Einführung in das Atelier 3 - "Strukturwandel der Kirche" - Hintergrundinformationen
Klaus Peter Fischer, Heidelberg
STRUKTURWANDEL DER KIRCHE – AUFGABE UND CHANCE ?
Relecture
einer Programmschrift
Befragt – wenige Wochen vor seinem Tod
(30. März 1984) – zur Wirkung seines Buches „Strukturwandel der
Kirche als Aufgabe und Chance“ (von 1972), äußerte Karl Rahner, er habe
es selber „fast vergessen“; nie habe er dazu von Bischöfen eine
Reaktion gehört, auch keiner seiner Freunde, nicht einmal Kardinal Volk
(damals Bischof von Mainz), habe zu ihm darüber je ein Wort verloren.
Anlass des
Buches war die Synode der Deutschen Bistümer in Würzburg (von 1971-1975)[1].
Manche haben die Synode damals überschwänglich als „deutsches Konzil“
bezeichnet. Rechtlich konnte sie das nicht sein, der Idee nach schon. Das
II.Vatikanische Konzil war wenige Jahre zuvor beendet. Bischöfe, Priester,
Ordensleute und Laienchristen waren von Aufbruchsstimmung erfüllt (trotz
ersten Frosteinbruchs im Sommer 1968). Dem Konzil ging es – nach dem
Willen von Johannes XXIII. – um die Zukunftsfähigkeit der ganzen
katholischen Kirche, und zwar durch Erkenntnis der „Zeichen der Zeit“.
Der deutschen Synode sollte es – nach Rahners Überzeugung – um eben das
gehen: die Zukunftsfähigkeit der katholischen Kirche in Deutschland. Der
Synodenversammlung aber fehlte ein derartiges Konzept. Rahner machte es sich
zur Aufgabe, ein solches zu erstellen. Dies war das Anliegen des
Strukturwandel-Buches. Rahners Programmschrift wurde durchaus zur Kenntnis
genommen. Doch weiß man heute, daß Verschweigen (oder Ignorieren) des
Buches noch die vornehmste Reaktion derer war, die sich mit Rahners
Vorstellungen von notwendigen Wandlungen der
Kirche und in der Kirche nicht anfreunden konnten. ´Hintenherum` wurde viel
geredet; etliche Wortführer taten Rahner als „Sandkastenstrategen“ ab.
Andere wurden deutlicher, bemängelten die „radikalen Thesen“,
„progressiven Parolen“ und „abenteuerlichen politischen Positionen“,
in die Rahner sich habe „hineindrängen“ lassen.[2]
Die heutige
Generation liest Rahners kleine Schrift sicherlich mit anderen Augen als die
von damals. Für ihre Gesamtbeurteilung dürfte wichtig sein, sich ihres Grundgedankens
– besser: ihrer Glaubensbasis –
zu vergewissern.
Wo
stehen wir ?
Die kleine,
inhaltsreiche Schrift kann hier nur skizziert werden.[3]
Ihr 1.Teil fragt: Wo stehen wir? und
gibt eine „Situationsanalyse“. Analysen, die man von Bischöfen und
Pfarrern oft „aus dem
Handgelenk heraus“ höre, seien häufig aus zwei Teilen zusammengesetzt:
Darstellung der Situation, wie sie von ihnen trotz Schwierigkeiten bewältigt
werde, und Darstellung der Welt, in der Glaube und Moral beständig abnähmen
– eine „seltsame Mischung aus einem bockigen Konservativismus ... und
einer uneingestandenen Verzweiflung“.
„Die
wirkliche Welt dazwischen“ fehle
solchen Darstellungen meist: „die Welt, die Aufgaben stellt, die die Männer
der Kirche noch nicht erfüllen, die wirklich neu sind und durchaus Chancen
ihrer Bewältigung bieten“ (22). Vor allem: die Kirche gehe von ihrer früheren,volks-kirchlichen
Gestalt (mit homogener Gesellschaft und Kultur) über zu einer Gemeinschaft
von Glaubenden, die sich in persönlich-freiem, reflexem Glaubensentschluss
kritisch absetzen vom
durchschnittlichen Meinen und Empfinden der gesellschaftlichen Umwelt:
„Eine solche Kirche wird die Kirche der Zukunft sein, oder sie würde
nicht mehr sein“ (26f). Der „oft beklagte“ Schwund an Christlichkeit
und Glaube sei zunächst Schwund der gesellschaftlichen Homogenität und
sozialen Selbstverständlichkeit des Glaubens – Schwund also einer
bestimmten Glaubenskultur –, noch nicht (von uns gar nicht beurteilbar)
Schwund des heilshaften Glaubens selbst (27). Das bedeute: die Christen der (schon angebrochenen)
Zukunft werden die herkömmlichen Lebensäußerungen der Kirche nur
vollziehen können, wenn sie sie verstehen als Echo, Ausdruck, Symbol einer
bisher ungewohnten, letzten Existenz- und Gotteserfahrung. Für diese neue
Situation sieht Rahner kirchliches Amt und Traditionskatholiken wenig gerüstet.
Deren Tendenz sei „die Verteidigung des Überkommenen, nicht die Vorsorge
für eine Situation, die am Kommen ist“. Muß man in naher Zukunft
„nicht froh sein, wenn die sogenannten Laien in einem Gottesdienst noch da
sind und das Wort ergreifen? Muß man also das Problem der ´Laienpredigt`
mit so viel Wenn und Aber, mit so viel letztlich für die kommende Situation
überflüssigen theologischen Bedenken behandeln?
... Wird es nicht bald so sein, daß jeder Bischof und jeder Pfarrer
froh sein werden um jedes Stückchen Mitverantwortung, das die Laien auf
sich nehmen wollen?“ (29f)
Kirche der
Zukunft werde „Kirche der kleinen Herde“ sein. Daher müßten ihre
Lebensäußerungen „den Schwerpunkt auf eine offensive Haltung für die
Gewinnung neuer Christen aus einem ´unchristlichen` Milieu legen“: Ein
einziger neu gewonnener Christ bedeute mehr, als „zehn ´Altchristen`“
zu halten (35f).[4]
Es brauche Mut zur „Kirche der Ungleichzeitigkeit“. Darin verträten die
´Neuchristen` den unvermeidlichen Fortgang der Geschichte der Kirche;
Aufgabe der ´Altchristen` könne sein, der Kirche von Morgen „die
unaufgebbaren Werte der Vergangenheit“ einzustiften (40). Die Kirche der
anbrechenden Zukunft müsse die Polarisierungen und einander
exkommunizierenden Gruppenfeindschaften überwinden (42-46).
Schon
der Blick in Teil I des Buches macht deutlich: auf Rahners Überlegungen
lagert nicht der Staub von Gestern, sie könnten auch heute und für heute
verfaßt sein. Die seit Rahners Tod ergangenen Bescheide des Vatikan weisen
aber in die entgegengesetzte Richtung. Überwiegend setzt das kirchliche Amt
auf Wahrung und Verteidigung
des traditionellen Bestandes sowie auf Abgrenzung vom „Zeitgeist“ der
unchristlichen Welt. Das zeigt: Vatikan und Bischöfe teilen Rahners Analyse
der Situation und Folgerungen daraus weithin nicht. Den Verlautbarungen nach
erwartet man aus der Wiederbelebung traditioneller Strukturen und Profile
die Wiederbelebung und Stärkung der Kirche in Geist und Praxis. Man fürchtet
die Wellen des Zeitgeistes, sieht auf ihnen nicht Christus kommen, sondern
das Gespenst des Unglaubens und des Versinkens der Kirche.
Was
sollen wir tun ?
