Von Magdalena Bußmann
Frauen
in der Kirche - Frauen in der IKvu
Feministische Theologie als kirchenreformerische Bewegung
Gerne habe ich zugesagt, für
diesen „Jubiläumsband“ einen Beitrag zu diesem Thema zu schreiben. Denn
die Gründung der Initiative Kirche von unten (IKvu) im September 1980 und
die feministische Bewegung, die zeitgleich Frauen in der Kirche
inspirierte und sie den „feministischen Blick“ lehrte, sind Wegmarken,
die mich als Theologin theologisch, politisch und spirituell geprägt haben.
Die IKvu und der Feminismus bzw. die Feministische Theologie waren und sind
noch immer Bewegungen, die die Apartheid von Frauen und Männern in Kirche
und Gesellschaft anprangern und die nach Wegen und Lebensmodellen suchen,
wie Frauen und Männer gemeinsam eine neue Kirche und eine neue
Gesellschaft gestalten könnten.
Die Erinnerungen an mein
Engagement in der IKvu oszillieren zwischen her/story und memory, sind also
persönlich gefärbt, bieten ein kleines Stück persönliche, theologisch
geprägte Biographie. Andere würden sicherlich andere Akzente setzen, anders
gewichten und bewerten.
Die IKvu als feministische
Bewegung
Die IKvu war von Anfang an
eine innerkirchliche feministische Reformbewegung. Frauen waren seit der Gründung
dieser Initiative in allen Aufgabenbereichen der Bewegung präsent. Hier nur
drei kurze Erinnerungen an den ersten Katholiklnnentag von unten (Kvu)
1980 in Berlin: Eine Frau nahm die Aufgaben der 1. Pressesprecherin wahr.
Es war die evangelische
Theologin Luise Schottroff, die dem Liturgischen Fest mit ihrer
befreiungstheologischen Auslegung des Magnifikat einen beeindruckenden
theologischen Akzent gab: „Maria wusste, was Hunger ist und was
Niedrigkeit. Mitten in den von Römern beherrschten Getreideanbaugebieten
gab es Hungersnöte. Und in Rom gab es alles zu kaufen, vom feinsten Parfüm
bis zum herben Wein aus dem Rheintal.“
In Berlin versuchten Renate
Rieger (eine Mitbegründerin der feministisch-theologischen Streitschrift
„Schlangenbrut“) und ich unsere ersten Steh- und Gehversuche als
feministische Theologinnen, indem wir einige Veranstaltungen und
Arbeitsgruppen durchführten zum Thema: Frauen in der Kirche - Frauen in der
Bibel.
Heute würde ich diese
Thematik völlig anders gestalten. Aber wir merkten an der großen Resonanz
bei Frauen und auch bei Männern, dass es an der Zeit war, „Frauenthemen“
in der Männerkirche erneuernd und auch irritierend einzubringen. Es war die
Zeit, als die Impulse, die feministische Theologinnen in den USA, den
Niederlanden und auch in Deutschland gaben, uns deutsche Frauen
inspirierten, uns unserer kirchlich wie gesellschaftlich marginalisierten
Situation bewusst zu werden. Frauen und Frauenthemen wurden zunehmend
sichtbar in der bislang von Männern dominierten Kirche. So war es auch
ohne Probleme möglich, dass Catharina Halkes sowohl auf dem offiziellen
Katholikentag als auch auf dem Kvu in Düsseldorf 1982 Frauen aufrief, die
Fremdbestimmung durch Männer in der Kirche abzuschütteln, eigene
Glaubenserfahrungen zu machen, eigene Gottesbilder zu gestalten, Maria als
Schwester und nicht als unerreichbare Konkurrentin von Frauen neu zu
entdecken. Das waren aus heutiger Sicht keineswegs revolutionäre
Forderungen, doch zu Beginn der 80er Jahre begeisterten solche Anregungen
und Aufrufe und brachten Frauen (und auch wohl einige Männer) zum
Nachdenken und ins Gespräch über die eigenen tradierten Rollen in Kirche
und Gesellschaft.
