Von Wolfgang Burggraf
Von
Büschen und Graswurzeln
Basisgemeinden als "Frischzellenkur" für die Kirchen Europas?
Was
fällt Ihnen beim Begriff „Basisgemeinde“ ein? Lateinamerika -
Befreiungstheologie -Kirche der Armen? Hat er einen Hauch des
Nostalgischen: 70er-Jahre - Helder Câmara (Alt-Erzbischof von Recife,
Brasilien; 1999 verstorben) - Friedensbewegung ? Ist dieser Begriff Ausdruck
des Aufbruchs in der Kirche oder des Auszugs aus der Kirche? Verbinden Sie
damit Ermutigung - oder Frustration? Oder ist für Sie das Kapitel
„Gemeinde“ längst abgeschlossen?
Der
Begriff schillert auch heute noch verheissungsvoll. Verheisst er doch eine
Kirche, die lebendig ist und den wichtigen Fragen in meinem Leben offen.
Eine Kirche, wo die Menschen im Mittelpunkt stehen und nicht die Macht, wo
Solidarität mit den Armen und Anderen gelebt wird und Frauen und Männer
gleichermaßen gelten können.
Treffen
in Bahia . . .
Vom
11. bis 15. Juli 2000 findet in Ilhéus im brasilianischen Bundesstaat Bahia
das zehnte überkonfessionelle Treffen der Basisgemeinden statt. Das
Einladungsplakat, das auf unzähligen T-Shirts prangt, zeigt einen überdimensionalen
Fußabdruck, der in seiner Form den Umrissen Lateinamerikas nahekommt. In
der Mitte die aufgeschlagene Bibel unter einem Strohdach; wie die vier
Balken eines Kreuzes ein unüberschaubarer PilgerInnenzug, der von vier
Seiten auf diese Mitte hin strebt: Menschen aller Rassen und Berufe, Kinder
und Alte, Kranke und Gesunde. Die vier Leitbegriffe sind in großen Lettern
über diese vier Pilgerwege geschrieben: Caminhada - Compromisso - Memoria
— Sonho (Unterwegs Sein - Engagiert Sein - Erinnerung - Vision). Innerhalb
des Fußabdrucks die Landkarte Brasiliens als fruchtbares, grünes Land,
über dem die Sonne steht und darüber das Kreuz. Eine Dampfeisenbahn schlängelt
sich mit zehn Wagen durch das Land, die Lokomotive erreicht gerade den
Bundesstaat Bahia, wo sie von einer Frau begrüßt wird. Jedes dieser Wägelchen
steht für ein anderes überkonfessionelles Basisgemeindetreffen in Brasilien;
Ilhéus wird das zehnte sein und zugleich das silberne (25-jährige) Jubiläum
bedeuten. „Stärke unsere Hoffnung und unser Engagement in der Option für
die Armen, im Kampf für Gerechtigkeit, im Aufbau einer menschenwürdigen
Beteiligung an der Gesellschaft (Cidadania, brasilianisch: Bürgerrecht),
in der Sache des Evangeliums. Amen, Axe (Segensgruß der
Schwarzen in Brasilien), Aleluia!“, heißt es in einem Gebet zur 10.
Basisgemeindeversammlung. Auf Seite 3 des Basistextes wird all derer
gedacht, „die mit ihrem eigenen Blut die Erde dieses Brasiliens in diesen
500 Jahren besprengt haben, und all der MitarbeiterInnen, der Weggefährtinnen
und Weggefährten, die uns unterstützt und uns inspiriert haben, der
Geschichte der Kirchlichen Basisgemeinschaften (brasilianisch: CEBs:
communidades eclesiales de base) Fortdauer zu geben.“ (10° Encontro
Intereclesial, 1999, S.3)
...
und Krisensitzung in Bonn
Gemeinde
im Oscar-Romero-Haus, Bonn, 1999. Elf Erwachsene mittleren Alters treffen
sich in einem Privathaus zu Kaffee und Kuchen. Dazu vier Kinder von neugeboren
bis zwölfjährig. Gemeindeversammlung zum Thema: „Wie soll es
weitergehen?“ Zwei sind noch dabei von den Gründungsmitgliedern, als vor
fünfzehn Jahren aus einem Konflikt der StudentInnengemeinde mit dem Bischof
die „Basisgemeinde“ entstand. Als vor zehn Jahren kein Priester sie mehr
begleitete, die Diskussion: Eucharistiefeier ohne Priester? Später: Zwei
Kirchenaustritte aus Überzeugung - Basiskirche als religiöse Heimat.