Im 2. Teil
fragt Rahner nach Konsequenzen: Was
sollen wir tun? Natürlich werde die Kirche der Zukunft eine –
allerdings re-formierte – römisch-katholische Kirche sein. Zu dieser
Kirchenreform gehöre Entklerikalisierung
der Kirche. Dafür wesentlich sei die wirkliche, folgenreiche Anerkennung
der Tatsache, daß Gottes Geist nicht nur Amtsträgern, sondern allen
Getauften gegeben ist, mit der Folge, daß das kirchliche Amt künftig davon
abstehe, seine Anerkennung durch bloße Berufung auf seine Autorität
einzufordern, sondern sich „im Erweis des Geistes“ vor den Christen
glaubwürdig legitimiert. Das kirchliche Amt stehe im Dienst an der
„Hierarchie“ (sozusagen) „im eigentlichen Wesen der Kirche“; m.a.W.:
„die Liebenden, die Selbstlosen, die Prophetischen in der Kirche machen
die eigentliche Kirche aus“; sie deckt sich nicht einfach oder primär mit
den Amtsträgern (61-65).
In scharfer Diskrepanz zu Rahners Plädoyer steht
das gültige Kirchenrecht, von der sog. Laieninstruktion aus Rom 1997 in
herausforderndem Ton eingeschärft: Laien, auch theologisch voll gebildete,
könnten (heißt es) und dürften nie den Priester ersetzen; nicht einmal in
einem Akt freiwilliger
Selbstentäußerung könne die Hierarchie Laien auch nur an einem Teil ihrer
„heiligen Vollmacht“ teilgeben; in Glaubens- und Sittenlehre hätten sie
nicht mitzuentscheiden. Zuwiderhandlungen, beruhend selbst auf
jahrzehntelanger Alternativ-Praxis in etlichen Regionen, seien ungültig
und als nichtig zu werten. Es komme auch zB nicht auf die womöglich bessere
Predigtqualität eines Ungeweihten an,
sondern einzig auf die Frage, wer durch bischöfliche Weihe ermächtigt ist,
wer nicht.
Dagegen
fordert Rahner eine „dienend besorgte Kirche“: besonders kirchliche
Amtsträger neigten – zumal wenn die Kirche bedrängt wird – zu „ekklesiologischer
Introvertiertheit“, wo man (wie
z.B. in der NS-Zeit) mehr an den institutionellen Bestand der Kirche denke
als an die bedrängten Menschen. Auch vergesse man leicht, daß Gottes Heil
nicht an die Grenzen der sichtbaren Kirche gebunden ist. Die Gewinnung neuer
Kirchenchristen sei wichtig im Sinne des Zeugnisses
für „die überall in der Welt wirksame Gnade Gottes“ (66f). Wichtig sei
auch eine Kirche, die nicht mehr moralisiert – die zu kündende Moral
macht sie konsequent durchsichtig auf den „innersten Kern der christlichen
Botschaft, ... die Botschaft der Liebe“. Umgekehrt gelte: „Wo der Mensch
die Erfahrung Gottes und seines aus der tiefsten Lebensangst und der Schuld
befreienden Geistes auch anfanghaft nicht gemacht hat, brauchen wir ihm die
sittlichen Normen des Christentums nicht zu verkündigen. Er könnte sie ja
doch nicht verstehen, sie könnten ihm doch nur höchstens als Ursachen noch
radikalerer Zwänge und tieferer Ängste erscheinen“ (71f). Stattdessen
gelte es, die Gewissen spirituell zu bilden, Menschen die „Logik der
existenziellen Entscheidung“ nahezubringen. Konsequent wirbt Rahner für
eine „Kirche der offenen Türen“, die ihre Mitglieder auch unter
Entfremdeten und „Fernstehenden“ sucht: sie könnten, wenn sie sich
trotz kritischer Distanz für Glaube und Kirche interessierten, aber wegen
ihrer Lebensgeschichte lieber „draußen“ blieben, dem „Herzen“ nach
(Augustinus) tiefer zur Kirche gehören als viele, die dem „Leib“ nach
„drinnen“ sind. Diese Sicht nötige auch zu mehr Gelassenheit z.B. bei
Beurteilung nicht-traditioneller, vielleicht „mißverständlich“ oder
„gefährlich“ klingender theologischer Interpretationen (76-81). In
„Kirche der konkreten Weisungen“ (82-87) ermutigt Rahner das kirchliche
Amt zu prophetischen Stellungnahmen auch unterhalb lehramtlicher
Verbindlichkeit.
Zentrales
Anliegen ist „Kirche wirklicher Spiritualität“ (88-95).
Eindringlich-selbstkritisch spricht Rahner die Theologen an: Stellt euch
vor, „ihr würdet auf der Straße spazieren gehen mit einem Brotverdienst
wie ein Straßenkehrer oder wie (wenn das besser gefällt) ein
Wissenschaftler in einem Labor für Plasmaphysik, wo den ganzen Tag lang nie
ein Wort von Gott fällt und doch stolze Erfolge erzielt werden. Stellt euch
vor, euer Kopf sei müde vom Straßenkehren oder von der Molekularphysik und
ihrer Mathematik. Stellt euch vor, diese eure Situation dauere schon so
ungefähr ein Leben lang ... Und jetzt versucht, diesen Menschen dieser
Umgebung die Botschaft des Christentums zu sagen ... Horcht zu, wie ihr sie
sagt, schmeckt selbst, wie sie klingt, denkt nach, wie ihr sie sagen müßtet, damit sie nicht von vornherein nur auf
... Ablehnung stößt ... Wie das Wort ´Gott` zunächst einmal umschreiben?
Wie von Jesus so sprechen, daß ein anderer einigermaßen ahnen kann, was er
für eine Bedeutung in eurem Leben hat?“ (89) Spirituell lebendig wäre
die Kirche, wenn in ihr „Mystagogie in die lebendige Erfahrung Gottes, die
aus der Mitte der eigenen Existenz aufsteigt“, aktive Wertschätzung der
Klassiker des Geistlichen Lebens, und politischer Kampf für Freiheit und
Gerechtigkeit (als Aspekt des gläubigen Ja zu Gott) zu finden sind.
Wie
ist eine Kirche der Zukunft zu denken ?
Die
praktischen Impulse werden im 3.Teil weitergeführt als Frage, wie eine
Kirche der (entfernteren) Zukunft zu denken wäre. „Offene Kirche“
(100-108) setzt ein sich öffnendes Denken, eine generöse Theologie voraus.
Im Kapitel „Ökumenische Kirche“ (109-114) bedenkt Rahner, wie eine die
konfessionellen Spaltungen überwindende, geeinte
Kirche aussehen könnte: Ging man bisher davon aus, institutionelle Einigung
der Kirchen könne nur Folge theologisch-bekenntnismäßiger Einigung sein,
wäre einmal zu überlegen, ob eine institutionelle Einigung (wie immer
konkret-praktisch – nicht uniform! – definiert) die glaubensmäßige und
theologische Einheit als Folge der Vereinigung fördern würde. Bedenke man, daß die meisten
Christen, da sie auf dem Boden des Apostolischen Glaubensbekenntnisses
stehen, schon heute geeint sind, und so keine wirklich trennenden Hindernisse mehr zwischen ihnen stehen (und gemäß der
„Hierarchie der Glaubenswahrheiten“ die noch ungelöste Ämterfrage
sicher kein wesentliches Problem darstellen kann); bedenke man zudem, daß
die meisten Christen ihrer Bekenntniskirche vorab aus soziologischen Gründen
angehören und ein Glaubensbewußtsein leben, das viel einfacher ist als die
differenzierte, amtliche Glaubenslehre ihrer Konfession, würde eine
institutionelle Einigung heute an diesem faktischen Glaubensbewußseinsstand
nichts ändern. Auch das Papsttum könnte, als erneuertes Petrusamt, für
andere Bekenntniskirchen akzeptabel sein, wenigstens so, daß sie dessen römisch-katholische
Ausprägung als für diese Teilkirche gültig akzeptierten.[5]
Man tut gut,
sich hier vor Augen zu halten, daß Rahner mit der „Kirche der Zukunft“ keineswegs
das Idealbild von Kirche zeichnen will – Kirche, wie sie sein soll
–, sondern Kirche, wie sie werden muß oder müßte, soll sie den ihr
zugemuteten epochalen Veränderungen, ja dem ihr aufgetragenen Gestalt- und
Strukturwandel gerecht werden: ihrer Aufgabe
und Chance zugleich. Sich dies klarzumachen ist wichtig auch für das
Verständnis des Kapitels „Kirche von der Basis her“ (115-126). Rahner,
überzeugt, der Christ der Zukunft werde mehr denn je Christ sein nicht aus
Herkunft, sondern aus persönlicher Entscheidung, sieht die Kirche der
Zukunft mehr denn je „durch Basisgemeinden freier Initiative und
Assoziation“ aufgebaut. Die von solchen Christen gebildeten Gemeinden
seien – ähnlich wie in der Frühzeit – immer wesentlicher werdende
Bausteine der zukünftigen Kirche. Sie bedürften der Anerkennung und –
ihr unbürokratisches und kreatives Gepräge[6]
respektierenden – Begleitung durch die Kirche der Tradition. Diese Sicht
enthält auch eine „demokratisierte Kirche“ (127-130), welche Ernst
macht mit der Tatsache, daß zwar das kirchliche Amt
als solches – seine dienende Vollmacht – göttlichen Rechtes ist
(wie man zu sagen pflegt), damit aber nicht vorentschieden und
impliziert ist, wie – Weg und
Weise – eine geeignete Person
zu diesem Amt bestellt wird.
