Von Tom Schmidt
"Kehrt
um. Entrüstet Euch!"
Die IKvu in der Friedensbewegung
„Ein lebendiger Glaube setzt
das Engagement für die geschichtliche Befreiung der Unterdrückten
voraus.“ So steht es am Beginn des Buches „Jesus Christus, der
Befreier“ von Leonardo Boff. Eine Kirche, die sich - mit dem Rücken zu
den Ausgegrenzten unserer Gesellschaft - vor allem mit sich selbst beschäftigt,
verrät den, auf den sie sich beruft: Jesus Christus. Das war eine Grundüberzeugung
derjenigen, die sich nach dem enttäuschenden Programm des Freiburger
Katholikentages 1978, der einem kritischen Glaubens- und Gesellschaftsverständnis
keinerlei Platz einräumte, aufmachten, um für den Berliner Katholikentag
1980 ein eigenes, unzensiertes Programm auf die Beine zu stellen.
Orientiert an der inhaltlichen
Offenheit des Marktes der Möglichkeiten auf evangelischen Kirchentagen und
begünstigt durch den publizistischen Wirbel der „Küng-Affäre“ (im
Dezember 1979 hatte der Vatikan dem katholischen Theologie-Professor Hans Küng
als Reaktion auf dessen kritische Interpretation der „Unfehlbarkeit“ des
Papstes die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.) gelang es in Berlin,
Parteilichkeit im Kampf um die Befreiung aus internationalen,
innergesellschaftlichen und innerkirchlichen Unterdrückungsmechanismen zum
Ausdruck zu bringen.
Es war kein Zufall, dass dabei
von Anfang an das Engagement für Frieden und Abrüstung eine wesentliche
Rolle spielte, das in der „Berliner Erklärung katholischer Christen
gegen die Atomrüstung“ seinen ersten prononcierten Ausdruck fand.
Von Anfang an versuchte die
IKvu, die nachdrückliche Forderung nach binnenkirchlichen Reformen mit der
konkreten Einmischung in die aktuelle politische Debatte zu verknüpfen.
Inspiriert durch die Theologie der Befreiung vertrat sie die These, dass es
eine unpolitische Kirche nicht gibt, dass sie vielmehr ihren politischen
Standpunkt in der Gesellschaft ganz bewußt einnehmen und sich von da aus
engagieren muss.
Strömungen der
Friedensbewegung
Ende der 70er und Anfang der
80er Jahre war die gesellschaftliche Diskussion in Deutschland geprägt
von der sogenannten Nachrüstungsdebatte (die NATO hatte im Dezember 1979 im
sog. „Doppelbeschluß“ entschieden, ab 1983 neue atomare
Mittelstreckenwaffen in Westeuropa zu stationieren, wenn die UdSSR bis dahin
nicht eigene Raketen dieses Typs in Osteuropa abgebaut haben würde). Mit
dieser neuen Runde des Rüstungswettlaufs im Kalten Krieg zwischen Ost
und West war unversehens die gesamte Legitimation insbesondere der Atomrüstung
auf den Prüfstand geraten. In wachsenden Teilen der Bevölkerung setzte
sich mit der Nachrüstungsdebatte die Erkenntnis durch, dass es bei einer
atomaren Auseinandersetzung nur Verlierer und keinen Gewinner gehen würde
und dass das, was man eigentlich verteidigen wollte, mit einem atomaren
Krieg nur zerstört werden konnte.
Die breite gesellschaftliche
Debatte wäre undenkbar gewesen ohne das Entstehen der Neuen Sozialen
Bewegungen, die sich in diesen Jahren etablierten. Ausgehend von der in
den 70er Jahren dominierenden ökologischen Bewegung, die mit ihren Fragen
nach den Grenzen des Wachstums und dem Erhalt der Lebensgrundlagen auf dem
blauen Planeten die etablierte Parteienlandschaft verunsicherte, schob sich
zu Beginn der 80er Jahre die Friedensbewegung immer mehr in den Vordergrund.
Die IKvu fühlte sich von Anfang an als Bestandteil dieser Bewegung und
hatte in ihren wichtigsten Gremien, insbesondere dem
Koordinierungsausschuss, maßgeblichen Einfluss.
