieht als Belege für seine Position Hos 11,9: "Ich bin Gott, nicht ein Mensch", den Epheser-Brief (3,14f in eigener Übersetzung), der von Gott als dem Vater spreche, "von dem her jede Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen hat", und Mt 23,9: "Ihr sollt auf Erden niemand euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel", heran und entdeckt darin Momente der Kritik an den real existierenden Vätern und Verhältnissen. Doch statt darauf einzugehen, stellt A. Finger lediglich fest, Eph 3,14f und Mt 23,9 stünden in deutlicher Spannung zueinander. Die Wahl von Mt 23,9 sei zwar vernünftig, aber "völlig geschichtsblind. Historisch war und ist Eph 3,14 siegreich: die Abbildung des göttlichen Vaters in den irdischen Vätern - und damit deren Bestätigung." Ihr entgeht dabei dreierlei:

  1. Die Spannung zwischen den beiden Textfragmenten muss nicht bedeuten, dass das eine für prophetische Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse taugt, das andere nicht. Denn unterschiedliche Fragen erfordern unterschiedliche Antworten.

  2. Texte und schon erst recht Textfragmente sind grundsätzlich offen für mehrere Lektüren. So interpretiert A. Finger Eph 3,14f völlig entgegengesetzt zu C.-P. Klusmann, doch statt dies zu reflektieren, unterstellt sie ihre eigene Lektüre als einzig mögliche. Auf diese Weise erhebt sie den Machtanspruch, autoritativ zu entscheiden, welche Lektüre legitim, welche illegitim ist. Diesen Machtanspruch untermauert sie, indem sie ihre Lektüre als untauglich im Sinne der Kritik von Herrschaftsverhältnissen verwirft und fordert, das "überkommene Etikett einzustampfen".

  3. Mit ihrer Argumentation zu Eph 3,14f kann man gleich die gesamte jüdisch-christliche Tradition "einstampfen". Denn siegreich war insgesamt nicht die Linie, die sich quer zu den herrschenden Verhältnissen stellt, sondern diejenige, die mit den Mächtigen und Herrschenden paktiert, und sie ist es noch. Das ist zwar ärgerlich und bestürzend, aber ohne diese so missratenen Kirchen, aber auch ohne die prophetische Kritik, die immer wieder den Auszug aus dem Haus der Dienstbarkeiten als Kern der Überlieferungen sichtbar macht, gäbe es die jüdisch-christlichen Traditionen längst nicht mehr.

Dass die Auseinandersetzung im wesentlichen um Machtfragen geht, wird schließlich im Umgang sowohl C.-P. Klusmanns als auch A. Fingers mit biblischen Texten deutlich: Indem sie einzelne Sätze aus ihrem Kontext reißen, lassen sie die oben angesprochene Haltung des Zuhörens vermissen, zeigen vielmehr ihren Willen, sich der Traditionen zu bemächtigen und sie ihren eigenen Anliegen dienstbar zu machen.

Die verlorene Unschuld der Vokabel "Vater"
Andererseits wollen wir A. Finger nicht widersprechen, wenn sie fordert: "Die Patres, Fathers, der heilige Vater und die Familienväter, die als Konzepte zur sicheren Weitergabe von Eigentum dienten, sind in den Blick - um nicht zu sagen aufs Korn - zu nehmen." Denn in der Tat ist die Vokabel "Vater" alles andere als politisch unschuldig: verknüpft mit all den Konnotationen des römischen pater familias als absolutem Eigentümer der und Herr über die Familie und ihrer Wirkungsgeschichte im "christlichen Abendland". Eine Reflexion darüber fehlt sowohl bei E. Utsch als auch bei C.-P. Klusmann.

Es hilft hier zunächst auch nicht weiter, wenn man darauf hinweist, dass der abbà der jüdischen Tradition nicht deckungsgleich mit dem pater familias des römischen Rechts ist. Wie prekär auch der reale Vater im alten Israel war, zeigt ein Blick auf die einschlägigen Vorschriften, mit denen die Thora die Gewalt der Väter gegen ihre Kinder zu bändigen versucht. Offenbar war auch der abbà als derjenige, der die ihm Anvertrauten vor Unheil und Versklavung schützt und ihnen Gerechtigkeit widerfahren lässt, nicht so sehr eine politische Tatsache als vielmehr ein politisches Projekt.