Kindertaufen, Hochzeiten, mit und ohne amtskirchlichen Segen. Gottesdienste
zweimal im Monat. Demonstrationen gegen den Golfkrieg. Bosnische Flüchtlinge
in den Gemeinderäumen.
Heute:
Krisensitzung. Zu manchen Gottesdiensten kamen nur noch zwei, drei oder
vier. Vorbereitet waren sie schon lange nicht mehr. Einige denken zurück an
die „guten Zeiten“, als zwanzig oder dreißig Gemeindemitglieder sich
in der Kapelle im Dachgeschoss des Oscar-Romero-Hauses zum Gottesdienst drängten.
Besonders die Eltern machen sich Sorgen: Die Gemeinde ist zu klein, um den
Kindern attraktive Jugendarbeit oder Kindergottesdienste bieten zu können.
„Eure Gottesdienste sind stinklangweilig!“, bekommen die Eltern von
ihren Kindern zu hören. Gesellschaftliches Engagement ist in der Gemeinde
mit den Jahren leiser geworden. Lebensschwerpunkte ändern sich.
„Weihnachten und Ostern zusammen feiern, vier oder fünf Tage im Jahr
gemeinsam verbringen“, ist der Beschluss der Gemeinde für die weitere
Zukunft.
Basis-Basis-Basis
...
Was
hat die eine Realität mit der anderen zu tun? Ein etwas genauerer Blick auf
die Begriffe lohnt sich. Was meint „Basisgemeinde“? Wovon reden wir in
Lateinamerika, wovon in Europa? In der Auseinandersetzung mit
lateinamerikanischen Basisgemeinden begegnen uns vier verschiedene
Begriffe von „Basis“. Diese Differenzierung geht auf Leonardo Boff zurück
und findet sich in wohl jeder Selbstreflexion von lateinamerikanischen
Basisgemeinden wieder.
•
Zuerst meint „Basis“ elementar. Das bedeutet eine Besinnung auf das
Wesentliche des Glaubens. „Basisgemeinden sind wie 'Grundschulen' des
christlichen Lebens. In ihnen erlernt die Person die grundlegenden Dinge
des Christentums. Nun, die grundlegende Glaubenserziehung wird heute nicht
mehr durch die Gebräuche der Familie oder der Gesellschaft garantiert, denn
diese begegnen uns weitgehend 'weltlich'.“ (Boff, 1999, S. 109) Die
christliche Botschaft ist ein befreiender Impuls zur Nachfolge Jesu und will
gerade von den Kleinen und Armen verstanden werden. So „baue die Gemeinde
auf dem auf, was für den christlichen Glauben grundlegend und wesentlich
sei: Jesus Christus, Evangelium und Nachfolge von Leben, Los und Leiden
Christi in der Nachfolge des Heiligen Geistes“ (Boff, 1983, S. 185).
„Die Betonung des fundamentalen Kerns der christlichen Botschaft muß im
Kontext der politischen Auseinandersetzungen der Basisgemeinden auch als
Kampfansage gegen eine zum Geheimwissen kirchlicher und theologischer
Eliten gewordene Dogmatik verstanden werden; gegen ein für die einfachen
Menschen unüberschaubar ausdifferenziertes System von Glaubenssätzen und
Moralvorschriften, das soziologisch als 'Herrschaftswissen' bezeichnet
werden muß und entsprechend funktioniert.“ (Steinkamp, 1994, S. 241)
•
Dann bezeichnet „Basis“ popular. Dieser Begriff ist erst aus der
Perspektive der Bevölkerung eines Landes der sog. Dritten Welt zu
verstehen: „Das Wort Volk bezeichnet in den iberischen Sprachen
Lateinamerikas nicht das Gesamt einer Nation, sondern ist ein analytisches
Instrument, das die von der Klasse der Mächtigen unterdrückte
(mehrheitliche) Klasse der Machtlosen und Ohnmächtigen einer Population
benennt.“ (Boff, 1987, S. 14) „Eine für Europäer kaum noch zu
verstehende gesellschaftliche Wirklichkeit: die 'Armen', das sind 60% der
Bevölkerung, nehmen am sozialen Prozeß nicht teil, stehen außerhalb, was
Wahlen, Teihabe am demokratischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess
betrifft.“ (Steinkamp, 1994, S. 242). „Ohne Zweifel, diese Feststellung
ist in erster Linie soziologisch. Aber sie ist sehr wichtig, auch von einer
theologischen Perspektive. Das bedeutet, die Basisgemeinden repräsentieren
die 'Kirche der Armen', mit den Worten von Johannes XXIII.“
(Boff, 1999, S.
