zuletzt aktualisiert: 28.06.2006
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Von Magdalena Bußmann

Frauen in der Kirche - Frauen in der IKvu
Feministische Theologie als kirchenreformerische Bewegung

Gerne habe ich zugesagt, für diesen „Jubiläumsband“ einen Beitrag zu diesem Thema zu schreiben. Denn die Gründung der Initiative Kirche von unten (IKvu) im September 1980 und die feministische Bewegung, die zeitgleich Frauen in der Kir­che inspirierte und sie den „feministischen Blick“ lehrte, sind Wegmarken, die mich als Theologin theologisch, politisch und spirituell geprägt haben. Die IKvu und der Feminismus bzw. die Feministische Theologie waren und sind noch immer Be­wegungen, die die Apartheid von Frauen und Männern in Kirche und Gesellschaft anprangern und die nach Wegen und Lebensmodellen suchen, wie Frauen und Män­ner gemeinsam eine neue Kirche und eine neue Gesellschaft gestalten könnten.

Die Erinnerungen an mein Engagement in der IKvu oszillieren zwischen her/story und memory, sind also persönlich gefärbt, bieten ein kleines Stück persönliche, theo­logisch geprägte Biographie. Andere würden sicherlich andere Akzente setzen, an­ders gewichten und bewerten.

Die IKvu als feministische Bewegung

Die IKvu war von Anfang an eine innerkirchliche feministische Reformbewegung. Frauen waren seit der Gründung dieser Initiative in allen Aufgabenbereichen der Bewegung präsent. Hier nur drei ­kurze Erinnerungen an den ersten Katholiklnnentag von unten (Kvu) 1980 in Berlin: Eine Frau nahm die Aufgaben der 1. Pressesprecherin wahr.

Es war die evangelische Theologin Luise Schottroff, die dem Liturgischen Fest mit ihrer befreiungstheologischen Auslegung des Magnifikat einen beeindruckenden theologischen Akzent gab: „Maria wusste, was Hunger ist und was Niedrigkeit. Mitten in den von Römern beherrschten Getreideanbaugebieten gab es Hungersnöte. Und in Rom gab es alles zu kaufen, vom feinsten Parfüm bis zum herben Wein aus dem Rheintal.“

In Berlin versuchten Renate Rieger (eine Mitbegründerin der feministisch-theo­logischen Streitschrift „Schlangenbrut“) und ich unsere ersten Steh- und Geh­versuche als feministische Theologinnen, indem wir einige Veranstaltungen und Arbeitsgruppen durchführten zum Thema: Frauen in der Kirche - Frauen in der Bibel.

Heute würde ich diese Thematik völlig anders gestalten. Aber wir merkten an der großen Resonanz bei Frauen und auch bei Männern, dass es an der Zeit war, „Frauen­themen“ in der Männerkirche erneuernd und auch irritierend einzubringen. Es war die Zeit, als die Impulse, die feministische Theologinnen in den USA, den Niederlanden und auch in Deutschland gaben, uns deutsche Frauen inspirierten, uns unserer kirchlich wie gesellschaftlich marginalisierten Situation bewusst zu werden. Frauen und Frauenthemen wurden zunehmend sichtbar in der bislang von Männern domi­nierten Kirche. So war es auch ohne Probleme möglich, dass Catharina Halkes so­wohl auf dem offiziellen Katholikentag als auch auf dem Kvu in Düsseldorf 1982 Frauen aufrief, die Fremdbestimmung durch Männer in der Kirche abzuschütteln, eigene Glaubenserfahrungen zu machen, eigene Gottesbilder zu gestalten, Maria als Schwester und nicht als unerreichbare Konkurrentin von Frauen neu zu entdecken. Das waren aus heutiger Sicht keineswegs revolutionäre Forderungen, doch zu Be­ginn der 80er Jahre begeisterten solche Anregungen und Aufrufe und brachten Frau­en (und auch wohl einige Männer) zum Nachdenken und ins Gespräch über die eige­nen tradierten Rollen in Kirche und Gesellschaft.