Auch hier schlägt die römische Zentrale den
entgegengesetzten Weg ein. Die erwähnte Laieninstruktion betont, die Kirche
könne Kriterien für das Leitungsamt nicht aus Vereinswesen oder Politik
ableiten, da Christus ihr Leiter sei; darum habe keine Gemeinschaft,
Gemeinde, die „kirchlich“ heißen wolle, eine eigene Vollmacht, das
Lehr- und Leitungsamt einer Person aus ihren Reihen zu übertragen. Diese
Behauptung überzeugt kaum. Die frühen Gemeinden haben ihre Organisation
und Leitungsform nachweislich (bis ins Vokabular) dem antiken Vereins-,dann
Haus-Wesen entnommen. Dieses Modell führte zur Gleichsetzung „glauben“
= „gehorchen“ (dem Hausvorsteher) und entsprechenden Deutung des Wortes
„Wer euch hört, hört mich“ (Lk 10,16 – bei Mt „wer euch aufnimmt,
nimmt mich auf“:10,40). Paulus gewann und behielt Autorität in den
Gemeinden v.a. durch inhaltliche Überzeugungsarbeit.M.E. verhindert gerade
die Sorge um die Anerkennung des hierarchischen Amtes in der eigenen Kirche
– im Blick auch auf sog. Basisgemeinden – den Vatikan bisher an dem ökumenischen
Schrittt, die in den getrennten Kirchen gewachsenen Ämter anzuerkennen –
würde man damit ja den eigenen strengen Anspruch – Unersetzbarkeit des
Bischofsamtes – womöglich ´aufweichen`.
Das letzte
Kapitel „Gesellschaftskritische Kirche“ zieht Folgerungen aus der mit
dem Epochenwandel zuwachsenden Einsicht, daß Nächstenliebe zwar mit
Gottesliebe verflochten, aber nie mehr nur ´privat` aufgefaßt werden kann:
Nächstenliebe will auch Gerechtigkeit und artikuliert sich heute auch als
„Wille zu einer besseren Gesellschaft“, zu Gerechtigkeit zwischen den Völkern
und zu verantwortlichem Umgang mit der Schöpfung. –
Soweit ein skizzenhaftes Resümee des Buches.[7]
Es sei – so Rahners „Schlußwort“ (142f) – , bei aller
unvermeidlichen Unsicherheit, „ein Blick des Glaubens und der Hoffnung“
auf das Ganze in seiner Zukunft, ohne den die einzelnen Synodenthemen nicht
zukunftsgerecht entscheidbar seien.
Rahners Denken im geschichtlichen Kontext
Wer Rahner
nicht näher kennt, mag erstaunt sein, daß ein Theologe, statt den
„unumstößlichen Wahrheiten“ der Glaubenslehre nachzugehen, sich
futurologisch betätigt, sich also auf ein höchst unsicheres, verfängliches
Feld wagt, wo er doch, scheint es, Laie unter Laien ist, nur ins Blaue
hinein oder voraus raten, spekulieren kann und unvermeidlich – als einzig
sichere Prognose – Prügel von all jenen erhält, denen seine Vorhersagen
nicht gefallen. Darüber war Rahner sich im Klaren (Vorwort und I,1).
Wesentliches
Merkmal von Rahners theologischer Gestalt ist sein „existenziell“ geprägtes
Denken. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war das unangefochten
dominierende Welt- und Menschenbild der kirchlichen Lehre das einer
universalen, gestuften Wesensordnung. Darin war das Zeitliche,
Geschichtliche, Veränderliche, Konkrete und Einzelne un-wesentlich,
un-bedeutend. Dieses essentialistische Ordnungs-Weltbild wurde, wie so
vieles, durch den Granaten- und Bombenhagel der beiden Weltkriege zerstört.
Übrig blieb das auf sich selbst zurückgeworfene, seiner Geschichtlichkeit
bewußte, die Endlichkeit erfahrende individuelle Sein. Nicht zufällig
entstanden (schon nach dem 1.Weltkrieg) Entwürfe zur Philosophie der Person
und der Existenz. Nicht zufällig wurden so auch in der Kirche die Themen Geschichte,
individuelle Existenz, Gruppe,
Gemeinde, Volk neu
entdeckt und als eigenwertig und denkwürdig befunden. Neu gesichtet wurde
auch der Umstand, dass Jesus in Botschaft und Verhalten auf seiten der einzelnen
war und der biblische Gott dem Volk und einzelnen in besonderen
Zeitmomenten (AT:`et;
NT: kairós, hora) begegnet. In
diese Zeit wuchs Rahner geistig hinein, die neue Sicht wurde ´seine
Sache`. Schon 1946 betont er „das gnadenhafte Recht des Individuellen in
der Kirche und für sie“ gegenüber dem „Institutionell-Allgemeinen“
und die Notwendigkeit individuellen Gehorsams für den charismatisch-frei
wirkenden Gotteswillen. Der Einzelne müsse „über die von der Kirche verkündeten
Gebote hinaus noch fragen: Herr, was willst du, daß ich tue?“ Aus dem
charismatischen Gehorsam einzelner entspringen auch ´freie Gruppen` und
Bewegungen in der Kirche. Die genannte Frage läßt sich (bestärkt durch
die Erfahrungen der NS-Zeit) auch auf „die konkrete Kirche in dieser
unserer Zeit“ anwenden: Hat sie „das Rechte getan“ – nicht im Sinne
allgemeiner Moral, sondern im Blick auf den Gotteswillen für „diese
unsere Zeit“? [8]
Auf dieser Spur stellt Rahner 1957 fest, man könne „dem kleinen Mann
nicht leicht klarmachen, was wir (über die Erhaltung des Bestehenden hinaus
und außer gewissen schwierigen moralischen Forderungen und der Ablehnung
des Kommunismus) eigentlich Neues wollen, wie wir uns die Zukunft denken,
nicht die, die kommt ..., sondern die, von der wir wollen, daß sie werde, für
die wir arbeiten und kämpfen“.[9]
Wenig später, am Österreichischen Katholikentag 1962, kurz vor dem Konzil,
fragt Rahner direkt: „Wissen wir eine Antwort, wenn einer uns fragt: Was
wollt ihr Christen in den nächsten zehn Jahren konkret, was wollt ihr heute
erreichen, was noch nicht ist, aber nach euch werden soll, und zwar hier und
jetzt und nicht nur in der Ewigkeit?“[10]
Er sah sich veranlaßt, die Apostel-Warnung „Den Geist löscht nicht
aus!“ (1Thess 5,19) auf „diese unsere Zeit“ anzuwenden (und erfuhr alsbald an eigener Person das, wovor er warnte [11]).