Diese Zeit war insgesamt für
die feministische Theologie eine „Hochzeit“ - in Bezug auf
Publikationen, Veranstaltungen, differenzierte Forschung und Akzeptanz im Bereich
kirchlicher Bildungsarbeit. Doch seitens der Amtskirche blieben
feministische Theologie und deren Verfechterinnen immer beargwöhnt, hatten
und haben immense Schwierigkeiten, sich in den männerdominierten
theologischen Wissenschaften zu behaupten, sich wirksam in die Pastoral
einzubringen, ja, als Frauen mit ihrer feministischen Perspektive überhaupt
im Bereich der Kirche akzeptiert zu werden. Aber für zahlreiche Frauen in
der Kirche wurde feministische Theologie zu einer kritischen und
gleichzeitig innovativen Sicht auf die Kirche und deren Lebensvollzüge.
Frauen machten eigene Glaubenserfahrungen, erschlossen sich die Bibel neu,
nahmen Abschied von einem patriarchalen Gott-Vater, feierten
Frauenliturgien in frauengerechter Sprache - kurz: Im Bereich der Kirche
vollzog sich eine feministische Wende, die nicht zuletzt im Wort der Bischöfe
„Zu Fragen der Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft“ (1981) eine
amtskirchliche, verbale Bestärkung erfuhr, freilich ohne entsprechende
praktische Konsequenzen.
Befreiungstheologisch-politische
Orientierung
Eine Sternstunde war die
„Nacht der Solidarität“ auf dem Kvu in München 1984, in der die
Hoffnung auf Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit für alle Menschen in
unterschiedlichsten Ausdrucksformen und in einer Atmosphäre hautnaher
Verbundenheit gefeiert wurde. „Ihr in Deutschland setzt große Hoffnung in
uns, und umgekehrt setzen wir in Lateinamerika große Hoffnung in Euch. Was
wir von Euch erwarten? Stellt Euch die Frage: Habt Ihr in Deutschland keine
Unterdrückten? Ihr müßt anfangen, denen bei der Befreiung beizustehen,
die bei Euch in Deutschland unterdrückt sind. Wenn Ihr die Befreiung bei
Euch erfahrt, dann könnt Ihr uns damit die größte Solidarität
erweisen.“ Mit diesen Worten führte uns in dieser Nacht Kardinal Aloísio
Lorscheider, Bischof der brasilianischen Diözese Fortaleza, eindringlich
vor Augen, was theologisch-politisch für die IKvu Aufgabe und Anliegen
sein musste: Gegen Ausgrenzung und Unterdrückung, für Frieden, Freiheit,
Gerechtigkeit, humane Lebensbedingungen in Kirche und Gesellschaft zu
streiten.
Diese
befreiungstheologisch-politische Orientierung prägte auch das Engagement
von Frauen in der IKvu. Zunehmend profilierte sich feministische Theologie
als kirchenreformerische Bewegung, die nach den Zeichen der Zeit forschte
und sie - gemäß der vom Zweiten Vatikanischen Konzil formulierten
Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ - im Licht des Evangeliums zu
deuten versuchte (vgl. Gaudium et spes Nr. 4). Auf allen Veranstaltungen der
IKvu brachten Frauen ganz selbstverständlich feministische Themen ein,
organisierten frauenspezifische Foren, gestalteten Bibelarbeiten,
feierten Frauenliturgien, trafen sich im Frauencafe.
Die anfänglich
theologisch-feministische Ausrichtung der Arbeit erfuhr insbesondere nach
dem Umbruch 1989 eine Akzentverlagerung in den Bereich des gesellschaftlich-politischen
Feminismus. Nun wurden von Frauen aus Ost- und Westdeutschland Themen und
Probleme kontrovers diskutiert und (Aus-) Wege und Perspektiven aus
theologisch-feministischer Blickrichtung angezeigt, die von der politischen
Tagesordnung vorgegeben waren: Feminismus und Ökologie, Frauen und
Arbeitswelt, Frauen und (politische) Macht, Frauen und Sexualität.
Ende der Bevormundung
Sicherlich ist es auch der
IKvu zuzurechnen, dass feministische Auslegung theologischer Themen heute
insbesondere für Frauen in der Kirche selbstverständlich geworden ist.