Diese Zeit war insgesamt für die feministische Theologie eine „Hochzeit“ - in Bezug auf Publikationen, Veranstaltungen, differenzierte Forschung und Akzeptanz im Be­reich kirchlicher Bildungsarbeit. Doch seitens der Amtskirche blieben feministische Theologie und deren Verfechterinnen immer beargwöhnt, hatten und haben immense Schwierigkeiten, sich in den männerdominierten theologischen Wissenschaften zu behaupten, sich wirksam in die Pastoral einzubringen, ja, als Frauen mit ihrer femini­stischen Perspektive überhaupt im Bereich der Kirche akzeptiert zu werden. Aber für zahlreiche Frauen in der Kirche wurde feministische Theologie zu einer kritischen und gleichzeitig innovativen Sicht auf die Kirche und deren Lebensvollzüge. Frauen machten eigene Glaubenserfahrungen, erschlossen sich die Bibel neu, nahmen Ab­schied von einem patriarchalen Gott-Vater, feierten Frauenliturgien in frauengerechter Sprache - kurz: Im Bereich der Kirche vollzog sich eine feministische Wende, die nicht zuletzt im Wort der Bischöfe „Zu Fragen der Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft“ (1981) eine amtskirchliche, verbale Bestärkung erfuhr, freilich ohne entsprechende praktische Konsequenzen.

Befreiungstheologisch-politische Orientierung

Eine Sternstunde war die „Nacht der Solidarität“ auf dem Kvu in München 1984, in der die Hoffnung auf Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit für alle Menschen in unterschiedlichsten Ausdrucksformen und in einer Atmosphäre hautnaher Verbundenheit gefeiert wurde. „Ihr in Deutschland setzt große Hoffnung in uns, und umgekehrt setzen wir in Lateinamerika große Hoffnung in Euch. Was wir von Euch erwarten? Stellt Euch die Frage: Habt Ihr in Deutschland keine Unterdrückten? Ihr müßt anfangen, denen bei der Befreiung beizuste­hen, die bei Euch in Deutschland unterdrückt sind. Wenn Ihr die Befreiung bei Euch erfahrt, dann könnt Ihr uns damit die größte Solidarität erweisen.“ Mit die­sen Worten führte uns in dieser Nacht Kardinal Aloísio Lorscheider, Bischof der brasilianischen Diözese Fortaleza, eindringlich vor Augen, was theologisch-poli­tisch für die IKvu Aufgabe und Anliegen sein musste: Gegen Ausgrenzung und Unterdrückung, für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, humane Lebensbedingungen in Kirche und Gesellschaft zu streiten.

Diese befreiungstheologisch-politische Orientierung prägte auch das Engagement von Frauen in der IKvu. Zunehmend profilierte sich feministische Theologie als kirchenreformerische Bewegung, die nach den Zeichen der Zeit forschte und sie - gemäß der vom Zweiten Vatikanischen Konzil formulierten Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ - im Licht des Evangeliums zu deuten versuchte (vgl. Gaudium et spes Nr. 4). Auf allen Veranstaltungen der IKvu brachten Frauen ganz selbstverständlich feministische Themen ein, organi­sierten frauenspezifische Foren, gestalteten Bibel­arbeiten, feierten Frauenliturgien, trafen sich im Frauencafe.

Die anfänglich theologisch-feministische Ausrichtung der Arbeit erfuhr insbesondere nach dem Umbruch 1989 eine Akzentverlagerung in den Bereich des ge­sellschaftlich-politischen Feminismus. Nun wurden von Frauen aus Ost- und Westdeutschland Themen und Probleme kontrovers diskutiert und (Aus-) Wege und Perspektiven aus theologisch-feministischer Blickrichtung angezeigt, die von der politischen Tagesordnung vorgegeben waren: Feminismus und Ökologie, Frauen und Arbeitswelt, Frauen und (politische) Macht, Frauen und Sexualität.