Vom Geist des Konzils
Rahners Ansatz
wurde damals von höchster Stelle bestätigt. Papst Johannes XXIII.
Appellierte an die Konzilsväter, nicht bloß nach den
„Fehlentwicklungen“, sondern auch nach den
„Herausforderungen und Chancen (!) des modernen Zeitalters“ zu
fragen. Er beklagte Vorhaltungen von „Unglückspropheten“, von Leuten,
„die zwar voll Eifer“ seien, jedoch nicht sehr begabt für
„Differenzierung und Takt“; sie sähen in den modernen Zeiten „nur Mißstände
und Untergang“. „Wir aber müssen diesen Unglückspropheten
widersprechen ... In der gegenwärtigen Ordnung der Dinge werden wir von der
göttlichen Vorsehung zu einer Neuordnung der menschlichen Beziehungen geführt;
diese entwickeln sich hin zur Erfüllung ihrer höheren und unerwarteten Pläne,
gestützt auf die Handlungen der Menschen und über deren ureigene Erwartung
hinaus“.[12]
In den neuen Ordungen der neuen Zeit sah der Papst providentielle Impulse,
„Vorzeichen der Hoffnung“ im Sinne der „Zeichen der Zeit“, zu deren
Diagnose Jesus aufrief (Mt
16,4); ihm sei bewußt, „daß der Augenblick gekommen ist, die Zeichen der
Zeit zu erkennen, die von ihnen gebotenen Möglichkeiten zu ergreifen und in
die Zukunft zu blicken“.[13]
Erkenntnis der „Zeichen der Zeit“ und zukunftsbewußt-vertrauendes
Ergreifen der „von ihnen gebotenen Möglichkeiten“, sofern es um
entsprechende Zurüstung der ganzen Kirche geht, nannte der Papst „aggiornamento“.
Das Konzil machte sich die Idee des Gehorsams gegenüber den „Zeichen der
Zeit“ zueigen und schrieb sie für die ganze Kirche fest: Die Kirche, das
„Volk Gottes“, sei, um Zeugnis und Dienst für Christus erfüllen zu können,
verpflichtet, „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des
Evangeliums zu deuten“; d.h. konkret, „in den Ereignissen, Bedürfnissen
und Wünschen, die es [das Gottesvolk] zusammen mit den übrigen Menschen
unserer Zeit teilt, zu unterscheiden, was darin wahre Zeichen der Gegenwart
oder der Absicht Gottes sind“.[14]
Rahner war
also durch eigene Vorarbeiten gut disponiert für das Grundanliegen des
Konzils, vom päpstlichen Initiator vorgegeben, und für seine intensive
Teilnahme an den Hintergrund-beratungen der Entscheidungsträger: Beides
sensibilisierte ihn für den Blick auf „das eine Ganze“, den er bei der
Würzburger Synode vermißte.
Kirche als geschichtlicher Prozeß
Kirche ist in ihrem tiefsten Wesen die gesellschaftlich verfaßte Gemeinschaft,
in der Gottes Selbstmitteilung in Christus durch die Antwort von Glaube,
Hoffnung und Liebe in und für die Welt gegenwärtig bleibt. Darin wird
Gottes Selbstoffenbarung selbst ein „geschichtlicher Prozeß“, weil Gott
selbst – in Christus und in seinem „Geist“ – „in die Geschichte
... eintritt“ und weil auch die Geschichte von „Wort, Kult, Bekenntnis
der Gemeinde“ von eben dieser göttlichen Selbstmitteilung ermöglicht und
getragen ist.[15]
Zwar sind
„die bleibende Struktur“, Gesetz und Dynamik dieser geschichtlichen Größe
ihr von Anfang an mitgegeben,
jedoch nicht als überzeitliche Idee, sondern – wie das Fleisch gewordene
Wort selbst – als ´Entelechie` ihrer Werde-Geschichte, ihrer
Selbstfindung, ihres geschichtlichen Zu-sich-kommens.
Da die Kirche
also ein wirkliches Geschichtswesen
ist, ist ihr nicht nur aufgegeben, in der Geschichte ihrem Anfang treu zu
bleiben, sondern „ihr eigenes Wesen immer neu {zu} vollziehen“, damit
die ihr eingestiftete Gottesgemeinschaft sich in der Kirchen-Geschichte
immer mehr „enthüllt“.
Der
gottgesetzte Anfang erspart dieser ihrer Geschichte, der wahren
Kirchen-Geschichte, daher „nicht den Charakter des Wagnisses und der Überraschung
trotz der Möglichkeit und Notwendigkeit von Planung und Voraussicht“.[16]
Die Kirche als
menschlich vergemeinschaftete Gegenwart Gottes bewegt sich ja
glaubend-hoffend-liebend auf ihr Ziel – Gott – zu
(„Pilgerin“), d.h. im
Ziel auf das Ziel hin, in Gott
(Gnade) auf Gott hin.
Weil darum die
geschichtliche Präsenz und
Zukunft Gottes das Lebens-prinzip der Kirche ist, entlarvt und relativiert
sie alle Götzen und falschen
Absolutsetzungen in der Welt wie auch in ihr selbst. So ist „die Kirche
(..) gerade als sie selbst die Institution des Kampfes gegen jenes
bloß Institutionelle, das beansprucht, Platzhalter und Repräsentant Gottes
zu sein ... Denn ihre letztlich einzige Aufgabe ist es, Gott die Ehre zu
geben und den Menschen zu retten, indem sie ihn aus seiner Definitivität
immer neu hinauszwingt in die Kapitulation vor dem Gott, den man als wahren
Gott nur hat, wenn man ihn (real
und nicht nur in Worten) als den bekennt, der über alles, was außer ihm
ist und gedacht werden kann, unaussprechlich erhaben ist“.[17]
Daher ist es
der Kirche auch verwehrt, eine bestimmte geschichtliche Gestalt ihrer selbst
festzuhalten, als wäre sie die Gott nächste oder gar einzig von ihm
gewollte (wie die „Unglückspropheten“ von Johannes XXIII. und jene
Kreise meinen, für welche die Form der vorkonziliaren römischen Kirche unüberholbar,
geradezu sakrosankt ist), und sich ihrer weiteren Wandlung zu widersetzen.[18]
Nicht nur, weil die Zukunft auch für säkulare Futurologie zuletzt dunkel
und unerrechenbar ist, sondern weil die Zukunft der Kirche im Letzten Gott
selber ist, muß ihr Weg in die Zukunft ihr mit wachsender Deutlichkeit als
Weg in das unumfaßbare, unverfügbare Geheimnis Gottes bewußt werden. Ist
es aber so, hat dies praktische Konsequenzen für die „pilgernde Kirche“
auf ihrem Weg in die Zukunft.
Das Wagnis als das Sicherste
Handlungsprinzipien
wie Vorsicht, Rücksicht auf das alte Bewährte, Geduld usw. haben in der
Kirche ihre Bedeutung und ihr Recht. Sie sind aber nicht spezifisch
christlich, sondern auch in der säkularen Welt zuhause.
Mir will
„scheinen, daß die Amtskirche bei uns in konkreten Fragen doch zu sehr
nur den Part der Konservativen spielt, Entscheidungen zugunsten der Zukunft
sich meist nur unter Sträuben abringen läßt, der Entwicklung seufzend
hinterdreinläuft“, bedauert Rahner öfter.[19]
Zwar sind die
erwähnten Handlungsprinzipien (Vorsicht etc.) auch für die Kirche
unentbehrlich. Doch die Neigung, sich am Gehäuse von Gestern oder Heute, an
gewordenen Strukturen (in der
Annahme, sie seien, so wie sie [geworden!] sind, gottgewollt) anzuklammern,
verkennt, daß der glaubende Gang in die Zukunft von Grund auf Exodus,
Auszug, bedeutet „in das Land, das ich dir zeigen werde“ (Gen 12,1).