Die Gremien der
Friedensbewegung wurden im Wesentlichen von vier unterschiedlichen Strömungen
geprägt, deren Zusammenarbeit immer wieder von heftigen grundsätzlichen
Auseinandersetzungen geprägt war:
• Da gab es zum einem die
DKP-kontrollierten Gruppen, die sich die verschiedensten Tarnmäntelchen
umgehängt hatten, um so Einfluß ausüben zu können. Sie waren gut
organisiert, verfügten über eine Menge professionelles Personal und das
meiste Geld. Durch ihre völlige Abhängigkeit von der DKP und damit von der
SED waren sie allerdings dazu verpflichtet, ihre Abrüstungsforderungen
einseitig auf den Westen zu beziehen und die Politik von SED und KPdSU
vorbehaltlos zu unterstützen. Dadurch war ihre Glaubwürdigkeit gleich
Null, in der öffentlichen Debatte standen sie stets im Hintergrund.
• Daneben gab es die
Vorfeldorganisationen der SPD, die insbesondere mit dem wachsenden Zulauf
zur Bewegung versuchte, diese für sich zu vereinnahmen und gleichzeitig für
ihre innerparteiliche Diskussion zu instrumentalisieren.
• Darüber hinaus gab es den
Zusammenschluss unabhängiger Friedensgruppen, deren Spektrum bis ins
autonome Lager hineinreichte, die gleichzeitig aber für das wachsende bürgerliche
Potential eine Provokation darstellten.
• In diesem Umfeld kam den
christlichen Gruppen eine entscheidende Funktion zu. Sie verfügten - ohne
direktes parteipolitisches Interesse — über die größte Glaubwürdigkeit
und hatten Ausstrahlungskraft bis weit ins bürgerliche Lager. Dies hatte
seinen Grund in der Grundsätzlichkeit der friedenspolitischen Diskussion
in den Kirchen, die sich ja nicht einfach an politischen Opportunitätsprinzipien
orientieren konnte, sondern ethische Grundsatzfragen zu klären hatte.
„ Gerechter Krieg “ ?
Zwar erfolgte die Diskussion
in der evangelischen Kirche - insbesondere auf den Kirchentagen - in
wesentlich breiterer Form als bei den KatholikInnen. Aber auch hier (und das
war zu Beginn der 80er Jahre vor allem ein Verdienst der IKvu) mussten sich
Moraltheologen und Bischofskonferenz mit dem Thema auseinandersetzen.
Besondere Brisanz gewannen
die Überlegungen in der katholischen Kirche, weil durch die traditionelle
Diskussion über die Kriterien für einen „Gerechten Krieg“ nicht
zuletzt die Päpste Pius XII. und Paul VI. Vorgaben gemacht hatten, denen
man sich in der konkreten politischen Diskussion nicht so ohne weiteres
entziehen konnte. (Bereits im 13. Jahrhundert hatte Thomas von Aquin
ethische Kriterien dafür formuliert, unter welchen Umständen ein Krieg möglicherweise
gerechtfertigt sein könne („Gerechter Krieg“). Zu diesen Kriterien gehörten
u.a. die „Verhältnismäßigkeit der Mittel“ und die Schonung der
Zivilbevölkerung.)
Im Kern ging es um die Frage,
ob im Falle eines Verteidigungskrieges der Einsatz atomarer Waffen erlaubt
sein könne oder nicht. Glasklar ergab sich, dass sich im Inferno eines
atomaren Krieges die notwendige Unterscheidung zwischen Soldaten und
Zivilisten (oder „Kombattanten“ und „Nichtkombattanten“) nicht mehr
halten ließ und - da die Anwendung von Atomwaffen eine unkontrollierbare
Eskalation der Kriegsfolgen befürchten ließ - deren Anwendung als
„sittlich verwerflich“ einzustufen war.
Die Folgerung, die „führende
Moraltheologen" daraus zogen, war allerdings ebenso gewunden wie
bizarr: Anstatt aus der Verwerflichkeit der Anwendung von Atomwaffen zu
folgern, dass damit auch die gezielte Vorbereitung auf eine atomare Auseinandersetzung
zu verurteilen sei, stellte man die Frage, ob nicht die
Abschreckungspolitik, die ja nicht den Krieg, sondern die Verhinderung des
Krieges zum Ziel habe, eben wegen dieser Zielsetzung doch noch zu
rechtfertigen sei.
Die zugespitzte Frage, ob es
moralisch dann richtig sein könne, mit etwas zu drohen, dessen Durchführung
unter keinen Umständen erlaubt sei, mochte man dann aber doch nicht mit
einem klaren Ja beantworten.