Denn 20jähriges beharrliches Insistieren darauf, dass in allen Lebensvollzügen
der Kirche Frauen präsent sein sollen, die qualitative Gestaltung der
KatholikInnentage von unten (Kvu) mit „Frauenthemen“, die Zusammenarbeit
mit feministisch engagierten Frauen aus anderen kirchlichen Gruppen und Verbänden,
insbesondere der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), ließen
eine Frauenbewegung in der Kirche entstehen, die einiges erreicht hat:
Frauen sind sichtbar in kirchlicher und liturgischer Sprache; feministische
Bibelarbeit ist wohl die am häufigsten praktizierte Methode der
Bibelauslegung; im Bereich kirchlicher Bildungsarbeit hat feministische
Theologie ihren selbstverständlichen Ort: Frauen lassen sich immer weniger
von (Priester-) Männern in der Kirche bevormunden, was die Gestaltung ihres
persönlichen Lebenskonzeptes betrifft.
Da Frauen in der Kirche
inzwischen „ein bißchen gleichberechtigter“ geworden sind, ist
gleichzeitig insgesamt eine Stagnation oder sogar ein Rückgang dezidiert
feministischen Engagements zu konstatieren. Inzwischen genügt vielen
Frauen, was erreicht wurde, nämlich dass sie in ihrer Heimatgemeinde
einigermaßen selbstbestimmt leben können. Anderen Frauen geht das
Erreichte nicht weit genug: Insbesondere die Frage nach den Weiheämtern für
Frauen, die mangelnde Präsenz von Frauen in der theologischen Wissenschaft
und die eigenständige Gestaltung menschlicher Sexualität und Lebensformen
sind Konfliktfelder, auf denen Frauen nach wie vor eine Außenseiterinnenposition
einnehmen. Dieses Terrain wird von den Amtsträgern in der Kirche als letzte
Bastion von Männermacht und -moral verteidigt, wie zum Beispiel die neueren
römischen Dokumente, die Enzyklika „Ordinatio sacerdotalis“ (1994) und
das Apostolische Schreiben „Ad tuendam fidem“ (1997) eindrücklich
belegen.
Nach den Zeichen der Zeit zu
forschen und sie im Lichte des Evangeliums zu deuten - diese
Selbstverpflichtung der Kirche war und ist theologisches Leitmotiv für die
Arbeit der IKvu. Auch für Frauen bedeuteten diese programmatischen Worte
aus Gaudium et spes eine Herausforderung: zu erspüren, was denn die
besonderen „Zeichen der Zeit“ für Frauen sein und wie diese im Lichte
einer feministisch gelesenen Bibel gedeutet werden könnten.
Da gab es gleich zu Beginn der
IKvu einen Konflikt mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK),
der zwar nicht unbedingt feministisch auszulegen ist, der aber ein
Grundanliegen der IKvu verdeutlicht: Es ging darum, ob die IKvu Mitträgerin
des Katholikentags werden könne. Das Zentralkomitee ließ eine Mitträgerschaft
der IKvu nur zu, wenn die Gruppen ChristInnen für den Sozialismus (CfS) und
Homosexuelle und Kirche (HuK) aus der IKvu ausgeschlossen würden. Da für
uns Formen der Exkommunikation aufgrund der sexuellen Prägung oder einer
politischen Einstellung nicht akzeptabel waren und wir unsere
theologisch-politische Eigenständigkeit bewahren wollten, lehnten wir die
Bedingung des ZdK natürlich ab. Denn gerade jene Menschen, die
kirchenoffiziell ausgegrenzt waren, sollten in der kirchlichen
Basisbewegung Stimme und Gesicht bekommen. Für mich war die HuK die Gruppe,
die mir bewusst machte, dass die kirchliche Lebensnorm und -form
„Heterosexualität“ nicht die allein lebbare und glücklichmachende sein
kann.