Vollends bewahrheitet und bewährt hat sich diese Wagnisform beim
Gekreuzigten, „der sich bedingungslos in die Hände des Vaters gab im
Experiment seines Todes und nur so als der Auferstandene angenommen ist, und
uns seinen Geist gibt, der weht, wo er will, nicht, wo wir wollen“. Unter
diesem „Gesetz des Weges ins Weglose“ verfehlt ein „ängstlicher
Traditionalismus“ die Berufung der Kirche.[20]
„Wir glauben nur in der Theorie“, fürchtet Rahner, und vergessen, daß
die Kirche „die Improvisation des [Heiligen] Geistes“ ist.[21]
So fordert er – schon im Salzburger Vortrag –
von der Kirche den Mut zum Neuen; „Mut zum Kühnen“, „Mut zum
Wagnis“, den „Tutiorismus des Wagnisses“.[22]
Durch geistesgeschichtliche Umstände sei die Kirche zu Beginn der Neuzeit
in eine defensiv-konservative Haltung geraten. Dies wirke sich aber
inzwischen für sie gefährlich aus, denn die Menschheit entwickelt sich
zivilisatorisch, wissenschaftlich und technisch weiter mit „ungeheurer
Beschleunigung“ und die Kluft zur Entwicklung der Kirche werde ständig
breiter. Ist aber, weil Gottes Heilswege himmelhoch über irdischem Denken
und Planen steht, die Zukunft für die Kirche ohnehin unüberschaubar und
dunkel, trägt der Glaubens-Weg der Kirche in die Zukunft per se
Wagnischarakter.
Jede
Entscheidung ist ein Wagnis. Läßt sich nun bei normalen Sachentscheidungen
der Abstand (das
„Restrisiko“) zwischen Planung/Berechnung und tatsächlichem
Gelingen/Erfolg weitgehend verringern („minimieren“), verbleibt jedoch
ein spezifisches, unaufhebbares Risiko da, wo es nicht mehr um ´etwas`,
sondern um das Ganze geht, sei es
das Ganze individueller Existenz, sei es das Ganze der Kirche. Der Glaubende
vertraut das Ganze einer anderen Freiheit an, der er als ihm nicht gefährlich,
sondern heilsam-rettend sich überläßt und traut. Daher kann Glaube nur
„als Mut“ Glaube sein.[23]
Gilt es für
die Kirchenleitung nun (ähnlich wie für den einzelnen Christen) eine
zukunftserhebliche Entscheidung zu fällen, die aus sachimmanenten
Voraussetzungen nicht schon ableitbar ist, und geht es weiter darum,
entweder das Bisherige, „Bewährte“, oder das Neue zu wählen, so ist
– in Anbetracht auch der bedrohlich aufklaffenden Kluft zwischen
Weltentwicklung und Kirchenentwicklung – das „Prinzip des Wagnisses“
unbedingt „das im Zweifelsfall sicherere“. Verglichen mit dem Votum für
das Bisherige ist das Wagnis des Neuen, Unkalkulierbaren das Sicherere, heißt
´auf der sicheren Seite (Gottes!) zu sein`. Die gegenwärtige Situation
wiegt, nach Rahner, so schwer, daß „gläubiger Wagemut bis an die äußersten
Grenzen als das Sicherste“ gefordert ist. Die Kirche dürfe nicht fragen:
„Wie weit muß ich gehen, weil
es einfach von der Situation erzwungen wird“, sondern: „Wie weit darf man unter Ausnützung aller theologischen und pastoralen Möglichkeiten
gehen, weil die Lage des Reiches Gottes sicher so ist, daß wir das Äußerste
wagen müssen, um so zu bestehen, wie Gott es von ihr [Kirche] verlangt?“.
Rahners Beispiel ist die ökumenische Verständigung.[24]
Ein anderes ist die Frage der neuen Sozialgestalt der katholischen Kirche
naher Zukunft, angesichts wachsenden Priestermangels und der Frage: Ist
Kirche planbar? Was will Gott heute von uns? [25]
In diesem und anderen Fällen „wäre im Zweifelsfalle in der heutigen
Situation die radikalere, die mehr wagende, Neues mutiger inaugurierende Lösung
die richtigere. Wenn in solchen Situationen dieser Tutiorismus des Wagnisses
angewendet würde, d.h. wenn man von der Überzeugung ... ausginge, daß ...
die beste Chance, alles oder wenigstens einiges zu gewinnen, nicht die
Vorsicht, sondern der kühne Wagemut sei, dann würde sich doch wohl manche
Überlegung in der Kirche anders gestalten, als es praktisch geschieht. Das
Sicherste ist heute nicht mehr die Vergangenheit, sondern die Zukunft“.[26]
Die Glaubensbasis dieser These zeigt auch der Satz: Die christliche
„Botschaft muß im Leben ohne Rückversicherung gewagt (!) werden, dann
zeigt sie, daß sie trägt und befreit“.[27]
So versteht Rahner auch das „oberste Gesetz“ des kirchlichen
Rechtes: „das Heil der Seelen“ (Salus animarum suprema lex: CIC can.
1752).[28]
Die Heilsökonomie der Ostkirche, auch historische Entscheidungen der
Westkirche zeigen: diese „suprema lex“ läßt an Epikie sogar bei göttlichem
Gesetz denken und z.B. Ehepartnern die Zweitehe gestatten, wenn der erste
Partner unheilbar geisteskrank oder unauffindbar verschleppt (Sklavenhandel)
wurde.[29]
Es
fragt sich, ob die Scheu, an Struktur und Leben der Kirche etwas zu ändern
(Nebenwirkungen unkalkulierbar,Verluste möglich), nicht dazu neigt,
an der Außengestalt von Sinn und Berufung der Kirche haften zu bleiben.
Bedenkt man die Herkunft des Grundsatzes vom „Heil der Seelen“ – Maß
aller anderen Bestimmungen – aus der pastoralen Praxis des Jesus der
Evangelien, muß man sagen: Jesus verfuhr mit der geheiligten Tradition des
Tempelkultes, der mehrheitlichen Auslegung der Tora, den frommen Sitten und
Gebräuchen nicht im Stile bewahrender Vorsicht, wo immer es ihm um das
bessere Verstehen Gottes
und um Leben und Heil der Menschen
zu tun war. Auch laufen die Ordnung der Tradition und das Gebäude der hohen
Theologie ja stets Gefahr, vom lebendigen Gott „leer“ und als
„Weltweisheit“ der Torheit überführt zu werden
(Jes 29,13f; Mk 7,6f Par; 1Kor 1,19ff).