111)
•
Drittens bezeichnet „Basis“ laical. Das meint, Basisgemeinden werden in
erster Linie von Laien gebildet, repräsentieren eine „Kirche der
Getauften". „In den Basisgemeinden sieht man sehr klar, dass die
Kirche nicht eine Kirche der Priester oder Ordensschwestern ist, sondern
dass sie in erster Linie von Frauen und Männern, die Laien sind, gebildet
wird.“ (BolT, 1999, S. 110) Leonardo Boff hat hier aber auch einen pädagogischen
Prozess vor Augen: Bewusstseinsbildung und politische Alphabetisierung im
Sinne der „Pädagogik der Unterdrückten“ (verbunden mit dem Namen Paulo
Freire). Mit Recht können wir einen Begriff wie Basisdemokratie
assoziieren, denn schließlich geht es darum, dass Laien - Männer und
Frauen - als Subjekte von Kirche auch an Entscheidungsprozessen teilnehmen.
„Boff denkt bei dieser Bedeutung von Basis auch an unmittelbar
kirchliche Systemprobleme, wenn er an eine alte Regel der frühen Kirche
erinnert: 'Was alle angeht, muß auch von allen entschieden werden' (Boff,
1983, S. 185).“ (Steinkamp, 1994, S. 244)
•
Schließlich meint „Basis“ celular. 1968 haben die lateinamerikanischen
Bischöfe auf ihrer Versammlung in Medellin die Basisgemeinden als
„ursprüngliche Zelle der kirchlichen Struktur“ bezeichnet (Dok. 15,
10). Gleichzeitig seien sie „erstrangiger Faktor der menschlichen und
gesellschaftlichen Entwicklung“. Soziale und gesellschaftliche
Verantwortung gehen Hand in Hand mit dem Teilen der Bibel und der
Nachfolge Jesu in den Basisgemeinden. Bischof Mauro Montagnioli von Ilhéus
schreibt in seinem Einladungsschreiben zum 10. Basisgemeindetreffen in
Brasilien: „Es ist unser Wunsch, dass die Schulden erlassen, die
Menschenrechte respektiert und die Natur bewahrt werde. Im Gnadenjahr mögen
alle Schulden erlassen werden und geschwisterlich alles Land und Eigentum
neu aufgeteilt werden.“ (Montagnioli, 1999, S. 6)
Von
Büschen und Graswurzeln
Der
Begriff „Basisgemeinden“ hat in den letzten zwanzig Jahren in Westeuropa
großes Interesse geweckt. Allerdings stets unter der Perspektive, ob und
wie in die verkrusteten Amtskirchen und Territorialgemeinden etwas von der
Begeisterung und Lebensfreude, aber auch dem politischen Anspruch
lateinamerikanischer Basisgemeinden übertragen werden könne. Gleichsam
als Frischzellenkur wurden „Befreiungstheologische Sommerschulen"
besucht oder liturgische Elemente aus Lateinamerika gerade in
StudentInnengemeinden eingebracht. „In verschiedensten Veröffentlichungen
- auch auf dem grauen Markt der Broschüren und Mitteilungsblätter
christlicher 'Dritte Welt'-Gruppen und anderer links-liberal-christlicher
Zusammenhänge - stößt man immer wieder auf unkommentierte Auszüge aus
'Vamos Caminando', dem Evangelium der Bauern von Solentiname und anderen
liturgischen und literarischen Texten lateinamerikanischer
Befreiungstheologen und Basisgemeinden. Gerade dies ist Ausdruck eines
bestimmten 'Rezeptionsinteresses', das sieh um die 'Sozialform'
Basisgemeinde bewegte. Dies mag auch daher rühren, daß die Basisgemeinden
sich literarisch für die Bundesrepublik häufig nur in ihrer liturgischen
Ausdrucksform darstellten. Denn aus dem reichen Leben der Basisgemeinden
wurden in der Bundesrepublik vornehmlich Texte aus gottesdienstlichen
Zusammenhängen und dort vor allem Beispiele der unmittelbaren Bibellektüre
veröffentlicht, während die Erfahrungen des politischen Kampfes in ihrer
theologisch und liturgisch nicht reflektierten Alltäglichkeit
undokumentiert und deshalb unsichtbar blieben.“ (Ramminger, 1997, S. 125)
Die
„Sozialform“ Basisgemeinde aber - so meine Vermutung - ist in ihrer Entstehung
eher in diktatorischen Regimen als in pluralistischen Gesellschaften angesiedelt.