Kirchliche Problemfelder
Insbesondere im Bereich
„kirchlich verminter“ Themen und Probleme wie Zölibat, verheiratete
Priester, Weiheämter für Frauen, selbstverantwortete Gestaltung menschlicher
Sexualität haben Frauen der IKvu emanzipatorische Arbeit geleistet, da
diese Konfliktthemen die programmatische Ausrichtung insbesondere der Kvu
immer mitbestimmten und damit als innerkirchliche Konfliktfelder sichtbar
wurden. Lesbische Frauen und schwule Männer gehörten von Anfang an zur
IKvu; die Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen (VkPF) ist
ebenso Mitgliedsgruppe der Bewegung wie die Initiativgruppe vom Zölibat
betroffener Frauen. Die Gruppe Maria von Magdala - Initiative
Gleichberechtigung für Frauen in der Kirche kämpft kompetent und unermüdlich
für die Frauenordination. Denn für die IKvu ist das römische Verbot
weiblicher Priester Verrat an Wort und Praxis Jesu, der weder Männer noch
Frauen geweiht hat, der hingegen Menschen in seine Nachfolge gerufen hat,
die die Menschenfreundlichkeit Gottes glaubwürdig bezeugen sollten.
Obwohl Rom durch einen
juristischen Schachzug 1994 eine theologische Diskussion über die
Frauenordination verbieten wollte, geht die Auseinandersetzung über eine
volle Teilhabe der Frauen an allen Lebensvollzügen der Kirche weiter. Denn
das männlich konzipierte Priesteramt steht auch einer theologisch und
pastoral verantworteten Ökumene im Wege, da ein mythisch-materialistisches
Weiheverständnis den Priester noch immer als Mittler zwischen Gott und
Mensch begreift und nicht als jemanden, der nach biblischem Verständnis
einen Dienst ausübt. Nicht nur für Frauen der IKvu war und ist es ein
theologischer Skandal, dass das Amtsverständnis nach wie vor die
eucharistische Mahlgemeinschaft mit anderen Christinnen und Christen
blockiert und die liturgischen Feiern immer auch von kirchrechtlichen Rücksichten
geprägt waren, da Zuwiderhandelnde mit kirchlichen Sanktionen zu rechnen
hatten, wie es anläßlich einer IKvu-Veranstaltung zum Papstbesuch in Köln
1987 der Fall war.
Wegweisende Signale
Doch auf dem Kvu in Mainz
wurden 1998 disziplinäre Bedenken über Bord geworfen; das Sakrament der
Einheit sollte nicht länger als Zeichen der Spaltung unter den heutigen Jüngerinnen
und Jüngern Jesu wirken: Die IKvu lud zu einem ökumenischen Gottesdienst
ein, der seinen Höhepunkt in der gemeinsamen Eucharistie von evangelischen,
altkatholischen und römisch-katholischen Christinnen und Christen fand. Ein
pastoral wegweisendes Signal wurde mit dieser Feier gesetzt, doch auf dem Fuße
folgten oberkirchliche Rügen und Hinweise auf Recht und Ordnung, die die ökumenische
Mahlgemeinschaft nicht erlauben.
Mainz setzte auch mutige,
emanzipatorische Signale bezüglich verantwortlich gestalteter Sexualität:
„Liebeslust und Kirchenfrust“ war der Titel eines Forums, das alle
Konfliktfelder im Bereich kirchlich normierter Sexualethik in Szene brachte.
Im „Zeugnis von unserer Hoffnung auf Gerechtigkeit“ wurde eindringlich
formuliert: „Wir fordern Gerechtigkeit und den Zugang zu allen Weiheämtern;
wir erleben Liebe, Erotik und Sexualität als Gottes gute Gabe und
widersprechen der Vergötzung der Ehe und der Engführung auf eine
Zeugungsmoral; wir fordern die Abschaffung des Pflichtzölibats; als Lesben
und Schwule (erstreben wir) ein Ende jeglicher Diskriminierung und die volle
Gleichstellung mit anderen Lebensformen in der Kirche“.
Diese emanzipatorischen
Forderungen, biblisch und theologisch längst legitimiert, sind jedoch weit
davon entfernt, in der real existierenden Männerkirche Wirklichkeit zu
werden. Nach kirchenamtlicher Lehre wird Sexualität sittlich verantwortet
allein in einer kirchenrechtlich gültig geschlossenen Ehe praktiziert, alle
„ehelichen Akte“ müssen grundsätzlich offen sein für Nachwuchs. Alle
anderen Ausdrucks- und Lebensformen menschlicher Sexualität gelten als
unerlaubt, ungeordnet oder gar sündhaft.