Ende der Bevormundung

Sicherlich ist es auch der IKvu zuzurechnen, dass feministische Auslegung theologi­scher Themen heute insbesondere für Frauen in der Kirche selbstverständlich gewor­den ist. Denn 20jähriges beharrliches Insistieren darauf, dass in allen Lebensvollzügen der Kirche Frauen präsent sein sollen, die qualitative Gestaltung der KatholikInnentage von unten (Kvu) mit „Frauenthemen“, die Zusammenarbeit mit feministisch engagierten Frauen aus anderen kirchlichen Gruppen und Verbänden, insbesondere der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), ließen eine Frauenbewegung in der Kirche entstehen, die einiges erreicht hat: Frauen sind sichtbar in kirchlicher und liturgischer Sprache; feministische Bibelarbeit ist wohl die am häufigsten prakti­zierte Methode der Bibelauslegung; im Bereich kirchlicher Bildungsarbeit hat femini­stische Theologie ihren selbstverständlichen Ort: Frauen lassen sich immer weniger von (Priester-) Männern in der Kirche bevormunden, was die Gestaltung ihres per­sönlichen Lebenskonzeptes betrifft.

Da Frauen in der Kirche inzwischen „ein bißchen gleichberechtigter“ geworden sind, ist gleichzeitig insgesamt eine Stagnation oder sogar ein Rückgang dezidiert femini­stischen Engagements zu konstatieren. Inzwischen genügt vielen Frauen, was erreicht wurde, nämlich dass sie in ihrer Heimatgemeinde einigermaßen selbstbestimmt leben können. Anderen Frauen geht das Erreichte nicht weit genug: Insbesondere die Frage nach den Weihe­ämtern für Frauen, die man­gelnde Präsenz von Frauen in der theologischen Wis­senschaft und die eigenstän­dige Gestaltung menschlicher Sexualität und Le­bensformen sind Kon­fliktfelder, auf denen Frau­en nach wie vor eine Außenseiterinnenposition einnehmen. Dieses Terrain wird von den Amtsträgern in der Kirche als letzte Bastion von Männermacht und -moral verteidigt, wie zum Beispiel die neueren römischen Dokumente, die Enzyklika „Ordinatio sacerdotalis“ (1994) und das Apo­stolische Schreiben „Ad tuendam fidem“ (1997) eindrücklich belegen.

Nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Lichte des Evangeliums zu deuten - diese Selbstverpflichtung der Kirche war und ist theologisches Leitmotiv für die Arbeit der IKvu. Auch für Frauen bedeuteten diese programmatischen Worte aus Gaudium et spes eine Herausforderung: zu erspüren, was denn die besonderen „Zei­chen der Zeit“ für Frauen sein und wie diese im Lichte einer feministisch gelesenen Bibel gedeutet werden könnten.

Da gab es gleich zu Beginn der IKvu einen Konflikt mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), der zwar nicht unbedingt feministisch auszulegen ist, der aber ein Grundanliegen der IKvu verdeutlicht: Es ging darum, ob die IKvu Mitträgerin des Katholikentags werden könne. Das Zentralkomitee ließ eine Mitträgerschaft der IKvu nur zu, wenn die Gruppen ChristInnen für den Sozialismus (CfS) und Homosexuelle und Kirche (HuK) aus der IKvu ausgeschlossen würden. Da für uns Formen der Ex­kommunikation aufgrund der sexuellen Prägung oder einer politischen Einstel­lung nicht akzeptabel waren und wir unsere theologisch-politische Eigenstän­digkeit bewahren wollten, lehnten wir die Bedingung des ZdK natürlich ab. Denn gerade jene Menschen, die kirchenoffiziell ausgegrenzt waren, sollten in der kirch­lichen Basisbewegung Stimme und Gesicht bekommen. Für mich war die HuK die Gruppe, die mir bewusst machte, dass die kirchliche Lebensnorm und -form „Heterosexualität“ nicht die allein lebbare und glücklichmachende sein kann.