Statt dessen räumte man der
Politik noch eine letzte Galgenfrist ein, sich aus diesem Dilemma zu
verabschieden, und vermied es so erneut, sich als katholische Kirche der
gesellschaftlich aktuellen Verantwortung zu stellen.
Demonstrationen gegen die
Nachrüstung
Die Initiative Kirche von
unten bezog dagegen deutlich Position und formulierte: „Wir halten diesen
Rüstungswahnsinn für eine Sünde gegen Gott und für ein Verbrechen an den
Menschen. Deswegen ist es unsere Verpflichtung, uns vom Götzen Rüstung zu
befreien. Wir sehen in der Verweigerung aller Kriegsdienste hier und heute
eine notwendige Haltung von Christen, um eindeutige Zeichen zur Umkehr zu
setzen und konsequente Abrüstungsschritte einzuleiten. “
Zehntausende folgten 1982 dem
Aufruf der IKvu zur Friedensdemonstration auf dem Düsseldorfer
Katholikentag in die Rheinauen unter dem Motto „Kehrt um - Entrüstet
Euch!“. Im folgenden Jahr erlebte die Bundesrepublik die größte
Friedensdemonstration ihrer Geschichte. Zu den Organisationen, die dazu
aufgerufen hatten, gehörte auch die IKvu. Die damalige Hauptstadt Bonn war
völlig von Friedensbewegten eingenommen. Es herrschte eine euphorische Stimmung
bei den Engagierten, die SPD stellte sich mit Willy Brandt an der Spitze
gegen den Nachrüstungsbeschluss, den doch der ehemalige Bundeskanzler
Helmut Schmidt eingefädelt hatte. Es herrschte eine nie dagewesene
Politisierung der Bevölkerung: Kaum ein Platz in der Republik, an dem nicht
über Sinn und Unsinn des atomaren Wettrüstens diskutiert wurde. Selbst
in der CDU machten sich die ersten Nachrüstungsgegner bemerkbar. Und beim
Evangelischen Kirchentag in Hannover besorgten sich Zehntausende die berühmt
gewordenen lila Halstücher mit der Aufschrift „Umkehr zum Leben - Die
Zeit ist da für ein Nein ohne jedes Ja zu Massenvernichtungswaffen“.
Doch die neue
CDU/FDP-Bundesregierung reagierte kalt, arrogant und politisch
instinktsicher. Nach der Devise „Die demonstrieren - wir regieren!“
beschloss sie die Nachrüstung ohne Wenn und Aber. Mit dem gewünschten
Erfolg: Viele der erstmals politisch aktiv Gewordenen begaben sich wieder
auf die Bänke der Zuschauerdemokratie. Resignation machte sich breit:
„Die machen ja ohnehin, was sie wollen...“ - „Wir können ja doch
nichts bewirken.“ Welch verpasste Chance!
Vom Protest zum Widerstand
Die IKvu formulierte dagegen:
„Immer mehr Christen begreifen die gegenwärtige Situation als
Widerstandssituation, in der sie auch Formen des zivilen Ungehorsams und
gewaltfreien Widerstands praktizieren.“ Und dieser Widerstand wurde organisiert:
Zunächst mit der Beteiligung an den Blockaden des Pershing II-Stützpunktes
in Mutlangen; später initiierte die IKvu die ersten Blockadeaktionen am
Cruise-Missiles-Standort Hasselbach im Hunsrück. Für viele begann damit
eine neue Dimension des Protestes. Waren die großen Demonstrationen noch
von der Mehrheit in der Bevölkerung akzeptiert, soweit sie ohne
gewaltsame Zusammenstöße verliefen, gab es um die Blockadeaktionen heftige
Diskussionen. Von den Akteuren wurden sie oft minutiös vorbereitet, weil
es gerade den christlichen Gruppen wichtig war, sie als gewaltfreie Aktionen
zu organisieren.
Die Staatsgewalt versuchte,
die Aktionen zurückzudrängen und die Aktiven einzuschüchtern, indem
sie sie mit Gerichtsverfahren überzog und mit Geld- bzw. Haftstrafen
bedrohte. Dies war nur möglich dadurch, dass die Staatsanwaltschaften eine
perfide Rechtslage konstruierten, wonach sie den BlockadeteilnehmerInnen
„versuchte Nötigung“ vorwarfen. Die Gerichte gingen diesen Weg zunächst
mit und verurteilten Tausende „unbescholtene Bürger“ mit empfindlichen
Geldstrafen, die zum Teil sogar im Gefängnis abgesessen wurden.