„Gemeinden als primäre soziologische Gruppe, die auf Grund von geographischer
Nachbarschaft entstehen, üben auf eine diktatorisch geleitete Gesellschaft
einen oppositionellen Einfluss aus. Innerhalb der Gemeinde kennt sich jeder,
man redet und diskutiert über Ideen und Probleme, man spricht sich
gegenseitig Mut zu, wenn es darum geht, den politischen Spielraum zur
Verbesserung der Lebenslage zu vergrößern.“ (Deelen, 1981,8.63)
In
der Tat war manche Jugendgruppe der brasilianischen Landjugendpastoral
Ende der 70er-Jahre die Keimzelle, aus der nicht nur Basisgemeinden,
sondern auch Neue Soziale Bewegungen, Gewerkschaften und die damit
verbundene Arbeiterpartei wurde. Die Amtskirche, in Zeiten der Diktatur
gerne - und Gott sei Dank! - Hüterin der Menschenrechte, erkannte die
oppositionelle Wichtigkeit der „Sozialform Basisgemeinde“ und unterstützte
sie. „Besonders in Lateinamerika kam es zu einer bewundernswerten
Konvergenz: Die Basis fordert die Anwesenheit von Hierarchie und
Ordensleuten in ihren kirchlichen Gemeinden und nimmt sie mit großer
Freundschaft und religiöser Hochschätzung auf, während Hierarchie und
Ordensleute ihrerseits akzeptieren, unterstützen und dazu ermutigen, daß
solche Basisgemeinden entstehen und sich ausbreiten.“ (Boff, 1987, S. 157)
Ähnlich
im Ungarn der 50er und 60er Jahre: Mit Wissen und vermutlich Unterstützung
der vatikanischen Geheimdiplomatie entstanden „Busch“-Gruppen (ungarisch:
bokor), die als Keimzellen von ca. sechs oder acht Personen den christlichen
Glauben während des Kommunismus bewahren sollten. Untereinander wie die
Zweige eines Busches vernetzt, waren sie für Außenstehende nur schwer
greifbar. Diese Untergrund-Struktur überdauerte bis heute in der „Bokor-Bewegung“
und macht es ihr heute schwer, in einer pluralistischen Gesellschaft zu
bestehen.
Ob
in Lateinamerika oder in Ungarn - man könnte auch die Philippinen (vgl.
Ingenlath, Hermann Josef, Bausteine für eine Theologie der Basisgemeinden -
Theologische Akzente christlicher Basisgemeinschaften auf den Philippinen,
Frankfurt am Main 1996) hier nennen: Die „Sozialform Basisgemeinde“
entstand im Dienst einer gesellschaftlichen Oppositionsbewegung und wurde
von den offiziellen Kirchen offen oder hinter vorgehaltener Hand unterstützt,
hatte im Unterschied zu Pfarrgemeinden im herkömmlichen Sinn auch gewisse
Freiheiten gegenüber der Hierarchie. Konflikte mit der Kirchenhierarchie
entstanden jeweils nach Überwindung der Diktatur in allen drei Ländern,
als wären sie aus Sicht der Kirchen jetzt nicht mehr notwendig und sollten
wieder in das Pfarreiprinzip (und Staatsprinzip!) eingegliedert werden.
Menschenketten
und Karawanen
Gibt
es Celular-Gemeinden, als „erstrangiger Faktor der menschlichen und gesellschaftlichen
Entwicklung“ (s. o.) in unserem mitteleuropäischen Kontext? Wo sind die
Orte religiös inspirierter gesellschaftlicher Gestaltung und politischer
Opposition? „Die größte Unterschriftensammlung der Welt“ zu sein war
das Ziel der Erlassjahr-Kampagne 2000, zu deren Höhepunkt im Sommer 1999 in
Köln eine den Weltwirtschaftsgipfel umspannende Menschenkette gebildet
wurde. Für viele - vor allem kirchliche - Eine-Welt-Gruppen war es tatsächlich
ein Höhepunkt, der in einem Medienevent gipfelte.
Dieses
Ereignis passt wohl noch am ehesten zu dem oben beschriebenen Plakat zur
Einladung nach Ilhéus. Besonders aus den Reihen des Instituts für
Theologie und Politik (ITP) in Münster erfuhr die Erlassjahr-Kampagne
jedoch heftige Kritik: „Solche Politik unterwirft sich einer Selbstbeschränkung,
die sich mehr oder weniger an die Grenzen des bürgerlich/politisch Legitimierten
hält: der Stimmabgabe. Es werden Politikformen bevorzugt, die keine
Phantasie und Kreativität freisetzen, sondern die die Grenzen und Sachzwänge
der Welt akzeptieren und damit verfestigen“, heißt es in einem
Thesenpapier zum Treffen des Beirates des ITP im Oktober 1999. „Eine-Welt-Politik
steckt nach unseren Erfahrungen in einer Krise, die sich in stagnierenden
Gruppenmitgliedschaften und strategischer Perspektivlosigkeit ausdrückt.“
(ebd.)