Kirchliche Problemfelder

Insbesondere im Bereich „kirchlich verminter“ Themen und Probleme wie Zölibat, verheiratete Priester, Weiheämter für Frauen, selbstverantwortete Gestaltung mensch­licher Sexualität haben Frauen der IKvu emanzipatorische Arbeit geleistet, da diese Konfliktthemen die programmatische Ausrichtung insbesondere der Kvu immer mit­bestimmten und damit als innerkirchliche Konfliktfelder sichtbar wurden. Lesbische Frauen und schwule Männer gehörten von Anfang an zur IKvu; die Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen (VkPF) ist ebenso Mitgliedsgruppe der Be­wegung wie die Initiativgruppe vom Zölibat betroffener Frauen. Die Gruppe Maria von Magdala - Initiative Gleichberechtigung für Frauen in der Kirche kämpft kom­petent und unermüdlich für die Frauenordination. Denn für die IKvu ist das römische Verbot weiblicher Priester Verrat an Wort und Praxis Jesu, der weder Männer noch Frauen geweiht hat, der hingegen Menschen in seine Nachfolge gerufen hat, die die Men­schenfreundlichkeit Gottes glaubwürdig bezeugen sollten.

Obwohl Rom durch einen juristischen Schachzug 1994 eine theologische Diskussion über die Frauenordination verbieten wollte, geht die Auseinandersetzung über eine volle Teilhabe der Frauen an allen Lebensvollzügen der Kirche weiter. Denn das männ­lich konzipierte Priesteramt steht auch einer theologisch und pastoral verantworteten Ökumene im Wege, da ein mythisch-materialistisches Weiheverständnis den Priester noch immer als Mittler zwischen Gott und Mensch begreift und nicht als jemanden, der nach biblischem Verständnis einen Dienst ausübt. Nicht nur für Frauen der IKvu war und ist es ein theologischer Skandal, dass das Amtsverständnis nach wie vor die eucharistische Mahlgemeinschaft mit anderen Christinnen und Christen blockiert und die liturgischen Feiern immer auch von kirchrechtlichen Rücksichten geprägt waren, da Zuwiderhandelnde mit kirchlichen Sanktionen zu rechnen hatten, wie es anläßlich einer IKvu-Veranstaltung zum Papstbesuch in Köln 1987 der Fall war.

Wegweisende Signale

Doch auf dem Kvu in Mainz wurden 1998 disziplinäre Bedenken über Bord gewor­fen; das Sakrament der Einheit sollte nicht länger als Zeichen der Spaltung unter den heutigen Jüngerinnen und Jüngern Jesu wirken: Die IKvu lud zu einem ökumeni­schen Gottesdienst ein, der seinen Höhepunkt in der gemeinsamen Eucharistie von evangelischen, altkatholischen und römisch-katholischen Christinnen und Christen fand. Ein pastoral wegweisendes Signal wurde mit dieser Feier gesetzt, doch auf dem Fuße folgten oberkirchliche Rügen und Hinweise auf Recht und Ordnung, die die ökumenische Mahlgemeinschaft nicht erlauben.

Mainz setzte auch mutige, emanzipatorische Signale bezüglich verantwortlich gestalteter Sexualität: „Liebeslust und Kirchenfrust“ war der Titel eines Forums, das alle Konfliktfelder im Bereich kirchlich normierter Sexualethik in Szene brach­te. Im „Zeugnis von unserer Hoffnung auf Gerechtigkeit“ wurde eindringlich formuliert: „Wir fordern Gerechtigkeit und den Zugang zu allen Weiheämtern; wir erleben Liebe, Erotik und Sexualität als Gottes gute Gabe und widersprechen der Vergötzung der Ehe und der Engführung auf eine Zeugungsmoral; wir fordern die Abschaffung des Pflichtzölibats; als Lesben und Schwule (erstreben wir) ein Ende jeglicher Diskriminierung und die volle Gleichstellung mit anderen Lebensformen in der Kirche“.

Diese emanzipatorischen Forderungen, biblisch und theologisch längst legitimiert, sind jedoch weit davon entfernt, in der real existierenden Männerkirche Wirk­lichkeit zu werden. Nach kirchenamtlicher Lehre wird Sexualität sittlich verant­wortet allein in einer kirchenrechtlich gültig geschlossenen Ehe praktiziert, alle „ehelichen Akte“ müssen grundsätzlich offen sein für Nachwuchs. Alle anderen Ausdrucks- und Lebensformen menschlicher Sexualität gelten als unerlaubt, ungeordnet oder gar sündhaft.