Denjenigen, die sich häufiger an den Aktionen beteiligten, wurde ein
„Vorbestraft“ in ihr polizeiliches Führungszeugnis eingetragen. Die
Gerichtsakten der BlockiererInnen erhielten den Aufkleber
„politisch“, obwohl es hochoffiziell natürlich keine politischen
Prozesse in der Bundesrepublik gab. (Jahre später hob das
Bundesverfassungsgericht die Urteile auf, tausende Prozesse wurden neu aufgerollt
und endeten alle mit Freisprüchen.)
Der Konziliare Prozess für
Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung
Die christlich motivierten
Gruppen und mit ihnen viele IKvu-Gruppen bildeten einen wesentlichen
Bestandteil dieses entschlossenen Teils der Friedensbewegung, der sich mit
den herrschenden Verhältnissen nicht abfinden wollte. Ihre Aktionen waren
auch ein Zeichen dafür, die eigenen Glaubensüberzeugungen, die Kirche von
unten ernst zu nehmen, d. h. in eine neue Praxis umzusetzen.
Gleichzeitig bedeutete diese
Radikalisierung aber auch einen Schritt weg von der Friedensbewegung als
Massenbewegung. Zwar wurde 1986 noch einmal eine große
Friedensdemonstration im Hunsrück organisiert; zwar gab es noch einmal
massenhaften Protest gegen den Golfkrieg 1991; und immer wieder Erklärungen
und Resolutionen wie etwa 1989 zum 60. Jahrestag des Beginns des Zweiten
Weltkrieges. Aber die Hochzeit der Friedensbewegung war vorbei, und sie
begann in wenigen kleinen Zirkeln zu überwintern. Die Organisationen der
verschiedenen Neuen Sozialen Bewegungen versuchten, ihrer zunehmenden
personellen Schwächung mit einer übergreifenden Vernetzung zu begegnen.
Auch in den Kirchen begann
man, nachdem man sich zu lange ausschließlich auf die Raketenfrage
konzentriert hatte, die wichtigsten Problemstellungen zusammenzudenken.
Das fand seinen deutlichsten Niederschlag im Konziliaren Prozess für
Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. (1983 hatte der Weltrat
der Kirchen in Vancouver zu einem solchen Prozeß - ursprünglich
"Friedenskonzil“ genannt - eingeladen, bei dem sich die Kirchen
gegenseitig verpflichten sollten, für die drei Ziele Frieden, Gerechtigkeit
und Bewahrung der Schöpfung einzutreten. Mitte der 80er Jahre kam dieser
Prozeß in beiden deutschen Staaten ins Rollen und hatte in der DDR
vermutlich nicht geringen Anteil am späteren Sturz des SED-Regimes.) Dieser
Prozess traf aber in Deutschland weitgehend nur in der Evangelischen Kirche
auf Resonanz. Die katholische Amtskirche hielt sich nicht nur zurück, sie
nutzte ihren Einfluss, um zu bremsen und den gemeinsamen Nenner möglichst
klein zu halten. Die IKvu mühte sich zwar wenigstens um Beteiligung, konnte
aber keine eigene Kraft entfalten.
Insgesamt gelang es trotz
zahllosen Veranstaltungen, ausgefeilten Argumentationen und bundesweiten
Netzen nicht, das Anliegen des Konziliaren Prozesses in die Gesellschaft
hineinzutragen.
Schwächung durch die deutsche
Vereinigung
Auch gemeinsam schöpften die
Neuen Sozialen Bewegungen keine neue Kraft. Mit dem Zusammenbruch der
militärischen Supermacht Sowjetunion, mit dem faktischen Ende des
klassischen Ost-West-Konfliktes und der Etablierung des Weltpolizisten USA
war ihr Beitrag erst einmal nicht mehr gefragt. Mit der Auflösung des
Ostblocks verband die konservative Politik geschickt die These, dass
Abschreckungspolitik und Rüstungswettlauf letztlich doch erfolgreich
gewesen seien. Angesichts der sich nun offenbarenden desolaten ökonomischen
Lage der osteuropäischen Länder sowie der DDR begann man sich als
historischer Sieger zu fühlen, wischte die eigenen Probleme, die Öko- und
Friedensbewegung thematisiert hatten, als Peanuts vom Tisch.