Wieder
einmal ein Grund nach Lateinamerika zu schauen, wo Karawanen sehr wohl zu
den erfolgreichen Mitteln politischer Bewußtseinsbildung und Einflussnahme
gehören? (Karawanen
sind in Brasilien ein übliches Mitttel der sozialen Bewegungen, breite Öffentlichkeiten
zu erreichen. Im Jahr 2000 gibt es z. B. eine Karawane der Indigenen, um auf
500 Jahre Unterdrückung und Vernichtung ihrer Völker hinzuweisen.)
Der
kleine Unterschied
Bald
dreißig Jahre lang gehörte es zum guten Ton linkskirchlicher Gruppen, nach
Lateinamerika zu schauen und sich von dort Anregungen zu holen. Auch in der
Kapelle des Oscar-Romero-Hauses in Bonn hängt ein buntbemaltes Kreuz aus
Guatemala, das an einen Besuch von dort erinnert und ungewohnte Farbe in
den Raum bringt. Doch beinahe alle neueren theologischen Veröffentlichungen
sehen diesen „Import“ sehr kritisch. „Paulo Suess hat die
Auseinandersetzung um die Befreiungstheologie, die direkt oder indirekt
auch die Praxis der Basisgemeinden zum Ziel hatte, mit dem in der
Nachkonzilszeit häufig bemühten Vergleich aus den synoptischen Evangelien
zu charakterisieren versucht: Die 'alten Schläuche' aus Europa, so wird
scharfzüngig bemerkt, hätten den jungen Wein aus Lateinamerika durch ein
bisschen Chemie, ein bisschen Zucker oder Frostschutzmittel auf ihren
Geschmack abgestimmt. 'Diese An- und Einpassung', so fährt Suess mit einem
anderen Vergleich fort, 'ist wie das Spiel der Puppe in der Puppe, Man
entdeckt den anderen immer wieder in sich selbst, nur ein paar Nummern
kleiner. Man walkt den neuen Flicken der Befreiungstheologie ein bißchen
durch, dann kann sie sogar noch das alte Kleid westeuropäischer Überheblichkeit
zusammenhalten.' “ (Weber, 1995, S. 30)
(Franz Weber zitiert hier Paulo Suess, 1988, S. 47)
Doch
die „Basisgemeinde aus dem befreiungstheologischen Lehrbuch existiert überhaupt
nicht.“ (Mautner, 1991, S. 200) Aus zwölfjähriger Erfahrung als
Begleiter und Trainer in interkulturellen Austauschprogrammen zwischen
VertreterInnen sozialer Bewegungen in mitteleuropäischen Ländern und
Basisbewegungen in Brasilien (vgl. Müller, Andreas, 1997, S.
160-161 „Gemeinsames Entwicklungspolitisches Seminar“) kann ich bestätigen,
dass die europäischen TeilnehmerInnen selten in Brasilien und den
brasilianischen TeilnehmerInnen das fanden, was sie erwarteten: Alltäglichkeit
ist eben auch in Lateinamerika Alltäglichkeit, und vielfach gibt es überhaupt
keine funktionierenden Gemeinde- und Gruppenstrukturen; guter Nährboden für
die überall aufkeimenden Pfingstkirchen und Evangelikalen. Der Aufbau von
Gruppen und Basisgemeinden als „primäre soziologische Gruppe“ (s. o.)
ist eben auch in Lateinamerika mühsam und braucht gut ausgebildete
Pastoralteams.
Sicherlich
- die Martyrerkirche gibt es in Lateinamerika, und das bringt europäische
BesucherInnen oft in eine sprachlose Ehrfurcht vor den dortigen Gemeinden.
Hermann Steinkamp beschreibt seine wichtigste Erfahrung in Brasilien: Sie
„war ganz und gar ungeplant, ereignete sich gleichsam jenseits meines
Forschungsprogramms. Kurz vor meiner ersten Reise, im Mai 1986, wurde der
junge brasilianische Priester Josimo Tavares ermordet, weil er sich im
Zusammenhang der brutalen Landkämpfe auf die Seite der armen Landarbeiter
geschlagen und für ihre Rechte gekämpft hatte. Sein Bild, auf dem ebenso
einfachen wie eindrucksvollen Plakat, mit einem Gedicht von Pedro Tierra,
begegnete mir damals auf Schritt und Tritt, in Häusern und Zentren der
Kirche, und löste nach und nach, je mehr ich den Text des Gedichts
verstand, eine Erschütterung bei mir aus, wie ich sie bis dahin nie
erlebt hatte, wie ein explosives Weinen, dessen Bedeutung erst später
erkennbar wird. Eine Kirche, die wöchentlich neue Märtyrer bekommt: Das
konfrontierte mich mit all den Paradoxien meiner Existenz als europäischer
Volkskirchenchrist und beamteter Theologe.. .“ (Steinkamp, 1994, S.17)
Ähnliche
Erfahrungen kenne ich selbst auch aus Rumänien, etwa in der Begegnung mit
VertreterInnen der griechisch-katholischen Kirche (in Rumänien wurden während
der Diktatur Ceausescus die Mitglieder der griechisch-katholischen Kirche
gezwungen, sich der orthodoxen (Staats-)Kirche anzuschliessen. Viele
Priester, die sich weigerten, gingen in den Kerker) oder den Franziskanern.