Darüber
hinaus sind sozialpsychologische Erkenntnisse zu beachten, bedeutsam für
jede Gesellschaft – Parteien,
Wirtschaftsunternehmen, auch Kirchen. In jeder Gesellschaft treten immer
wieder neue, unbekannte Situationen und Konstellationen auf. Der Mensch,
nicht fähig, die neue Situation rational zu erfassen, sucht Hilfe bei
Analogien und schreibt neuen Situationen und Problemen ähnliche
Eigenschaften zu wie alten Problemen, die er glaubt, schon einmal gelöst zu
haben; zieht vor zu handeln, wie es schon immer gemacht wurde. Dabei bleibt
unerkannt, daß die Probleme neu sind. Die glorreiche Vergangenheit und die
Erinnerung werden höher bewertet als die Tatsachen. Zudem kommen am
Horizont sich abzeichnende, neue Situationen, wenn sie tatsächlich
eintreten, zumeist schleichend, in kleinen Schritten, erscheinen so nicht
als gravierend, als bloß geringfügige – also vernachlässigbare –
Abweichungen von der Normalität. Personen in Leitungsverantwortung sind in
der Regel zu weit entfernt von den tatsächlichen Vorgängen, nehmen sie
distanziert-abstrakt, als Zahlen, Statistiken usw. wahr. So verbinden sie
mit der Lage keine konkreten Gefühle, die wirksamere Entscheidungen anstoßen
würden. Stattdessen reagieren sie auf Probleme bürokratisch, mit neuen
Regeln, Geboten, Verboten, schließlich rational mit von Eigennutz
bestimmten Verfügungen und Abgrenzungen. Dazu kommt die Neigung, Probleme
kleinzureden oder totzuschweigen und zu versichern, es werde alles gut, so
man sich an die Bewältigungsstrategie der Leitenden halte.[30]
Wo
kirchlich Leitende „Gottes Hilfe“ einrechnen, vergessen sie nicht selten
Gottes „Exodus“-Zumutung an Berufene – falls man, im Blick auf
Gegenwarts- und Zukunftsfragen, überhaupt auf Gott und Evangelium setzt.und
nicht mehr auf Sachzwänge und Finanzen. Die große Frage ist, ob die
kirchliche „Kernidentität“ an einem überzeitlich-unveränderlichen
Kirchen-Bild ablesbar ist oder mitbestimmt wird vom Hören auf
providentielle Anrufe in neuer Situation, in geschichtlicher Stunde. Wenn
dies, müßte man „zuerst nach den Spielregeln Jesu und in seiner
Nachfolge Johannes` XXIII. die ´Zeichen der Zeit` lesen ... Im Dialog mit
den Zeichen der Zeit und dem tradierten Auftrag, also an der Schnittstelle
von Situation und Tradition“, wären dann konkrete „Leitbilder für
kirchliches Handeln heute zu entwickeln.[31]
Strukturwandel der Kirche – Aufgabe ohne Chance?
Fragt man,
weshalb Rahners Engagement für einen „Strukturwandel der Kirche als
Aufgabe und Chance“ wenig Resonanz, zumal bei den Inhabern der
Amtsvollmacht, gefunden hat, ist man auf ´Indizien` und Vermutungen
angewiesen und muß zudem berücksichtigen, daß nur etwa 5% der inneren
Vorgänge in Menschen bewußt sind. Sicher ist: unter den Zeitgenossen,
mindestens im deutschsprachigen Raum, hat kein namhafter Theologe – mit
Ausnahme von Hans Küng – so massiv und argumentativ für einen
Strukturwandel der Kirche plädiert wie Karl Rahner, nicht aus ´Bastelsucht`,
sondern in Sorge um die Zukunft der Kirche. Hatte er noch 1952, im Kölner
Vortrag, betont, so rasch eine Überlegung – „also auch eine
Zukunftsprognose“ – im Geist des Einzelnen verlaufe, so langsam, „u.U.
ein paar Jahrhunderte“, brauche sie „im allgemeinen Geist der Zeit und
somit in der realen Wirk-lichkeit“,[32]
wurden seine Einlassungen später (wohl unter dem Eindruck des Konzils) drängender
und nahmen die Gegenwart – z.B. die Synode – als Kairos,
als die Chance. Die Strukturwandel-Schrift ist mit heißem Atem
geschrieben, der sich noch heutigen Lesern mitteilt. Doch: Wer sich als
Leser gedrängt fühlt, baut leicht Widerstand auf. Ein weiterer Punkt ist
Rahners Denkstil. Sein spekulativer Impetus flößt etlichen Argwohn ein, er
überspringe zu rasch Details, die konkrete Realität: ´Zu leicht, um wahr
zu sein!` Die zupackende Art irritiert, erinnert sie an das Bewältigungs-Denken
(von Balthasar) des Deutschen Idealismus. Daher lehnte ein augustinisch geprägter
Theologe wie Ratzinger z.B. die Rahner-Fries-Thesen
zur Einigung der Kirchen ab: hier werde „mit ein paar kirchenpolitischen
Operationen“ die Wahrheitsfrage übersprungen. Dahinter steht eine (der
griechischen Klassik und dem Mittelalter zugewiesene) eher kontemplative
Einstellung, die (heißt es) weithin verloren gegangen sei mit dem Aufkommen
des Technik- und Industriezeitalters. Stattdessen habe der mit aggressivem
Bewältigungsdenken und mit revolutionärem Weltveränderungswillen und –bemächtigungsverlangen
ausgestattete Homo Faber die Bühne
betreten. Ihm widerstrebt heute die Bewegung „Bewahrung der Schöpfung“
und warnt ihn, „daß er nicht alles tut, was er tun könnte – er könnte
ja sich selbst und die Welt zerstören“, sondern das Maß von Sollen und Dürfen
respektiert.[33]
Schreckvorstellung für solches Denken und Fühlen ist nun, der Homo Faber könne
auch im Gewand des Theologen auftreten und mit zupackendem Veränderungswillen
auch die Existenz der Kirche (natürlich
ungewollt) gefährden, wo es doch heute vor allem auf ihre „Bewahrung“
ankomme. So wie sich der Präfekt in tiefe und gewachsene Geflechte in
Glaube und Kirche, Mysterium und Tradition vertieft, fühlt man sich (obwohl
er die Unvermeidlichkeit von Veränderungen einräumt) an die Vorsicht
erinnert, mit der andere ein Biotop betrachten oder sich einem
„Weltkulturerbe“ nähern.[34]
Daher sein Kriterium für dienliche Theologie: „nicht selber bestimmen“
zu wollen, „was Kirche ist“. [35]
Mit anderer Begründung weist er auch Rahners bekanntes Wort „Der Christ
von Morgen wird ein Mystiker sein oder er wird nicht mehr sein“ als zu
anspruchsvoll ab: „Die Menschen bleiben immer gleich. Wir bleiben immer
auch gleich schwach, wir werden also nicht alle zu Mystikern werden“.[36]
Das ist nicht Rahners Thema; doch bemerkenswert ist hier, daß der eine mit
der (vermeintlich immer gleichbleibenden) Schwäche der Menschen
argumentiert, der andere mit dem Kairos und Gottes Gnade. Welche
Argumentation ist nun ´realistischer`?
Man kann einen
akademischen Standpunkt beziehen und sagen, die Kirche brauche beide, sich
ergänzende, Denkweisen, die vorwärtsdrängende und die zurückhaltend-bewahrende.
Mit Veränderungen aus pastoralem Grund-Satz tut man sich aber gegenwärtig
schwer, wie z.B. die kürzliche Weigerung der Deutschen Bischofskonferenz
zeigt, auf Anregung des ZdK und der VELKD den Pfingstmontag – oder einen
anderen Feiertag – zum Feier-Tag der Ökumene umzuwidmen.
Sollte man,
nach alldem, den Grundsinn von Rahners unbefangen-mutiger Situationsanalyse
und seinen „Tutiorismus des Wagnisses“ nicht wieder einmal erwägen und
würdigen ?
[1]
Zu Rahners Engagement auf dem
sog. „Deutschen Konzil“ vgl. auch H.Vorgrimler,
Karl Rahner. Gotteserfahrung in Leben und Denken (Darmstadt 2004),
109-113.
[2]
J.Ratzinger, zit. nach H.Vorgrimler,
Karl Rahner (Anm.1), 127.
[3]
K.Rahner, Strukturwandel der
Kirche als Aufgabe und Chance (Herderbücheri 446 – Freiburg/Br.
1972).