Auch die globalen
Fragestellungen der Einen Welt gerieten angesichts der Konzentration auf
Innen- und Europapolitik fast völlig aus dem Blickfeld. Die IKvu versuchte
nach Kräften dagegen zu halten. „Frieden braucht Gerechtigkeit“
postulierte sie und verwies auf einen umfassenden Friedensbegriff, der sich
nicht nur auf einzelne Waffensysteme beziehen dürfe, sondern eine
gerechtere Verteilung der materiellen Güter zur Voraussetzung habe. Und
sie listete die Zwischenbilanz auf: 5% der Weltbevölkerung verschlingen 75%
der zur Verfügung stehenden Güter; ein Nordamerikaner konsumiert das
45fache einer Indonesierin oder Afrikanerin! Zwei Drittel der Weltbevölkerung
fristen ihr Leben im Elend. Eine Milliarde Menschen kann beim Eintritt ins
21. Jahrhundert weder lesen noch schreiben. Zwei Millionen Kinder sterben in
jedem Jahr aufgrund ihres zu niedrigen Geburtsgewichts. Fünf Millionen
sterben an Masern, Tetanus und anderen Krankheiten, gegen die es wirksame
Impfstoffe gibt.
Diese Ungerechtigkeiten machen
die Welt zusammen mit der zunehmenden Militarisierung und dem Rüstungsexport
- an dem sich die Bundesrepublik Ende der 80er Jahre als viertgrößter
Waffenhändler weltweit beteiligte - zu einem Pulverfass. Aber viele wollten
das nicht mehr hören, die Deutsche Einheit schlug alles in ihren Bann.
Helmut Kohl, lange verlacht und nicht ernst genommen, nahm als Kanzler der
Einheit seinen Platz in den Geschichtsbüchern ein und - nicht recht bemerkt
- vollzog sich in der Gesellschaft nun ein ganzes Stück der von Kohl bei
seinem Regierungsantritt 1982 angekündigten „geistig-moralischen
Wende“: Die Gesellschaft rückte nach rechts, die Notwendigkeiten der
Globalisierung und der Gesetze des Marktes wurden auch für viele bis dato
kritische Zeitgenossen zum nicht mehr zu hinterfragenden Evangelium.
Sicher war der Rausschmiss der
GRÜNEN aus dem Bundestag bei den Wahlen 1990, die doch aus den Bewegungen
der 70er / 80er Jahre entstanden und deren Sprachrohr im Parlament gewesen
waren, ein Symbol, das die neue, größer gewordene Bundesrepublik
kennzeichnete. Für die Friedensbewegung ebenso wie für die IKvu bedeutete
der Vereinigungsprozess eine weitere Schwächung. Auf der einen Seite wurden
die Bürgerbewegten, die doch die friedliche Revolution in der DDR maßgeblich
angestoßen hatten, schnell entmachtet, die DDR politisch unter die
etablierten westlichen Parteien weitgehend aufgeteilt. Lediglich der PDS
gelang es, sich als Sprachrohr derer, die sich als Opfer der Wende
verstanden, im Osten dauerhaft zu etablieren. Auf der anderen Seite hatten
die Reste der Neuen Sozialen Bewegungen aus dem Westen und die Bürgerbewegten
aus dem Osten nicht viel gemein, kamen aus völlig unterschiedlichen
Milieus, verstanden sich nicht. Für die IKvu, im katholischen Milieu
gewachsen und nach wie vor beheimatet, waren die neuen Bundesländer
Diaspora. Der intensive binnenkirchliche Konflikt, aus dem sie entstanden
war und der sie nach wie vor prägte, war im Osten nicht vermittelbar.
Der Weg ist das Ziel
Wie in der Gesellschaft
insgesamt geriet in den 90er Jahren das friedenspolitische Engagement im
engeren Sinne auch innerhalb der IKvu in den Hintergrund. Auch auf ihren
Katholikentagen von unten wurde die Friedens- und Rüstungsfrage und die
gesellschaftskritischen Themen insgesamt immer weniger nachgefragt (auch
weil sich der Katholikentag von oben diesen Fragen immer mehr geöffnet
hatte - zweifelsohne zu großen Teilen ein Verdienst der IKvu!). Da
gleichzeitig die binnenkirchlichen Themen seit 1995 in wachsendem Maße
von der KirchenVolksBewegung „Wir sind Kirche“ aufgegriffen und
thematisiert werden, stellt sich immer schärfer die Frage nach dem weiteren
Weg der IKvu.