So wie es keinen Sinn macht, die „Sozialform Basisgemeinde“ aus dem
Kontext von Diktaturen in pluralistische (Wohlstands-) Gesellschaften zu übertragen,
so wenig können Martyrerkirchen als Bezugspunkte unserer Gemeindeträume
herhalten. Anstatt „in unserem gesellschaftlichen und kirchlichen
Kontext Basisgemeinden zu kopieren“, geht es darum, „daraufhinzuarbeiten,
daß wir hiesige Christen und Gemeinden uns in der Regel als sekundär und
komplementär Betroffene (von der Not und der Armut primär Betroffener hier
und in der sog. 'Dritten Welt') begreifen lernen und so unsere christliche
Praxis zu gestalten beginnen.“ (Steinkamp, 1995, S. 17)
Was
bleibt?
Dennoch
bin ich dankbar für meine über zehnjährige Zugehörigkeit zu deutschen
„Basisgemeinden“, erst der Basisgemeinde Frankfurt am Main und dann der
Gemeinde im Oscar-Romero-Haus in Bonn. Beide sind Basisgemeinden sicherlich
nicht im Sinne einer popular-Gemeinde, wo „Basis“ das „Volk“ ist,
im Gegensatz zum Bürgertum (vgl. Deelen, 1981, S. 67-68). Eher schon sind
sie elementar-Gemeinden, wo mein konkretes Leben - und das der anderen -
vorkommt und wo wir die Bibel gemeinsam in die Hand nehmen. Und da gibt es
durchaus Parallelen zu brasilianischen Basisgemeinden: „Das Leben ist das
erste Buch, das Gott schrieb, die Bibel das zweite. Die Bibel hilft uns, das
erste Buch zu erschließen.“ Unter diesem Motto entwickelte der Karmelit
Carlos Mesters Bibelkurse, die ausgehend vom Ökumenischen
Bibelarbeitszentrum (Centro Ecumênico de Estudos Bíblicos, CEBI) in
Brasilien zwischen 1978 und 1982 viele MultiplikatorInnen erreichten, die später
ihrerseits viele regionale Teams für Bibelarbeit aufbauten. (vgl.
Pohlmann, 1990, S. 69 und 10° Encontro Intereclesial Ilheus - BA, 1999: S.
123. Seit 1991 bietet Carlos Mesters auch im deutschsprachigen Raum solche
Bibelkurse an. Bisher sehr im brasilianischen Kontext bleibend, beginnt er
2000 zusammen mit den Liedermachern Klaus-Jürgen und Mea Kauß eine
musikalische Inkulturation dieser Methode nach Europa.)
„Von
der Lektüre des Textes, den das Leben darstellt, zur Lektüre des
biblischen Textes zu gelangen“ (Pohlmann, 1990, S. 69): Das erlebe ich
persönlich auch im „Arbeitskreis Biblischer Tanz“ der Bonner
Trinitatis-Gemeinde, wo sich seit über zehn Jahren eine Gruppe von sechzehn
oder achtzehn Personen wöchentlich trifft, um Bibeltexte in szenischen Tanz
umzusetzen. Eine elementar-Gemeinde im vollen Sinne des Wortes! Vielleicht
hat sie sogar mehr Lebendigkeit und Zugang zum Buch des Lebens als manche
Gemeinde, deren Treffen allzu sehr auf die Feier von Gottesdiensten
fixiert ist. Eigenartigerweise sind sogenannte Basisgemeinden hierzulande
sehr auf die Feier einer (alternativen?) Liturgie fixiert, was einer
wirklichen Arbeit „vom Leben zur Bibel - von der Bibel zum Leben“ möglicherweise
entgegen steht.
„Christlich“
oder „kirchlich“?