Doch zwischen römischen
Normen und gelebter christlicher Wirklichkeit besteht inzwischen eine unüberbrückbare
Kluft: Die Menschen gehen ihre eigenen Wege, was die Gestaltung ihrer
Lebensform und damit ihrer Sexualität angeht. Weisungen der Amtsinhaber
werden als nicht hilfreich für das eigene Leben erfahren. Es bahnt sich für
die deutsche Kirche wohl ein Schisma zwischen „oben“ und „unten“ an;
nicht zuletzt der fatale Ausstieg der deutschen Bischöfe aus der
Schwangerenkonfliktberatung 1999 wird diese Spaltung wohl vertiefen.
FrauenKirchenBewegung
Nach 20 Jahren IKvu kann ich rückblickend
feststellen, dass von dieser Bewegung wichtige Impulse zur Erneuerung der
Kirche in Deutschland ausgegangen sind. Die IKvu konnte kritisch-innovativ
wirken, da sie von Anfang an finanziell auf eigenen Füßen stand und damit
unabhängig war von kirchlichen Geldgebern, was natürlich manches Mal die
Frage nach dem finanziellen Überleben aufwarf. MitarbeiterInnen der IKvu
hatten im Unterschied zu kirchlichen Angestellten nicht mit dem Verlust
ihres Arbeitsplatzes zu rechnen, wenn sie in Theorie und Praxis Positionen
bezogen, die kirchenamtlich suspekt waren; sie waren frei, offen und ehrlich
auf die Probleme und Brennpunkte in der Kirche hinzuweisen, bei denen
Reformbedarf bestand und die ansonsten gern verdrängt wurden.
Seit dem ersten Kvu in Berlin
1980 war die befreiungstheologisch-politische Perspektive die
„Formatierung“, an der alle Arbeit der IKvu sich ausrichtete, die
versuchte, Reflexion und Aktion, Glaube und Politik jeweils aufeinander zu
beziehen. Das, was Kardinal Lorscheider uns in München ins Stammbuch
schrieb - nämlich bei uns in Deutschland eine Theologie zu artikulieren,
eine Kirche zu bilden, die jeweils die Sorgen und Nöte der Armen bei
uns aufspüren und nach „Wegen der Befreiung" suchen sollte-, das ist
in der IKvu exemplarisch geglückt.
Insbesondere Frauen und
feministische Theologie hatten und haben hier von Beginn an selbstverständliches
Wohn- und Bleiberecht. Die IKvu wurde von Frauen bewegt, sie bewegte
zahlreiche Frauen zu einem Auf- und Ausbruch aus verordneten Rollen und
Anleihen in Kirche und Gesellschaft. Sie bot und bietet Frauen Raum für
unzensiertes Theologietreiben, für die Gestaltung liturgischer Feiern. Sie
ist ein Stück spirituelle Heimal für Grenzgängerinnen, die sich am
Rande, aber noch nicht außerhalb der Kirche erfahren. Sie hat etwas von dem
verwirklicht, was in den USA „FrauenKirchenBewegung“ genannt wird:
Frauen sind nicht Frauen in der Männerkirche, Frauen sind Kirche ebenso wie
die Männer und bringen das in allen Lebensvollzügen der Kirche zum
Ausdruck. Die IKvu realisierte von Anfang an das theologische Programm
„Frauenkirche“.
Ein Stück Kirchengeschichte
von unten
Die IKvu hat ein Stück
„Kirchengeschichte von unten“ bei uns in Deutschland gemacht und
geschrieben. Sie ist für mich gleichzeitig eine befreiungstheologische,
feministische, politische Bewegung, der es gelungen ist, den binnenkirchlich
ausgerichteten Katholizismus zu provozieren und zu einer Wende zur
„welthaltigen“ Wahrnehmung auch kirchlicher Wirklichkeit zu
veranlassen. Unsere Bewegung hat dazu beigetragen, dass auch das ZdK
sensibler geworden ist für die „Zeichen der Zeit“ und dass die
Auseinandersetzung über drängende Probleme offener geführt wird als in früheren
Jahren.