Die christliche Tradition ist nun u.E. angemessen nur als legitimer Kommentar zur jüdischen zu begreifen. Insofern kann man patér als griechische Übersetzung des aramäischen abbà, und damit auch die deutsche Übersetzung Vater adäquat nur in diesem Sinne, d.h. als politisches Projekt verstehen. So auch liest C.-P. Klusmann Eph 3,14f, indem er fordert, bevor man Gott diese Bezeichnung abspreche, müsse sie eher "irdischen Vätern verwehrt werden, falls man/frau deutlich machen will, dass - gemessen an dem Urbild - diese dem Namen nicht gerecht werden." Präziser noch meinen wir, patér ist treffend nur im Sinne des jesuanischen "abbà, ho patér" zu verstehen: als der NAME, der herausführt aus dem Haus der Dienstbarkeiten. Vor diesem Hintergrund fehlt A. Fingers Verdikt die argumentative Grundlage, denn ihre Lektüre von Eph 3,14f erweist sich als unangemessen. Tatsächlich gibt sie klammheimlich jenen Recht, die aus dem abbà den pater familias römischen Zuschnitts gemacht haben.

Theologische Rede - angesichts katastrophischer Realität
Als Konsequenz aus ihren Überlegungen fordert A. Finger: "Die Option für die Marginalisierten, die die IKvu getroffen hat, gebietet es, Sympathie zu zeigen für die Kinder alleinerziehender Mütter und jene, deren Vater zwar irgendwie da und doch permanent abwesend ist." Wir verstehen das als Aufruf zu tätiger Solidarität, dem wir nur zustimmen können.

Was hier freilich fehlt, ist eine Analyse derjenigen gesellschaftlichen Verhältnisse, die die meisten der kritisierten Väter - zunehmend übrigens auch wieder Mütter - jenseits des Patriarchats dazu zwingen, "zwar irgendwie da und doch permanent abwesend" zu sein: die Klassenspaltung der Gesellschaft. Diese ist nicht einfach identisch mit der Spaltung zwischen den Geschlechtern, sondern läuft teilweise quer zu ihr. Sosehr die Klassenspaltung weitgehend von Männern hervorgebracht sein mag, so reicht doch der gute Wille nicht aus, sie zu überwinden. Daher auch geht A. Fingers moralischer Vorwurf ins Leere: Die Welt ist komplizierter, als sie scheint. Wollte man mit Blick auf mögliche menschliche Katastrophen die entsprechende bildhafte Rede von dem NAMEN vermeiden, so könnte man überhaupt nicht von ihm reden. Denn alle menschlichen Beziehungen und Verhältnisse können zu Katastrophen werden. Demgegenüber ist jedoch gerade angesichts des Katastrophischen der gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Stimme des NAMENs zu horchen.

Für einen behutsamen und gelassenen Umgang mit traditionellen Bildern
Vor diesem Hintergrund sprechen wir uns für einen behutsamen und gelassenen Umgang mit traditionellen Bildern aus: behutsam, was ihr Aussprechen, gelassen, was ihr Hören betrifft. Menschen sind keine Engel, können daher nicht in Engelszungen, sondern müssen in Menschenzungen reden: Wollen sie von dem NAMEN sprechen, müssen sie auf Material aus ihrer Lebenswelt zugreifen.

Dabei muss man sich stets bewusst sein, dass alles Reden über den NAMEN unter dem Schleier der Analogie geschieht. D.h., gerade in dem Punkt, in dem die Beziehung zwischen dem NAMEN und den Menschen mit menschlichen Beziehungen und Verhältnissen verglichen wird, liegt zugleich eine abgrundtiefe Unvergleichbarkeit vor: Die Menschen sollen gerecht sein, aber wahrhaft gerecht ist nur der NAME; die Väter sollen ihren Kindern abbà sein, aber wahrhaft abbà ist nur jener. Aus diesem Grund auch redet die Bibel in immer wieder unterschiedlichen, mitunter gegensätzlichen, oft überraschenden, ja sogar in erschreckenden Bildern von der STIMME, die der Gott aller Menschen sein will.

Geht es um einen behutsamen Umgang mit traditionellen Bildern, so hat das Gottesprädikat "Vater" in der Tat nichts in der Selbstverständniserklärung der IKvu zu suchen, dies aber nicht deshalb, weil die Rede vom abbà, wie A. Finger vermutet, für einige bloßes Plappern wäre, sondern weil die Betonung des Männlichen in der IKvu politisch unangebracht ist.

Allerdings weisen wir aus den bereits genannten Gründen A. Fingers Ansinnen zurück, "das überkommene Etikett einzustampfen". Uns scheint, A. Finger schüttet hier das Kind mit dem Bade aus: Indem sie ihre eigene Auffassung über den "Vater-Gott" zurückweist, und zwar völlig zu Recht, meint sie, alle anderen auch verwerfen zu müssen. Demgegenüber meinen wir: Hier ist der gelassene Umgang mit traditionellen Bildern gefragt. Man muss nicht gleich einstampfen, was quer steht zu den eigenen politischen Absichten oder zur bürgerlich-feministischen Vernunft. Möglicherweise kann man ja im Hören auf die Traditionen jene STIMME vernehmen, die auch das Anliegen A. Fingers: die Überwindung der Geschlechterspaltung, zu dem ihrigen gemacht hat.