„Als
in den 60er Jahren die kleinen christlichen Gemeinschaften in Lateinamerika
auftauchten, wurden sie 'Communidades Cristianas de Base' genannt. Unabhängig
davon bürgerte sich (...) auf den Philippinen der Begriff 'Basic Christian
Community' ein. Auf der Lateinamerikanischen Bischofsversammlung 1979 in
Puebla betonte der im Jahr zuvor gewählte Papst Johannes Paul II. die
Präferenz der Kirche für die Armen. Daraufhin wurde schon in Puebla die
kirchliche Natur der Basisgemeinden bestärkt und die allgemeine
Nomenklatur geändert zu 'Communiadades Ecclesiales de Base' oder 'Base-level
Ecclesial Communities'.“ (Ingenlath, 1996, S. 17)
Wie
kirchlich sind sie nun, die Basisgemeinden?
In
Lateinamerika, wo Basisgemeinden weitaus am häufigsten anzutreffen sind -
über 150.000 allein in Brasilien - gibt es eine „Entscheidung von Teilen
der Kirchenleitung (Bischöfe und Kardinale wie Dom Helder Câmara, Fragoso,
Arns, Lorscheider), sich an der Seite der Armen an deren Kampf gegen Armut,
Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu beteiligen.“ (Steinkamp, 1994, S.
240) Beim VII.
Interkirchlichen
Treffen der Basisgemeinden 1989 in Duque de Caxias, Brasilien, konnte ich
selbst unter den 2.550 Teilnehmenden erleben: 85 katholische Bischöfe, fünf
evangelische Bischöfe sowie 43 Pastorinnen und Pastoren. Ein eindrückliches
Beispiel einer Option auch innerhalb der Hierarchie.
In
Mitteleuropa dagegen drückt der Begriff Basisgemeinde auch immer Opposition
aus. Opposition zur Hierarchie, zur „Logik der Macht“ (Boff, 1987, S.
155) durch den Klerus und zu den Unterwerfungsriten, die von der Kirche
gefordert werden. „Hierbei spielt gerade auch in Kreisen von
Intellektuellen, aber auch bis weit in die Mittelschicht hinein der Einfluss
des Zweiten Vatikanums eine wichtige Rolle: Die neue theologische Sicht der
Laien und deren verändertes Selbstbewußtsein führten dazu, dass diese -
besonders augenfällig in Franreich, Belgien und den Niederlanden - eine
neue, hierarchieunabhängige Laienbewegung gründeten (...). Schließlich muß
vor allem im Blick auf die Bundesrepublik, wo der Prozess der
Basisgemeinde-Bewegung merkwürdig retardiert einsetzte, der Faktor des
Einflusses der lateinamerikanischen Basisgemeindebewegung genannt werden:
Eine klassische Form eines spirituellen `Imports´, der über bestimmte Kanäle
erfolgte: politische und Befreiungstheologen, Reisen und Kontakte
progressiver Priester(-gruppen), Gemeinde-Paartnerschaften.“ (Steinkamp,
1994, S. 240)
Basisgemeinden
in der Bundesrepublik leben weitgehend unbehelligt von der Hierarchie,
solange sie keine finanziellen Mittel aus der Kirchensteuer beanspruchen und
nicht offensiv öffentlich auftreten. An manchen Orten stehen Getaufte -
auch Frauen - der Eucharistie vor, gibt es ohne Frage die Tischgemeinschaft
zwischen den Konfessionen und wird die Bibel geteilt. Wenn Priester sich in
solche Gemeinden einreihen, ohne automatisch den Vorsitz zu übernehmen,
entstehen Situationen wie in Duque de Caxias, wo es in den Kleingruppen über
Stunden nicht ersichtlich war, daß einer der vierzehn Teilnehmenden Bischof
war. Und ich gehe davon aus, dass es nicht bloß eine Strategie des
„Apostolates des Eintauchens“ (Ingenlath, 1996, S. 220) ist, die den
Bischof bewegte, so unscheinbar zuzuhören. (Hermann Josef Ingenlath ist
persönlicher Referent des Erzbischofs von Berlin, Georg Kardinal
Sterzinsky, und sieht Basisgemeinden als Mittel des „Apostolates des
Eintauchens“, der Annäherung des Klerus an das Volk.) Ich gehe davon aus,
dass auch der Bischof zusammen mit allen anderen das Buch des Lebens
aufschlug, das Buch, das Gott als erstes schrieb.
Die
Funktion von Basisgemeinden in der Bundesrepublik ist sehr unterschiedlich:
Zum einen sind sie inspiriert von den Basisgemeinden in Lateinamerika; zum
anderen ist oft ein Auslöser die Unzufriedenheit mit der Kirche sowie der
Wunsch, christliche Spiritualität mit politischer Arbeit zu verbinden. Ein
spezifisches Moment ist der Wunsch nach Gemeinschaft und engagiertem Leben
als Christ bzw. Christin. Basisgemeinde kann eine Möglichkeit sein, gegen
die Vereinzelung in unserer Gesellschaft anzugehen, die manipulierbar macht.