 Doch zwischen römischen Normen und gelebter christlicher Wirklichkeit besteht inzwischen eine unüberbrückbare Kluft: Die Menschen gehen ihre eigenen Wege, was die Gestaltung ihrer Lebensform und damit ihrer Sexualität angeht. Weisun­gen der Amtsinhaber werden als nicht hilfreich für das eigene Leben erfahren. Es bahnt sich für die deutsche Kirche wohl ein Schisma zwischen „oben“ und „unten“ an; nicht zuletzt der fatale Ausstieg der deutschen Bischöfe aus der Schwangerenkonfliktberatung 1999 wird diese Spaltung wohl vertiefen.

FrauenKirchenBewegung

Nach 20 Jahren IKvu kann ich rückblickend feststellen, dass von dieser Bewegung wich­tige Impulse zur Erneuerung der Kirche in Deutschland ausgegangen sind. Die IKvu konnte kritisch-innovativ wirken, da sie von Anfang an finanziell auf eigenen Füßen stand und damit unabhängig war von kirchlichen Geldgebern, was natürlich manches Mal die Frage nach dem finanziellen Überleben aufwarf. MitarbeiterInnen der IKvu hat­ten im Unterschied zu kirchlichen Angestellten nicht mit dem Verlust ihres Arbeitsplat­zes zu rechnen, wenn sie in Theorie und Praxis Positionen bezogen, die kirchenamtlich suspekt waren; sie waren frei, offen und ehrlich auf die Probleme und Brennpunkte in der Kirche hinzuweisen, bei denen Reformbedarf bestand und die ansonsten gern ver­drängt wurden.

Seit dem ersten Kvu in Berlin 1980 war die befreiungstheologisch-politische Perspektive die „Formatierung“, an der alle Arbeit der IKvu sich ausrichtete, die versuchte, Reflexi­on und Aktion, Glaube und Politik jeweils aufeinander zu beziehen. Das, was Kardinal Lorscheider uns in München ins Stammbuch schrieb - nämlich bei uns in Deutschland eine Theologie zu artikulieren, eine Kirche zu bil­den, die jeweils die Sorgen und Nöte der Ar­men bei uns aufspüren und nach „Wegen der Befreiung" suchen sollte-, das ist in der IKvu exemplarisch geglückt.

Insbesondere Frauen und feministische Theologie hatten und haben hier von Beginn an selbstverständliches Wohn- und Bleiberecht. Die IKvu wurde von Frauen bewegt, sie bewegte zahlreiche Frauen zu einem Auf- und Ausbruch aus verordneten Rollen und Anleihen in Kirche und Gesellschaft. Sie bot und bietet Frauen Raum für unzensiertes Theologietreiben, für die Gestaltung liturgischer Feiern. Sie ist ein Stück spirituelle Hei­mal für Grenzgängerinnen, die sich am Rande, aber noch nicht außerhalb der Kirche erfahren. Sie hat etwas von dem verwirklicht, was in den USA „FrauenKirchenBewegung“ genannt wird: Frauen sind nicht Frauen in der Männerkirche, Frauen sind Kirche ebenso wie die Männer und bringen das in allen Lebensvollzügen der Kirche zum Ausdruck. Die IKvu realisierte von Anfang an das theologische Programm „Frauenkirche“.

Ein Stück Kirchengeschichte von unten

Die IKvu hat ein Stück „Kirchengeschichte von unten“ bei uns in Deutschland gemacht und geschrieben. Sie ist für mich gleichzeitig eine befreiungstheologische, feministische, politische Bewegung, der es gelungen ist, den binnenkirchlich ausgerichteten Katholizis­mus zu provozieren und zu einer Wende zur „welthaltigen“ Wahrnehmung auch kirchli­cher Wirklichkeit zu veranlassen. Unsere Bewegung hat dazu beigetragen, dass auch das ZdK sensibler geworden ist für die „Zeichen der Zeit“ und dass die Auseinandersetzung über drängende Probleme offener geführt wird als in früheren Jahren.