[4]
Diese These –
provozierendste Form: „Einen Menschen von Morgen für den Glauben zu
gewinnen ist für die Kirche wichtiger, als zwei von Gestern im Glauben
zu bewahren, die Gott mit seiner Gnade ... retten wird“ (54) –
irritierte viele: „pastoral unverantwortlich“, mit Röm 14
unvereinbar. Doch ist sie keine pastorale Handlungsempfehlung, sondern
Teilüberlegung missionskirchlicher Zukunftsstrategie, die auch die
Frage beantworten muß, wo heute das eine verlorene Schaf zu suchen ist, dem der Hirt – die
neunundneunzig zurücklassend – sorgenvoll, zugleich in Hoffnung auf
große Freude, nachgeht, „bis er es findet“ (Q 15,47). Zur Differenz
zwischen Strategie und Versorgung bestehender Gemeinden vgl. Rahners
Klarstellungen in einem seiner letzten Interviews „Die ´winterliche`
Kirche und die Chancen des Christentums“: Herder-Korrespondenz 38
(1984), 165-171, hier 167f. Die früheste von mir entdeckte Formulierung
der These findet sich in dem am 24.9.1952 (!) vor Kölner Pfarrern
gehaltenen (vom Erzbischöfl. Seelsorgeamt mit Sonderdruck vom 1.11.1952
begeistert verbreiteten) Vortrag „Die Chancen des Christentums
heute“: „Ein missionarisch Neugewonnener aus einem schon wieder
heidnisch gewordenen Milieu heraus ist, missionarisch gesehen, mehr wert
als drei, die wir eben noch aus den altchristlichen Beständen
traditionellen Christentums (fast möchte man sagen:
Trachtenvereinschristentums) bewahren (um ihn oder seine Kinder dann
doch zu verlieren, weil solche nicht schon ... gegen den Zeitgeist
immunisiert sind ...)“. Der Satz (ohne 1.Klammerausdruck) steht auch
im Essay „Die Chancen des
Christentums“ (Neufassung des Vortrags) in: K.Rahner,
Das freie Wort in der Kirche – Zwei Essays (Einsiedeln 1953),
37-78, hier 77. Der Vortrag von 1952 enthält Rahners Situationsanalyse
von 1972 schon in Grundzügen.
[5]
Rahner hat diesen Vorschlag
kurz vor seinem Tod nochmals aufgegriffen und ausführlicher dargestellt
in: H.Fries/K.Rahner, Einigung
der Kirchen – reale Möglichkeit (Quaest. Disp. 100:
Freiburg-Basel-Wien 1983), These II (Glaubensprinzip), 35-53. Ihr
Hintergrund ist die von Fries behandelte These I (Grundwahrheiten). Vgl. auch These IVa
(Petrusdienst/ Fries).- In
dieser Form erregten die Vorschläge damals das Mißfallen des Präfekten
der römischen Glaubenskongregation; als realitätsferne „Kunstfigur
theologischer Akrobatik“ übergab er sie dem Papierkorb. Seine
Position – und Differenz zu Rahner – macht ein späteres Interview
deutlich: Auch in Zu-kunft werde die Pfarrei,
zwar modifiziert, „die wesentliche Zelle des gemeindlichen Lebens
bleiben“: Salz der Erde – Christentum und kath. Kirche an der
Jahrtausendwende. Ein Gespräch mit P.Seewald (München 21998),
283. „Eine absolute, eine innergeschichtliche Einheit der Christenheit
wage ich nicht zu hoffen“. In Anbetracht heutiger Brüche und
Spaltungen in den Kirchen solle man „sich vor utopischen Hoffnungen hüten“
und „begreifen, daß wir in der Getrenntheit einig sein können in
vielem. Ich glaube nicht daran, daß wir sehr schnell zu großen ´Konfessionsvereinigungen`
kommen können“ (ebd, 258f).
[6]
Zu deren – auf
experimentellem Weg zu findenden – Eigenart rechnet Rahner unbefangen
u.a. spezifische (auch verheiratete) priesterliche Gemeindeleiter
(darunter möglicherweise auch Frauen) sowie aktive, die Gemeinde
tragende Laien, die u.a. auch zum Verkündigungsdienst sowohl befähigt
wie anerkannt sind (ebd).
[7]
Nach fortgeschrittener Zeit
kann die Würdigung der Thesen und Perspektiven Rahners natürlich nicht
in bloßer Reproduktion
bestehen, als vielmehr in auswählender Aufnahme und differenzierender,
spätere Entwicklungen einbeziehender Fortschreibung: z.B. E.Biser,
„Glaubenskonflikte – Strukturanalyse der Kirchenkrise“
(Freiburg-Basel-Wien 1989) und „Glaubensprognose – Orientierung in
postsäkularistischer Zeit“ (Graz-Wien-Köln 1991);
M.Kehl, Wohin geht die
Kirche? Eine Zeitdiagnose (Freiburg-Basel-Wien 1996); aus anderer Sicht M.Lütz, Der blockierte Riese. Psycho-Analyse der kath. Kirche
(Augsburg 1999).
[8]
Vgl. K.Rahner, Der Einzelne in der Kirche, in: Stimmen der Zeit 139
(1946), 260-276, wiederabgedruckt in: Gefahren im heutigen Katholizismus
(Einsiedeln 21950), 11-38. Am Ende des Kölner Vortrags
(Anm.6) stellt er dem Priester und Amtsträger die Gewissensfrage, „ob
er dem Gebot der Stunde, die man sich nicht aussuchen konnte, getreu
war“ (Sonderdruck 28; Das freie Wort [ebd] 78). Ausführlicher: Das
Charismatische in der Kirche, in: ders.,
Das Dynamische in der Kirche (Quaest. Disp. 5 – Freiburg/Br. 1958),
38-73.
[9]
K.Rahner, Prinzipien und
Imperative, in: Das Dynamische (Anm.9), 32; vgl. Den Entscheidungen
nicht ausweichen, in: ders., Glaube,
der die Erde liebt (Freiburg-Basel-Wien 1966 – Herderbücherei 266),
109-114.
[10]
Löscht den Geist nicht aus! ,
in: Schriften zur Theologie VII (Einsiedeln-Zürich-Köln 1966), 77-90,
hier: 82.
[11] Die Salzburger Rede mit der Klage über das jeglichem „Experiment“ abholde, „schon neurotisch werdende Sicherheitsbedürfnis“ des kirchlichen Apparates löste wohl die längst vorbereitete Maßnahme einer römischen „Vorzensur“ gegen Rahner aus, der in den Augen von Kurialen die Leute aufwiegelte, statt sie zum Gehorsam anzuhalten, eine Maßnahme, die Rahners Konzilsteilnahme verhindern sollte, aber mit Hilfe der Kardinäle König, Döpfner und Frings, der Paulus-Gesellschaft, sowie Bundeskanzler Adenauers entschärft werden konnte.
[12]
Genauer Wortlaut bei L.Kaufmann/N.Klein,
Johannes XXIII. Prophetie im Vermächtnis (Fribourg/Brig 1990)
[13]
So in der Einberufungsbulle
(Weihnachten 1961) und – ein letztes Mal – kurz vor seinem Tod. Näheres
dazu bei Kaufmann/Klein (Anm.14),
25.
[14]
Zitate aus „Gaudium et Spes“
(GS) = Pastorale Konstitution über Die Kirche in der Welt von Heute,
Nr.4+ 11; zit. nach K.Rahner/H.Vorgrimler,
Kleines Konzilskompendium. Alle Konstitutionen, Dekrete und Erklärungen
des Zweiten Vaticanums in der bischöflich beauftragten Übersetzung
(Freiburg-Basel-Wien 1966).- Zu diesem Thema: K.P.Fischer,
„Heute, wenn ihr Seine Stimme hört“ – Beiträge zur Theologie
des Kairos (Wien 1998).
[15]
Vgl. dazu K.Rahner,
Das Grundwesen der Kirche, in: Handbuch der Pastoraltheologie I
(Freiburg-Basel-Wien 1964), 118ff.
[16]
K.Rahner, Ekklesiologische
Grundlegung § 3.5, in: Handbuch (Anm.17), 140-143.
[17]
K.Rahner (Anm.18), 122.