Sie kann unterstützen, uns nicht in bestimmte Strukturen integrieren zu
lassen. Sie kann dazu dienen, mit Alltagserfahrungen umzugehen und in
Richtung auf Veränderung hinzuwirken.
(Aus
dem Protokoll zur Vorbereitung einer Veranstaltung zum Thema Gemeinde auf
dem Katholikentag von unten 1990 in Berlin.)
Literatur:
10°
Encontro Intereclesial Ilhéus - BA- 11 a 15 de julho de 2000, CEBs: Povo de
Deus, 2000 anos de caminhada - Texto-base, Paulo Afonso 1999
Boff,
Clodovis, CEBs: Igreja de comunhão e participação, in: 10° Encontro
Intereclesial Ilhéus -BA-11
a 15 de julho de 2000, CEBs: Povo de Deus, 2000 anos de caminhada - Texto-base,
Paulo Afonso 1999, S. 103-115
Boff,
Leonardo, Basisgemeinden - Neue Kirche für neue Gesellschaft, in: Orientierung
47 (1983) H. 17, S. 184-187, zit. nach: Steinkainp, Hermann, Solidarität und
Parteilichkeit: für eine neue Praxis
in Kirche und Gemeinde, Mainz 1994
Boff,
Leonardo, Zärtlichkeit und Kraft: Franz von Assisi, mit den Augen der Armen
gesehen, 4. Aufl. Düsseldorf 1987
Deelen,
Godfried, Basisgemeinden: ein
Pastoralmodell der brasilianischen Kirche, in: Bertsch, Ludwig,
Schlösser, Felix (Hg.), Evangelisation in der Dritten Welt - Anstöße für
Europa, Freiburg 1981
Dirks,
Walter (Hg.), Gefahr ist. Wächst das Rettende auch? Befreiende Theologie für
Europa, Salzburg 1991
Fornet-Betancourt,
Raúl (Hg.), Befreiungstheologie: kritischer Rückblick und Perspektiven für
die Zukunft,
Mainz 1997
Ingenlath,
Hermann Josef, Bausteine für eine Theologie der Basisgemeinden - Theologische
Akzente christlicher Basisgemeinschaften auf den Philippinen, Frankfurt am Main
1996
Mautner,
Josef P., Von den „Wilden" bekehrt? Schritte zu einer Österreichischen
Theologie der Befreiung,
in: Dirks, Walter (Hg.), Gefahr ist. Wächst das Rettende auch? Befreiende
Theologie für Europa,
Salzburg 1991, S. 197-209
Montagnioli
Mauro, Apresentação, in: 10° Encontro Intereclesial Ilhéus - BA-11 a 15 de
julho de 2000, CEBs: Povo de Deus, 2000 anos de caminhada - Texto-base, Paulo
Afonso 1999, S. 5-6
Müller,
Andreas, Beitrag der Missionszentrale der Franziskaner (MZF) zur Rezeption der Befreiungstheologie
in Deutschland, in: Fornet-Betancourt, Raúl (Hg.), Befreiungstheologie:
Kritischer Rückblick und Perspektiven für die Zukunft, Mainz 1997, S. 145-63
Pohlmann,
Constantin, Vom Geist bewegt. Franziskanische Impulse zur Erneuerung der Kirche,
München
1990
Ramminger,
Michael, Kirchenkritische Bewegungen in der BRD und Theologie der Befreiung, in:
Fornet-Betancourt,
Raúl (Hg.), Befreiungstheologie: kritischer Rückblick und Perspektiven für
die Zukunft; Mainz 1997, S. 113-129
Schillebeeckx,
Edward (Hg.), Mystik und Politik. Theologie im Ringen um Geschichte und Gesellschaft.
Johann Baptist Metz zu Ehren, Mainz 1988
Steinkamp,
Hermann, Solidarität und Parteilichkeit: für eine neue Praxis in Kirche und
Gemeinde, Mainz
1994
Suess,
Paulo, Junger Wein und alte Schläuche, Zum Theologietransfer aus und nach
Lateinamerika, in: Schillebeeckx,
Edward (Hg.), Mystik und Politik. Theologie im Ringen um Geschichte und Gesellschaft.
Johann Baptist Metz zu Ehren, Mainz 1988, S. 44-56
aus:
Kirche lebt von unten. Erfahrungen aus 20 Jahren, hrsg. von Martin Seidler und
Michael Steiner, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2000.