Hinsichtlich der Durchführung eines „Katholikentags von unten“ hat sich die IKvu im wahrsten Wortsinn selber abgeschafft, denn sie hat ihr im Vorfeld von Berlin 1980 for­muliertes Ziel erreicht: „Sie (die Gruppen, die den ersten Kvu gestalteten) wollten... dazu beitragen, dass im deutschen Katholizismus vernachlässigte Fragestellungen von Kirche und Gesellschaft stärker berücksichtigt werden: Themenkreise wie Basisgemeinde und Demokratisierung der Kirche, politische Theologie, Abrüstung, überhaupt Gesellschafts­kritik aus dem Glauben heraus, Probleme von Randgruppen und Alternativen zur jetzi­gen Gesellschaft.“ (zit. nach: „Für eine Kirche von unten", AGP-Edition Nr. VII, Her­decke 1982,8.39).

Zusammenfassend kann ich sagen: Die IKvu ist jene Reformbewegung in der Kirche, die von Anfang an feministisch geprägt war, die feministische Positionen kirchlich, ge­sellschaftlich und politisch zu akzentuieren verstand, die auch die spirituelle Dimension des Feminismus immer wahrgenommen und gestaltet hat, die ihn von der ersten Stunde an ökumenisch praktiziert hat. Mir ist keine andere Gruppierung innerhalb der Kirche bekannt, für die „Feminismus“ nie ein Reizwort war und deren Vertreterinnen nie als „Emanzen“ disqualifiziert wurden.

Gleichwohl sei mahnend aus der Vergangenheit als Grundregel für das Miteinander von Frauen und Männern in Kirche und Gesellschaft von heute und morgen eingeschärft, was die IKvu-Gruppe „Feministische Theologinnen“ in der Broschüre „Wege der Be­freiung gehen“ für den Kvu in Aachen 1986 schrieb: „Durch die Zulassung der feministischen Themen als Frauenthemen scheinen Männer mit um so ruhigerem Gewissen die Frauen aus anderen Themen ausschließen und dort vergessen zu können. Arbeit aber zum Beispiel ist ein Thema, das jede Frau betrifft, oft in Form von doppelter Berufstätig­keit als Haus- und Erwerbsarbeit. Frauen leiden in hohem Maße unter Arbeitslosigkeit, auch dort sind Frauen am meisten unterdrückt. Die Dritte Welt besteht nicht nur aus Männern. Ein Reden von Frieden und Gewaltlosigkeit scheint uns wenig ernstgemeint, wenn die alltägliche Gewalt gegen Frauen übersehen wird. Solange Sexismus nicht als Männerproblem gesehen wird, solange nicht alle Bereiche von kirchlicher und gesell­schaftlicher Veränderung auch unter feministischem Aspekt gesehen werden, herrscht die alte sexistische Aufteilung: Der Mensch wird durch den Mann repräsentiert, Frauen wird das Fraueneckchen Feminismus zugewiesen. “

Traumtänzerinnen

Frauenvisionen, 
Wege, die lohnen,
Traumtänzerinnen!

Träume zu haben,
Träume zu wagen,
Träume zu leben,
vorwärts zu streben.

Abschied vom Alten,
das uns gehalten,
das uns gefangen,
schon seit so langem!

Nun als Befreite,
Aufbruch ins Weite,
Fesseln zerbrochen!

Farben und Klänge,
neue Gesänge,
tastende Schritte
führ´n in die Mitte,
werden zum Tanze,
lassen das Ganze
ahnen und spüren.

Hände in Hände
sprengen wir Wände,
geben uns Frauen
Kraft und Vertrauen!
Schenken uns Räume
für uns´re Träume,
Macht füreinander!

(entstanden beim 4. Frauenliturgie-Vernetzungstreffen im November 1992; Text: Dorothee Voss, Melodie: Nada te turbe, Taizé)

aus: Kirche lebt von unten. Erfahrungen aus 20 Jahren, hrsg. von Martin Seidler und Michael Steiner, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2000.