[18]
Diese Einsicht ist – vorerst
nur unter dem Aspekt der Erneuerung – amtlich geworden: Die Kirche muß
täglich den Weg der Umkehr und Erneuerung gehen: II. Vatikanisches
Konzil, Dogmat. Konstitution über die Kirche Nr.8; Dekret über den Ökumenismus
Nr.4; Texte bei Rahner/Vorgrimler
(Anm.16).- Die französischen Bischöfe betonen in ihrem Brief an die Gläubigen:
„Nous refusons toute nostalgie pour des époques passées ... Nous ne
rêvons pas d`un impossible retour à ce que l`on appelait la chrétienté
... Bref, nous pensons que les temps actuels ne sont pas plus défavorables
à l`annonce de l`Evangile que les temps passés“: Les Évêques de
France: „Proposer la foi dans la société actuelle“ (Paris 1997),
20f. Situationsanalyse und Handlungskonzept des o.g. Briefes decken sich
wesentlich mit denen, die Rahner in „Strukturwandel“ und schon früher
geboten hatte! Weitere Parallelen zu Rahners Thematik unter Titeln wie Dieu
et l`homme und Le mystère
(ebd, II,1).
[19]
Strukturwandel ... (Anm.5),
55.
[20]
Über das Experiment im
christlich-kirchlichen Bereich, in: K.Rahner,
Chancen des Glaubens. Fragmente einer modernen Spiritualität
(Freiburg-Basel-Wien 1971 – Herderbücherei 389), 242.- In Kontrast zu
dieser Sicht steht z.B. J.Ratzingers
etwa gleichzeitiger Vergleich – Vorwort zu „Einführung in das
Christentum“ (München 1968) – des „Trends“ der Theologie „des
letzten Jahrzehnts“ (die Konzilszeit also eingeschlossen! Und den „Unglücks-propheten“
nicht unähnlich) mit dem Weg des märchenhaften „Hans im Glück“,
der sein Gold am Ende für einen Schleifstein eintauscht. Kann man
dieses (Einfalt verhöhnende) Märchen vorbehaltlos und beliebig in den
Raum von Glauben und Glaubensgeschichte übertragen und anwenden?
Verkennt nicht jeder urteilende Vergleich vom Schiedsrichterstuhl ´über
den Wolken` die eigene Geschichtlichkeit?
[21]
Angst vor dem Geist, in:
Chancen des Glaubens (Anm.22), 53f. 57.
[22]
Löscht den Geist nicht aus!
(Anm.12), 85.- Der Tutiorismus ist ursprünglich, wie auch z.B. der
Probabilismus, ein traditionelles Moralsystem in der kath.
Moraltheologie, dem es um den jeweils „sichereren“ (tutior) Maßstab
einer sittlichen Handlung geht (für den traditionellen Tutiorismus ist
das jeweils Sicherere das Gesetz).-
Von Rahner
früh geahnt, zeigte sich in der katholischen Kirche der BRD etwa ab
Mitte der Siebziger Jahre deutlich eine auf die „Herausforderungen der
Zeit“ defensiv reagierende „Bewahrungs- und Rettungsmentalität“,
vor der „der missionarische Impuls“ mit dessen „Glaubenskraft“
zurücktrat: K.H.Neufeld, Die Brüder Rahner (Freiburg-Basel-Wien 22004),
323.
[23]
Vgl. K.Rahner, Glaube als Mut, in: Schriften zur Theologie XIII (Zürich-Einsiedeln-Köln
1978), 252-268.
[24]
So schon im Salzburger Vortrag
von 1962 „Löscht den Geist nicht aus!“ (Anm.12), 85; fast wörtlich
übernommen und ausführlich erläutert in: K.Rahner,
Die grundlegenden Imperative für den Selbstvollzug der Kirche in
der gegenwärtigen Situation: Handbuch der Pastoraltheologie II/1
(Freiburg-Basel-Wien 1966), 7.Kap. §5, SS. 256-276, hier: 274ff.
[25]
Zu diesem Thema z.B. R.Zollitsch,
Aufbruch und Umbruch. Optionen für eine pastorale
Schwerpunktsetzung in der Erzdiözese Freiburg (Freiburg/Br. 2003);
dazu, kritisch-nachdenklich, G.Bausenhart, Ist die Kirche planbar? Theologisch-polemische
Bemerkungen. In: Theologie der Gegenwart 2004/1, 57-66.
[26]
So schon im Salzburger
Vortrag, übernommen und verschärft (!) in dem unmittelbar nach dem
Konzil (!) ver-öffentlichten Beitrag „Die grundlegenden Imperative“
(Anm.26), 276.- Im folgenden Beitrag „Pathologie des katholischen
Christentums“ sieht der Autor A.Görres
die Ursache für typische Fehlhaltungen wie Traditionalismus,
Gegenwartsfremdheit, Verdächtigung des Neuen, Mangel an Mut zur
Initiative u.a.m. in einem „untergründigen Mißtrauen gegen das Gute
und gegen den Willen Gottes“: Handbuch (Anm.26), 277-343, hier: 315.
[27]
Strukturwandel ... (Anm.5),
Kap. „Kirche wirklicher Spiritualität“, 94.
[28]
Z.B. Strukturwandel (Anm.5),
118. So kürzlich auch H.-J.Lauter,
Planlos in die Zukunft. Zur Diskussion über den seelsorglichen
Notstand, in: Christ in der Gegenwart Nr.26/04, 214.
[29]
So unter dem Aspekt der Heilsökonomie
B.Häring, Ausweglos? Zur
Pastoral bei Scheidung und Wiederverheiratung. Ein Plädoyer
(Freiburg-Basel-Wien 1989), 49-52.
[30]
Vgl. dazu F.Schwarz,
Wenn das Reptil ins Lenkrad greift. Warum Gesellschaft, Wirtschaft und
Politik nicht den Regeln der Vernunft gehorchen (Reinbek 2004), bes.
168-177 (unter Bezug auf J.Diamond).
[31]
P.M.Zulehner, Kirche im Umbau.
Für eine Erneuerung im Geist des Evangeliums, in: Herder-Korrespondenz
58 (2004), 119-124, hier: 121.
[32]
Die Chancen ... (Anm.6), 26;
Das freie Wort ... (Anm.6), 75.
[33]
Salz der Erde (Anm.7), 245.
Ratzinger wird hier als Exponent eines Typs von Rahner-Kritikern angeführt.
[34]
Der Unterschied erhellt auch
an der Zölibatsfrage. Rahner: Wenn die Kirche nicht genug zölibatsbereite
priesterliche Gemeindeleiter findet, „dann ist es selbstverständlich
und gar keiner weiteren theologischen Diskussion unterworfen, daß sie
auf diese Zölibatsverpflichtung verzichten muß“: Strukturwandel
(Anm.5), 117. Ratzinger: „Man soll keine noch so tief ... begründete
Lebensgewohnheit der Kirche für ganz absolut erklären ... Aber ich
denke, ... eben aus der inneren Vision, die dem Ganzen zugrundeliegt,
sollte die Kirche nicht glauben, daß sie leicht viel gewinnen wird,
wenn sie zu dieser Entkoppelung [Zölibat/Priesterberuf] schreitet; sie
wird aber auf jeden Fall verlieren“: Salz der Erde (Anm.7), 213. Hier
die Scheu, eine tiefgründige Vision anzutasten, dort (aus dem „Tutiorismus
des Wagnisses“) „selbstverständliche“ Bereitschaft, nach dem
Gebot der Stunde zu fragen.
[35]
Salz der Erde (Anm.7), 86.
[36] Salz der Erde (Anm.7), 284. Ratzinger läßt an dem Wort gelten, daß der künftige Glaube „etwas von Verinnerlichung erfahren“ müsse (ebd), zeigt damit aber auch, daß ihm Rahners „Mystagogie“-Konzept fremd ist.
Der Text wurde für unseren Kongress
überarbeitet und aktualisiert.
Die Erstveröffentlichung ist nachzulesen in der
"Orientierung" Nr. 23/24 vom Dezember 2004.