Naherwartung - oder: Warum das Selbstverständnis der IKvu in der Luft hängt
Wie zu Beginn bereits erwähnt, kritisiert E. Utsch, das Selbstverständnis der IKvu hänge theologisch in der Luft. In diesem Punkt müssen wir ihm Recht geben. Dies liegt aber nicht, wie er meint, darin begründet, dass der Hinweis auf die besondere Nähe Jesu zu seinem Gott als "Vater" fehlt. Bei näherem Hinsehen zeigt sich auch, dass es ihm gar nicht so sehr um dieses Gottesprädikat geht, sondern eher um die Einzigartigkeit Jesu Christi. Diese steht und fällt aber nicht mit jenem. Sie liegt vielmehr begründet in der Auferweckung Jesu Christi.

Warum das Selbstverständnis der IKvu tatsächlich in der Luft hängt, darauf weist A. Finger, wenn auch ganz gegen ihre Absicht, hin, indem sie als zusätzliches Argument gegen das Gottesprädikat anführt: "Schließlich nehmen wir auch keine Naherwartungsvorstellung auf." In der Tat hat die IKvu keine Naherwartung in ihr Selbstverständnis aufgenommen. Darin wird deutlich: Die IKvu selbst lebt - wie die Kirchen - in einer babylonischen Gefangenschaft: im Universum der bürgerlichen Aufklärung, und es scheint, als hätte sie vor den neuen Herren schon kapituliert. Auf ein Symptom dieser Gefangenschaft sind wir bereits gestoßen: auf den Begriff des Fortschritts mit der ihm eigentümlich Perspektive von "Zeit als einem leeren, evolutionär ins Unendliche wachsenden Kontinuum, in das alles gnadenlos eingeschlossen ist". In dieser Perspektive ist kein Platz für "substanzielle Erwartung" (J. B. Metz, S. 150). Darum zerstört ihre Substanz, wer meint, die jüdisch-christlichen Traditionen mit der Aufklärung korrigieren zu sollen.

Vor diesem Hintergrund zeigt sich nun ein zweites Symptom: Das Selbstverständnispapier der IKvu spricht mit keinem Wort von der Auferweckung Jesu Christi und der Hoffnung auf Auferstehung der Toten. Denn diese Hoffnung setzt voraus, dass die Zeit eben nicht linear weiterläuft, das Verlorene definitiv hinter sich und nur das Sieghafte bestehen lässt, sondern dass gerade das Verlorene rehabilitiert wird, die Verlorenen gerettet werden. Will die IKvu ihre Option für die Marginalisierten ernst nehmen, so darf sie gerade auch die zu Unrecht Gestorbenen nicht verloren geben, sondern muss Hoffnung für sie haben. Um dieser Verlorenen willen muss sie auf Auferstehung der Toten hoffen und sich darin beglaubigt wissen in der Auferweckung Jesu Christi.

In der Auferweckung Jesu Christi aber findet Naherwartung ihren Grund. Diese ist keineswegs aufgeklärt in "Stetserwartung" umzuinterpretieren. "Stetserwartung" gerät nämlich unter der Hand zur "Nieerwartung": Alles wird gleich gültig, nichts ist mehr wichtig. Es ist die Naherwartung, das Bewusstsein von der Begrenztheit der Zeit, die Zeit erst wichtig macht: "Naherwartung erlaubt keine Vertagung der Nachfolge." (J. B. Metz, S. 156)

Wenn also als Erfolg gefeiert werden soll, dass die IKvu keine Naherwartung formuliert: Was betet sie in ihren Gottesdiensten eigentlich, wenn sie spricht: "Dein Reich komme!"? Plappert sie, oder meint sie, das "Reich der Himmel" (basilëía tõn ouranõn, Mt) möge zwar kommen, sich dabei aber besser noch ein bisschen Zeit lassen, um uns Menschen nicht in unseren Plänen zu stören? In dieser Bitte bleibt u.E. der Stachel der Naherwartung nolens volens präsent. Mehr noch: Wenn wir uns von dem Elend jener Armen, die an den Rändern San Salvadors in Hütten aus Pappe und Plastikplanen leben müssen oder die auf den Müllbergen der Reichen Manilas ihren Lebensunterhalt suchten und den Tod fanden, von den psychischen und physischen Verwüstungen vergewaltigter Frauen oder Kinder betreffen lassen, ist Naherwartung die einzig realistische Perspektive - letztes Refugium ihrer Menschenwürde. Wenn aber diese Menschen die STIMME, die herausruft aus dem Haus der Dienstbarkeiten, nicht mehr vernehmen, wie können wir, die darunter nicht zu leiden haben, dann noch glaubwürdig von ihr reden?

Weiterführende Literatur

Michael Korbmacher für CfS Münster


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