Hinsichtlich der Durchführung
eines „Katholikentags von unten“ hat sich die IKvu im wahrsten Wortsinn
selber abgeschafft, denn sie hat ihr im Vorfeld von Berlin 1980 formuliertes
Ziel erreicht: „Sie (die Gruppen, die den ersten Kvu gestalteten)
wollten... dazu beitragen, dass im deutschen Katholizismus vernachlässigte
Fragestellungen von Kirche und Gesellschaft stärker berücksichtigt werden:
Themenkreise wie Basisgemeinde und Demokratisierung der Kirche, politische
Theologie, Abrüstung, überhaupt Gesellschaftskritik aus dem Glauben
heraus, Probleme von Randgruppen und Alternativen zur jetzigen
Gesellschaft.“ (zit. nach: „Für eine Kirche von unten",
AGP-Edition Nr. VII, Herdecke 1982,8.39).
Zusammenfassend kann ich
sagen: Die IKvu ist jene Reformbewegung in der Kirche, die von Anfang an
feministisch geprägt war, die feministische Positionen kirchlich, gesellschaftlich
und politisch zu akzentuieren verstand, die auch die spirituelle Dimension
des Feminismus immer wahrgenommen und gestaltet hat, die ihn von der ersten
Stunde an ökumenisch praktiziert hat. Mir ist keine andere Gruppierung
innerhalb der Kirche bekannt, für die „Feminismus“ nie ein Reizwort war
und deren Vertreterinnen nie als „Emanzen“ disqualifiziert wurden.
Gleichwohl sei mahnend aus der
Vergangenheit als Grundregel für das Miteinander von Frauen und Männern in
Kirche und Gesellschaft von heute und morgen eingeschärft, was die
IKvu-Gruppe „Feministische Theologinnen“ in der Broschüre „Wege der
Befreiung gehen“ für den Kvu in Aachen 1986 schrieb: „Durch die
Zulassung der feministischen Themen als Frauenthemen scheinen Männer mit um
so ruhigerem Gewissen die Frauen aus anderen Themen ausschließen und dort
vergessen zu können. Arbeit aber zum Beispiel ist ein Thema, das jede Frau
betrifft, oft in Form von doppelter Berufstätigkeit als Haus- und
Erwerbsarbeit. Frauen leiden in hohem Maße unter Arbeitslosigkeit, auch
dort sind Frauen am meisten unterdrückt. Die Dritte Welt besteht nicht nur
aus Männern. Ein Reden von Frieden und Gewaltlosigkeit scheint uns wenig
ernstgemeint, wenn die alltägliche Gewalt gegen Frauen übersehen wird.
Solange Sexismus nicht als Männerproblem gesehen wird, solange nicht alle
Bereiche von kirchlicher und gesellschaftlicher Veränderung auch unter
feministischem Aspekt gesehen werden, herrscht die alte sexistische
Aufteilung: Der Mensch wird durch den Mann repräsentiert, Frauen wird das
Fraueneckchen Feminismus zugewiesen. “
Traumtänzerinnen
Frauenvisionen,
Wege, die lohnen,
Traumtänzerinnen!
Träume zu haben,
Träume zu wagen,
Träume zu leben,
vorwärts zu streben.
Abschied vom Alten,
das uns gehalten,
das uns gefangen,
schon seit so langem!
Nun als Befreite,
Aufbruch ins Weite,
Fesseln zerbrochen!
Farben und Klänge,
neue Gesänge,
tastende Schritte
führ´n in die Mitte,
werden zum Tanze,
lassen das Ganze
ahnen und spüren.
Hände in Hände
sprengen wir Wände,
geben uns Frauen
Kraft und Vertrauen!
Schenken uns Räume
für uns´re Träume,
Macht füreinander!
(entstanden beim 4.
Frauenliturgie-Vernetzungstreffen im November 1992; Text: Dorothee Voss,
Melodie: Nada te turbe, Taizé)
aus:
Kirche lebt von unten. Erfahrungen aus 20 Jahren, hrsg. von Martin Seidler und
Michael Steiner, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2000.