Realistischerweise muss sie
konstatieren, dass ein Wiedererstarken der Bewegungen nicht absehbar ist.
Das liegt nicht etwa daran, dass die Problemstellungen, die sie benannt
haben, gelöst oder Lösungen auch nur angegangen wären:
• Nach wie vor wird die
Schere zwischen Arm und Reich in der Einen Welt täglich größer.
• Nach dem jüngsten Bericht
der UN-Umweltbehörde sind selbst bei dem dringend geforderten grundsätzlichen
Umsteuern in der globalen und nationalen Umweltpolitik wichtige Teile von
Flora und Fauna unrettbar verloren. Deshalb werden wir die Welt, die wir
doch - gemäß einem geflügelten Slogan der Bewegungen - „von unseren
Kinder nur geborgt“ haben, in einem elenden Zustand an sie weiter geben.
• Der Krieg ist, nachdem die
Supermacht Sowjetunion zerbrochen und damit zumindest die bewusste Herbeiführung
einer atomaren Auseinandersetzung gebannt scheint, nach Europa zurückgekehrt;
1999 sogar erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder unter aktiver deutscher
Beteiligung.
Aber Tatsache ist, dass gerade
jüngere Leute für die traditionellen Aktionsformen der Bewegungen nicht
zu begeistern sind, neue Handlungsmuster gefragt sind. Was ist zu tun, wenn
wir uns mit den Umständen nicht einfach abfinden wollen?
Sicher gibt es keinen Königsweg,
aber vielleicht können wir aus den letztten 20 Jahren auch lernen, dass
sich die Initiative Kirche von unten nicht mehr mit einem Übermaß an
Improvisation und Unprofessionalität zufrieden geben darf. Einen ernsthaften
und gefragten Beitrag für diese Gesellschaft werden wir nur leisten können,
wenn wir unsere Strukturen ernst nehmen und sie professionalisieren. Das
bedeutet nicht einfach, die Verantwortung auf einige wenige abzuschieben. Im
Gegenteil: Das bedeutet, dass wir die Arbeit an einer Kirche von unten
genauso ernst nehmen wie das Bauen unseres Eigenheimes, die Sicherung
unserer Mobilität oder die qualitätvolle Gestaltung unserer Freizeit. Wir
müssen bereit sein, Zeit und Geld zu investieren, um die Arbeit eines
professionellen Netzwerkes Initiative Kirche von unten zu ermöglichen.
Ob sich das lohnt, hängt von
den Erfolgskriterien ab: Wer die Frage nach dem Erfolg des
Friedensengagements der IKvu in den letzten 20 Jahren stellt, könnte
konstatieren, dass es gescheitert ist. Wer bei den Aktionen dabei war, weiß,
dass das nicht gilt für die Menschen, die mit großer Ernsthaftigkeit
versucht haben, ihre Überzeugungen glaubwürdig in die Praxis umzusetzen.
Wir, die wir uns in der
Nachfolge Jesu versuchen, der in der Well gescheitert ist, wissen, dass der
Weg - unser Lebensweg - das Ziel ist. Die Frage, ob die Kirche von unten
eine Zukunft hat, wird von uns entschieden.
„Solidarität wird von uns
verlangt, ja sogar potent eingeklagt von Kirche und Staat. Und doch ist ein
junger Mensch, der auf der Straße vor dem Mutlanger Waffenarsenal sitzt,
mit diesem Staat und dieser Kirche solidarischer als die, die ihn nach Recht
und Gesetz wegen einer Regelverletzung wegtragen. Ich weiß, was ich damit
sage, denn ich weiß, daß ich damit den Konflikt anspreche, der uns bis zum
Zerreißen belasten kann: Den Konflikt zwischen Legalität und Legitimität.
Denn die Solidarverpflichtung reicht tiefer als das geschriebene Gesetz.
Jesus war das Beispiel. Er hat die Gesetze geachtet. Er hat sie in der
Bergpredigt rigoros zu Ende gedacht. Aber er hat sie souverän übertreten,
wenn ihm der Mensch wichtiger war als das Gesetz. Und er ist deshalb, nach
Recht und Gesetz, als Verbrecher zwischen Verbrechern hingerichtet
worden.“ (Heinrich Albertz in der „Nacht der Solidarität“ des
Katholikentags von unten 1984 in München)
aus:
Kirche lebt von unten. Erfahrungen aus 20 Jahren, hrsg. von Martin Seidler und
Michael Steiner, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2000.
